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‚Fieses‘ Verhalten mit 18 Monaten?

Ich arbeite in der Krippe und bin trotz viel Reflektieren und achtsamer erzieherischer Haltung getriggert von "fiesem" Verhalten: Wir haben aktuell ein Kind in der Gruppe, 1,5 Jahre, das Kontakt zu anderen Kindern über Ärgern sucht. Sie beobachtet bspw. genau die Kinder beim Essen um herauszufinden, was sie essen möchten und nimmt dann den Teller weg, klaut Nuckel aus dem Mund, nimmt Spielzeug weg etc. Sie ist noch sehr klein und deswegen versteht sie inhaltlich kaum, was wir sagen, dennoch würde ich ihr gerne positivere Wege, um Kontakt herzustellen aufzeigen, denn aktuell besteht ihr Tag leider fast nur daraus, dass Kinder und Erwachsene "nein" zu ihr sagen und damit ist sie natürlich auch sehr unglücklich. Hast du eine Idee für so kleine Kinder in der außerfamiliären Betreuung?
Vielen Dank!
Mein Rat, meine Hoffnung, mein inniger Wunsch: Behandelt dieses Kind als das „kleine“ Kind, das es ist (sagt einer, der gerne daran erinnert, dass wir den „größeren“ Kindern durchaus etwas mehr zutrauen dürfen 😉).
Warum ich mir das wünsche? Natürlich ist das Verhalten dieses Kindes in seiner Konsequenz „fies“, aber es ist nicht fies gemeint. Klar will das kleine Kind in Kontakt treten und es tut das ja auch durchaus effektiv. Aber eben unbeholfen und mit den falschen Mitteln. Aber da ist keine „böse“ Strategie am Werk.
Warum ich das mit großer Sicherheit sage: dazu müsste der kleine Mensch wissen, welche Konsequenzen sein Handeln „in der Tiefe“ hat, und da muss ich kurz ausholen. Denn um die Folgen des eigenen Handelns zu überblicken und auf dieser Basis irgendwann sogar „sozial“ zu handeln, braucht es zwei Voraussetzungen. Nämlich…
- … die Fähigkeit mitzufühlen (hier also: mitzuleiden) und
- … die Fähigkeit, sich in die Absichten, Gedanken und generell die „Perspektive“ der anderen hineinzuversetzen.
Zuerst zum Mitfühlen. Was das Mitfühlen angeht, entwickelt das Mädchen gerade erst die entsprechenden Voraussetzungen. Nämlich: zwischen dem Selbst und der anderen Person unterscheiden zu können – sich also als selbst handelndes „Ich“ wahrzunehmen. Diese Fähigkeit entwickelt sich im Laufe des zweiten Lebensjahres, typischerweise mit 18 Monaten (auch Säuglinge können schon emotional mitreagieren, aber es ist tatsächlich eine unbewusste Art von „Ansteckung“, die Kleinen sind vom Leiden des anderen Kindes also noch nicht „berührt“). Es wird also spannend (und sehr lohnend) für euch sein, zu verfolgen, wie dieses Kind in den nächsten Monaten allmählich Mitgefühl entwickelt! Ihr werdet merken, dass dieses Mädchen dann auf einmal nach einem „Vergehen“ nicht nur Löcher in die Luft starrt oder unberührt (mit gleicher Mimik) weitermacht, sondern auf einmal emotionale Anteilnahme zeigt. Weint das andere Kind, so „reagiert ihr Gesicht“ – und sie schaut jetzt vielleicht zu euch, hält inne oder bringt ihm zum Beispiel vielleicht ihren Schnuller.
Die zweite Voraussetzung um später dann auch Konflikte (etwa rund um die Benutzung von Spielsachen) zu vermeiden (oder gar zu lösen!) ist die Fähigkeit zur Perspektivübernahme – also das soziale Verständnis. Ich hebe das letzte Wort deshalb hervor, weil es hier nicht nur um das Nachvollziehen von Gefühlen geht, sondern tatsächlich um das Nachvollziehen der gesamten „Innenschau“ des Gegenübers – also seiner Ziele, Motive und Gedanken. Dieser Prozess – er wird auch Aufbau einer „Theorie des Geistes“ genannt – ist die Grundlage von bewusster Rücksichtnahme und dem Verständnis sozialer Regeln. Und er beginnt erst allmählich mit gut drei bis vier Jahren, also Lichtjahre entfernt. Und er zieht sich dann über die ganze Vorschul- und Grundschulzeit!
Aber zurück zu eurem Mädchen – wie könnt ihr sie jetzt unterstützen?
Als erstes gilt es das Nein zu verstehen, und damit meine ich: verstehen, warum euer Nein bisher von diesem Kind abprallt. Und natürlich, wie ihr trotzdem ein „Nein“ vermitteln könnt.
Jetzt ist es so, und ich glaube mit Blick auf das oben Gesagte kannst du das auch nachvollziehen: Dieses Mädchen hört nach bestimmten Aktionen auf einmal ein mehr oder weniger aufgebrachtes „Nein“! Sie weiß schon, dass ihr irgendwie Puls habt, und vielleicht grinst sie euch deshalb auch kurz an, wie um gut Wetter zu machen. Nur, WARUM ihr Stress habt, das weiß dieses Kind noch nicht, ihm fehlt einfach das Verständnis dazu. Es wäre, wie wenn ihr durch ein anderes Land reist, dessen Sitten ihr nicht kennt, und jetzt hört ihr immer wieder ein aufgebrachtes „Nadschiriwuwaha!“. Klar lächelt ihr dem gestressten Menschen dann beruhigend zu, aber dass er wie wild gestikuliert, weil ihr gerade zum Beispiel eine in seiner Kultur verpönte Geste gemacht habt, das wisst ihr nicht.
Wie kommt ihr weiter? Bei kleinen Kindern empfiehlt es sich, das Nein nicht einfach zu sagen (oder gar lange zu begründen – da könntet ihr genausogut auf Chinesisch auf das Kind einreden 😉 ), sondern das Nein zu handeln. Also: ihr bringt die Situation wieder in Ordnung, gebt dem bestohlenen Kind seinen Schnuller oder seinen Teller wieder, und dann bleibt ihr aber mit dem Kind in der Situation.
Ihr setzt euch dazu, geht körperlich in Kontakt, und wenn das Kind – nennen wir sie mal Romi – dann wieder nach dem Schnuller des anderen Kindes fassen will, führt ihr ihre Hand sanft zu einem anderen Ziel (ihr würdet ihr Händchen zum Beispiel in eure Hand nehmen). Und ja, dabei dürft ihr dann gerne etwas sagen, auch euer Nein, wie etwa: „Nein, Romi, das ist der Schnuller von Louis, wir schauen nur“. Und dann bleibst du bei Romi, und bist einfach da. Will Romi wieder zugreifen, macht ihr wieder dasselbe. So baut sich allmählich ein alternativer Handlungsplan auf, eine Brücke zu einem anderen Verhalten. Wohlgemerkt: Diese Brücke baut sich nicht im Stress auf, also wenn ein Kind verängstigt oder beunruhigt ist, sie baut sich auf, wenn ihr in Beziehung seid und du dabei gelassen. So bilden sich Gewohnheiten.
Und noch etwas Wunderbares zum Schluss, nämlich ein Blick in die Forschung. Kleine Kinder entwickeln nämlich ihr Mitgefühl umso eher, je feinfühliger seine Bezugspersonen es begleiten. Wenn wir freundlich und zugewandt bleiben und den Kindern durch das eigene Vorbild „Brücken bauen“ bekommen sie schneller einen Zugang zur Gefühlswelt der anderen Menschen! Mitgefühl ist also tatsächlich zwar als Keim angeboren, damit der Keim gut aufgeht, braucht es auch ein „mitfühlendes Miteinander“. Und so könnt ihr also den ersten Schritt machen: indem ihr mitfühlend und wohlwollend auf Romi blickt.
Das war jetzt ein langer Text auf eine kurze Frage. Wenn dich Themen wie der Umgang mit dem „Nein“ oder die Entwicklung des sozialen Verständnisses näher interessieren, und wie wir unsere Kinder durch diese unglaublich spannende Entwicklungszeit begleiten können, dann empfehle ich dir mein neues Buch:

3 Kommentare
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Quellen










Jale
Hallo, das ist mal wieder SOOO eine schöne Antwort!
Denn, mein Gott, wie sind diese Kinder noch KLEIN.
Ich erinnere mich, dass ich mit meiner Großen, als sie 18 Monate war, ins Kinderturnen gehen wollte. Völliger Reinfall – sie wollte immer nur die Spielsachen, die gerade jetzt ein anderes Kind hatte. Hatte sie dann denn (zB) Ball, war der uninteressant. Etc.
Ich hatte das Glück und Privileg, dass sie erst mit 3 in den Kindi gehen brauchte, und wir Eltern uns zuvor mit viel Unterstützung, Spaß und Möglichkeiten kümmern konnten – sonst wäre das in der KiTa wohl genauso gelaufen.
Es war einfach nicht die richtige Fragestellung zu dieser Lebensphase!
Heute ist das Kind 8 und seit etlichen Jahren das sozialste, freundlichste und empathischste Wesen, das man sich nur wünschen kann 😀
Lilo
Ich finde es spannend, dass das ein besonderes Verhalten ist und dachte in dem Alter gilt: jede Kontaktaufnahme, die nicht beißen ist, ist gut.
Die Handlungsalternatve als Lösung habe ich als Elternteil gemerkt. Mein Zwerg kam aus der Kita mit “nicht beißen, nur streicheln” und fand das toll. Sie war (so weit ich weiß) nicht das beißende Kind sondern das gebissene. Aber so stolz, dass sie das gelernt hat.
Etwa mit 1,5 hat mein Zwerg gerade angefangen, Trösten zu lernen. Ich wurde also gehauen, damit ich weine, damit sie trösten kann.
Jetzt mit knapp über zwei macht sie im Spiel gemeine Sachen (den imaginären Kuchen, den ich gerade soo lecker fand wegnehmen) und wenn ich nur belämmert gucke, kommt die Aufforderung “du musst weinen”
Sie muss solche Situationen ja begreifen und üben.
Friedo Pagel
Gegenfrage zur Frage: Woher wissen Sie, dass “Kontaktsuche” das Motiv für das Verhalten des Kindes ist? Vielleicht sucht es ja gar nicht Kontakt, sondern genau diese Aufmerksamkeits- und “Action”-Reaktion?