Kommentar17. Dezember 2023

Die Zahl 5,7

Ich habe mir gestern die Zahlen angeschaut, die die Bertelsmann Stiftung in ihrem „Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme“ zur deutschen Kita-Landschaft veröffentlicht hat. Ich bin vor allem an einer Zahl hängen geblieben, die ich hier näher betrachten will.

Der Zahl 5,7 nämlich. Das ist der Personalschlüssel, nach dem die Unter-Dreijährigen Kinder in den ostdeutschen Bundesländern betreut werden (eigentlich sollte ich sagen: „gebildet“ werden, aber dazu gleich mehr).

Was die Zahl aussagt

Schauen wir uns einmal an, was die Zahl 5,7 genau aussagt. Sie beschreibt den Personalschlüssel – das ist „ein statistischer Wert, nach dem errechnet wird, wie viel Personal in einer Kita eingestellt wird.“ Er besagt im Grunde lediglich das: pro 5,7 Krippenplätzen besteht 1 voller Arbeitsvertrag mit einer pädagogischen Fachkraft. Heißt das, dass sich im Krippenalltag eine Fachkraft um 5,7 Kinder kümmern kann?

Leider nein. Denn das echte ErzieherInnen-Leben beinhaltet auch

Kurz, der Personalschlüssel sagt nur wenig darüber aus, wie viel Zeit eine Erzieherin oder ein Erzieher in der Kita für ein Kind hat. Da kommt es viel stärker auf eine andere Größe an, die so genannte Fachkraft-Kind-Relation. „Sie gibt an“, so schreibt die Bertelsmann-Stiftung, „wie viele Kinder eine Vollzeit-Fachkraft rechnerisch unmittelbar im Alltag betreut.“
Diese Zahl wird gemeinhin über einen Erfahrungswert ermittelt, der besagt, dass die unmittelbar am Kind stattfindenden pädagogische Alltagstätigkeiten etwa zwei Drittel der formalen Arbeitszeit ausmachen.

Aus der Zahl 5,7 wird so die Zahl 8,5.

Satt und sauber als Maximalprogramm?

Das heißt konkret: Bei ihrem alltäglichen Sein, Essen, Schlafen, Spielen und Weinen werden in den östlichen Bundesländern also 8,5 Kleinkinder von einer einzigen ErzieherIn betreut.

Wenn alles gut geht und nicht gerade eine Erzieherin länger krank ist als in der obigen Formel veranschlagt. Oder es eine Weile dauert bis eine Stelle wieder besetzt ist. Oder …

Und das gerade in den Bundesländern, in denen die Kleinen traditionell am frühesten in die Krippe kommen, und dort sehr lange Tage verbringen (mehr als die Hälfte der ostdeutschen 1-Jährigen besucht eine Krippe, durchschnittlich verbringen die ostdeutschen Kleinkinder 8,5 Stunden am Tag in der Krippe).

Was die Zahlen für die Kinder bedeuteten

Ich verwende manchmal das Bild von den Fünflingen: Würde uns bekannt, dass in der Nachbarschaft eine alleinerziehende Mutter Fünflinge erwartet, würden ihr alle Menschen nur eines wünschen: dass sie gaaaanz ganz viel Unterstützung bekommt. Dass beide Omas bei ihr einziehen, mindestens. Dass die Nachbarn das Kochen übernehmen. Und das Füttern auch. Dass halt immer jemand da ist, der ein weinendes Kind trösten kann, ein müdes Kind in den Schlaf schaukeln kann, und so weiter. Und das wird im zweiten Lebensjahr nicht anders sein: Ihr fünf Kleinen, wir kümmern uns!

Aber in einer Krippe, da kommt eine ErzieherIn mit 8 oder 9 Kleinkindern klar?

Lasst uns ehrlich sein

Niemals. Natürlich herrscht dort sehr häufig eines: blanke Not.Tägliche Stresserfahrungen, Überforderungen. Da muss alles laufen wie am Schnürchen. Ist da Raum für die Entwicklung von Individualität? Oder gar für das, was jetzt groß auf dem Paket geschrieben steht (vielleicht zur Beruhigung der Eltern) : BILDUNG?

Dass ich nicht lache.

Schon das alte Programm „satt und sauber“ ist eine Herausforderung. Emotionale Sicherheit? Muss warten. Oft geht es eher um: emotionales Überleben.
Woher nehmen die ErzieherInnen die Ressourcen für diesen Alltag her? Die eigene Ruhe, die Freude, die Flexibilität? Ich kenne so viele, die ihr Bestes geben. Dass das ausreicht, ist leider eine Illusion.

In einer Fragerunde nach einem Online-Seminar mit mir hat sich kürzlich eine Erzieherin geöffnet und erzählt, wie unglaublich anstrengend es sei, in der Krippe zu arbeiten. Seit Corona seien die Kleinen „komplett durch den Wind“, so was habe sie in 16 Jahren nicht gesehen. Schlafen sei eine Katastrophe: „Die heulen sich einfach in den Schlaf. Wir haben ja nicht das Personal, um die da dann eins zu eins zu trösten.“ Auch sonst seien die „einfach immer am Heulen“. Und wie das auf die Nerven gehe! Sie haben sich besprochen im Team, es helfe alles nichts, als „streng“ zu sein. Denn nur das funktioniere: „Wenn man dem Kind im richtigen Ton sagt, dass es aufhören soll zu weinen, dann ist es ruhig. Nur das funktioniert.“

Und ja, manche werfen mir bestimmt auch vor, dass jetzt mal wieder die östlichen Bundesländer schlecht gemacht würden. Das liegt mir fern, mir sind die ostdeutschen Kinder so wichtig wie die westdeutschen – bei denen mit einem Betreuungsschlüssel von durchschnittlich 3,4 in den Krippen übrigens ähnliche Fragen gestellt werden. Denn bei einer daraus errechneten Fachkraft-Kind-Relation von 5,1 sind wir auch in einem Bereich der Fragen aufwirft (das Beispiel der Fünflinge mag hier wieder in den Sinn kommen).

Die Kinder leben nicht von den Ausflüchten der Erwachsenen

Und ich weiß, dass jetzt manche darauf hinweisen werden, dass das ja wohl eine Ausnahme sei. Dass „unsere“ ErzieherInnen das schon schaffen. Dass es früher noch viel schlimmer war. Und dass viele Eltern keine Wahl haben. Und dass nur so überhaupt Familien heute funktionieren können.

Mag alles so sein. Nur: die Kinder leben nicht von den Rechtfertigungen der Erwachsenen. Niemand ist geholfen, wenn das Problem schön geredet wird. Oder als „eben normal“ dargestellt wird.
Ich finde, wir können schon auch Verantwortung übernehmen und das Problem wenigstens ehrlich umreißen. Es besteht in nicht weniger als dem:

In vielen Krippen dieser Republik machen kleine Kinder tagtäglich entwicklungshemmende Erfahrungen. Wie sollen die denn später einmal eine gute Gesellschaft gestalten können?

Die Zahl 5,7 sollte uns zu denken geben.

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22 Kommentare

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  • Melanie Irger

    Danke für diesen wertvollen Beitrag!

  • Mariie

    Wir haben uns deshalb, wohnhaft in Sachsen, für eine Tagesmutter entschieden. Die darf nur 5 Kinder betreuen und daran lässt sich auch nicht rütteln. Gemeinsam mit der Ersatztagesmutter (zuständig für 4 Tagesmütter), kommt man da auf einen Betreuungsschlüssel von 1:4, also deutlich besser, als was die Krippen hier anbieten können. Wir hatten das zum Glück vorher bei Bekannten schon mitbekommen, wie schlecht der Schlüssel in den Krippen ist und das die Erzieherinnen es z.B. im Winter oft gar nicht schaffen mit den Kindern rauszugehen.

  • Eine Kollegin, nicht pädiatrisch

    Danke, Danke, Danke für diesen pointierten Beitrag!!
    Dem würde man möglichst viel Reichweite, gerade bei den politisch Entscheidenden wünschen…
    Wenn man sich über die realen hiesigen Kita-Zustände kritisch äußert, dann wird man schnell in eine anti-emanzipatorische oder ideologische Ecke geschoben.
    Es braucht gar keine Zensur, es will aber einfach lieber jeder glauben, dass es schon irgendwie passe und insbesondere, dass die eigenen Kinder ja sicher keine adversen Erfahrungen machen – und daher die realen Umstände gar nicht zu genau kennen.
    Wenn alles mögliche geschafft werden soll (zB zwei Berufstätigkeiten, bevorzugt Vollzeit, alles andere wäre “Vergeudung von Potential” – daneben die sonstige Erfüllung gesellschaftlicher äußerer Standards), dann sind und waren die Kinder, die Kindheiten das erste was hintenrunter gefallen ist, egal in welcher Gesellschaftsform… leider ist das Problem nicht neu.
    Leider gibt es keinen Anreiz innerhalb des nächsten Quartals, Haushaltsjahres oder Legislaturperiode – aber in den folgenden Jahren oder Jahrzehnten würde sich eine Investition in gute Bildungserfahrungen vervielfachen: Sei es über Familienhebammen/-begleiter*innen, die von Schwangerschaft an den Boden für gute intrafamiläre Bindungserfahrungen ebnen, oder in wirklich kinderorientierter familienergänzender Betreuung.
    Es gibt mittlerweile auch Studiendaten dazu.
    So kann man lange über fehlende Schulabschlüsse, psychische Erkrankungen oder (Jugend)Kriminalität lavieren und über deren immense gesellschaftliche Folgekosten stöhnen.
    In Ergänzung zu HRPs: “Das Gegenteil von (freiem) Spiel ist Depression” hier noch von Marshall Rosenberg:
    “Depression ist die Belohnung fürs Bravsein”

  • Caroline Holler

    Ich liebe den Satz (Meine Kinder würden sagen: Ich feiere den Satz):
    “Die Kinder leben nicht von den Rechtfertigungen der Erwachsenen.” Und Verantwortung übernehmen indem man die Tatsache ausspricht und anerkennt ist schon ein wichtiger und notwendiger Schritt.
    Danke dafür.

  • Almut Rosebrock

    Frau von der Leyen als Familienministerin hat seit 2005 angefangen, die häusliche Erziehungsarbeit zu “degradieren” und “frühkindliche Betreuung” erst ab 2, dann ab 1 Jahr zur Regel zu machen.
    Die natürliche Entwicklung lässt eine Ablösung von der primären Bezugsperson für kürzere Zeit eher ab 2,5 oder 3 Jahren zu. Wenn Bindung und Bewusstsein stärker gefestigt sind. Es variiert auch von Kind zu Kind.
    Die Ideologie “Gleichstellung der Frau” bzw. Emanzipation ist nun – in diesen modernen Zeiten – von größerer Bedeutung, als die Bedürfnisse der Kinder.
    Man könnte, als Alternativangebot, eine Elternförderung, -bildung dahingehend betreiben, dass die Kinder zu Hause, in Geborgenheit, Sicherheit, Individualität liebevoll betreut und gebildet werden.
    Bildung fängt mit dem ersten Schrei nach der Geburt in Mamas Armen an!
    Und sogar schon im Mutterleib, mit der Prägung und vielfältiger Erfahrung.
    Ich plädiere für mehr Wertschätzung – auch finanzieller Art – für häusliche Betreuung, im Sinne von Wahlfreiheit, zumindest bis zum Alter von 3 Jahren. Das ist aktuell jedoch “out”.
    Man fragt sich, wo unsere Gesellschaft hin geht. DDR 2.0. Ein Gesellschaftsexperiment.
    Gott sei Dank sind meine Kinder bereits groß.
    Ich wünsche allen verantwortlichen Erziehenden, Eltern, Großeltern Betreuern Weisheit und Mut auch dazu, der eigenen Intuition zu folgen – und individuell den besten gangbaren Weg zu finden.
    Für das Wohl der Kinder, die unsere Zukunft sind und prägen werden.

    • Rebecca Wiczorek

      Ich finde es schade, dass etwas, das in unserem Grundgesetz verankert ist, für Sie gerade mal den Status einer Ideologie hat.
      Wieso ist eine Diskussion über eine Kita- versus Zuhausebetreuung etwas, das nur Frauen betrifft und nicht Eltern im Allgemeinen?
      Das was Sie hier propagieren läuft im Durchschnitt so ab: mehrere Jahre zu Hause und Kinder betreuen, danach Halbtagsjob, minimale Vorsorge für die Rente (sowohl staatlich als auch privat), hohes Risiko für Scheidung. Und dann Altersarmut. Wir sind bei einem Lifeearnings-Gap und einem Renten-Gap von ca. 50%. Altersarmut ist weit verbreitet und sie ist weiblich.
      Die Kinder sollten nicht die Leidtragenden dieses Systems sein. Aber die Lösung kann nicht sein, dass es stattdessen die Frauen sind.

      • Jale

        Ist das nicht gemein, dass das jetzige System quasi Frauen und Kinder derart gegeneinander ausspielt?

    • Maja

      Eine gute Krippen- und Kindergartenbetreuung bedeutet wohl eher nicht, gleich auch die Berufstätigkeit von Frauen zu verteufeln. “Ideologie ‘Gleichstellung der Frau’ ” ist hier wohl eher weniger angebracht und ein anderes Thema. Und ganz neben bei: viele Frauen sind sehr intelligent, haben ein großes Potenzial und wollen am Arbeitsmarkt auch teilnehmen. Die Koexistent zwischen arbeitenden Eltern und kleinen Kindern ist schwierig zu organisieren. Gottseidank wurden politisch Möglichkeiten geschaffen. Diese sollten definitiv ausgebaut und im Sinne der Gesundheit für Kind (und Eltern) verbessert werden. Und genau so verstehe ich diesen Blogbeitrag.
      Die Generation meiner Großeltern und meiner Mutter freut sich sehr über die Möglichkeiten und die Rahmenbedingungen in denen wir Eltern tätig sein können (Teilzeitmöglichkeiten, Kitaplätzen, Vätern, die Elternzeit nehmen können und auch in Teilzeit arbeiten können, Elterngeld für ein Jahr (auch wenn eine Erhöhung aufgrund der Inflation gerechtfertigt wäre), frühkindliche Angebote durch Vereine und Nachmittagsangeboten in Familienzentren) und gleichzeitig für das Wohl unserer Kinder sorgen.

      • Eine Kollegin, nicht pädiatrisch

        der gemeine Move des Patriarchats ist doch, dass man die Frauen vor eine derartige “Wahl” stellt, dass man nur gesellschaftliche Teilhabe erlangt durch Erwerbsarbeit und durch Outsourcing an eine qualitativ niederwertigere ergänzende Betreuung. Als ob das nicht anders ginge! Wer HRP gelesen hat, weiß doch, dass Frauen immer schon erwerbstätig waren, es sein mussten – aber da gab es entweder sehr enge Vertraute, die mitbetreuen, Stichwort der Stamm, oder der Arbeitsplatz erlaubte die Mitnahme von Kindern. Gleichzeitig war Kompetenz um den Umgang mit Kindern vorhanden, so häufig hat man nicht-biologisch-eigene Kinder ganz eng mitbetreut, mitgestillt, das ganze Handling gelernt. Die Mitbetreuenden hatten die gleichen Werte wie man selbst. Wo gibt es das denn heute?
        Außerdem, wer ermöglicht den Familien heute den Kompetenzerwerb? Entweder hat man qua Geburslotterie eine gute Ausbildung in der eigenen Familie genossen oder man hat Pech?
        Diese Kompetenz (Kinderhandling, Erziehung, Babybedienung, alles) wird heutzutage gesellschaftlich weder gesehen noch gewürdigt. HRP schreibt, Erziehen ist eine Kulturleistung – das “intuitive Erziehen” ist so nicht haltbar, es ist die Summe der eigenen Erfahrungen, außer man bildet sich aktiv und übt (wie in jeder anderen Ausbildung auch).
        Wenn man sich gegen die qualitativ minderwertige Kita (und für mehr Eigenbetreuung der Kinder) entscheidet, heißt es ja gleich, selber schuld an Altersarmut, Machtgefälle in Beziehungen, Qualifikationsverfall am Arbeitsmarkt.
        Als ob all das Letztgenannte quasi schicksalshaft wäre. Wenn die männlichen Kollegen Forschungsaufenthalte machen oder quereinsteigen, total fachfremd, ist das seltsamerweise nie karriereschädigend?

  • Simone Kopatz

    Wann wird sich denn mal etwas ändern ?
    Ich befürchte Schlimmes. Kinder haben keine Lobby seitens der Politik. Da würde man sich eher für die Rentner einsetzen,die können immerhin wählen gehen.
    Welche Auswirkungen zu große Gruppen/Klassen haben ,ist doch klar belegt ,man braucht nur ins Tierreich zu gucken,wo sich die Hühner gegenseitig picken und sich die Schweine Bissverletzungen zufügen.Stress pur für Kinder und Erzieherinnen. Armes deutsches Bildungskatastrophen-Land🙈

  • Kitaleitung

    Ich ergänze mal die To-Do-Liste für die Kitamitarbeitenden:
    -Wäsche waschen und versorgen, weil das nicht in der Arbeitszeit der Hauswirtschaftschaftskraft zu schaffen ist
    -die Küche versorgen, wenn die Hauswirtschaftschaftskraft krank ist und es keine kurzfristige Vertretung gibt (eher Regel als Ausnahme), also Essen entgegennehmen oder erhitzen, zuteilen, Spülen, alle vorgeschriebenen Reinigungen und Desinfektionsaufgaben erledigen und dokumentieren
    -Gartenpflege
    -Gruppen und Nebenräume in Ordnung halten und reinigen
    -alle Reinigungs- und Desinfektionsaufgaben, die nach Hygieneplan vorgeschrieben sind (Putzfirmen machen I.d.R. nur Böden und Sanitärbereiche), das heißt z. B. mehrmals täglich alle Türklinken und Lichtschalter desinfizieren, wenn es akute ansteckende Krankheiten in der Kita gibt (wann nicht!!) und auch das haarklein dokumentieren
    – Extra Berichte schreiben für Frühförderung, Eingliederungshilfe usw
    …..
    In großen Einrichtungen steht eher mal ausreichend Geld zur Verfügung, diese Aufgaben an Firmen zu deligieren oder Vertretungskräfte. Mittlere und kleinere Einrichtungen bekommen das Geld entsprechend weniger, auch wenn die Menge der Aufgaben ähnlich sind.

    • Claudia Theobald

      Wenn die pädagogischen Fachkräfte das alles auch noch mitmachen, ist dies das Signal für die Kita-Verantwortlichen, dass das so geht und funktioniert. Hier braucht es dringen Gespräche mit dem Träger. Er ist verantwortlich, dass genug Personal zur Verfügung steht, um Aufsichtspflicht, Kindeswohl und eigentlich sogar den Bildungsauftrag zu gewährleisten. In unserer Kita machen wir (auch erst seit kiurzem) keine Wäsche mehr. Wir haben die Küche nun so organisiert, dass zum Beispiel bereits geschälte Kartoffeln geliefert werden oder es zum Nachtisch nur noch Obst gibt, das am Tisch nach dem Essen aufgeschnitten wird. Dadurch haben die Hauswirtschaftskräfte nun Zeit für die Wäsche. Fehlt eine Hauswirtschaftskraft, gibt es Eintopf und die Kinder essen ihr Frühstück aus der Brotbox und trinken aus Trinkflaschen, damit kein Frühstücksgeschirr entsteht. Fehlen zwei Kräfte, bringen die Kinder mittags eine Lunchbox mit und trinken aus ihren Trinkflaschen. Gibt es keine Vertretungen für Ausfälle des päd. Personals, schränken wir Öffnungszeiten ein. Wir Kita-Fachkräfte sollten aufhören, alle systemischen Fehler ausbügeln zu wollen. Das ist einfach nicht mehr nöglich und verhindert, dass kindgerechte Verhältnisse geschaffen werden. Oberste Priorität hat nicht, dass der Laden mit Gewalt am Laufen gehalten wird, sondern dass wir unserer Aufsichts- und Fürsorgepflicht gegenüber den Kindern nachkommen und nicht unter dauerhafter Überforderung arbeiten.

  • Lenina

    Absolut!
    Als kinderlose Erzieherin mit Feinfühligkeit geht einem das schon an die Nieren, aber als ich nach der Elternzeit (1,5 jahre) zurück um die Krippe kam (dieselbe), war ich entsetzt, wie wenig ichvmich kümmern kann.
    Mein Sohn hat mir gezeigt, wieviel Zeit und Zuwendung er braucht.

    Ihn wollte ich NIE in so rin System bringen.

    Er ging in eine Elterininitiative mit pikler/wild geprägten Konzept.
    Dort war er zu 7 mit 3-4 Erwachsenen (eigentlich 10, aber zu der Zeit als er kam waren es 7). Kindzentriert und orientiert.

    Ich habe nach einem halben Jahr aufhören müssen und war wegen Depressionen (u.a. wegen den Arbeitsbedingungen) lange krank geschrieben.

    Inzwischen habe ich gekündigt.
    In dieses System will auch ich nie wieder zurück!

    • M.L.

      Wir haben in der Gruppe auch 2 Erzieherinnen als Eltern-die eine ist wieder eingestiegen-in eine kleine Kita wo die familien mit machen müssen (essen kochen, ausgeben,…) die haben auch grundsätzlich einen guten Schlüssel-es werden dann weniger Kinder aufgenommen…und die andere ist mit ihren zweien nun schon überfordert und kann sich nicht mehr vorstellen, andere Kinder zu betreuen. Egal ob als Angestellte in einem Haus oder als Tagesmutter…und ich habe vollstes Verständnis. Ich versuche die Betreuungszeiten meiner Tochter so gering wie möglich zu halten- aber auch hier: ohne Arbeit kann ich keine Miete zahlen. Als sie in der Krippe war, hat sie dort nie geschlafen. Als ich sie holte habe ich nichts mehr unternommen-wir sind ins Bett gekuschelt und sie hat erstmal 3 stunden mindestens geschlafen. Ich habe den sommer quasi im Bett verbracht. Betreuung: 8 Kinder, 2 Vollzeit und eine Teilzeit Kraft zuzüglich Vertretung aus dem kiga oder Hort. Es tat mir immer so leid, dass ich ihr das antun musste-aber anders kann ich uns auch nicht versorgen. Familie nicht vorhanden. Und das ist einfach traurig.

  • Eva Ott

    Traurige Realität.
    Unsere Tochter (1 Jahr alt) durchlebt grade die Eingewöhnung und die Erzieher*innen sind wirklich sehr bemüht aber der Personalmangel hat seinen Preis. Reduzierte Öffnungszeiten, gestresste Erwachsene.
    Wenn wir als Familie eine Wahl hätten würden wir es anders machen. Aber wir können uns die Krippe nicht aussuchen, nur froh sein wenn es überhaupt einen Platz gibt und weniger Arbeiten um die Betreuung selbst zu stemmen geht auch nicht. Das System krankt und die Kinder müssen dafür bezahlen. Und in der Schule geht es später genauso weiter….

    • Jale

      Ich wünsche Ihnen sehr, dass sich für Sie als Familie vielleicht doch irgendwie Wahlmöglichkeiten auftun und Sie sich weniger ausgeliefert fühlen müssen.
      In der Regel lohnt es sich weder menschlich noch finanziell mit der frühen KiTa und im Beruf dankt es einem auch niemand. Das Kind ist mehr krank als in der KiTa. Es gibt viele Alternativen, hier wurden schon ein paar genannt, informieren Sie sich, nur Mut!! Ihr Kind wird es Ihnen danken, wenn es von vertrauten Bindungspersonen betreut wird und nicht nur in einer Verwahranstalt.

  • Schnecki- Erzieherin

    der Vergleich mit den Fünflingen ist sehr gut. ich habe selbst vier Kinder großgezogen, diese sind gsd schon erwachsen. niemals würde ich heute ein Kind in eine Krippe geben, ich bin so froh das meiner Enkelin das erspart bleibt. es ist nicht allein Stress für die Erzieher, die Kinder leiden auch extrem unter der Belastung. und es ist im Westen nur wenig besser. die Zahlen werden permanent geschönt, in meiner Leitungszeit habe ich mal ein Jahr gezählt. ein durchschnittsjahr.da waren wir an gerade mal 43 arbeitstagen voll besetzt, auf mindestpersonalschlüssel. Ausfälle wegen Schwangerschaft, Krankheit, Urlaub usw. in manchem Jahr haben sich die Kollegen nicht mal um Fortbildungen gekümmert, um die anderen nicht allein zu lassen.
    un die Kinder? werden vertröstet, abgefertigt, sich selbst überlassen. aber nicht weil die Beschäftigten so herzlos wären, sondern weil man permanent abwägen muss, was gerade mehr “brennt”.
    das macht was mit einem. es macht kaputt, stumpft ab. Werbung für diesen Beruf kann keine der Kolleginnen mehr machen, die meisten warnen nur noch davor….

  • Jessica

    Herzlichen Dank für diesen Artikel, er verstärkt meine Wahrnehmung von meiner Arbeit.

  • Silvia

    Wow, ich bin schockiert und froh nicht in DE zu leben.

    Mein Sohn ist jetzt 26 Monate und seit knapp 1 Jahr hier in Österreich in der Kleinkindbetreuung. Personalschlüssel mind. 1 pro 3 Kinder unter 2 Jahren (dh sind am 1. Tag des Betreuungsjahres noch nicht 2). Bei uns waren es meist sogar eher 2 Kinder auf 1 Betreuerin.

    Aber ja, das hat auch seinen (monetären) Preis, den günstig ists für die Eltern nicht…

  • Eine Mutter mit Kindern in der Kita

    Wir haben 2 Kinder und beide U1 in der Kita eingewöhnt. Langsam und liebevoll, denn wir haben das seltene Glück, eine Kita bekommen zu haben, in der alle Stellen besetzt sind, wo die pädagogischen Fachkräfte zum großen Teil seit über 20 Jahren arbeiten, verlässliche und konstante Bindungspersonen für unsere Kinder darstellen, die sich dennoch pädagogisch weiterentwickeln und in der es sogar, man höre und staune, noch pädagogische Angebote gibt! Und das nichtmals bei einem privaten Träger in einem privilegierten Stadtteil, ganz im Gegenteil. Aber es hätte auch ganz anders laufen können, denn eine wirkliche Wahlfreiheit hat man in der aktuellen Situation nicht.
    Warum ich meine Kinder so früh in die Kita gebe? Wir wohnen im Ballungsraum Köln, eine 4-Zimmer-Wohnung gibt es nicht unter 1.800 EUR Kalt(!)miete. Elterngeld: wird für 14 Monate gezahlt, maximal 1.800 EUR, und das als Höchstsatz. Nach 14 Monaten: 0 EUR. I’ll let you do the math. Los, steinigt mich!
    Lieber Herr Renz-Polster, ich schätze Sie sehr und weiß, dass das nicht Ihre Absicht ist. Daher vermisse ich in Ihrem Artikel ein paar konstruktive Ideen. Was kann man pädagogisch tun? Was sagt die Bindungsforschung, kann man einen Teil der Belastung für die Kinder irgendwie als Eltern kompensieren? Was kann man politisch anstoßen? Nein, Kinder haben kein Wahlrecht, aber Eltern.
    Man kann den lokalen Abgeordneten auf die äußerst prekäre Situation der Eltern aufmerksam machen. Was kann man fordern? Ein Gehalt für Care-Arbeit (wenn man bedenkt, was die Kommunen pro Kita-Platz zahlen, käme das für die einzelne Familie schon finanziell besser hin). Bedingungsloses Grundeinkommen. Netzwerke schaffen. Einen Blick über die Grenzen wagen und sich anschauen, wie andere Länder die Aufgaben stemmen. Eltern, Kitas und Kommunen an einen Tisch setzen und gemeinsam nach Lösungen suchen … es muss doch Wege geben, die Familien und damit die Kitas zu entlasten.
    Ich träume schon länger von einem Eltern-Streik. Was würde passieren, wenn wir Eltern aufhörten, das Kartenhaus nach allen Kräften zusammenzuhalten? Immer die Kohlen aus dem Feuer zu holen und die Katastrophe zu verhindern, ohne dass es jemand nach außen überhaupt wahrnimmt? Auch bei Betreuungsausfall weiter zu arbeiten, um den Arbeitgeber nicht hängen zu lassen und nicht das berufliche Fortkommen zu riskieren? Auch abends immer noch zu arbeiten, weil man sonst die doppelte Belastung nicht aushält, wenn mal wieder die Kita-Gruppe schließen muss und die Kinder de facto eine 4-Tage-Woche haben? Oder, Gott bewahre, ein Kind krank wird? Gerade wo so viele Frauen zusätzlich zur Care-Arbeit zuhause auch in den “systemrelevanten” Care-Berufen erwerbstätig sind.
    Und wie wäre es, wenn sich die “AP-Szene” zusammen täte, um auf die Situation der Eltern aufmerksam zu machen? Fragen Sie doch mal bei artgerecht, geborgenwachsen, Frau Imlau, dem Wunschkind und nutzen Sie die mediale Aufmerksamkeit in unserem und vor allem dem Sinne der Kinder. Die Eltern selbst haben doch gar keine Kraft mehr, aufzubegehren. Warum tun wir uns nicht zusammen?
    Herzliche Grüße!

  • A

    Herr Renz-Polster, und ebenso Ihre nicht pädiatrische Kollegin – so, wie Sie die Ergebnisse der Bertelsmann-Studie aufgreifen und plastisch machen, muss daraus eine D-weite Initiative werden für eine bessere Begleitung von Kindern und für die Wertschätzung von Elternarbeit=Begleiten von Kindern, Liebe, Bindung und Rahmen geben für den Nachwuchs unserer Gesellschaft. Schon bei Ihrem Buch “Gesinnung prägt Erziehung” war ich neugierig, inwieweit das in den Bundesländern aufgegriffen wird. Schein verpufft. Jetzt Bertelsmann, die ja auch Politikberatung machen. Was sagt Frau Oldenburg, Linken- Bildungsministerin Meckl.-Vorpomm. dazu: “wir sind toll, denn wir haben KiTa und Krippe flächendeckend.” Dass die Gruppengröße bei Dreijährigen 15 beträgt, das MV die miesesten Personalschlüssel hat, darüber geht sie hinweg.
    Wie tun wir uns hier zusammen, alle, Eltern, Pädagogen, die das Elend, den Streß und die Überforderung für alle beteiligten Menschen täglich erleben? Als Verfahrensbeistand beim Familiengericht bin ich häufig in Kitas / Krippen unterwegs. Auch in Elternhäusern. Und höre, sehe, nehme wahr all diese beschriebenen Zustände der “Aufbewahrung” – obwohl Erzieherinnen anderes wollen. Obwohl Eltern gezwungenermaßen ihre Kinder in große Gruppen geben, um die Familie finanziell durchzubringen, und mit oder ohne Job ein schlechtes Gewissen haben. Beim Alleinerziehen vergrößert sich die Not, verlängert sich die Zeit der Fremdbetreuung für Kinder. Jemand wie Sie hat eher die Chance, Aufmerksamkeit und Verbündete mit Promi-Effekt zu finden. Kinder und Eltern und Erzieherinnen brauchen mehr politischen Einfluss und bessere Bedingungen. Die BT Abgeordneten sehen so etwas nicht. Denen brennt es nicht auf den Nägeln, die können sich Au-Pairs oder Grannys-Au-Pair leisten oder eben die SuperPrivatKitas in Berlin und sonstwo. Ich wünsche mir ein Bündnis – unterstützt zB vom “Familientrio”. -Ich sehe die Not, die durch die CoVid Maßnahmen , damals Kinder / Schulkinder betreffend, nun protrahiert ans Tageslicht kommt und keine Antworten findet. Die Zahl 5,7 ,die Zahlen für die Begleitung der älteren KiTa Kinder und die Lehrer-Schüler-Schlüssel in D, schaden Kindern und Eltern. Sie schaden auf Dauer Gegenwart und Zukunft der Gesellschaft. Und sind ein fortwährender, von der Politik beschwiegener Skandal für so ein reiches Land.

  • Carmen

    Ich finde solche Zahlen immer sehr spannend. Ich selbst leite ich eine Krippe mit 4 Gruppen, sprich wir können bis zu 40 Kinder betreuen. Lt. der Mindestpersonalberechnung des KVJs haben wir einen Personalschlüssel von 8,45. Meine Leitungszeit ist rausgerechnet sowie Verfügungszeit pro Gruppe mit 10h berücksichtigt und Ausfallzeit von 8%. Hinzu kommen unsere Urlaubstage im Vergleich zu den Schliesstagen, so dass wir bei 8,78 landen.
    Unberücksichtigt bleibt hier die höhere Verfügungszeit von eher 18h pro Gruppe und weit höheren Ausfallzeiten durch Krankheit, ebenso die 2-4 Regenerationstage die im neuen Tarifvertrag verankert wurden.
    Nehmen wir die 8,78 als Maßstab für 40 Kinder, erhalten wir 4,6 und in Wirklichkeit liegt die Zahl deutlich drüber. Das sind rein die nackten Zahlen die uns das KVJs vorgibt. Hier gehört eindeutig eine andere Grundlage her. Man kann es Kommunen nicht krumm nehmen wenn sie sich an der Mindestpersonalberechnung orientieren. Aber das ist der falsche Weg und dann wird drüber berichtet dass Ba-Wü den “besten” Schlüssel hat. Das stimmt leider auch nicht

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