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Kombiniere deine Wunsch-Vorträge und sichere dir 35 % Rabatt.Kind (4 J) möchte alles bestimmen

Unser Sohn wird in einem Monat 4 Jahre alt und folgende Situationen sind bei uns typisch – sie belasten unser Familienleben.
Ein Beispiel: Unser Sohn möchte unbedingt in einen Bastelladen, um mit dem Material ein Spiel zu basteln. Wir gehen mit ihm in den Laden. Zu Hause wollte ich eigentlich kochen, er aber sofort basteln. Als wir dann anfangen zu basteln, macht er alles komplett anders als geplant. Ich sage, dass wir uns lieber an den gemeinsamen Plan halten sollten, weil wir alle Pappen dafür noch brauchen. Daraufhin sagt er: „Nein. Wir wollen das so.“ Er fängt an zu weinen, beleidigt mich und macht die Pappe nass.
Das nervt und macht mich so traurig, weil wir nichts gemeinsam kreieren können – außer irgendwie wild und ohne Plan herumzuschmieren. Außerdem kostet es Geld und Zeit.
Generell haben wir das Gefühl, dass unser Sohn den Konflikt mit uns manchmal regelrecht sucht. In der Kita hingegen verhält er sich absolut angepasst. Bei uns artet fast jedes Thema in eine Riesendiskussion aus.
Wir wünschen uns eigentlich nur, eine schöne Zeit mit ihm zu verbringen – ohne ständig zu streiten, und bei jedem Thema in Diskussionen zu geraten.
Danke, dass du das mit uns teilst! Ich glaube sehr viele hier Mitlesende kennen die Enttäuschung, wenn ein Kind sich einfach nicht auf unsere Pläne und Ansagen einlassen kann und das Familienleben dadurch mühsam und anstrengend wird.
Und zwar auf beiden Seiten, das ist das erste, was ich hier kommentieren will. Auch dein Kind ist nicht glücklich, sondern innerlich angespannt und unzufrieden. Das äußert sich dann in einem fordernden, gereizten Verhalten, „nichts ist richtig“.
Was könnte dahinter stehen?
Häufig fällt hier der Blick auf möglicherweise „ungesehene“ Bedürfnisse des Kindes. Eltern fragen sich dann, ob ihr Kind vielleicht zu wenig Wertschätzung erfährt, sich zu wenig mit Mama/Papa verbunden fühlt oder zu wenig Gelegenheiten hat, um seine Autonomie auszuleben. Natürlich ist ein solcher „Bedürfnischeck“ immer ein guter erster Schritt, und dein Sohn ist ja tatsächlich in einer Entwicklungsphase wo wir das Bedürfnis nach Autonomie deutlich sehen und ernst nehmen.
Die Frage, die wir hier allerdings manchmal vergessen ist die: In welchen Bereichen soll mein Kind sein „Projekt Autonomie“ denn üben? Eine wahrhaft spannende Frage! Es gibt nämlich zwei Formen von »Autonomie«. Die eine: Das Kind erfährt sich als wirksam, weil es Entscheidungen treffen kann, ob für sich oder andere (man spricht deshalb auch von »Entscheidungsautonomie«). Hier etwa: ich will jetzt zum Spielzeugladen, Pappen kaufen. Oder: ich will mit den Pappen was basteln, jetzt. Oder, bestimmt auch manchen Eltern vertraut: Mama soll hier sitzen, Papa dort. Die andere Form von Autonomie wird Handlungsautonomie genannt. Hier lebt das Kind seine Wirksamkeit aus, indem es durch sein konkretes Handeln in die Umwelt eingreift – und dabei für seine Entwicklung wichtige Erfahrungen macht. Etwa wenn es ein Spiel gestaltet oder dir beim Kuchenbacken hilft (und da dann auch wirklich werkeln darf).
Kinder üben sich an beiden Formen der Autonomie, gerade in der „Autonomiephase“ (die ich in meinem neuen Buch auch „Flügeljahre“ nenne).
Da ist allerdings ein Haken: kleine Kinder sind „von Natur aus“ unglaublich gut in Sachen Handlungsautonomie. Sie sind geborene Praktiker (mit Fantasie!), es zieht sie im Spiel von Handlung zu Handlung, und sie haben einen immer besseren Blick auf das, was dabei an konkreten Folgen entsteht: Wenn ich die Legosteine so oder so zusammenfüge, entsteht daraus – ein Haus, ein Kran, ein Wunder!
Bei der Entscheidungsautonomie dagegen haben kleine Kinder einen riesen Nachteil und deshalb manchmal auch ein Problem. Natürlich können auch kleine Kinder Entscheidungen treffen, und das passt auch wunderbar dort, wo es die konkreten Dinge im Hier und Jetzt betrifft. Aber für Entscheidungen, die die Zukunft betreffen oder bei denen es auch die Interessen der anderen Familienmitglieder zu berücksichtigen gilt, fehlt ihnen schlichtweg die „Software“: ein dreijähriges Kind KANN deine Perspektive nämlich noch gar nicht nachvollziehen. Also, dass du zum Beispiel JETZT kochen musst, damit der Abend nicht im Wahnsinn endet. Oder damit der Blutzuckerspiegel deines Sohnes nicht noch weiter absinkt. Kleine Kinder sind im Hinblick auf die sozialen Abläufe tatsächlich kurzsichtig, weil sie viele Folgen ihres Handelns noch nicht überblicken können und die Gedankenwelt im Kopf der anderen noch nicht nachvollziehen können. Dieser Prozess – er wird auch Aufbau einer „Theorie des Geistes“ genannt – beginnt jetzt erst und wird die ganzen nächsten Jahre dauern. Das heißt, wenn wir manchmal denken, wir könnten mit unseren kleinen Kindern wunderbar Absprachen treffen, Pläne machen und die eigenen Entscheidungen „vernünftig“ erklären – dann sind diese damit oft heillos überfordert! Wir gehen da von einem Kind aus, das in seiner Entwicklung viel weiter ist als das Kind, das tatsächlich vor uns steht.
Selbstbestimmung erlernen Kinder nicht einfach dadurch, dass sie möglichst viel selbst bestimmen dürfen. Zum Erlernen und Einüben von Selbstständigkeit gehört ein ganzer Unter- und Überbau von Entwicklungs- und Befähigungsschritten
– »Auf die Flügel kommt es an«, S. 70
Und diese Überforderung beobachtest du ja dann in der Praxis: dein Kind trifft Entscheidungen – und stürzt damit die ganze Familie und sich selbst in einen riesen Frust. Und umgekehrt beobachtest du auch das: In der Kita kommt es viel seltener zu Regulationskonflikten, und das liegt nicht nur daran, dass kleine Kinder ihre Autonomiebedürfnisse vor allem mit ihren unmittelbaren Bindungspersonen aushandeln, glaube ich. Sondern auch daran, dass er dort nicht mit eigenen Entscheidungen „den Laden schmeißen muss“, der Laden läuft dort ja in einem viel stärker vorgegebenen Rahmen und eingeübten Routinen.
Aber zum Praktischen. Wie könnte es anders gehen? Also so, dass dabei weniger Auffahrunfälle entstehen? Auch dazu hat die Entwicklungspsychologie eine gute Antwort, die sie aus Beobachtungen von Familiensituationen ableitet. Eigentlich besteht nämlich der ganze Alltag des Kindes (der von uns Erwachsenen übrigens auch 😉) aus einer Abfolge von Strecken oder „Momenten“, in denen einmal das Kind und einmal seine Erwachsenen „am Steuer sitzen“ – oder umgekehrt dann eben im Beifahrersitz. Wenn dein Kind etwa ins Spiel gefunden hat, ist es sehr klug, ihm das Steuer zu überlassen, ihr werdet sonst nicht glücklich miteinander. Umgekehrt ist es sehr klug dann das Steuer zu übernehmen, wenn dein Kind überfordert ist oder eine Aufgabe ansteht, die nur du lösen kannst: etwa in einer Stunde ein Essen auf einen Tisch zu zaubern. Jetzt ist es Zeit, dass du das Steuer übernimmst und die Fahrbahn wechselst (ich nenne diese Abfolge von „Folgen“ und „Leiten“ auch „Spurwechsel“). Tatsächlich besteht der Alltag im Leben mit Kindern von Anfang an auch darin, dass wir diese „Spurwechsel“ immer wieder üben und dann auch immer flüssiger hinbekommen. Manchmal führt dein Kind, manchmal du. Manchmal »folgst« du, manchmal das Kind. Und so geht es durch den Tag, in einer endlosen Abfolge von »Spurwechseln“.
Und je besser wir das hinbekommen, desto seltener ist das Kind in einer Überforderungssituation. Und das auch deshalb, weil es allmählich auch daran gewöhnt ist, dass es zwar in manchen Situationen nach seinen Zielen und seinem Willen geht – in anderen dagegen nicht. Den damit verbundenen Frust lernt das Kind dann auch allmählich immer besser auszuhalten. Und das umso eher, je “normaler” du auch das Nein äußern kannst – eben weil es ja im Grunde genauso Teil eines guten Miteinanders ist wie das Ja. Auch diese Haltung kann man üben.
Einladung zum Themenabend
Die Autonomiephase ist oft eine Zeit voller Widersprüche, in der unsere Kinder gleichzeitig nach Freiheit und nach ganz viel Nähe suchen.
Lass uns in diesem Vortrag entdecken, wie wir diesen Weg zwischen Eigensinn und Bindung so gestalten, dass wir die Welt unserer Kinder besser verstehen und als Familie wieder mehr Leichtigkeit finden.
So führt deine Frage wirklich mitten rein in die kindliche Entwicklung! Und da auch zu einem Phänomen, das wir manchmal total unterschätzen: der Ausbildung von Gewohnheiten nämlich. Tatsächlich liegt bei hartnäckigen Konflikten der Flaschenhals oft gar nicht unbedingt bei den „ungesehenen Bedürfnisse“ des K<^indes – sondern einfach darin, dass sich konfliktträchtige Gewohnheiten ausgebildet haben. Und in diese Richtung würde ich auch hier denken: Dein Kind hat sich einfach daran gewöhnt, in der Bestimmerposition zu sein. Und zwar auch dort, wo er damit überfordert ist und dann die ganze Situation gegen die Wand fährt und dich gleich mit.
Pick your battles – das darf sein. Dass wir die zweite oder dritte Kugel Eis oder die vierte oder fünfte Folge der Serie eben doch abnicken, einfach um uns selbst ein bisschen Ruhe zu gönnen. Nur, unter dem Strich und langfristig wirst du merken: Das ist nur dann eine tragfähige Haltung, wenn die Vermeidung des Spurwechsels nicht zum Muster eures Alltags wird.
– »Auf die Flügel kommt es an«, (S. 53 – 54)
Wenn du einmal im Zeitraffer zurückdenkst, wirst du vielleicht merken, dass du deinem Kind häufig Entscheidungen überlassen hast, mit denen du nicht nur über eigene Grenzen gegangen bist, sondern auch gegen dein „besseres Wissen“ oder auch Erziehungsziele gehandelt hast. Nun will ich da gleich anfügen: das darf auch absolut sein! Etwa, dass wir als Eltern die zweite oder dritte Kugel Eis oder die vierte oder fünfte Folge der Serie eben doch abnicken, einfach um uns selbst ein bisschen Ruhe zu gönnen. Nur, unter dem Strich und langfristig wirst du merken: Das ist nur dann eine tragfähige Haltung, wenn die Vermeidung des Spurwechsels nicht zum Muster eures Alltags wird. Und irgendwie scheint das teilweise so geworden zu sein?
Die gute Botschaft: Gewohnheiten lassen sich ändern. Nicht von jetzt auf gleich, denke nur daran, über welche Zeitspanne sie sich eingespurt haben. Aber mit liebevoller Übung, mit Herz und Klarheit werdet ihr das schaffen. Zudem wird dein Kind, das jetzt vier wird, tatsächlich auch in sozialer Hinsicht immer verständiger und lernt in den nächsten Jahren immer besser auch „um die Ecke“ zu schauen. Irgendwann sogar bis dorthin, wo du stehst, samt deinen Bedürfnissen, Ideen und Verantwortung für die ganze Familie!





Quellen
1 Kommentar 







Jale
so schöne prägnante Bilder und eine treffende, aber stets liebevolle Analyse. Vielen Dank!!
Ja, das ist die eigentliche Kunst (bzw. ein großes Lernthema), herauszufinden und zu spüren, welche Verantwortung Kinder tragen können in welchem Alter und welche noch nicht.