Kommentar24. März 2020

Corona und Fiebersenkung – sind wir noch bei Trost?

Ein dringender Appell

Kurz bevor er an Covid-19 starb, nahm der iranische Arzt Mehdi Variji noch ein Video auf: "Geht’s euch gut? Mir geht's nicht gut. Ich habe immer noch Fieber. Das verdammte Fieber lässt mich nicht los. Wenn ich entzündungshemmende Medikamente nehme, geht das Fieber weg. Wenn ich sie nicht nehme, bleibt es. Bitte passt auf euch auf."

Und dann sagte er noch: „Ich liebe euch. Bis bald.“

Vielleicht folgte Dr. Variji mit seiner Selbst-Behandlung der landläufigen (auch in der Ärzteschaft) weit verbreiteten Meinung, Fieber sei lästig und müsse deshalb behandelt werden. Vielleicht hatte er auch die Empfehlungen der WHO sowie eminenter medizinischer Fachgesellschaften vor Augen, die in eine ähnliche Richtung gehen.

Vielleicht hat mein Kollege sogar noch die Diskussion um die möglichen Nachteile von Ibuprofen verfolgt?

Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß, dass wir über die Rolle des Fiebers reden müssen. Und zwar dringend.

Wissenschaft? Fehlanzeige!

Schauen wir uns als erstes die Begründungen an, die für die Fiebersenkung angegeben werden. Sie sind bemerkenswert.

Die British Thoracic Society etwa schreibt in ihren Pandemic flu guidelines das:

… there is little scientific evidence for most symptomatic and self-help treatment, but experience suggests that treatment of fever, myalgias and headache with paracetamol or ibuprofen may help, and are unlikely to cause harm.

Also: Die Empfehlung zur Einnahme von fiebersenkenden Mitteln sei zwar wissenschaftlich nicht gesichert, man empfehle die Einnahme von Paracetamol oder Ibuprofen aber  trotzdem –  weil die Erfahrung zeige, dass diese Mittel möglicherweise helfen – und mit Nachteilen nicht zu rechnen sei.

Die Erfahrung also.

Was die Wissenschaft sagt

Wir sollten in einer solch wichtigen Frage etwas tiefer gehen. Erfahrung ist kein Beweis. Sie gibt keine Sicherheit, dass der Ratschlag nicht doch ganz furchtbar falsch ist.

Ich finde es besser, zur Begründung millionenfach gegebener Ratschläge die Wissenschaft zu befragen.

Und sie sagt eines klipp und klar: Fieber könnte bei einer COVID-19 Erkrankung eine der wenigen Ressourcen sein, auf die wir setzen können. Ich will das in diesem Beitrag begründen.

Die Erfahrungen des Prof. Julius Wagner-Jauregg

Ich würde dazu gerne mit einer Geschichte beginnen, die ebenfalls mit einer Erfahrung begann – aber dann mit einem Nobelpreis endete.

Syphilis, eine von dem Bakterium Treponema pallidum ausgelöste Erkrankung, was bis weit in das 20. Jahrhundert hinein eine Geisel der Menschheit. Insbesondere ihr letztes Stadium, die Neurosyphilis,  brachte Menschen in der Blüte ihres Lebens um ihre Gesundheit, ja um ihren Verstand (Robert Schumanns frühe Umnachtung etwa war darauf zurückzuführen, dass sein Gehirn von Syphilis befallen war). Eine Therapie gab es nicht, Antibiotika wurden ja erst Mitte des 20. Jahrhunderts entdeckt.

In den 1880er Jahren machte der österreichische Psychiater Julius Wagner-Jauregg allerdings eine Beobachtung an Syphilis-Patienten mit Lähmungserscheinungen. Nämlich, dass es diesen Patienten nach Fieberanfällen besser ging. Diese Erfahrung machte er zur Grundlage seiner wissenschaftlichen Arbeit. In den 1920er Jahren begann er, Patienten mit Gehirn-Syphilis zu behandeln, indem er sie künstlich mit Malaria infizierte um so hohes Fieber auszulösen. Anschliessend heilte er die Malaria mit Chinin.

Für seinen Nachweis, dass sich hierdurch fortschreitende Lähmungserscheinungen erfolgreich behandeln liessen, bekam er im Jahr 1927 den Nobelpreis. Die Therapie wurde erst in den 1950er von dem jetzt verfügbaren Penicillin verdrängt.

Fieber als Teil der Therapie?

Kann also Fieber Erreger bekämpfen? Schauen wir einigen Wissenschaftlern bei der Arbeit zu.

  • Infiziert man in Experimenten bestimmte Wüsten-Eidechsen mit Bakterien – ebenfalls ein klassisches, vor über 40 Jahren zum ersten Mal durchgeführtes Experiment – so suchen diese von sich aus sonnige Plätze auf. Und das, obwohl hier mehr Fressfeinde unterwegs sind. Auf diese Weise erhöhen sie ihre Körpertemperatur um etwa 2 Grad Celsius. Hindert man sie daran, so überleben statt 75% nur 25% der Tiere.. Ähnliche Einbußen im Überleben sind zu beklagen, wenn die Tiere sich zwar frei bewegen dürfen, ihre Körpertemperatur aber medikamentös gesenkt wird.

Offensichtlich haben wir es beim Fieber also mit einem uralten Mechanismus zu tun, der sich in der Evolution über 600 Millionen Jahre bewährt hat. Das spricht dafür, dass Fieber nicht einfach eine Laune der Natur ist, sondern einen Überlebensvorteil bietet.

Dass dies sowohl für Kaltblüter als auch für Warmblüter wie den Menschen gilt, zeigen weitere Experimente:

  • Infiziert man Hasen mit Rinderpest-Viren, so versterben 16% der Tiere. Unterdrückt man bei ihnen jedoch das im Rahmen dieser Infektion entstehende Fieber, indem man den Hasen Acetylsalicylsäure (=Aspirin) gibt – so sterben 70% der Tiere, mehr als vier mal so viele.

Auch beim Menschen zeigen Studien eindeutig, dass die Erhöhung der Körpertemperatur bei vielen Infektionen zu einer kürzeren Krankheitsdauer und zu einem besseren Überleben führt.

  • In einer Studie wurden zwei Gruppen von Patienten jeweils künstlich mit dem Grippeerreger Influenza A infiziert – im Rahmen von Studien zur Untersuchung der Wirksamkeit von Impfstoffen werden solche Experimente gerne gemacht. Die eine Gruppe erhielt nun Ibuprofen zur Unterdrückung des Fieber, die andere Gruppe musste ohne Fiebersenkung durchhalten. Das Ergebnis: in der Ibuprofen-Gruppe dauerten die Symptome im Durchschnitt  8,8 Tage. In der Gruppe ohne Fiebersenkung: im Durchschnitt 5,3 Tage. Also 3,5 Tage weniger. Mehr noch: In der Auswertung liess sich sogar zeigen, dass die Dauer der Erkrankung mit der Anzahl der gegebenen Ibuprofen-Dosen zusammenhing.
  • In einem anderen Experiment wurden 60 gesunde Freiwillige mit Rhinoviren infiziert (diese Virengruppe löst Erkältungskrankheiten aus). Die einen bekamen ein Mittel zur Fiebersenkung und Schmerzbekämpfung (Ibuprofen, Aspirin oder Paracetamol), die anderen ein (wirkungloses) Plazebo. Trotz medikamentöser Therapie hatten die Probanden in der ersten Gruppe mehr Beschwerden als die nicht behandelte Kontrollgruppe. Auch zeigte eine Untersuchung der Immunantwort, dass diese unter Fiebersenkung schwächer ausfiel.
  • Wie wichtig Fieber für eine ausreichende Immunantwort ist, zeigen auch Studien an Kindern, nach denen manche Impfungen schlechter „angehen“, wenn Kinder nach der Impfung routinemäßig fiebersenkende Mittel bekommen (eine bis heute viel geübte Praxis)
  • Ebenfalls an Kindern liess sich in einer randomisierten Doppelblindstudie zeigen, dass Windpockenbläschen in einer mit einem fiebersenkenden Mittel (in diesem Falle Paracetamol) behandelten Patientengruppe langsamer abheilten als in der nicht behandelten Gruppe.

Dass die das Immunsystem unterstützende Wirkung von Fieber auch für schwer wiegende Verläufe von Infektionen gilt, zeigen inzwischen sogar Studien auf Intensivstationen – und hier könnten wir durchaus wieder bei meinem Kollegen Dr. Mehdi Variji sein, auch wenn dies natürlich im Einzelfalle eine Spekulation ist. In einer Studie wurden per Zufallslos zwei Gruppen von Patienten gebildet. Die Patienten der einen Gruppe bekamen die übliche aggressive Fiebersenkung, die andere bekam eine genau festgelegte, zurückhaltende Form der Fiebersenkung. In der ersten Gruppe waren 7 Todesfälle zu beklagen, in der zweiten nur einer.

Wie ist das möglich?

Inzwischen ist auch in weiten Teilen bekannt, auf welche Weise Fieber für ein besseres Ergebnis sorgen kann:

  • Zum einen löst die erhöhte Körpertemperatur das typische „Krankheitsverhalten“ (sickness behaviour) aus: Der und die Betroffene wird durch das Fieber müde, appetitlos, das Schmerzempfinden wird gesteigert, der Schlafdrang nimmt zu. Deshalb zieht sich der Patient zurück, schont seine körperlichen Kräfte, isst weniger und spart so insgesamt Energie. Auch schützt das Fieber davor, den Körper zu überlasten oder sich Gefahren auszusetzen. Dieses „sickness behavior“ ist im Tierreich bis hinunter zu den Kaltblütern zu beobachten, es dürfte eine alte evolutionäre Voreinstellung sein. Wie wichtig dieser Schutzmechanismus ist, können inzwischen Forscher zeigen, die sich für das in Teilen noch immer rätselhafte Chronic Fatigue Syndrome (ME/CFS) interessieren. Analysieren sie nämlich die Fälle der an ME/CFS Erkrankten, so treffen sie sehr häufig auf den immer gleichen Auslöser: eine Infektionskrankheit, bei der die Betroffenen sich trotz Fieber zu Spitzenleistungen getrieben haben.
  • Zum zweiten wirkt das Fieber auch direkt auf die Erreger. Manche Erreger können sich bei höheren Temperaturen schlechter vermehren, andere verlieren ihre Angriffslust (Virulenz). Polioviren etwa vermehren sich in Zellkulturen bei 40–41°C mehr als 200 mal langsamer als bei Normaltemperatur. Gleichzeitig werden sie anfälliger gegenüber der Zerstörung durch Immunstoffe. Wieder andere Erreger stellen ihre Vermehrung bei hohem Fieber sogar komplett ein.
  • Zum dritten wirkt Fieber direkt oder indirekt auf das Immunsystem, und zwar auf verschiedenen Pfaden. Bei höheren Temperaturen wandern zum Beispiel deutlich mehr Lymphozyten zu den infizierten Geweben, auch andere Abwehrzellen wie etwa neutrophile Granulozyten oder zytotoxische T-Zellen werden leistungsfähiger und die Bildung von Antikörpern dadurch begünstigt.

Fieber: eine Ressource zur Infektbekämpfung

Die Zusammenfassung dieser Befunde und Experimente kann nur lauten: Fieber ist eine wichtige Ressource für die Bekämpfung von Erregern! Im Falle von durch Viren bedingten Infekten, gegen die ja nur selten spezifische Medikamente zur Verfügung stehen, ist es oft sogar die einzige Ressource.

Es ist mir schleierhaft, wie man mit ihr derart nachlässig und gleichgültig umgehen kann. Ich halte diese sorglose Haltung für unwissenschaftlich.

Und ich bin nicht der einzige. Ein Mathematiker und ein Epidemiologe haben vor wenigen Jahren alle bekannten  Daten zum Verlauf einer Influenza-Epidemie genutzt, um in einer Modellrechnung daraus die Nachteile einer routinemäßigen Fiebersenkung in Zahlen auszudrücken. Ihr Ergebnis: Durch den großflächigen Einsatz fiebersenkender Medikamente wie er etwa in den USA üblich ist, ist bei einer typischen Grippewelle bei vorsichtigen Schätzungen mit einer Erhöhung der Sterblichkeit um 5% zu rechnen. Das wären für Nordamerika für eine Grippesaison immerhin 700 Tote.

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Ist Fiebersenkung deshalb  immer schlecht?

Heisst das, dass es nicht auch Bedingungen geben kann, in denen die Senkung der Körpertemperatur angezeigt sein kann?

Natürlich nicht, und das will ich hier auch nicht sagen. In manchen medizinischen Sonderfällen kann die medikamentöse Fiebersenkung angezeigt sein, etwa bei kleinen Kindern mit einer Neigung zu Fieberkrämpfen, bei Patienten mit bestimmten Vorerkrankungen, oder zum Beispiel bei schwerem septischem Schock auf Intensivstationen (eine gute Zusammenfassung der Vor- und Nachteile in besonderen Situation hier). Auch ist unklar, ob und in welchem Umfang das Gesagte auch für die thermische Fiebersenkung durch Wadenwickel und Co im Rahmen der Selbsthilfe zuhause gilt, die vom Prinzip her in einer ganz anderen Liga spielt.

Nur: für die normalen Infektionen muss aus wissenschaftlicher Sicht in aller Klarheit das gesagt werden:  Medikamentöse Fiebersenker können das Immunsystem unterdrücken.

Mein Appell

Wir stehen in der jetzigen Situation einem neuen Erreger recht machtlos gegenüber. Wir sollten diese Gelegenheit nutzen, um die Rolle des Fiebers zu diskutieren. Oder sie gleich im klinischen Alltag wissenschaftlich testen, so kompliziert ist dies nicht. So gut wie jetzt Vergleichsstudien mit Chloroquin gemacht werden können, können auch Vergleichsstudien mit und ohne Fiebersenkung gemacht werden (vielleicht auch welche, wo zu „F“ für Fieber noch ein „D“ für Vitamin D dazukommt, denn gerade bei den alten Menschen dürfte hier nach der kalten Jahreszeit oft kein geringer Mangel bestehen).

Wir gewinnen dadurch möglicherweise einen wichtigen Helfer im Kampf gegen COVID-19.

 

[Weitere Beiträge zu "Corona" hier auf meinem Blog]
Der Autor: Dr. med. Herbert Renz-Polster, geb. 1960, beschäftigt sich als Kinderarzt und Wissenschaftler seit langem mit der kindlichen Entwicklung und Gesundheit. Forschungstätigkeit im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung zunächst in den USA, dann am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Herausgeber und Autor diverser studentischer und ärztlicher Lehr- und Fachbücher. Einem breiten Publikum bekannt durch mehrere Sachbücher, u.a. das Standardwerk „Gesundheit für Kinder" und „Kinder verstehen - born to be wild!". Er hat 4 Kinder und lebt mit seiner Frau in der Nähe von Ravensburg.

31 Kommentare

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  • Paula

    Das sehe ich genauso und habe es erst kürzlich an meinem 3 jährigen beobachtet: einen Tag Fieber ohne Ibo, dann war der Spuk vorbei. Aber was mache ich, wenn ich Medikamente gegen Schmerzen geben will? In manchen Situationen kann ich meinem Kind Schmerzen nicht mehr zumuten? Ich kenne dann nur die Möglichkeit von Ibo oder Paracetamol, was ungewollt das etwaige Fieber mit senkt…

  • Anne Mo

    Vielen Dank für diesen Appell. Unser sehr geschätzter Homöopath sagte vor Jahren auf einem Vortrag „Fieber gehört unter Naturschutz“. So halte ich es seit sechs Jahren mit meinen Kindern und habe damit allerbeste Erfahrungen.

  • Barbara

    Kann man denn nicht tatsächlich an Fieber sterben? Weil das Eiweiß über 42 Grad gerinnt? Ich habe ja immer Panik, dass das Fieber meines Sohnes, während ich schlafe, auf über 42 klettert. Und da ich nicht alle 30 min. messen kann in der Nacht, gebe ich ihm ab 39,5 eben doch Paracetamol.

    • Geli Mango

      Der Körper reguliert die Temperatur bei Fieber hoch und dann wieder runter. Das ist ein geregelter Verlauf. Ein an sich gesunder Körper erhöht bei einem Infekt nicht die Temperatur auf eine Höhe, die tödlich ist. Wenn ein Körper die Temperatur nicht regulieren kann, dann ist das für sich gesehen ein Krankheitsbild. Dieses Krankheitsbild tritt aber extrem selten auf. Dem liegen z.b. neurologische Störungen oder die Aufnahme von Medikamenten/Drogen zu Grunde, dir dazu führen, dass der Körper dir Körpertemperatur nicht regulieren kann.

      Oder in den Worten von Wikipedia im Artikel „Fieber“:
      „Bei einer akuten Fieberreaktion steigt die menschliche Körpertemperatur (insbesondere bei Kindern) schnell bis zu Werten zwischen 40 und 41,4 °C an, jedoch fast nie darüber hinaus,[19] unabhängig von der Fieberursache oder dem Ort der Temperaturmessung.[20][21] Der Körper muss also unter normalen Bedingungen in der Lage sein, eine Fieberreaktion regulatorisch wirksam zu begrenzen, bevor sie durch sich selbst gefährlich wird. Wenn dies nicht der Fall wäre, hätte sich das Phänomen der Fieberreaktion nicht evolutionär durchsetzen können.“

    • Herbert Renz-Polster

      Das ist eine sehr gute Frage, ich beantworte sie, indem ich Ihnen einen Abschnitt aus meinem Elternratgerbe „Gesundheit für Kinder“ abschreibe, ja? (Gesundheit für Kinder, 10. Auflage, Seite 157 und 158):

      Fieber hat einen schlechten Ruf. Auch die literarische Bearbeitung des Fiebers, etwa in Goethes Ballade »Der Erlkönig«, setzt Fieber in ein geradezu unheimliches Licht: »In den Armen, das Kind – war tot«, so endet dieses spannende Gedicht über die Fieberträume des Kindes und das atemlose Ringen seines Vaters. Was im »Erlkönig« nicht erwähnt wird, ist die zugrunde liegende Erkrankung des Kindes – hatte es eine Hirnhautentzündung? Einen durchgebrochenen Blinddarm? Denn Fieber ist immer nur eine (das Immunsystem unterstützende) Begleiterscheinung und für sich selbst genommen nur in Ausnahmefällen krankhaft.
      Die Höhe des Fiebers sagt wenig über die Gefährlichkeit der zugrunde liegenden Erkrankung aus. Deshalb ist die An­ga­be genauer Grenzwerte (etwa »zum Kinder­arzt ab 39 °C Fieber«) schwierig. Achten Sie eher auf die Zeichen der Krankheit als auf die Höhe des Fiebers.

      Je höher, desto schlimmer?
      Oft wird vermutet, eine Krankheit sei umso schlimmer, je höher das Fieber ist. Dies stimmt pauschal nicht. Viele relativ harmlose Infektionskrankheiten gehen mit hohem Fieber einher (etwa das Dreitagefie­ber), während andere, weit gefährlichere In­fek­tionen zu vergleichsweise mildem Fieber führen (etwa Herzbeutelentzündungen oder manche Gehirnentzündungen). Sehr schwer verlaufende Infektionen wie etwa die Sepsis (Blutvergiftung) gehen manchmal sogar mit Normal- oder gar Untertemperatur einher. Die Vorstellung, ab einer gewissen Höhe des Fiebers seien spezielle Schritte (etwa der Gang zum Kinderarzt) erforderlich, stimmt deshalb als pauschaler Rat nicht.

      Vom Fieber zu unterscheiden ist die Überhitzung (Hyperthermie). Hierbei handelt es sich ebenfalls um eine Erhöhung der Körpertemperatur, allerdings wird sie nicht durch Entzündungen ausgelöst, sondern durch eine zu starke Hitzezufuhr von außen (etwa beim Sonnenstich) oder aber durch – sehr seltene – Muskelerkrankungen. Bei Letzteren, auch als maligne Hyperthermie bezeichneten Form entgleist bei erblich veranlagten Menschen der Stoffwechsel in der Muskulatur nach Gabe bestimmter Narkosemittel. Die Muskulatur bildet dadurch extrem viel Wärme – dadurch kann die Körpertemperatur bis über 42 °C ansteigen.

  • Friedo Pagel

    Sehr interessant.
    Dazu zwei Anmerkungen, worüber man im Zusammenhang dieses Artikels auch mal nachdenken könnte:

    – Vorhin in Harald Leschs Kosmos erwähnte er die Hypothese, dass das außerordentlich gute Immunsystem der Fledermäuse Folge ihrer erhöhten Flugtemperatur von 41°C sein könnte.

    – Dann noch ein lang lang ist’s her. Ich war 12 Jahre lang in der ADHS Selbsthilfe aktiv (habe damals z.B. auch das Buch von Thom Hartmann angeschleppt und mit-übersetzt). Und damals haben viele Eltern berichtet, dass bei Fieber die ADHS Symptome ihres ADHS-Kindes deutlich nachlassen, ohne dass diese Kinder dabei dann die Erschöpft-heit bei Fieber, wie ihre nicht-ADHS Geschwister, gezeigt hätten.

  • Stefanie Zehender

    Danke für den aufschlussreichen Artikl. ?Mich begeistert mnerwieder Ihr Ansatz, das Vertrauen in die Natur und ihre sinnvolle Erscheinungen..
    Ich habe eine Frage. Kann Infrarot den Heungsprozess unterstützen. Wir haben als Heizung Infrarotblatten. Neulich hatte ich starke Bronchitis und habe mich davorgesetzt, weil die Wärme als posituv emofand. Gibt es einen Unterschied zur noralen Bettflasche die auch linderung bracgte. Könnte Infrarotwärme besser oder schlechter sein.?

    • Herbert Renz-Polster

      Interessante Frage. Infrarot-Strahlung erwärmt oberflächlich, ein Teil der Strahlung (IR-A) dringt aber immerhin 5-6 mm tief, damit sind eine bessere Durchblutung und Wohlfühleffekte verbunden. Direkt heilend bei einer Bronchitis wird das nicht wirken. Es gibt allerdings Studien, die zeigen, dass allein das Einblasen heisser Luft in die Nase bei einer Erkältung für eine schnellere Heilung sorgt. Ob Infrarot besser oder schlechter wirkt als eine Bettflasche weiss ich nicht! Lg
      HRP

  • Welli

    Dankeschön!

    Unsere privat durchgeführten empirischen Studien an Kindergarten und Schule belegen das Aufgezeigte überdeutlich.

    Ich verkürze:

    Kinder, deren Eltern schnell zu diesen medikamentösen Behandlungen greifen, sind dauernd kränklich und weniger robust. Leider.

    Und leider sind die Eltern uneinsichtig. Dahinter stecken manchmal Ängste. Und eben massiv kommunizierte Fehlinformationen – auch seitens der Experten.

    Umso wertvoller Ihr Beitrag lieber Dr. Renz-Polster.

  • Alina

    Danke für den Artikel. Können Sie bitte noch ergänzen, dass sich mit jedem Grad erhöhte Temperatur die Antikörper verdoppeln? Das macht noch mal zusätzlich sehr deutlich wie wichtig Fieber ist.

  • Klaus Peter

    Leider bekomme ich seit 30 Jahren kein Fieber mehr, auch wenn ich schwer krank im Bett liege. Ich sehne mich in solchen Zeiten richtig danach. Vielleicht gibt es ja einen Trick?

    • Herbert Renz-Polster

      Mit Tricks wäre ich vorsichtig 😉
      HRP

  • Alexander Schestag

    Was fehlt, ist der wichtige Punkt, dass sehr hohes Fieber per se aber auch lebensbedrohlich ist und dann eingegriffen werden MUSS. Mag sein, dass sich Polioviren bei 40-41° C 200x langsamer vermehren. Aber 41 ist ein systemisch gefährlicher Wert. Ab 42° C gilt Fieber als tödlich!

    • Herbert Renz-Polster

      Danke. Infektionsbedingtes Fieber hat eine Obergrenze, es kommt hier nicht zur „Verkochung“ des Gewebes. Dies kommt im Rahmen einer malignen Hyperthermie vor, hier entgleisen die Temperaturen bis zu tödlichen Werten.
      Auch 38 Grad kann „systemisch gefährlich“ sein, es kommt auf die zugrunde liegende Infektion an.
      Ich habe in meinem Beitrag nicht gesagt, dass Fieber nicht gesenkt werden darf, ich habe Indikationen dafür beschrieben. Mir ging es um die routinemäßige Senkung. Hierfür gibt es keine klaren Angaben von Höchstwerten, manche Kinder mit 41 Grad Fieber geht es besser als anderen mit 38.
      Hatte eine ähnliche Frage so kommentiert: https://www.kinder-verstehen.de/mein-werk/blog/corona-und-fiebersenkung-sind-wir-noch-bei-trost/#comment-36137
      Danke!
      HRP

  • Anna

    Hallo Herr Renz-Polster,

    vielen Dank für den gut recherchierten Artikel. Ich habe ihn in meinem Netzwerk weiter geteilt.

    Falls Sie Kapazitäten haben, würde ich mich sehr über einen Artikel zu Vitamin C freuen. Gerade bei Freunden der Alternativmedizin wird Vitamin C zur Zeit sehr gehypt. Dazwischen mischen sich Meldungen, die chinesischen und amerikanischen Krankenhäuser setzten Vitamin C ein, um Corona zu behandeln. Über eine kritische und fundierte Stellungnahme dazu würde ich mich sehr freuen.

    Ebenso werden gerade alle möglichen Arten von Nahrungsergänzungsmitteln angepriesen, denen geradezu wundersame Heil- und Präventionskräfte zugeschrieben werden, auch in Bezug auf Corona.

    Ich halte diese Art von Fehlinformationen für fatal, denn so geben Menschen nicht nur unnötig Geld für wirkungslose Mittel aus, sondern verzichten in ihrer Sorglosigkeit ggf. auf bestimmte Maßnahmen zur Ansteckungsprävention, weil sie sich „unverwundbar“ fühlen.

    Vielen Dank für ihr Engagement.

  • Marianne Rudolph

    Hallo Herr Renz-Polster, ich fiebere bei Krankheiten meist gar nicht, reagieremeist nur mit ein wenig Schüttelfrost. Wie kann das sein? Arbeitet mein Immunsystem normal?

    Außerdem noch eine Frage zu den Kindern: in welcher Situation ist eine medikamentöse fiebersenkung denn angebracht? meine kinderärztin rät immer dazu, wenn das kind leidet, schlapp ist, nicht schlafen kann. das habe ich bisher so gehalten. jetzt habe ich ein schlechtes gewissen.

    vielen dank und viele grüße
    marianne

    • Herbert Renz-Polster

      Nein, Sie müssen kein schlechtes Gewissen haben, die meisten Erreger sind ja nicht nachtragend 😉 Und SARS-CoV-2 bei Kindern ja auch nicht.
      Ich halte es anders – schlapp sein ist „Krankheisverhalten“, ich habe beschrieben, welche Funktion es hat. Und gegen „Leiden“ gibt es ja auch einige nicht.medikamentöse Strategien, an die ich mich heute noch gerne erinnere.
      Auch ist es was anderes ob man bei einer Erkankung mal ausnahmsweise dem Kind Mittel gibt oder das zum „Must-Do“ gehört.

  • Richard

    Hallo Herr Renz-Polster,
    in Ihrem Beitrag schreiben Sie über Fieber Senker und Fieber Erhöher (zumindest wie es früher gemacht wurde).
    Laut Ihrer Aussage spielen die Wadenwickel in einer anderen Liga. Wie genau ist das zu verstehen?
    Da Fieber die Krankheitsdauer oft verringert und ggf. auch vorbeugend hilft, wie verhält es sich in dem Zusammenhang mit einer Fiebersauna (saunieren bei 40° Celsius)?

    • Herbert Renz-Polster

      Danke. ich habe das in der Fußnote erklärt. Einfach drauf klicken 😉
      Fiebersauna: da kenne ich mich nicht aus, sorry!

  • Egon Heger

    Der Begriff Zytokinsturm ist mir erstmals in Zusammenhang mit den fatalen Folgen eines großflächigen Befalls des Lungengewebes mit COVID-19, den Zellzerstörungen durch den Virus und den daraufhin einschießenden Entzündungsbotenstoffen begegnet. Die dadurch hervorgerufene Temperaturerhöhung des verbliebenen gesunden Lungengewebes schwächt oder zerstört dieses, der Patient wird beamtmungspflicht oder verstirbt
    Insoweit teile ich zwar den grundsätzlichen Ansatz nicht jedes Fieber gleich zu bekämpfen, bei COVID-19 jedoch meine ich jedoch, dass der Zytokinsturm unbedingt abgeschwächt werden muss, dies durch Immunmodulatoren und im Zweifelsfall sogar durch Immunsuppresiva. Letzteres mag zwar wieder zu dem Risiko aufsattelnder bakterieller Infektionen führen, aber nur bei einem toten Patienten ist dieses Risiko Null

    • Herbert Renz-Polster

      Zunächst einmal gilt es ja einen „Zytokinsturm“ zu verhindern, und eine adäquate Abwehrbereitschaft des Immunsystems ist dafür Voraussetzung. Hier kann Fieber unterstützend wirken. Im Falle eines septischen Schocks auf Intensivstation geht eine äußere Kühlung (also thermisch, nicht mechanisch induzierte) Hypothermie mit einem besseren Überleben einher. Mein Artikel bezog sich auf den häuslichen Umgang mit einer Infektion durch z.B. Influenza, aber auch SARS-CoV-2). Lg
      HRP

      • Egon Heger

        Vielen Dank für die Stellungnahme – wir sind uns insoweit einig. Herzlichen Dank für Ihre solide Recherchearbeit und Einordnung der Fakten in dieser irrationalen Zeit. Chapeau! Schöne Grüße Egon Heger

  • Bernie

    Hallo,
    sehr interessanter Artikel. Halte das bei meinen Kids auch so…erst mal fiebern lassen und gucken…meist hat es sich dann eh erledigt?.
    Was mich noch interessieren würde, im Unterschied zu Kindern fiebern Erwachsene seltener und ,kämpfen‘ mehr mit damit. Ein Kind läuft mit 38 – 38,5 C noch munter durch die Gegend. Als Erwachsener liegt man da schon flach. Kann man als Erwachsener trotzdem das Fieber so hoch steigen lassen wie bei Kindern und auch ggfs. über Tage?

  • K. Buthke

    Ich kann diesen Beitrag zur Fiebersenkung nur begrüßen. Dies bezüglich ist nichts mehr hinzu zufügen Danke, Herr Dr. Renz-Polster.
    Es ärgert mich maßlos, dass in dieser „wunderbaren Sorgfalt“ die Regierung und die Mediziner in den entscheidenden Positionen nicht alle Register ziehen. Es gibt so wunderbare Mittel, welche die Verbreitung von Erregern so wirkungsvoll verlangsamen (als HP gesprochen: das Immunsystem stärken), z.B.
    Angocin, Infludoron, Fieber, die richtige Teemischung,… um nur einige zu nennen. Wer sich auf die Fahnen schreibt aus Sorgfaltspflicht für die Bürger zu handeln sollte aufhören die Komplementärmedizin abschaffen zu wollen (EU). Der sollte endlich Schluss damit machen so zu tun als gäbe es nichts Hilfreiches außer es kommt von der Allgemein Medizin. Man könnte so schön zusammen arbeiten, HP und Arzt und alle anderen. FÜR die Menschen. Aber auch das ist per Gesetz verboten, zumindest was HP und Arzt angeht.
    Aber all das brauchen wir ja nicht. Im Fake News Zeitalter wissen wir ja was Wahr und was Falsch ist. (Sarkasmus)

    Für alle Eltern: Aus der „Praxis“ für die Praxis: Elternsprechstunde und Kindersprechstunde im Urachhaus Verlag. Dauer-Nachschlagewerke. Zu Risiken und Nebenwirkungen, wenden sie sich an ihren Arzt und Heilpraktiker.

    Eine inspirierende Auszeit und viele kluge und neue Ideen,
    Ihr Heilpraktiker 🙂

  • Vanessa

    Aber wenn Fieber gut ist, soll man auch auf Wadewickel und co verzichten, oder?

    • K. Buthke

      Nein,meiner Meinung nach es geht nicht um ja oder nein, sondern wann. Neben warmen oder kalten Waden als Kriterium, ist es eben immer auch eine Individuelle Entscheidung.
      Im falle der Unsicherheit kann es nie Schaden den Onkel Dr. oder den Heilpraktiker zu kontaktieren

  • Zuzsa

    Meine Kinder (1 und 3 Jahre) sind immer total aufgekratzt, wenn sie Fieber haben und kommen nachts überhaupt nicht zur Ruhe. Wenn ich ihnen ein Schmerzzäpfchen gebe, schlafen sie deutlich besser. Deswegen gebe ich ihnen öfter eins, da ich denke, dass es Schlaf braucht, um gesund zu werden. Oder ist der Gedanke falsch?

    • Herbert Renz-Polster

      Ja das ist eine gute Frage. Denn guter Schlaf ist ja auch eine Unterstützung des Immunsystems. Vielleicht ist es ein vertretbarer Kompromiss, könnte sein, ich weiss es nicht! Danke
      HRP

  • Peter Feuerstack

    Hervoragender Beitrag. Ein amerikanischer Kollege von Ihnen ist auf der gleichen Spur und zeigt erstaunliche Ergebnisse aus der Zeit der spanischen Grippe wenn eine Wärmebehandlung angewendet wurrde:
    https://www.youtube.com/watch?v=H1LHgyfPPQ8

    • Herbert Renz-Polster

      Ach, das ist ja interessant. Auch weil hier ein Wisenschaftler tatsächlich mit Hypothesen run um die Rolle des Fiebers auseinandersetzt.
      Seine Argumentation: Das SARS-CoV-2 ist möglicherweise an hohe Körpertemperaturen gewohnt wie sie in Fledermäusen wohl immer wieder vorkommen. Er fragt sich deshalb, ob Fieber bei einer COVID-19 Erkrankung bei der Bekämpfung des Virus überhaupt helfen kann.
      Was er außer acht lässt ist, dass Fieber auf gleich DREI Wegen das Immunsystem unterstützt (ich habe es in meinem Beitrag detaillert beschrieben):
      A
      Fieber löst unser „Krankheitsverhalten“ aus, schickt uns also in den Schutz- und Ruhemodus, der uns hilft unsere Kräfte für die Abwehr zu schonen.
      B
      Zum zweiten wirkt das Fieber DIREKT, also thermisch, gegen die Krankheitserreger (also auf die angreifenden Viren, Bakterien oder Pilze). Manche Erreger können sich nämlich bei höheren Temperaturen schlechter vermehren, darunter viele Viren. (Offenbar gehört aber SARS-COV-2 nicht zu dieser Gruppe, wenn sich die Herkunft aus der Fledermaus bestätigt und dort ähnliche Bedingungen herrschen wie bei eine „menschlichen“ Fieber)
      C
      Zum dritten unterstützt Fieber die Arbeit des Immunsystems über die durch die Infektion ausgelöste Entzündungskaskade. Durch die Entzündungsreaktion werden Botenstoffe gebildet, die verschiedene „Arme“ des Immunsystems aktivieren (jetzt wandern zum Beispiel deutlich mehr Abwehrzellen zu den infizierten Geweben, dadurch wird die Bildung von Antikörpern begünstigt. Auch werden die „Fresszellen“ des Immunsystems bei höheren Temperaturen leistungsfähiger).

      Diese Reaktion ist nicht einfach thermisch ausgelöst sondern eine Folge der Entzündungsreaktion. Und die dürfte im menschlichen Wirt – anders als in der Fledermaus, die ja nicht erkrankt – tatsächlich eine Rolle bei der Unterstützung der Immunantwort spielen.

      Danke, sehr interessant!

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