Kommentar27. August 2020

Corona und die Schulen: Was, wenn das so weitergeht?

Wenn wir einmal mit dieser Pandemie durch sind, werden uns ein paar denkwürdige Diskussionen in Erinnerung bleiben. Die um die Schulöffnungen ist eine davon. Aus gutem Grund: Hier treffen sich die unterschiedlichsten Interessen - die der Kinder, der Eltern, der Lehrerschaft, der Arbeitgeber, der Politik... der ganzen Gesellschaft eben. Kein Wunder endet das in einem echten Durcheinander. Vordergründig geht es dann um Gesichtsmasken, Hygienekonzepte, Verordnungen und Stundenpläne. Dahinter aber steht ein größeres Thema: Wie, um alles in der Welt, wird es weiter gehen?

Eine Interessens-Pandemie

Die Debatte um die Schulöffnungen ist von Leidens-Appellen geprägt: Die Kinder leiden, und wir Eltern auch. Tut endlich was! Das ist verständlich: Wer, wenn nicht die Eltern, sollen sich für die Interessen der Kinder einsetzen? Natürlich käme auch die Politik für diese Rolle in Frage. Nur, die ist einem weiteren Leidens-Narrativ ausgesetzt, nämlich dem der Wirtschaft: Nie wieder Lockdown, heißt dort die Devise. Und sie wird beileibe nicht nur von Großkonzernen ausgegeben, sondern auch vom Gemüseladen um die Ecke, von Restaurantbetreibern oder Künstlern (die allesamt manchmal auch gleichzeitig Eltern sind…).

Kurz, die Pandemie ist auch eine Interessens-Pandemie: Welche Strategie wird den vielen Leidenden und Fordernden am besten gerecht?

Ich will im Folgenden zeigen, wie diese Abwägungsfragen mit der Schulöffnungsdiskussion zusammenhängen und warum sie diese so unbefriedigend machen. Und ich will zeigen, was diese Abwägungen mit einer Wette auf die Zukunft zu tun haben, die wir als Gesellschaft längst eingegangen sind.

Typisch Corona – alles hängt mit allem zusammen, wir haben es nur noch nicht verstanden

Ich verbringe seit Monaten viel Zeit mit „Coronafragen“ – auch weil ich mein E-Book dazu immer aktuell halten will. Und da ist eines offensichtlich: Irgendetwas hat sich geändert in den letzten Wochen. Die WHO spricht auf einmal von einer „langwierigen“ Pandemie, die uns womöglich „auf Jahrzehnte“ beschäftigen werde. Auf Jahrzehnte. Und sie weist jetzt immer wieder darauf hin, dass es eine „silver bullet“ gegen das Virus vielleicht nie geben werde. Wie bitte? Werden nicht immer neue Erfolgsmeldungen zu Impfstoffversuchen verkündet? Warum jetzt auf einmal dieser Pessimismus?

„Im Moment gibt es kein Allheilmittel, und vielleicht wird es nie eines geben.“  (Tedros Adhanom Ghebreyesus, Chef der WHO, am 3.8.2020)

Wissenschaft im Niemandsland?

Dass Schulöffnungen wenig mit dem Stand der Wissenschaft, viel aber mit dem Stand der Epidemie zu tun haben, lässt sich an einem Blick in die USA klären – die Schulöffnungen im Herbst entfallen in vielen Bundesstaaten (nach 6 vollen Monaten Schulpause). Und kaum jemand regt sich groß darüber auf. Oft ist der Korridor bis zur Dezimalstelle politisch definiert:

„New York City will reopen its schools only if the city maintains a test positivity rate below 3 percent.“ (New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio)

Also: Nur wenn weniger als drei Prozent der Corona-Tests in New York positiv sind, macht der Bürgermeister die Schulen wieder auf. Wie bitte? Sollte nicht die Wissenschaft das Sagen haben in dieser Frage? Sie wird ja händeringend dazu befragt, welche Rolle Kinder bei der COVID-19 Epidemie spielen: Bremser oder Treiber? Ich selbst habe mich mit meinen Kollegen vom Mannheimer Institut für Public Health an dieser Frage beteiligt. (hier eine deutsche Übersetzung).

Nur: die Antwort (unsere eingeschlossen) ist unbefriedigend. Sie beinhaltet nämlich einige Unsicherheiten: a) eine unstrittige Antwort auf die Übertragungsfrage gibt es nicht, weil sich die Datenlage mit dem Fortschreiten der Epidemie ändern kann; b) die Antwort ist altersabhängig (und wo genau die Altersgrenze verläuft, weiß bisher kein Mensch); und c) die Antwort hängt auch von den Randbedingungen ab – wahrscheinlich lassen sich die Einrichtungen bei niedrigem Infektionsdruck leichter betreiben als bei hohem Infektionsdruck.

Kurz, da kommen die äußeren Umstände mit ins Spiel:

  • der Stand der Epidemie. Also die Frage: Wie aktiv wird das Infektionsgeschehen sein, wenn die Schulen und Kitas dann wieder laufen? Das ist vielleicht die wichtigste Frage, denn bei hohem Infektionsdruck kommen selbst gute schulische Pandemiepläne an ihre Grenzen.
  • die Qualität der schulischen Pandemiepläne. Also die Frage: Wie gut wird es den Bildungseinrichtungen gelingen, Übertragungen zu verhindern? Und das möglichst ohne die Kinder in ein Korsett einzuschnüren, das ihrer Entwicklung schadet?
  • die politischen Vorgaben. An diesen Vorgaben wird sich entscheiden, wie die Notfallpläne bei Ansteckungen aussehen werden. Und eben generell, welches Risiko die Gesellschaft in Kauf nehmen wird, um die Einrichtungen am Laufen zu halten – trotz Infektionen.

Dabei darf der dritte und der zweite Punkt durchaus zusammengedacht werden. Denn wie der Infektionsschutz in den Schulen dann ausgelegt werden wird – wie also die komplexe Gratwanderung  zwischen Ansteckungsvermeidung und kindlichen Bedürfnissen in der Praxis aussehen wird – auch das wird teilweise von den politischen Vorgaben abhängen.

Weil die politischen Vorgaben im Grunde der Knackpunkt der Schulfrage sind, sollten wir deren Hintergrund genau verstehen.

Die Pandemie-Politik verstehen

Die Pandemie und ihre Bekämpfung lief in mancherlei Hinsicht anders als erwartet. Man erinnere sich an die Devise der ersten Pandemie-Welle: flatten the curve! Also: Ergreift Maßnahmen um die Ausbreitung der Epidemie so zu verlangsamen, dass die Krankenhäuser nicht über ihre Kapazitätsgrenzen kommen!

Fünf Monate später und Hunderte von halb leeren Intensivstationen weiter sind wir in Deutschland aber in einem anderen Film gelandet: Wir steuern die Epidemie (wie in einigen wenigen anderen Ländern auch) längst nicht mehr mit Blick auf die Krankenhauskapazitäten. Vielmehr haben wir jetzt die Kapazitäten der Gesundheitsämter im Blick: Die Infektionszahlen sollen so tief bleiben, dass eine individuelle Nachverfolgung von Ansteckungen noch möglich ist. Auf diese Weise, so die Hoffnung, liessen sich lokale Ausbrüche immer wieder durch Quarantänemaßnahmen so weit „einfangen“, dass es zu keiner unkontrollierten Ausbreitung und „Wellenbildung“ kommt.

Von dieser Strategie versprechen sich die Verantwortlichen, ohne massenhafte Erkrankungen und mit möglichst wenigen Todesopfern über die Runden zu kommen – bis zum Beispiel ein Impfstoff verfügbar ist oder sonstwie ein „game changer“ auftaucht, der die Pandemie beendet… Vor allem aber soll diese Strategie garantieren, dass nicht wieder die „Hammer“-Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie zum Einsatz kommen müssen. Ein Lockdown etwa.

Kein Diskussionsbedarf?

Interessant an dieser neuen Strategie ist vor allem das: Dass sie der Öffentlichkeit kaum kommuniziert und begründet wurde. Viele Bürger sind derzeit ja widersprüchlichen Botschaften ausgesetzt: Einerseits sind täglich die mit tiefen Sorgenfalten vorgebrachten Ermahnungen zu hören, gerade jetzt doch bitte vernünftig zu sein! Andererseits aber sind da die niedrigen Infektionszahlen, die leeren Krankenhäuser, und dann auch noch der Vergleich zu anderen Ländern, die wirklich Probleme haben. Und der ersehnte Impfstoff ist angeblich auch schon gesichtet worden, gleich um die Ecke, Putins Tochter hat ihn angeblich schon intus.

Da scheint die Frage doch berechtigt: Warum die Panik? Jedenfalls, dass es inzwischen immer mehr Bürger (auch ganz „normale“ Bürger) dort draussen gibt, die allmählich vom Corona-Glauben abfallen, finde ich nachvollziehbar – auch wenn mir persönlich diese Entwicklung große Sorgen macht, weil sie zu Irrationalität, Emotionalität und einem vergifteten gesellschaftlichen Klima führt (ich weiss, wovon ich rede – ich habe auf meine ersten Blogbeiträge zur Pandemie über 1000 großteils hasserfüllte Kommentare bekommen – nur weil ich erklären wollte, dass COVID-19 gefährlicher ist als die Grippe).

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Sollen wir jetzt nicht mal endlich entspannen?

Aber wir wollten von den Schulen reden. Wir sind dabei. Denn tatsächlich spielt sich die Schuldiskussion vor genau dieser Kulisse ab: In einem Film, dessen Ende wir nicht kennen. Die einen spekulieren auf ein happy end, die anderen warnen vor den tragischen Szenen, die vielleicht bald schon kommen.  Die einen raten zu einem lockeren Umgang mit der Schulfrage, die anderen zu extremer Vorsicht.

Beide Meinungen aber sind im Grunde nichts anderes als Wetten auf die Zukunft: Wie wird es weiter gehen in unserem Film?

Um die Wette zu verstehen müssen wir mit der Vergangenheit anfangen. Am Anfang der Pandemie herrschte in praktisch allen Gesellschaften das pure Chaos – trotz mancher Warnungen und sechs Wochen Vorlaufzeit hatten die wenigsten Länder eine Pandemie auf dem Schirm. Plötzlich waren weit reichende Entscheidungen zu treffen, bei geringer Vorbereitung, wenig verlässlichen Informationen über das Virus und geringer vorhandener Expertise. In Deutschland stieg eine mittlere Bundesbehörde, die sich zuvor viel mit Fuchsbandwurm und Masernimpfung aber wenig mit Pandemiefragen beschäftigt hat, zur koordinierenden Stelle zur Umgestaltung der Gesellschaft auf – und lernt bis heute jeden Tag dazu.

Einig waren sich alle Länder darin, dass zunächst die Epidemie so weit unter Kontrolle gebracht werden muss, dass das Medizinsystem nicht zusammenbricht und vielleicht sogar wieder so etwas wie ein kontrolliertes Steuern der Epidemie möglich wäre. Mit diesem Ziel (und viel Panik) im Auge landeten die meisten Länder bei den bekannten Hämmern: Grenzschliessungen, Abriegelungen, häusliche Quarantäne, Unterbrechung des öffentlichen Lebens, und so weiter.

Aufwachen in unterschiedlichen Welten

Die Gesellschaften landeten nach dem Abflachen der Kurve in sehr unterschiedlichen Positionen. In manchen Gesellschaften verblieb nach Lockerung der Maßnahmen eine vergleichsweise hohe epidemische Aktivität (etwa in den USA oder vielen lateinamerikanischen Ländern – von den Entwicklungsländern ganz zu schweigen, die in dieser Pandemie einen ganz anderen Weg genommen haben als ursprünglich vorausgesagt). In anderen Ländern, teils von geographischen Faktoren oder auch vom Glück begünstigt, sank das Infektionsgeschehen bis auf eine kleine Restaktivität in sich zusammen – Deutschland und Österreich gehören dazu.

Diese Länder bilden heute den Club derer, die sich die oben schon skizzierte, punktgenaue Strategie zur Kontrolle des Infektionsgeschehens „leisten“ können. Sie können die Epidemie derzeit sozusagen auf „Schwelbrand“-Niveau halten, indem neu auftretende Infektionsfälle rechtzeitig entdeckt und isoliert werden. Jeder neu aufflackernde Brandherd wird – bildlich gesprochen – wieder gelöscht bevor er sich ausbreiten kann.

Der Vorteil dieses Modells ist eindeutig: Solange neue Infektionen punktgenau erkannt und isoliert werden können, braucht es weniger von den breit angelegten „öffentlichen“ Maßnahmen zur Infektionskontrolle, die ja immer auch viele Unbeteiligte treffen (man denke an die gravierenden Nebenwirkungen von Abriegelungen, Reisebeschränkungen, oder gar der häuslichen Quarantäne für alle). Solange Länder das Ziel der pandemischen Kontrolle verfolgen, verspricht dieses Modell tatsächlich die geringstmögliche soziale Disruption.

Die Rolle der Politik in dieser Strategie ist die, dass sie bestimmte Zielmarken vorgibt (etwa: möglichst nicht zu überschreitende Infektionszahlen auf Landkreisebene), dass sie die Gesundheitsämter aufrüstet und dann einen beständigen Blick auf die Fallzahlen hält, damit sie die für die breite Bevölkerung geltenden Maßnahmen rechtzeitig anpassen kann. Also etwa Mund-Nasenschutz beim Einkaufen anordnet (oder aber wieder aufhebt), Verbote von Großversammlungen ausspricht (oder aufhebt).

Oder zum Beispiel vorgibt, unter welchen Bedingungen das Bildungssystem wieder geöffnet wird und seiner Arbeit nachgeht.

Alles oder nichts

Woher dann die tiefen Sorgenfalten bei Herrn Wieler? Die vielen Warnungen vor der „zweiten Welle“? Das lässt sich mit Blick auf die internationalen Erfahrungen mit der COVID-19-Epidemie rasch erklären. Die zeigen nämlich eines: Sobald die Epidemie nicht mehr durch individuelle Kontaktverfolgung begrenzt werden kann, beginnt ein neues Spiel. Und es ist kein lustiges Spiel für die Gesellschaft. Weil die Infektionszahlen rasch ansteigen, müssen die breit angelegten Maßnahmen eskaliert werden – damit aber steigen die sozialen und wirtschaftlichen „Kosten“ der Pandemie exponentiell an.

Alles oder nichts, scheint die Devise zu sein. Control or bust. Es gibt keinen Mittelweg. Beziehungsweise: Natürlich gibt es einen Mittelweg, aber er kann Gesellschaften zu Fall bringen. Derzeit zu besichtigen in den USA.

So wie viele Experten es einschätzen, entscheidet sich in den nächsten Monaten auch in Deutschland genau das: Control or bust. Kein Wunder liegt eine gewisse Nervosität in der Luft. Ja, die Lage ist derzeit komfortabel – aber es gibt da ein paar Fragezeichen: Was, wenn das Infektionsgeschehen wieder zunimmt? Wenn die Infektionen etwa unerkannt in die breite Bevölkerung „diffundieren“, wie die Meldungen von steigenden Infektionszahlen derzeit vermuten lassen (auch wenn die gemeldeten Zahlen derzeit etwas unscharf sein dürften)? Dann ist die Strategie der individuellen Nachverfolgung vielleicht dahin. Dann lodert der Schwelbrand vielleicht an zu vielen Stellen auf, als dass die Neu-Infizierten allesamt erkannt werden können. Dann frisst sich das Infektionsgeschehen ungehindert weiter.

Dann muss nachjustiert werden (dass dies in Deutschland möglicherweise ansteht, ist abzulesen an Brandbriefen wie sie Prof. Drosten derzeit der Politik widmet). Etwa indem die individuelle Nachverfolgung vereinfacht, aber dabei leider eben auch „vergröbert“ wird, um sie effizienter zu machen (eine Initiative, die derzeit auch Prof. Lauterbach einfordert).

Aber was heisst das alles für die Schulen und Kitas?

Ich will versuchen das aus den Szenarien herzuleiten, die sich aus der jetzigen – Sorgenfalten hin, Sorgenfalten her – sehr kommoden Ausgangslage ergeben könnten. Dabei ist mir bewusst, dass die Prognosen spekulativ sind. Schliesslich weiß derzeit kein Mensch, auf welche Art diese Pandemie einmal zum Stillstand kommen wird (hier herrscht nach meiner persönlichen Einschätzung derzeit ein recht üppiger, aber irgendwie auch verständischer und allein deshalb schon rührender Optimismus vor).

Szenario 1 Alles läuft gut

Eindeutig, der Idealfall. Und tatsächlich spricht manches dafür, dass er sich erfüllen könnte. Ob er auch für die Eltern und Kinder aufgeht?

Das Szenario jedenfalls geht so: Die Infektionszahlen steigen weniger stark an als derzeit befürchtet, und die Länder mit den niedrigen Infektionszahlen können ihre Strategie der individuellen Nachverfolgung erfolgreich beibehalten – und zwar ohne dass die Politik die Daumenschrauben öffentlicher Einschränkungen wieder anziehen muss. Kurz, der Infektionsdruck bleibt niedrig. Dadurch kommt es in den Schulen relativ selten zu Eintragungen von Infektionen – und entsprechend selten muss der Schulbetrieb wegen individueller Quarantäne oder aber aus vorsorglichen Erwägungen unterbrochen werden.

Trotzdem aber dürften die Auflagen für die Schulen und Kitas recht hoch sein: Achtet bitte ganz doll darauf, dass Ihr uns diese Kiste nicht vermasselt, dürfte die Devise der Politik lauten. Und wehe, es kommt zu Infektions-Clustern in den Einrichtungen (also zu massenhaften Übertragungen innerhalb der Einrichtungen). Die Anforderungen an die Hygienemaßnahmen in den Einrichtungen dürften also hoch sein, möglicherweise so hoch, dass ein Regelbetrieb in voller Klassenstärke nicht möglich sein wird.

Meine Voraussage für dieses Szenario: relativ seltene Schul-Schliessungen, dafür eingeschränkter Dauerbetrieb unter zeitweise recht strengen (aber leider nicht allein schon deshalb auch immer effektiven) Auflagen zur Infektionskontrolle. Zentrale Bedeutung wird unter diesen Vorgaben der klugen Planung der pandemischen Schule bzw. Kita zukommen (wir reden gleich darüber).

Szenario 2 Alles läuft mäßig, also schlecht

Während alle Experten hoffen, dass die Länder mit niedriger epidemischer Aktivität diesen Status so lange halten können bis ein „game changer“ am Horizont erscheint (etwa die perfekte Impfung), gehen manche von ihnen davon aus, dass diese Hoffnung langfristig nicht in Erfüllung gehen wird. Sie vermuten, dass die Pandemie unter den menschlich-allzumenschlichen Bedingungen einer freien und offenen Gesellschaft nicht auf Dauer auf Schwelbrand-Niveau zu halten sein wird.

Dann wären wir wieder in einem neuen Film:  Die Infektionszahlen steigen an, womöglich vor allem angeschoben vom jüngeren Teil der Bevölkerung, der sich dauerhaft ja verständlicherweise am schwersten mit den vorbeugenden Maßnahmen zur Infektionskontrolle tut. Vielleicht spielt auch ein zunehmender Zulauf zu den Fundamentalkritikern der Pandemiemaßnahmen eine Rolle. Vielleicht stellt sich auch heraus, dass sich der Infektionsdruck etwa aus Nachbarländern mit höherer Inzidenz nicht so leicht zurückhalten lässt.

Manche Länder werden dann versuchen, dieser Entwicklung durch Einschränkung von Freiheitsrechten entgegen zu treten. Kluge Länder werden das eindeutig vermeiden wollen, weil es der Eintritt in eine Spirale wäre, die keine Gesellschaft gewinnen kann, wenn sie frei und offen bleiben will.

Alle betroffenen Länder aber werden in diesem Szenario die populationsbezogenen Maßnahmen zur Pandemiekontrolle hochfahren müssen – wie das in etwa aussehen könnte, lässt sich derzeit in den verschiedenen Bundesstaaten der USA besichtigen. Zumindest zeitweise werden also wieder starke Begrenzungsmaßnahmen angeordnet werden, zunächst unterhalb der „Lockdown“-Stufe, später wäre aber vielleicht sogar ein Lockdown nicht auszuschliessen, etwa wenn die Krankenhauskapazitäten in Gefahr geraten.

Pandemie-Chaos = Schul-Chaos

Für die Schulsituation bedeutet dieses Szenario nichts Gutes. Denn vorauszusehen ist, dass es immer wieder zu Eintragungen von Infektionen in die Schulen, aber auch in die Kitas kommen wird (nach meiner Einschätzung werden die Infektionen in den Kitas und Grundschulen meist von den Erwachsenen ausgehen und Ansteckungen ausserhalb der Einrichtungen widerspiegeln, in den weiterführenden Schulen werden die Infektionen teilweise aber auch von den Jugendlichen eingetragen und in der Schule weiter gegeben, insbesondere wenn deren pandemisches Konzept zu wünschen übrig lässt, was ich erwarte). Entsprechend oft wird also das Bildungsprogramm ausgesetzt oder auf Distanz durchgeführt werden müssen (auch hiervon werden möglicherweise die weiterführende Schulen stärker betroffen sein als Grundschulen und vor allem Kitas). Auch vorbeugende Schul- und möglicherweise auch Kita-Schliessungen können in diesem Szenario vorkommen, insbesondere wenn epidemische Wellen entstehen, bei denen die Krankenhauskapazitäten in Gefahr geraten.

Bei diesem Szenario ist ebenfalls – insbesondere mit Blick auf die teilweise lückenhaften pandemischen Konzepte in der real exisiterenden Schullandschaft – nicht auszuschliessen, dass es bei hohem Infektionsdruck zu einem aktiven Transmissionsgeschehen auch an den Schulen kommt und die Politik bei der Anordnung ihrer Maßnahmen vor schwierigen Entscheidungen steht: Welche Teile des öffentlichen Lebens sollen eingeschränkt werden, um den Infektionsdruck vor Ort zu mindern? Hier wäre dann zwar auf eine politische Priorisierung zugunsten der Bildung zu hoffen (lasst uns zuerst die Kneipen schliessen, und erst dann die Schulen). Aber auch mit solchen Priorisierungen könnten die Deiche vielleicht nicht gehalten werden, und es könnte dann auch heissen: Lasst uns die Kneipen UND die Bildungseinrichtungen schliessen – damit die Betriebe offen bleiben können. Zumal Schulen bei sehr häufig vorkommenden Infektionen zu einem Selbstauflösungsprozess neigen, weil in dieser Situaltion dann schlicht und einfach zu viele LehrerInnen und BetreuerInnen gleichzeitig fehlen (von den in Quarantäne geschickten Kindern zu schweigen).

Dieses Szenario habe ich also aus einem guten Grund so benannt: Alles läuft mäßig, also schlecht. Wir sollten es so gut es geht vermeiden, denn an einen verlässlichen Bildungsbetrieb ist in diesem Szenario kaum zu denken.

Whatever it takes

In welchem Szenario wir uns in den nächsten Monaten und vielleicht auch Jahren befinden, entscheidet sich jetzt. Es entscheidet sich auch in den Schulen und Kitas.

Und zwar bei laufendem Betrieb. Denn dass anfänglich die Kitas und Schulen als eine Art epidemiologischer Manövriermasse behandelt wurden, das ist nachvollziehbar. Nur: Inzwischen ist das Preisschild bekannt, das an dieser Strategie hängt – abzubezahlen bis weit in die Zukunft hinein. Eine zivilisierte Gesellschaft kann ihre Zukunft nicht auf Kosten derer erreichen, die diese Zukunft einmal gestalten sollen.

Mit Blick auf die Kitas und Schulen müsste deshalb jetzt eines gelten: Whatever it takes. Also: Wir werden alles unternehmen, das den Kindern ermöglicht regelmäßig und verlässlich eine Bildung zu bekommen, die für die Kinder taugt. Und das bedeutet gleichzeitig: Wir werden die Schulen und Kitas mit Konzepten und Mitteln versorgen, die Übertragungen, so ernsthaft es geht, reduzieren werden. Wir werden sie mit Konzepten und Mitteln versorgen, die ihren Betrieb so weitgehend wie möglich sicherstellen, auch wenn Infektionen auftreten. Und wir werden die Hygienepläne so einrichten, dass der Geschäftszweck der Einrichtungen – die Förderung der Bildung und kindlichen Entwicklung – nicht leidet.

Mit angezogener Handbremse wird es nicht gehen

Bei diesem „Whatever it takes“ wird auch klar, dass wir in mancherlei Hinsicht jetzt die Versäumnisse der Vergangenheit auszubaden haben. Schulen werden den Übergang zur „pandemischen Schule“ nicht mit angezogener Handbremse schaffen und inmitten einer Kakophonie von Ansagen schon gar nicht. Zumal wenn diese sich darum drehen, wie man am besten die alte Schule weiterführen kann, schön dem Lehrplan entlang, plus Hygienekonzept. Wir erleben eine epochale Krise, die Kinder auch. Wir sind ihnen schuldig, dass ihre „Bildung“ mehr ist als sie möglichst schnell wieder über Stöckchen springen zu lassen. Die Kinder sehnen sich jetzt nach Führung in einem echten Sinn: Wir sind für einander verantwortlich, wie halten zusammen, wir sind eine Gemeinschaft. Ihre Welt braucht jetzt viel Sicherheit, teilweise auch Heilung. Sie braucht Angstvertreiber, das Ansprechen von Lebensfragen auch. Dass jetzt möglichst schnell wieder die Mathe-Klausuren laufen ist für ihre Zukunft weniger vorrangig. Ich kann nur hoffen: Lehrer, schaut auf die Kinder.

Aber ich schweife ab. Tatsächlich kommen mir mit Blick auf die sich jetzt abzeichnenden Schulöffnungs-Konzepte in Deutschland ganz ernste Fragen.

  • Für manche Politiker ist die Maskenpflicht zum Allheilmittel geworden. Sie glauben, dass damit die Schule am ehesten wie bisher weiter gehen kann und tiefer greifende Änderungen der schulischen Abläufe nicht nötig sind. Das ist ein Irrtum, der sich rächen wird sobald der Infektionsdruck steigt. Er wird sich aber auch an der Schule selber rächen, an den Kindern und den Lehrern. Übersehen wird nämlich, dass das dauerhafte Maskentragen die Lernfähigkeit von Kindern beeinträchtigen kann, die von manchen Kindern auch schwer. Die Devise „Hauptsache Unterricht!“ mag verlockend sein, aber der Geschäftszweck der Schule ist das Lernen. Niemandem ist geholfen, wenn die Schulen um ihres Betriebes willen laufen, wir brauchen keine Potemkinschen Schulen. Wie wollten sie eigentlich der Kinder wegen öffnen. Infektionsschutz kann deshalb nicht wahllos betrieben werden, er muss pädagogische Mindeststandards respektieren. Auch das spricht dafür, tiefer greifende Änderungen des schulischen Betriebs (wie etwa Verlagerung des Unterrichts nach draussen) ernst zu nehmen.
  • Überhaupt: Warum ist die Masken-Diskussion denn so schrecklich undifferenziert? Warum gibt es dazu so viele pauschale, widersprüchliche und letzten Endes willkürliche Ansagen quer durch die Bundesländer? Wenn man manchen der Empfehlungen oder gar dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Herrn Meidinger, folgt, dann gilt für die Masken ein Alles-oder-nichts-Prinzip. Aber das stimmt nicht. Denn ob das Maskentragen sich lohnt und wo die Balance zwischen Wirkung und Nebenwirkung liegt (und ja, die gibt es, siehe oben!) hängt eindeutig von den Umständen ab. Für Norwegen etwa wurde berechnet, dass derzeit etwa 200 000 Menschen eine Gesichtsmaske tragen müssten, um eine einzige Infektion pro Woche zu verhindern. Anders in einer Notaufnahme, wo Ärzte regelmäßig mit SARS-CoV-2 zu tun haben – natürlich sind Masken dort effektiv. Die Frage muss doch dann immer auch sein: Sind wir epidemiologisch eher bei der „Situation Norwegen“ oder der „Situation Notaufnahme“? Auch kommt es auf die anderen Maßnahmen an: Dort wo eine räumliche Distanzierung möglich ist sind Masken weniger wichtig als dort wo Menschen eng gedrängt sind. Kein Wunder empfehlen meine kinderärztlichen Kollegen von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, die Masken-Regelungen für die Schulen sowohl vom Alter der Kinder als auch vom gerade im Landkreis herrschenden Infektionsdruck abhängig zu machen. Warum wird dieses Konzept nicht von den BildungsministerInnen konsentiert und verabschiedet?
  • Wären Gesichtsvisiere eine Alternative für manche Kinder? Ich höre hierzu vor allem ein Durcheinander von Meinungen – was ich in der Literatur lese ist aber, dass Visiere zwar nicht perfekt sind, aber es mit feuchten DIY-Tüchern durchaus aufnehmen können. Auch nicht perfekte Übertragungsbremsen tragen zum Gesamtergebnis bei. Schon mal acht Stunden am Tag mit Mundschutz verbracht? Immer hoch aufmerksam?
  • Dass der rotierende Unterricht mit einem neuen Lehrer, der alle 50 Minuten in die Klasse kommt, eine epidemiologische Einladung zu Ansteckungsketten ist, ist eine virologische Binse (wenn ein Lehrer positiv gestestet wird, steht ja gleich für die halbe Schule samt Kollegium unter Ansteckungsverdacht). Sobald der Infektionsdruck ansteigt, wird dieses Modell obsolet werden. Nur: Laufen derzeit die Planungen für einen klugen Projektunterricht innerhalb von epidemischen Kohorten? Wenn ich diesen Vorschlag mache, dann höre ich, das erinnere doch sehr an den Epochenunterricht in der Waldorfschule, und das Waldorfkonzept lehne man ab. Ja, das darf man, aber dieses Konzept prägt auch die US-amerikanischen Colleges, und genau dieses Konzept („college-type learning“) wird jetzt von der American Academy of Pediatrics als Teil der pandemischen Schule gefordert.
  • Und die Kitas? Sind große Einrichtungen ohne Aussengelände wirklich pandemisch geeignete Einrichtungen? Ich glaube nicht, aber ich höre auch nicht, dass es jetzt vielleicht um die Bildung kleinerer Einheiten nach dem Muster der Kindertagespflege ginge. Warum nicht? Hätten wir bei letzterem Modell nicht die ideale epidemische Kohorte, bei der die kleinen Kinder auch das bekommen, was beim Stop and Go in größeren Einrichtungen bei hohem Infektionsdruck gleich unter die Räder kommt, nämlich Beziehungskonstanz?
  • Dass die Gestaltung des Lehrerzimmers und überhaupt die Kontakt-Routinen innerhalb der Lehrerschaft und des schulischen Servicepersonals für das Übertragungsgeschehen in der Schule ein entscheidender Knackpunkt ist, auch das ist eine epidemiologische Binse. Nur, breit diskutiert werden nicht die Lehrerzimmer (oder konkret: deren Auflösung, so wie es die  American Academy of Pediatrics fordert), sondern ob die Kinder trotz Abstandsregeln noch zusätzlich eine Maske zu tragen haben oder nicht. Ich sehe dahinter kein ausgewogenes Konzept.
  • Und was die Schulschliessungen angeht. In den letzten Monaten gab es dazu weit reichende Aussagen von Wissenschaftlern, nach denen Schulschliessungen mit die effektivste Art seien um die Epidemie einzugrenzen. Ich kann nicht entscheiden, ob dies richtig ist oder nicht, was ich aber sagen kann ist, dass diese Modellierungen teilweise erhebliche methodische Probleme haben – ich gehe hier darauf ein – und sich vielfach wiedersprechen – ich gehe hier darauf ein.  Vor allem aber sollten wir uns deutlich machen, dass sich alle Aussagen zu Schulschliessungen auf Schulsituationen während der ersten Welle der Pandemie beziehen, also auf Schulen, die ohne pandemische Konzepte betrieben wurden. Eine Übertragung auf die jetzige Situation, in der Schulen mit vorbeugender Konzeption betrieben werden, ist weder zulässig noch anzuraten.
  • Wenn ich allerdings Pressemeldungen wie diese lese (Holpriger Start ins neue Schuljahr: In Mecklenburg-Vorpommern sind bereits in der ersten Unterrichtswoche zwei Schulen geschlossen worden – eine Lehrerin und ein Schüler sind infiziert) – dann fürchte ich, dass dies nicht ausreichend berücksichtigt wird. Denn wenn das pandemische Konzept von Schulen mit über 1000 Schülern tatsächlich vorsieht, wegen einer einzigen Infektion den Regelbetrieb auszusetzen, dann werden die Kinder in den nächsten Jahren sehr viel Zeit zuhause verbringen. Dann wäre es allerdings konsequenter und ehrlicher, die Schulpflicht offiziell abzuschaffen, das schulunabhängige Homeschooling zu erlauben und freie Schulgründungen zu fördern. Sonst läuft das derzeitige Bildungskonzept auf eine zwar schulpflichtige, aber bildungsfreie Generation hinaus.
  • Um zu vermeiden, dass Schulschliessungen weiterhin der Default-Modus des Schulbetriebs sind („Wenn wir nicht weiter wissen, schliessen wir die Schulen“) ist allerdings mehr nötig als gut gemeinte Appelle oder gar Vorwürfe an die Gesundheitsämter (gut begründet in einer bis ins Detail ausgearbeiteten Stellungnahme der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin). Tatsächlich nämlich haben die KollegInnen in den Gesundheitsämtern vor Ort oft wenig Spielraum, um niederschwelligere Alternativen umzusetzen. Die Ämter stehen unter dem Druck von Haftungsfragen, sie müssen deshalb unbedingt durch ministerielle Anweisungen abgesichert sein. Sie müssen gut ausgearbeitete Pläne in der Hand haben, was im Fall des Falles zu tun ist, und sie müssen die entsprechenden Ressourcen haben. Haben sie diese nicht, so kann  niemand ihnen vorwerfen, wenn sie dann doch die Reissleine ziehen müssen. Dies wäre gleichzeitig ein Appell an das Robert Koch Institut, die entsprechenden Pläne und Qualitätskontrollen auszuarbeiten, so dass sowohl die Träger, das pädagogische Personal als auch die Gesundheitsamtsmitarbeiter Zugriff auf eine Ressourcenplattform mit best-practice Beispielen haben.
  • Und wo sind denn jetzt die virologischen Tests, die wir so dringend brauchen? Inzwischen zeichnet sich immer klarer ab, dass Infektionen in aller Regel nicht im Schulbetrieb passieren, sondern dorthin von außen eingetragen werden. Ohne eine Art cordon sanitaire werden die Schulen nicht zu schützen sein. Tatsächlich gibt es Modellierungen, nach denen die pandemische Schule ohne gute Erreger-Tests kaum durchführbar ist. Nur, was wir in dieser Hinsicht an Tests haben, wurde nie für solche Screening-Zwecke entwickelt, es handelt sich vielmehr um teure, überaus langsame und für den Gebrauch in der klinischen Medizin entwickelte PCR-Tests. Was nutzt ein Test für den Dauerbetrieb einer Schule, wenn die Ergebnisse erst nach 2 Tagen verfügbar sind, und wenn ein anspruchsvolles Testprogramm fast so viel kostet wie der Betrieb einer Kita? Für Sceening-Zwecke spielt es eine untergeordnete Rolle, ob ein Test die einen möglichen Infizierten zu 100 oder auch nur zu 90 % entdeckt, vielmehr spielt es eine Rolle, dass er billig ist und rasche Entscheidungen ermöglicht. Milliarden Euro sind in die diversen Impfstoff-Hoffnungen gesteckt worden, mit ein paar hundert Millionen wären wir jetzt vielleicht einem ganz entscheidenden Instrument für den Dauerbetrieb der Kitas und Schulen (und auch vieler Arbeitsstätten) vermutlich deutlich näher (immerhin stehen die ersten Antigentests in den Startlöchern).
  • Und, noch einmal: Warum dreht sich die Diskussion jetzt so selten um wirklich innovative PandemiekonzepteSchon vor der Pandemie gab es kluge Konzepte zur Draussenschule. Warum hören wir nur in Einzelfällen davon? Das Risiko von Ansteckungen ist draußen bis zu 19 mal kleiner als drinnen, eine Risikoreduktion um 1900 Prozent. Aktuell weist das Robert Koch Institut erneut auf die seltenen Übertragungen im Freien hin. Stattdessen lese ich mit Schrecken von Klassen, die bei 30 Grad im Schatten in den 5-minütigen Pausen von ihrer Lehrerin zu einem abgegrenzten Grasstück auf dem Schulgelände geführt werden, um dort ihre Masken kurz abnehmen zu dürfen – um gleich wieder zurück in die Unterrichtsräume zu gehen. Wie viel Organisationstalent braucht es eigentlich, um dort draußen dann auch Unterricht zu machen, ohne Masken? Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern zur pandemiegerechten Beschulung draußen liegen vor. Von historischen Erfahrungen zu schweigen: Dabei hätten wir heute so endlos viel mehr materielle Ressourcen als damals:

„Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Tuberkulose durch die amerikanischen Großstädte fegte, schlugen zwei Ärzte aus Rhode Island Open-Air-Unterricht vor. Eine Schule in Provincetown setzte das kurzerhand um, nahm eine Ziegelwand raus, ersetzte sie durch Fenstertüren, die die meiste Zeit über offen standen und beschulte 25 Kinder. In den Wintermonaten saßen sie in fellgefütterten „Eskimosäcken“, zusätzlich stand in der Mitte des Raums ein Bollerofen. Am Ende des Jahres hatte kein Kind irgendwelche Krankheitssymptome. Quer durch die USA gründeten sich nach dem Modell 65 Open-Air-Schulen, einige Schulen hielten Unterricht auf dem Flachdach ab, und in New York wurde eine ausrangierte Fähre zur Schule umfunktioniert.“ (Alex Rühle, in Süddeutsche Zeitung 25.7.2020, Seite 4)

Ja, das kingt radikal. Dass es auch ausreicht klug zu sein, zeigt gerade eine Studie aus Maine/USA. In vier Sommercamps mit über 1000 Teinehmenden kam es zu keiner einzigen Übertragung – umgesetzt wurde dort einfach das, was Übertragungen von SARS-CoV-2 bekanntermaßen entgegenwirkt: Aktivitäten nach draußen verlagern, Kohorten bilden, testen. Und ja, in diesem Beispiel kamen auch Gesichtsmasken zum Einsatz – beim Kontakt mit Kinder, die nicht zur eigenen Kohorte gehören. Ja, es ist mir bewusst, dass die Probleme an den Schulen noch einmal etwas anders gelagert sind. Lasst uns also rasch lernen, wie wir das schaffen!

Mehr Verantwortung wagen

Was ich mit diesem Beitrag zeigen wollte: In der Schulfrage hängt alles mit allem zusammen. Wenn wir dies berücksichtigen, so zeigt sich, dass wir hier und jetzt in einer Phase der Pandemie stehen, in der wir uns eine mutlose, phantasielose Haltung gar nicht leisten können.Vielmehr gibt die gute pandemische Lage dem Bildungssystem in Deutschland eine klare Richtung vor: Dass in den Kitas und den Schulen kein Aufwand zu scheuen ist, um für eine gute Bildung in klug abgesicherten Einrichtungen zu sorgen.

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19 Kommentare

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  • Andreas L.

    Hallo Herr Renz-Polster,

    vielen Dank für diesen tollen wegweisenden Artikel.

    Ja, es ist eine Interessenspandemie.

    Entsprechend des Mottos meiner Lieblingspartei: „Mensch vor Profit“ fände ich toll, wenn unsere Politik auch präventiv die Wirtschaft viel stärker in die Pflicht nehmen würde.

    Ich denke da z.B. an einen tätigkeitsabhängigen Anspruch der Arbeitnehmer auf Mobile Arbeit. Dieser könnte bei höherem Infektionsdruck in eine Pflicht zur Mobilen Arbeit gewandelt werden. Ab einer Betriebsgröße von 100 oder 1000 Mitarbeitern könnte auch die Verpflichtung Cluster zu bilden verlangt werden. Dazu gehört dann evt. auch, Menschen außerhalb des Clusers nur mit Mund-Nasenschutz/Visier zu begegenen und ein betriebliches Kontakt-Tagebuch zu führen.

    Damit hier ausgewogene Maßnahmen entwickelt werden bin ich nicht nur dafür, dass den Wissenschaftlern und Experten aller Disziplinen mehr zugehört wird, sondern auch den Bürgerinnen und Bürgern.

    Ein gutes demokratisches Mittel wäre deshalb die Einrichtung einer Enquettekommission mit einem per Los bestückten Bürgerrat.

    ###Petition und Link entfernt. Begründung: bitte keine Petitionen in Kommentaren.Danke###

    Danke

  • Brigitta Otterbach

    Dankeschön!!! für den ausführlichen Beitrag. Für mich ist Ihr Schreiben immer wieder sehr wertvoll.

    Ich wünschte uns allen das nötige Bewusstsein für die Verantwortung und Mut und Phantasie zur Anpassung der Kita- bzw. Schulkonzepte an die aktuelle(n) Situation(n).

    Ihnen alles Gute und weiterhin Schaffensfreude und Energie sich mit dem Thema „Corona“ zu beschäftigen.

  • Mirjam Wurtz

    Schade, dass es Sie nicht auf Französisch gibt, ich würde ihn ans Gesundheitsministerium schicken… Mein Sohn, 3, kommt jetzt in Frankreich in die Vorschule. Abgesehen davon, dass hier die gesamte „Eingewöhnung“ aus einer halben Stunde Begleitung durch ein Elternteil in den Klassenraum am ersten Schultag besteht, was mit sowieso schon Bauchschmerzen macht, wird vielleicht jetzt sogar das „aus Corona-Gründen“ gestrichen. Ich soll also meinen Sohn, der noch nie fremdbetreut wurde, an der Tür eines fremden Gebäudes in die Hände einer Lehrerin geben, die er nicht kennt, zusammen mit 24 weiteren unbekannten Kindern. Dabei tragen wir doch sowieso alle Masken beim Betreten eines öffentlichen Gebäudes und man könnte jetzt, im Spätsommer, einfach alle Fenster aufreissen, während die Eltern noch da sind (bzw. einfach den ganzen Tag). Aber hier herrscht ja jetzt auch Maskenpflicht für Fahrradfahrer, das entbehrt meiner Ansicht nach jeder rationalen Grundlage…

    • Herbert Renz-Polster

      Wie hoch der Preis war, den Schweden zu zahlen hatte ist Ansichtssache – Schweden ist eines der Länder mit der höchsten Sterblichkeit in dieser Pandemie. Eine Übersterblichkeit von 10% im ersten Halbjahr 2020 mag nicht dramatisch klingen, liegt aber in einem viel höheren Bereich als sonst durch andere Ursachen bedingt (entsprechend etwa einem 10 fachen Anstieg der Verkehrsunfälle – ein mE ein hoher Preis).

      Wie hoch die Rate an bereits Infizierten in Schweden ist, ist aus dieser Studie nicht abzuleiten. Sie wurde an einem nicht repräsentativen Ausschnitt der Bevölkerung gemacht („Individuals in the convalescent phase after mild COVID-19 were traced after returning to Sweden from endemic areas (mostly Northern Italy“). Ob die gemessene spezifische T-Zell Immunität einen Schutz vor Re-Infektionen verleuht ist zu hoffen, aber bisher nicht gesichert, darauf gehen die Autoren in der Diskussion ihrer Ergebnisse auch ein („It remains to be determined if a robust memory T cell response in the absence of detectable circulating antibodies can protect against SARS-CoV-2.“)

      Derzeit ist die Durchseuchung bezogen auf die Gesamtpopulation in Schweden unbekannt – dafür liegen viel zu unterschiedliche Erhebungen vor. In manchen Gebieten Schwedens werden sehr geringe Raten gemessen – zwischen 1 und 2 Prozent (https://www.norrbotten.se/sv/Halsa-och-sjukvard/Smittskydd-i-Norrbotten/Information-om-nya-coronaviruset/The-seroprevalence-of-covid-19-antibodies-in-Norrbotten-County-Sweden/), unter dem medizinischen Personal in Stockholm dagegen Raten um 20% (https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.06.22.20137646v1). Für das Land repräsentative Daten fehlen (das gilt für die meisten Länder)

      Zur Frage der Herdenimmunität und den damit verbundenen Hoffnungen beziehe ich in meinem eBook „Alles zu Corona“ ausführlich Stellung. Hier so viel:
      Das Konzept der Herdenimmunität wird oft dahingehend interpretiert, dass nach Erreichen einer „Herdenimmunität“ die ganze Population tatsächlich geschützt ist. Das ist allerdings nicht richtig. Das Konzept wurde in der Tierepidemiologie für „geschlossene“ Populationen entwickelt, es ist nicht ohne weitere auf „offene“ Populationen, wie der Mensch sie unterhält, übertragbar. Weder stirbt das Virus aus, noch ist der nicht-immune Teil der Bevölkerung vor einer weiteren Infektion wirklich geschützt. In Bergamo etwa sind inzwischen über 50% gegen SARS-CoV-2 immun. Heisst das, dass dort jetzt „Herdenimmunität“ herrscht? Nein, die bisher nicht infizierte Frau Ciccioletia muss ja nur nach Mailand zum Einkaufen fahren, um sich zu infizieren. Oder in den Urlaub nach Sizilien. Kurz: das Konzept wird oft falsch verstanden – die Ausbreitung des Virus kann sich nach Erreichen der Herdenimmunitätsschwelle zwar verlangsamen, trotzdem aber muss die „Herde“ weiter mit SARS-CoV-2 leben und ihre bisher nicht Infizierten vor SARS-CoV-2 schützen.

      • Peter Menke

        Nun ja, Tatsache ist doch aber, dass es in Schweden heute kaum noch Corona-Tote gibt. Ich zitiere den schwedischen Arzt (2. Link):
        „Covid hat Stockholm Mitte März wie ein Sturm erwischt….
        Dann, nach einigen Monaten, waren all die Covidpatienten verschwunden. Jetzt sind es vier Monate nach dem Beginn der Pandemie und ich habe seit einem Monat nicht einen einzigen Covidpatienten mehr gesehen. Wenn ich jemanden teste, weil er hustet oder Fieber hat, dann kommt der Test immer negativ zurück.
        Auf dem Höhepunkt vor drei Monaten starben am Tag hundert Menschen an Covid, in einem Land mit zehn Millionen Einwohnern. Wir sind nun bei ungefähr fünf Verstorbenen am Tag im ganzen Land und diese Zahl fällt weiter.“
        Wie ist das zu erklären? Doch nur durch irgendeine Form von Immunität, oder?
        Grüße
        Peter Menke

        • Peter Menke

          Ich frage deswegen, weil ich den von Ihnen geschilderten Strategiewechsel auch nicht verstanden habe.
          „Flatten the curve“ um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten war für mich nachvollziehbar. Nachdem dieses Ziel erreicht war, hätte ich erwartet, das wir – unter Einhaltung dieser Randbedingung – die Corona-Welle über uns hinweg ziehen lassen, so wie bei einer Grippewelle auch. Andere Ländern tun dies freiwillig (Schweden) oder unfreiwillig (Osteuropa, Afrika) und fahren nicht unbedingt schlechter damit als andere. Die Übersterblichkeit in Schweden ist zwar höher als in Deutschland, aber niedriger als in Frankreich oder Spanien. Und wir schieben das Problem ständig vor uns her – mit den ganzen Kollateralschäden gerade in der Schule. Ich weiß nicht, wie lange wir das noch durchhalten.

        • Herbert Renz-Polster

          Das mit dem „die Corona-Welle über uns hinweg ziehen lassen, so wie bei einer Grippewelle auch“ – das ist nicht so einfach wie es klingt. Schweden hat das auch nicht getan, sondern einschneidende Begrenzungsmaßnahmen eingeleitet, wenn auch weniger von oben herab als bei uns. Auch heute noch läuft der Alltag in Schweden alles andere als normal, und das wird auch noch eine Weile so bleiben. Dass Afrika mit dieser Strategie tatsächlich gut klar kommt liegt am Bevölkerungsaufbau: 41% sind dort unter 15 Jahren, 2 % über 65. In Deutschland: 21% über 65, 13% unter 15 – das sind ganz andere Herausforderungen, die infektionsbezogenen Mortalitätsrate der über-65-Jährigen liegt bei über 5%, da ist eine starke Bremsung sehr empfehlenswert.

        • Peter Menke

          Ja, natürlich sind gewisse Maßnahmen notwendig, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten – das haben wir getan und das hat Schweden auch getan. Aber dann hat Schweden im Gegensatz zu Deutschland akzeptiert, dass ich die Krankheit in einem gewissen Maße ausbreitet. (Das meinte ich mit „über uns hinweg ziehen lassen“.)
          Bei uns habe ich hingegen manchmal den Eindruck man wolle das Virus ausrotten. Diese Vorstellung halte ich für völlig illusorisch. Wir verschieben das Problem nur immer weiter in die Zukunft und ich bin mir nicht sicher, ob der erhoffte „Game Changer“ je auftaucht.
          Ist denn die Sterblichkeit von COVID-19 nach den neuesten Erkenntnissen deutlich anders als die von Influenza?

  • barbara

    sehr geehrter herr renz-polster,
    ich danke ihnen sehr für den ganzen artikel, aber wegen dieses absatzes: „Stattdessen lese ich mit Schrecken von Klassen, die bei 30 Grad im Schatten in den 5-minütigen Pausen von ihrer Lehrerin zu einem abgegrenzten Grasstück auf dem Schulgelände geführt werden, um dort ihre Masken kurz abnehmen zu dürfen – um gleich wieder zurück in die Unterrichtsräume zu gehen. Wie viel Organisationstalent braucht es eigentlich, um dort draußen dann auch Unterricht zu machen, ohne Masken?“ könnte ich auf die füße fallen vor dankbarkeit. endlich ein ventil für meine „ich-verstehe-es-einfach-nicht“-hyperventilation.
    wer verhindert denn um himmels willen diese naheliegende unterrichtsform?
    barbara

  • D. Beier

    Sehr geehrter Herr Renz Polster ,
    Sie schreiben : „Dadurch kommt es in den Schulen relativ selten zu Eintragungen von Infektionen – und entsprechend selten muss der Schulbetrieb wegen individueller Quarantäne oder aber aus vorsorglichen Erwägungen unterbrochen werden.“
    Allein im August kam es , obwohl noch viele Bundesländer Ferien haben , in 759 Schulen/Kitas zu Corona Fällen mit Schließungen und Quarantänen ( On /Off Betrieb )
    Es ist wohl von der subjektiven Sicht abhängig , ob das als viel oder wenig empfunden wird.
    Für die betroffenen Menschen dürfte es jedoch sehr unangenehm sein.
    Quelle :
    https://www.google.com/maps/d/viewer?mid=1wXMtX4Oh2xyY_k-mS_Qutp5Rt6RO5L7m&shorturl=1&ll=51.573245124988446%2C10.298065000000019&z=5
    Die Karte wird regelmäßif erstellt von @thinktank197 und der Intitiative #BildungAberSicher.
    Die Nachverfolgung reicht von gewissenhaft bis “ unter den Tisch kehren „und Maulkorb für Schulleiter und Desinformation von Eltern und Schülern.
    Quelle :
    https://xtranews.de/2020/08/30/duisburg-corona-faelle-an-gesamtschule-eltern-kritisieren-land-nrw-und-stadt-id50206783.html/amp?__twitter_impression=true
    Leider kein Einzelfall.

    Sie schreiben : Laufen derzeit die Planungen für einen klugen Projektunterricht innerhalb von epidemischen Kohorten? ( Vorher kritisieren Sie die Fortführung von Regelbetrieb )
    Die vernünfige Planung wäre möglich gewesen , wenn die KMK andere Berater gehabt hätte.
    Beratung erfolgte von Prof. Dr. Martin Exner ( Heinsbergstudie , These : wir müssen die junge Polpulation durchseuchen.), Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit ,Prof. Dr. med. Johannes Hübner etc
    Die Wissenschaftler erklärten übereinstimmend, dass das Infektionsgeschehen bei Kindern und Jugendlichen deutlich geringer und ungefährlicher ist als bei Erwachsenen.
    Die Wissenschaftler verwiesen darauf, dass sich viele Kinder eher bei Erwachsenen in der Familie anstecken als umgekehrt. Auch eine Ansteckung bei anderen Kindern sei eher unwahrscheinlich.
    Alle Wissenschaftler betonten deshalb, dass eine Öffnung der Schulen für den ! Regelbetrieb !richtig ist. In der Abwägung zwischen den sehr geringen gesundheitlichen Risiken durch die Krankheit und den erheblichen Risiken für den Bildungserfolg und den späteren Lebensweg sei die Öffnung der Schulen der beste Weg.
    Quelle :
    https://www.hamburg.de/bsb/pressemitteilungen/13964452/2020-06-12-bsb-schuloeffnung/
    Meine Prognose ist wie folgt. Infektionsketten in Schulen werden verschwiegen , (wie in Schweden )Nachverfolgung findet je nach Region nicht statt. ( Schüler werden jetzt schon nicht getestet sondern lediglich in Quarantäne geschickt.) Das neue Mantra ist , das Ansteckungen in der Schule nicht statt finden und wenn , dann ausschließlich durch Lehrer.
    Das ist vor allem relevant für die strafrechtliche Seite , denn wenn der Nachweis nicht erbracht werden kann , das der ungenügenden Schutz in den Schulen zu Infektionen geführt hat , dürfte sich die Verfolgung schwierig gestalten.
    Liebe Grüße

    • Herbert Renz-Polster

      Infektionen werden vorkommen – es gibt keine infektfreie Pandemie. Ich sehe nicht, dass Infektionen an Schulen verschwiegen werden, ich würde diese Aussage an Ihrer Stelle auch nur treffen, wenn ich sie belegen könnte. Dass Kinder in Quarantäne geschickt werden ohne zu testen kann für die Infektsaison eine probate Strategie sein.
      Die Schulen wegen Infektionsgefahr nicht zu öffnen ist genausowenig eine Option wie die Erwerbstätigkeit wegen Infektionsgefahr einzustellen. In beiden Fällen muss vielmehr die Öffnung mit einem klugen Konzept begleitet werden um Infektionen so gut es geht zu reduzieren.
      Anders als Sie finde ich, dass die von Prof. Johannes Hübner vorgelegte Beratung des KMK in dieser Sache hervorragend war und ist:
      https://www.dakj.de/allgemein/massnahmen-zur-aufrechterhaltung-eines-regelbetriebs-und-zur-praevention-von-sars-cov-2-ausbruechen-in-einrichtungen-der-kindertagesbetreuung-oder-schulen-unter-bedingungen-der-pandemie-und-kozirkulat/

      • D. Beier

        Sehr geehrter Herr Renz Polster,
        es ist tatsächlich ein komplexes Thema . Wir , das heißt die Initiatve #BildungAbderSicher kritisieren die mangelhafte Transparenz hinsichtlich der von Corona betroffenen Bildungseinrichtungen. Es gibt kein ofizelles Register , wo die Bildungseinrichtungen erfasst werden.
        Quelle.
        https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_88340112/deshalb-fuehrt-lehrerin-buch-ueber-corona-in-schulen.html
        https://www.sueddeutsche.de/politik/gegenmassnahmen-mal-ganz-mal-gar-nicht-1.5016779
        Zudem kritisieren wir die uneinheitlichen Vorgehensweisen der Gesundhietsämter bei der Fallverfolgung , Quarantäne und Testungen.
        Auch hier fehlen einheitliche Kriterien , die für betroffenen Familien Sicherheit bieten könnten.
        Quelle :
        https://www.news4teachers.de/2020/08/keine-tests-keine-nachverfolgung-keine-schutzmassnahmen-wie-corona-infektionen-an-einer-gesamtschule-fuer-verunsicherung-sorgen/
        Zitat :Für die drei Betroffenen hat das Gesundheitsamt Quarantäne angeordnet. Mehr passiert nicht. Nicht mal Tests für Mitschüler und das Kollegium werden angeboten. Für die Elternvertreter der Schule ist das ein Unding. Sie machen ihrem Unmut in einem Brandbrief Luft…….

        Die meiner Meinung nach oft populistischen , politischen Stellungnahmen von Kinderärzten und deren Fachgesellschaften finde ich bedenklich . Ich finde die politische Einflußnahme unter dem Deckmantel ärztlicher Expertise irreführend , insbesondere dann , wenn es ausschließlich um Meinungsäußerungen geht.
        Für sichere Schulöffnungen haben Leopoldina und GfV sehr gute Konzepte vorgelegt ,Bedeutsam finde ich dabei die zu Grunde liegende Multiprofessionalität .
        Mein Wusch wäre , dass die Kakophonie der politischen Meinungsäußerungen von Kinderärzten mit den Mantras “ Infektionen sind nicht zu verhindern , so lange es keine Probleme mit den Intensivbetten gibt , braucht man keinen Schutz , Opa kann nun mal sterben , Bildung ist wichtiger , nur Lehrer sind ansteckend , Infektionen in Schulen finden nicht statt ……..in der Schulpolitik endlich an Einfluss verliert und die vernünftigen Vorschläge umgesetzt werden.
        Bei der Leopoldina waren beteiligt :
        • Prof. Dr. phil. Yvonne Anders, Lehrstuhl für Frühkindliche Bildung und Erziehung,
        Otto-Friedrich-Universität Bamberg
        • Prof. Dr. Cordula Artelt, Leibniz-Institut für Bildungsverläufe; Otto-Friedrich-Universität Bamberg
        • Prof. Dr. Christian Drosten, Leitung Stabsstelle Global Health; Direktor des Instituts
        für Virologie, Charité Berlin
        • Prof. Dr. Jutta Gärtner, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsmedizin Göttingen
        • Prof. Dr. Marcus Hasselhorn, DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, Frankfurt a.M.
        • Prof. Dr. Gerald Haug, Präsident der Leopoldina; Max-Planck-Institut für Chemie,
        Mainz
        • Prof. Dr. Gisela Kammermeyer, Institut für Bildung im Kindes- und Jugendalter, Universität Koblenz/Landau
        • Prof. Dr. Olaf Köller, Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und
        Mathematik, Kiel
        • Prof. Dr. Bärbel Kopp Vizepräsidentin der Friedrich-Alexander-Universität ErlangenNürnberg; Institut für Grundschulforschung der FAU
        • Prof. Dr. Thomas Krieg, Vizepräsident der Leopoldina; Medizinische Fakultät, Universität Köln
        • Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité Universitätsmedizin
        Berlin
        • Prof. Dr. Mareike Kunter, DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, Frankfurt a.M
        • Univ.- Prof. Dr. Harm Kuper, Arbeitsbereich Weiterbildung und Bildungsmanagement, Freie Universität Berlin
        • Prof. Dr. Christoph Markschies, designierter Präsident der Berlin-Brandenburgischen
        Akademie der Wissenschaften; Theologische Fakultät, Humboldt-Universität zu Berlin
        • Prof. Dr. Susanne Prediger, Institut für Erforschung und Entwicklung des Mathematikunterrichts, Technische Universität Dortmund
        • Prof. Dr. Manfred Prenzel, Zentrum für Lehrer*innenbildung, Universität Wien
        • Prof. Regina T. Riphahn, Ph.D., Vizepräsidentin der Leopoldina; Friedrich-AlexanderUniversität Erlangen-Nürnberg
        • Prof. Dr. C. Katharina Spieß, Abteilungsleiterin Bildung und Familie DIW; Freie Universität Berlin
        • Prof. Dr. Petra Stanat, Direktorin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, Humboldt-Universität zu Berlin
        • Prof. Dr. Felicitas Thiel, Arbeitsbereich Schulpädagogik/ Schulentwicklungsforschung,
        Freie Universität Berlin
        • Prof. Dr. Ulrich Trautwein, Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung, Universität Tübingen
        • Prof. Dr. Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts
        • Prof. Dr. Ludger Wößmann, ifo Zentrum für Bildungsökonomik; Ludwig-MaximiliansUniversität München
        • Prof. Dr. Klaus Zierer, Lehrstuhl für Schulpädagogik, Universität Augsburg
        Wissenschaftliche Referentinnen und Referenten der Arbeitsgruppe
        • Dr. Kathrin Happe, stellv. Leiterin Abteilung Wissenschaft – Politik – Gesellschaft der
        Leopoldina
        • Christian Hoffmann, Abteilung Wissenschaft – Politik – Gesellschaft der Leopoldina
        • Dr. Stefanie Westermann, Abteilung Wissenschaft – Politik – Gesellschaft der
        Leopoldina
        • Dr. Elke Witt, Abteilung Wissenschaft – Politik – Gesellschaft der Leopoldina

        Lassen wir doch endlich Experten anstatt Popuilsten Einfluss auf die Schulpolitik nehmen.
        Beste Grüße

  • D.Beier

    https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-08/dgkj-burkhard-rodeck-schuloeffnungen-coronavirus-kinder-jugendmedizin?wt_zmc=sm.int.zonaudev.twitter.ref.zeitde.redpost.link.sf&utm_content=zeitde_redpost+_link_sf&utm_medium=sm&utm_source=twitter_zonaudev_int&utm_campaign=ref

    (DGKJ), plädiert für eine Rückkehr zum Regelbetrieb. Erst wenn das Gesundheitssystem an seine Grenzen kommt, soll Schule geschützt werden.Es sei in Ordung , wenn ein Kind Risikoperson ansteckt. ( Opa )
    Das zb ist Populismus. / Die anderen Parolen hatte ich ja schon erwähnt.
    Leopoldina bevorzuge ich aufgrund der multiprofessionellen Expertise . Pädagogen , KInderärzte , Bildungswissenschaftler , Virologen, RKI haben ein tragfähiges Konzept entwickelt , das auch auf Jugendhilfeklientel , insbesondere auch auf Digitalisierung eingeht. Die gefühlt 500 verschiedenen Stellungnahmen der Kinderärzte lese ich nicht mehr , weil einerseits bislang viel Unsinn drin stand und ich auch gar nicht verstehe , was KInderärzte mit Pädagogik und Bildung zu tun haben. ( Schuster , bleib bei Deinen Leisten)
    Hier noch mal Leopoldina :
    https://www.leopoldina.org/presse-1/nachrichten/ad-hoc-stellungnahme-coronavirus-pandemie/
    und die GfV :
    https://www.g-f-v.org/node/1326
    Alles andere ist verzichtbar.
    Hier noch kurz unsere Karte für September :
    https://www.google.com/maps/d/viewer?mid=13WNBZwjVF0xezApDJkswW3KfkevBGNgu&ll=50.7344668038258%2C10.4515265&z=6
    Innerhalb von 3 Tagen sind bislang 87 Schulen und 25 Kitas von Corona betroffen.
    Beste Grüße

    • Herbert Renz-Polster

      Ja, so kann man es auch machen, einfach einer ganzen Berufsgruppe „Unsinn“ unterstellen. Warum sollten Spezialisten für Kinder-Infektionskrankheiten nichts zu der Frage zu sagen haben, wie Infektionskrankheiten in Kindereinrichtungen verhindert werden können?
      Und zu Ihrer Liste. Gut, dass Sie das dokumentieren. Dass auch Schulen „von Corona betroffen“ sind, ist in einer Pandemie unvermeidlich. Ihre Liste wird also wachsen, sogar dann, wenn niemand „Unsinn“ macht. Ansteckungen passieren, sie werden auch in den Schulen ankommen. Die Frage ist, noch einmal, wie gut es gelingt, weitere Übertragungen in den Schulen und Kitas dann zu vermeiden. Ob das gut gelingt wird sich zeigen, und was „gut“ heisst, ist sicher auch Interpretationsfrage. Es gibt in Deutschland über 100 000 pädagogische Einrichtungen für Kinder, wenn Sie auf Ihrer Liste dann 1000 angesammelt haben, sind immer noch 99% am Laufen.
      Es ist wie immer eine Frage wie man an die Sachen hinschaut: ist das Glas halb voll oder halb leer? Danke für Ihre Beiträge.

      • D. Beier

        Lieber Herr Renz Polster , ich finde es jedenfalls beeindruckend , das Ihre Ansichten mit denen der Kultusminister 100 % übereinstimmen.
        https://www.news4teachers.de/2020/09/zum-fremdschaemen-die-durchsichtigen-zahlentricks-der-kultusminister-in-der-corona-krise/

        Zitat :
        „Statt schlicht und einfach die Zahlen betroffener Schulen und von infizierten Schülern und/oder Lehrern zu nennen, werden Quoten angeführt. Oder, noch besser, die Schulpolitiker zählen lieber auf, wie viele Schulen sowie Schüler und Lehrer NICHT von Corona direkt betroffen sind. Damit verkaufen sie die Bürger für dumm.“

        • Herbert Renz-Polster

          Ein bestimmt nett gemeinter Hinweis, Danke.

    • Susanne

      Warum kommt eigentlich in der Schuldiskussion zuverlässig irgendwann die „die Kinder könnten ihre Großeltern anstecken und damit umbringen“-Moralkeule?
      Die Grosseltern können sich genauso gut bei den Nachbarn, beim Einkaufen, auf Feiern, im Gasthaus, im Bus, im Fitnesscenter, im Gottesdienst, bei Freunden oder sonstwo anstecken.
      Hab das aber noch nie als Argument gegen Fitnesscenter gehört.

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