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Beratungsfrage7. Mai 2024

Meine Tochter (13 Monate) braucht zur Beruhigung IMMER meinen Finger im Mund

Wir haben eine 13 Monate alte Tochter, die uns nachts eigentlich ganz wunderbar lange schlafen lassen würde.

Allerdings braucht sie zur Beruhigung meinen Finger im Mund! Das hat sich schon in den ersten Wochen so ergeben, weil uns vom Schnuller abgeraten wurde. Später haben wir dann zwar versucht ihr den Schnuller zu geben, aber den wollte sie nicht mehr.

Sie braucht den Finger die ganze Nacht. Egal ob beim Wickeln oder sogar beim Stillen (da will sie abwechselnd Stillen-Finger-Stillen-Finger). Ich leide sehr darunter, mir tun die Finger weh, der Handrücken, der Unterarm, der Nacken und der Rücken. Denn sie wandert auch in ihrem Bettchen umher und ich muss mit dem Finger mitwandern sonst weint sie.
Aus Spaß nimmt sie tagsüber mal den Schnuller, aber wenn es ernst wird und sie in der Trage tagsüber den Mittagsschlaf machen möchte, MUSS der Finger her und nachts genauso.
Versuche ich es ihn zu verweigern und den Schnuller anzubieten weint sie sooo bitterlich!

Ich habe Angst ihr zu schaden, wenn ich ihr den Finger konsequent verweigere. Habe Angst sie zu traumatisieren oder ihr Urvertrauen zu beschädigen, denn sie hat ja noch ein starkes Saugbedürfnis und möchte sich regulieren.

Danke für diese vielschichtige Frage, ich will gleich mittenrein springen:

Das Saugen selbst ist ein angeborener Reflex, mit dem alle Menschenbabys ausgestattet sind. Er dient der Ernährung aber auch der Entspannung. Ausgelöst wird dieser Reflex durch alles „Brustwarzenähnliches“: Schnuller, ein Zipfel von einem Tuch, ein Finger und natürlich die „echte“ Brustwarze.

Soweit ist das alles „reine Biologie“ – angeborenes Verhalten.

Nur kommt dann etwas Zweites dazu: Kleine Kinder bilden unglaublich rasch Gewohnheiten aus (wir unterschätzen das manchmal). Und zwar durch simple Konditionierung: ein bestimmtes Verhalten (z.B. Nuckeln am Finger) wird durch ein gutes Gefühl (z.B. Entspannung) „belohnt“ – und schwupps bildet sich im Gehirn eine Verbindung: Finger-Nuckeln = Entspannung!

Und genau so ist es bei Eurem Baby gelaufen. Seine Beruhigungserfahrungen liefen über den Finger, und jetzt ist der Finger sein Beruhigungsinstrument.

Ihr glaubt nicht, wie viele Entspannungsgewohnheiten auf diesem Weg entstehen können!!! Beim Nuckeln an der Brust an den Haaren der Mama zwirbeln… – bei manchen Säuglingen kann sich da eine Nuckel-Zwirbel-Verbindung einstellen. Bei einem anderen Kleinkind hat es sich so ergeben, dass das Kind nur entspannt, wenn die Mama die Fingerkuppen auf eine bestimmte Art drückt, das fordert das Kind jetzt die ganze Nacht über ein. Plus tagsüber zum Runterkommen. Gewohnheiten bilden sich aber auch im sozialen Kontext aus – kürzlich hatte ich eine Frage zu einem Kleinkind, das sich angewöhnt hat, die Sitzplätze anzuweisen: Papa sitzt hier, Mama hier. Wenn nicht: Tobsuchtsanfall. Auch das hat sich: einfach eingeschliffen.

Und wo bei solchen Gewohnheiten zwei Menschen beteiligt sind (z.B. Mama und Baby), entsteht dann oft schnell noch etwas weiteres: ein Seilziehen. Mama will nicht immer den Finger geben, das Baby hält entsprechend dagegen – und fordert ihn umso heftiger ein. Gewohnheiten werden so zum Tanz auf dem Vulkan.

Genug der Grundlagen, was können wir daraus lernen?

Lernen können wir zum Beispiel: Wenn Du merkst, dass Dein Kind eine Gewohnheit ausbildet, die Du nicht mittragen kannst (weil sie Dich nervt, Dir die Kraft raubt oder sonstwie überstrapaziert): trete rechtzeitig auf die Bremse. Gebe das Signal: alles gut hier, ich bin bei Dir und ich biete Dir andere Möglichkeiten Dich zu entspannen. Aber auf diesem Weg schaffen wir das nicht.

Lernen können wir auch: Allzu viel ist ungesund. Es ist kein Problem, einem Neugeborenen ab und zu den Finger zur Beruhigung zu geben! Dieses als regelmäßige Beruhigungsroutine zu tun, kann aber problematisch sein (muss es nicht, Du merkst das selber am besten, wann Dein Baby von Deinem Finger „abhängig“ wird).

Und was kannst Du jetzt tun?

Du kannst jetzt selbst auf die Macht der Gewohnheit vertrauen. Denn so wie Dein Kind gelernt hat Beruhigung und Finger zu verbinden, wird es auch eine andere Verbindung erlernen, wenn Du ihm eine Alternative für sein biologisches Bedürfnis (das Saugen) anbietest.

Das wird nicht von heute auf morgen klappen, und das wird nicht ohne Tränen und Protest gehen. Aber es wird gehen. Vielleicht planst Du die Umgewöhnung für eine Woche ein, in der Du selbst nicht ganz so dringend auf Schlaf angewiesen bist und auch Unterstützung hast?

Du wirst selber dabei vielleicht verzweifelt sein, und dann hilft Dir vielleicht, dass Du mit Deiner Tochter redest, auch wenn sie das nicht versteht: Schau, ich bin bei Dir, wir lernen jetzt zusammen um. Und wenn Du magst darfst Du den Schnuller nehmen, oder die Brust. Du wirst das lernen.

Deine Sorge, dass Dein Kind dadurch an Urvertrauen verliert, kann ich verstehen, aber sie ist nicht gerechtfertigt. Denn Du bist ja weiterhin spürbar bei Deinem Kind.

Du entziehst ihm ja nicht die Bindung, sondern Deinen Finger. Du bist ja bei Deiner Tochter und lässt sie nicht allein. Sie hat Deine Nähe und wird nicht „traumatisiert“.

Es ist mir sehr wichtig, dass wir das nicht verwechseln: Traumatisierung bedeutet, dass eine Beziehung „kalt abbricht“ oder dem Kind einen Stress macht, den es nicht bewältigen kann. Hier aber bist Du bei Deinem Kind und sorgst dafür, dass es die Bewältigung schafft – das ist ein grundlegender Unterschied!!

Und unbedingt rate ich: Schaut nach vorne. Die jetzige Situation ist schlichtweg untragbar, und Du spürst es. Auch Dein Kind leidet darunter, unter anderem weil jetzt tagtäglich Stress entsteht und Dir die Kraft ausgeht.

Sehe es also positiv: Wir begeben uns hier auf einen Weg, der uns gut tun wird!

"Mit Herz und Klarheit – Wie Erziehung heute gelingt und was eine gute Kindheit ausmacht" ist soeben erschienen. Dieses Buch ist ein Wegweiser für eine erfüllende und gelingende bedürfnisorientierte Familienzeit.
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1 Kommentar

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  • Monika K.

    „Tanz auf dem Vulkan.“ „wird nicht ohne Tränen und Protest gehen. Aber es wird gehen.“ !! „bin bei Dir, wir lernen jetzt zusammen um.“ Sorge vor Urvertrauen zu verlieren ist „nicht gerechtfertigt.“ „wird nicht traumatisiert.“
    Die eigenen Grenzen mit vielen Schmerzen als Folge von über die Maßen Geben – da sollten Grenzen dem Kind gesetzt werden. Kinder brauchen Grenzen, so wie wir Erwachsenen die Leitplanken am Straßenrand, sie wollen nur wissen wo sie sind. Und ja, wie Herr Renz-Polster sagt, der Finger wird ersetzt durch eine bessere Möglichkeit, zB durch den Schnuller. In kleinen Schritten gemeinsam umlernen, und eines Tages reichen ein oder zwei Schlaflieder. Mir hat eine Kindergärtnerin einmal gesagt: Du musst der Bestimmende sein. Die Kinder brauchen Deine Sicherheit. Sich nicht von Tränen und Geschrei beeindrucken lassen. Sicher sein, dass das Baby umlernen kann.