Kommentar28. Juni 2019

„Elternschule“ jetzt im Fernsehen

Roter Teppich für eine umstrittene Therapie?

Seit seinem Start in den Programmkinos hat der Dokumentarfilm „Elternschule“ heftige Kritik bekommen – von Eltern, Pädagogen, Kinderärzten, Kinderpsychiatern und -therapeuten. So auch von mir. Im Wesentlichen stehen drei Vorwürfe im Raum:

  • … dass in dem Film Gewalt gegen Kinder gezeigt werde
  • … dass es sich bei den gezeigten Therapiemethoden teils um wissenschaftlich nicht gesicherte Aussenseitermethoden handle
  • … dass die Behandlung nicht heilend, sondern möglicherweise schädigend wirke.

Nun kommt der Film im Fernsehen (3. Juli 2019, ARD, 22:45). Ohne jede Einbindung durch Kommentare oder kritische Diskussion.

Ich will deshalb in diesem Blogbeitrag die Debatte rund um den Film noch einmal zusammenfassend darstellen und ergänzen.

Meine Hoffnung ist, dass sie dieses Mal eine andere Richtung nimmt. Nämlich hin zum INHALT des gezeigten Films. Zur Frage vor allem, ob die dort zu sehende Behandlung von Kindern in Ordnung geht.

Elternschule – kurzer Rückblick auf die bisherige Diskussion

Im Oktober 2018 erscheint in Deutschland ein Dokumentarfilm über eine psychosomatische Klinik in Gelsenkirchen. Dort werden Babys und andere Kinder nach einer besonderen Methode behandelt, die als „multimodale 3-Phasen-Therapie“ bezeichnet wird. Es handle sich dabei um eine in Deutschland einzigartige Behandlungsform, die als „Erweiterung der gängigen schulmedizinischen Verfahren“ zu verstehen sei – so die Leitung der Klinik. Das herausragende Charakteristikum der Methode seien „gezielte Interventionen zur Stress-Induktion“.

Stress-Induktion: gezielte Maßnahmen also, um Stress auszulösen. Bei Säuglingen und Kleinkindern. Dazu gehört etwa die bewusste Trennung der Kleinen von ihren Müttern – sie sollen dadurch lernen, besser mit chronischem Stress umzugehen. Bei diesen Trennungsübungen wird den Kleinen auch der tröstende Schnuller aus dem Mund genommen – die Trennung soll ohne Trost und ohne Hilfe bewältigt werden.

Zu den gezielten Maßnahmen zur Stressauslösung werden auch ärztliche Untersuchungen eingesetzt. Die finden in Gelsenkirchen nämlich nicht nur bei der Aufnahme statt, sondern „täglich“ – „auch wenn das medizinisch gar nicht nötig wäre“.

Man muss sich das einmal vorstellen: Da werden Säuglinge und Kleinkinder von einem Arzt körperlich untersucht und vom Personal dazu auf der Untersuchungsliege festgehalten – und das nicht etwa, weil der Arzt wissen will, ob die Kinder krank sind. Sondern um sie unter Stress zu setzen. Denn so würden sie sich an den Stress allmählich gewöhnen. Die von Kindern so gehasste Halsuntersuchung etwa findet dann nicht statt um zu sehen, ob die Mandeln geschwollen oder der Hals entzündet ist – sondern als „Therapie“. Als Arzt bin ich darüber so schockiert, dass ich eigentlich nicht weiter begründen muss, warum ich zum Thema „Elternschule“ immer wieder Stellung bezogen habe. Ich will mit diesem Beitrag ein letztes Mal versuchen, Informationen zum Hintergrund der in dem Film „Elternschule“ gezeigten Therapie aufzubereiten und verständlich zu machen.

Die körperliche Untersuchung wird in der Gelsenkirchener Klinik auch durchgeführt „wenn sie medizinisch nicht nötig wäre“. Sie findet täglich statt – angeblich um die Kinder gegen Stress zu „impfen“. (Screenshot aus dem Film „Elternschule“)

In dem Film und den ihn begleitenden Interviews und Presseberichten heißt es, diese besondere Therapie sei geeignet, Babys und kleinen Kindern mit Neurodermitis, Schlafstörungen, Verhaltensstörungen, Asthma, chronischem Kopfweh, unstillbarem Schreien, Essstörungen und anderen „Regulationsstörungen“ nachhaltig zu helfen. Das Verfahren, das in