Satire9. Juni 2019

Die Elternschule und der liebe Gott

In den sozialen Medien geht es ja manchmal laut zu. So auch nach dem Beginn der Kinotour des Films „Elternschule“. Schon bald stand auch fest, wer für das „Gebrüll“ (so die ZEIT-Journalistin Johanna Schoener) verantwortwortlich war: Dahinter stünden die Mütter aus der „Attachment Parenting“ Szene (in der Hitze des Gefechts gerne auch mit einem „e“ geschmückt, wie in: „Attachement Parenting“). Und diese Szene – das war bald gesichert – „wurzelt im amerikanischen evangelikalen Christentum“ (so berichtete die Süddeutsche Zeitung). Auch in der Beilage zur DVD des Kinofilms „Elternschule“ wird ein Beitrag abgedruckt, der klar feststellt, „dass die Wurzeln dieser Proteste aus einer evangelikalen Richtung kommen.“

Kann man machen. Muss man aber nicht, denn wer sich ein bisschen in der deutschen Erziehungsszene auskennt, der weiss, dass die Hand Gottes selbst in der AP-Szene doch eher sporadisch mitmischt. Da greift man eher mal zu Marihuana als zur Matthäus-Bibel. Und überhaupt weiß in Deutschland kein Mensch, was „Attachment Parenting“ eigentlich ist. Jedenfalls gewiss kein Anlass um als Christ in Glaubensnot zu geraten, wie es zuletzt dann doch passiert ist –  nachzulesen auf der Webseite des der Klinik eng verbundenen Selbsthilfevereins „Allergie- und umweltkrankes Kind“ (AuK), wo eine Mutter schreibt:

„Es erschüttert mich als Christ, dass das „Attachement Parenting“ von Christen befürwortet wird. Schon Jesus sah sich einem liebevoll-konsequenten Vater ausgeliefert – und so ist die Beziehung aller Christen zum himmlischen Vater. Und ein Ebenbild dessen muss die elterliche, weltliche Erziehung darstellen. Charakterzüge erkennen, Frustrationstoleranz lehren, Grenzen setzen und erweitern – das ist typische biblische Nächstenliebe und darf als Erziehungsmodell zugunsten des charakterlichen Wachstums jedes Menschenkindes betrachtet werden.“

Nun will ich nicht behaupten, den Zusammenhang zwischen Erziehung und Glauben genau zu kennen. Aber dass es wohl doch einen gibt, zeigt die Geschichte, wie sie sich dann fürwahr zutrug.

Projekt Elternführerschein

Beamen wir uns zurück in die Nullerjahre dieses Jahrtausends. Eine Gruppe engagierter Menschen sorgt sich um ein Projekt namens „Elternführerschein“.  Sie beschreibt das Projekt so:

„Die Kinderklinik Gelsenkirchen hat unter der Leitung von Prof. Dr. Stemmann für Kinder mit Neurodermitis und Allergien das sogenannte Gelsenkirchener Programm entwickelt, das erstaunliche Therapieerfolge aufweisen kann. Dabei werden auch entscheidende Erziehungsgrundlagen vermittelt. Im Jahr 2001 entwickelte der ebenfalls an der Kinderklinik Gelsenkirchen tätige Dipl.-Psychologe Dietmar Langer daraus das Seminarprogramm: „Der Elternführerschein“.

So weit so gut. Allerdings gebe es da ein Problem:

„Eine Ausweitung des Elternführscheines, um die Inhalte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist schwierig. Die Qualität der Vermittlung der Inhalte und damit die Umsetzungserfolge sind stark an die Person Dietmar Langer gebunden. Er versteht es in außerordentlicher Weise das sensible Thema Erziehung so an Eltern zu vermitteln, dass er in der Sache sehr klar ist, die Inhalte aber auf humorvolle und sympathische Art vermittelt und damit für Eltern „annehmbar“ macht.“

Kurz, Herr Langer erscheint als der ideale Mulitplikator – humorvoll, sympathisch, eloquent. Der richtige Mann um auch etwas heiklere Themen rüberzubringen… Nur: seine zeitlichen Ressourcen sind „der limitierende Faktor.“

Die Lösung

Um die Reichweite des Elternführerscheins zu erhöhen sei deshalb ein zeitgemäßes, auf die modernen Kommunikationsformen zugeschnittenes Format zu entwickeln. Dazu sollten nun von Herrn Langer „auf Grundlage des bestehenden Elternführerscheins für Kleinkinder“  inhaltliche Module „für 6 Abende à 2 Stunden“ entwickelt werden:

„Der erste Abend findet live mit Herrn Langer statt, damit die Seminarteilnehmer ihn persönlich kennen lernen und erleben. Bei bisherigen Vortragsabenden mit Herrn Langer hatte sich gezeigt, dass seine authentische und sympathische Art schon an einem Abend eine Vertrauensebene schafft. An den 5 Folgeabenden übernimmt der Veranstalter (z. B. Kindergärten) die Moderation des Abends auf der Grundlage einer Moderationsleitlinie. Die Erziehungsinhalte werden per DVD eingespielt, die vorher im Rahmen eines real stattgefundenen Seminars durch ein professionelles Drehteam aufgezeichnet wurden.“

So lief also die Geburt das auch heute noch erfolgreichen multidimensionalen, multimedialen  „Elternführerscheins“.

Und hier, ob man glaubt oder nicht, landen wir dann doch wieder beim Glauben, ehrlich wahr. Denn die Geburtshelfer waren,  so heisst es weiter in dem Text, „zwei visionäre, engagierte Christen“, die den Elternführerschein auf DVD produzierten, „um daraus ein Seminar zu entwickeln, das einer breiten Öffentlichkeit angeboten werden kann“.

„Die Finanzierung des Projektes erfolgte über den gemeinnützigen Verein Mosaik im Revier e.V. und wurde komplett aus Spenden realisiert.“  

Was hat der Verein mit Erziehung zu tun?

Ja, gute Frage, ich weiß die Antwort aber auch nicht. Auf der Webseite des Vereins Mosaik im Revier  ist von der „Gabe der Evangelisation“ zu lesen („Fokus auf Menschen, die Gott nicht kennen und wie sie eingeladen werden können“). Auch von der „Gabe der Prophetie“  ist die Rede („Fokus auf Wahrheit, Ermutigung und Korrektur – Wahrheiten von Gott an die Gemeinschaft weitergeben) und schließlich von der „Gabe der Lehre“ („Fokus auf die Weitergabe und Vermittlung der Wahrheiten der Bibel, Schulung und Entwicklung der Gemeinschaft zu Mündigkeit als Christen“).

Und man gehöre zum „Netzwerk der Evangelischen Allianz in Deutschland“.

Wikipedia sagt mir dazu, die Allianz werde „allgemein als evangelikal  bezeichnet“.  In einer der Stellungnahmen der „Allianz“ lese ich, Homosexualität sei  „mit dem Willen Gottes und damit dem biblischen Ethos unvereinbar“. Und die geplante Verankerung der Kinderrechte im Grundgesetz sehe man auch kritisch – das vorrangige Erziehungsrecht der Eltern dürfe nicht ausgehöhlt werden.  Ja, klingt tatsächlich evangelikal.

Und da schließen sich dann die Kreise auf recht überraschende Art: Die Protagonisten des Films „Elternschule“ fühlen sich von einer „im evangelikalen Christentum wurzelnden“ Erziehungsideologie angegriffen. Herr Langer wird nicht müde auf die von diesen Müttern begangenen Gemeinheiten  zu verweisen, und die Presse wird nicht müde ihn mütterlich dafür zu bemitleiden.

Lässt er sich seinen „Elternführerschein“ tatsächlich von einer Gruppierung finanzieren, die genau aus dieser gemeinen Ecke kommt?

Und wenn ja: Welche Visionen verfolgt dieser Verein mit dem Elternführerschein? Was findet er an dieser Erziehungshaltung so toll, dass er sie auf seine Missionsagenda nimmt?

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