Satire

Elternschule – Die Reise des »e«

Kein Begriff dürfte in der modernen Entwicklungspsychologie bekannter sein als der Begriff der Bindung. Auf Englisch attachment. So seit John Bowlby millionenfach in Fachbeiträgen zitiert und geschrieben.

Nun ist niemand ein Vorwurf zu machen, wenn er oder sie „attachment“ nicht richtig schreiben kann, Fehler passieren.

Nur manchmal zeigen Fehler eben auch an, wer von wem abschreibt. Alte GrundschullehrerInnen-Weisheit.

Blättern wir einmal durch die Berichterstattung zum Film Elternschule. Da war ja bald schon ausgemachte Sache, dass der Film von einer lautstarken Gruppe radikaler Mütter „bewusst missverstanden werde“. So der Leiter der Schule, Dietmar Langer. Wer diese Gruppe ist? Das deckte bald schon der  WDR in einem Online-Beitrag auf: Die radikale Vereinigung betreibe etwas, das sich „Attachement Parenting“ nenne!

Das Attachement Parenting

Attachement Parenting also, mit einem schönen  e  drin, was dem „attachment“ eine französisch weiche Note gibt. Kann passieren. Lesen wir deshalb einfach weiter, um was es bei diesem attachement parenting genau geht:

„In den Postings wird immer wieder auf das aus den USA stammende „Attachement Parenting“ (AP) verwiesen, wonach Eltern sich ganz nach den Bedürfnissen des Kindes richten müssen: Es soll ins Bett gehen und essen, wann es möchte. Die AP-Methode wurzelt im amerikanischen evangelikalen Christentum und hat auch in Deutschland viele Anhänger.“

So weit so gut (wer sich jetzt ein bisschen Sorgen um die deutsche Medienlandschaft macht, sollte den Rest des Beitrags lieber nicht lesen).

Zwei Tage später steht dann in der Süddeutschen Zeitung:

„Die empörten Internetbeiträge verweisen häufig auf das aus den USA stammende „Attachement Parenting“ (AP), die „bedürfnisorientierte Erziehung“. Deren Methoden sollen die Mutter-Kind-Bindung fördern, indem sich die Mutter ganz nach den Bedürfnissen ihres Kindes richtet. Die Methode wurzelt im amerikanischen evangelikalen Christentum und hat auch in Deutschland viele Anhänger.“

Da ist es ja schon wieder, das schöne weiche e des „Attachement“ Parenting! Und auch der andere Satz: fehlerfrei übertragen! Ein Relotiuspunkt an die Verfasserin, Martina Knoben!

Und so geht das dann weiter. Als nächstes greift die Badische Zeitung zu.

Und bald schon „verschreiben“ sich sogar Autoren vom Fach – vielleicht ist das Thema einfach zu aufregend. Welche Weltanschauung trägt wohl „das Risiko für Überbehütung und Helikopter-Eltern in sich“? Mein Kollege Tegtmeyer-Metzdorf weiß die Antwort:  Sie heißt „Attachement parenting“. Und in unserem Verbandsblatt Kinder- und Jugendarzt verrät er auch den Grund:

„Eine Erziehungshaltung mit Langzeitstillen, Baby-wearing und Co-sleeping ist (…) ein Risiko für die kindliche Autonomie-Entwicklung. Auch jederzeit besorgte Zuwendung um Schreien des Säuglings zu vermeiden, führt dazu, dass das Kind es nicht lernt mit Versagungen klar zu kommen (…).“

Die Reise des „e“ ist damit aber noch nicht zu Ende.

„Es erschüttert mich als Christ“, ist auf der Webseite des Vereins AUK zu lesen (ein „Selbsthilfe“verein mit Sitz in der Gelsenkirchener Psychosomatik-Station),“dass das „Attachement Parenting“ von Christen befürwortet wird. Schon Jesus sah sich einem liebevoll-konsequenten Vater ausgeliefert – und so ist die Beziehung aller Christen zum himmlischen Vater. Und ein Ebenbild dessen muss die elterliche, weltliche Erziehung darstellen.(…)“

So weit ist es mit dem schönen „e“ nun also also gekommen – vom WDR über die Süddeutsche Zeitung bis zu einem Gelsenkirchener Verein, dessen Vorsitzende Frauke Döllekes die Eltern auch  gerne mit pädagogischen Handreichungen unterstützt, wie etwa dieser: „Die Rangordnung innerhalb der Familie ist von großer Bedeutung. (…) Gehen wir durch die Tür, gehen die Erwachsenen zuerst – und dann die Kinder.“

Denn das mit dem „Attachement“, das legt jeder anders aus, ganz offensichtlich.

 

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