Kommentar28. Juni 2019

„Elternschule“ jetzt im Fernsehen

Roter Teppich für eine umstrittene Therapie?

Seit seinem Start in den Programmkinos hat der Dokumentarfilm „Elternschule“ heftige Kritik bekommen – von Eltern, Pädagogen, Kinderärzten, Kinderpsychiatern und -therapeuten. So auch von mir. Im Wesentlichen stehen drei Vorwürfe im Raum:

  • … dass in dem Film Gewalt gegen Kinder gezeigt werde
  • … dass es sich bei den gezeigten Therapiemethoden teils um wissenschaftlich nicht gesicherte Aussenseitermethoden handle
  • … dass die Behandlung nicht heilend, sondern möglicherweise schädigend wirke.

Nun kommt der Film im Fernsehen (3. Juli 2019, ARD, 22:45). Ohne jede Einbindung durch Kommentare oder kritische Diskussion.

Ich will deshalb in diesem Blogbeitrag die Debatte rund um den Film noch einmal zusammenfassend darstellen und ergänzen.

Meine Hoffnung ist, dass sie dieses Mal eine andere Richtung nimmt. Nämlich hin zum INHALT des gezeigten Films. Zur Frage vor allem, ob die dort zu sehende Behandlung von Kindern in Ordnung geht.

Elternschule – kurzer Rückblick auf die bisherige Diskussion

Im Oktober 2018 erscheint in Deutschland ein Dokumentarfilm über eine psychosomatische Klinik in Gelsenkirchen. Dort werden Babys und andere Kinder nach einer besonderen Methode behandelt, die als „multimodale 3-Phasen-Therapie“ bezeichnet wird. Es handle sich dabei um eine in Deutschland einzigartige Behandlungsform, die als „Erweiterung der gängigen schulmedizinischen Verfahren“ zu verstehen sei – so die Leitung der Klinik. Das herausragende Charakteristikum der Methode seien „gezielte Interventionen zur Stress-Induktion“.

Stress-Induktion: gezielte Maßnahmen also, um Stress auszulösen. Bei Säuglingen und Kleinkindern. Dazu gehört etwa die bewusste Trennung der Kleinen von ihren Müttern – sie sollen dadurch lernen, besser mit chronischem Stress umzugehen. Bei diesen Trennungsübungen wird den Kleinen auch der tröstende Schnuller aus dem Mund genommen – die Trennung soll ohne Trost und ohne Hilfe bewältigt werden.

Zu den gezielten Maßnahmen zur Stressauslösung werden auch ärztliche Untersuchungen eingesetzt. Die finden in Gelsenkirchen nämlich nicht nur bei der Aufnahme statt, sondern „täglich“ – „auch wenn das medizinisch gar nicht nötig wäre“.

Man muss sich das einmal vorstellen: Da werden Säuglinge und Kleinkinder von einem Arzt körperlich untersucht und vom Personal dazu auf der Untersuchungsliege festgehalten – und das nicht etwa, weil der Arzt wissen will, ob die Kinder krank sind. Sondern um sie unter Stress zu setzen. Denn so würden sie sich an den Stress allmählich gewöhnen. Die von Kindern so gehasste Halsuntersuchung etwa findet dann nicht statt um zu sehen, ob die Mandeln geschwollen oder der Hals entzündet ist – sondern als „Therapie“. Als Arzt bin ich darüber so schockiert, dass ich eigentlich nicht weiter begründen muss, warum ich zum Thema „Elternschule“ immer wieder Stellung bezogen habe. Ich will mit diesem Beitrag ein letztes Mal versuchen, Informationen zum Hintergrund der in dem Film „Elternschule“ gezeigten Therapie aufzubereiten und verständlich zu machen.

Die körperliche Untersuchung wird in der Gelsenkirchener Klinik auch durchgeführt „wenn sie medizinisch nicht nötig wäre“. Sie findet täglich statt – angeblich um die Kinder gegen Stress zu „impfen“. (Screenshot aus dem Film „Elternschule“)

In dem Film und den ihn begleitenden Interviews und Presseberichten heißt es, diese besondere Therapie sei geeignet, Babys und kleinen Kindern mit Neurodermitis, Schlafstörungen, Verhaltensstörungen, Asthma, chronischem Kopfweh, unstillbarem Schreien, Essstörungen und anderen „Regulationsstörungen“ nachhaltig zu helfen. Das Verfahren, das in seinem Kern aus einer 3-wöchigen stationären Aufnahme der Kinder und ihrer Mütter besteht, habe Heilungsquoten von „85 bis 87 Prozent“. Das sei durch „Evaluations-Studien mit verschiedenen Unis“ belegt. Die Methode selbst sei von der Wissenschaft bestätigt und „abgesichert“. Die Eltern seien durchweg mit der Behandlung zufrieden. Und ja, manche der Therapiebausteine erschienen von außen betrachtet vielleicht als hart, aber sie beruhten auf einer „liebevoll-konsequenten“ Erziehungshaltung.

Dieses erzieherische Programm auch den Eltern dort draußen zu vermitteln ist seit vielen Jahren das Anliegen des leitenden Psychologen der Abteilung. Auch beim Film „Elternschule“ schwang von Anfang an die Botschaft mit, hier werde den Zuschauern vermittelt, wie Erziehung funktioniert. „Für jeden, der selbst Kinder hat, ist der Film ein Muss“, erklärt das Kinoplakat. Auf der Webseite zu dem Film fassen die Filmemacher ihr Werk so zusammen: „Elternschule betrachtet ein zentrales Konfliktfeld unserer Gesellschaft: Erziehung. Wie gehen wir richtig mit unseren Kindern um – und mit uns selbst?“ Auch die Presse versteht den Film von Anfang an als eine Art Erziehungsratgeber. Laut Süddeutscher Zeitung gibt der Film einen „Einblick in eine verunsicherte Gesellschaft, die sich mit Autorität schwertut.“ Der WDR entdeckt in dem Film sogar „Das Geheimnis guter Erziehung“.

Vielfältige Kritik an dem Film

Nun erhoben sich bald schon kritische Stimmen, die diesen Behauptungen und Interpretationen in vielfältiger Weise wiedersprachen – darunter namhafte Institutionen wie der Deutsche Kinderschutzbund oder die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie wiesen unter anderem darauf hin,

  • … dass in dem Film kindliche Grundbedürfnisse verletzt würden, und dass manche Szenen Gewalt gegen Kinder beinhalteten, so dass die unkommentierte Ausstrahlung des Films kritisch zu sehen sei.
  • … dass manche der in dem Film dargestellten Therapieverfahren in ihrer Wirkung und Nebenwirkung wissenschaftlich nicht untersucht seien, und dass das im Film gezeigte Therapiekonzept „den aktuellen Standards der Bindungs- und Entwicklungsforschung“ nicht entspräche.
  • … dass insbesondere die in dem Film ausführlich dargestellte Methode des sogenannten Trennungstrainings „ethisch bedenklich“ sei und „im schlimmsten Fall dem Kind mehr schaden als nutzen“ würde.
  • …  dass in dem Film vor laufender Kamera „fachlich fragwürdige“ Diagnosen gestellt würden und manche der angeblichen Erziehungserfolge in Wirklichkeit auf einem „Unterwerfen“ des Kindes beruhen.

Weitere Stimmen wiesen darauf hin,

  • … dass die Behauptungen zum Erfolg des Programms in keiner Weise nachprüfbar seien.
  • … dass das gezeigte Therapieangebot ursprünglich gar nicht für Verhaltens- und Regulationsstörungen entwickelt worden sei, sondern für die angebliche „Selbstheilung“ von Allergien.
  • … dass die Klinik schon früher wegen dort propagierter Außenseitertheorien in der  öffentlichen Kritik gestanden habe.

Kurz, die Kritiker der „Elternschule“ stellen die Wissenschaftlichkeit, die medizinische Begründung, die Wirksamkeit und die ethischen Standards vieler der in dem Kinofilm gezeigten Therapieverfahren in Frage (ich selbst fasse die Kritik in diesem Beitrag zusammen). Und ja, manche der gerade in den sozialen Medien geäußerten Stimmen waren emotional, und eine Minderheit war auch unsachlich oder sogar beleidigend. Aber insgesamt und in ihrer überwiegenden Mehrheit war die Kritik

  • nachvollziehbar dargelegt,
  • sie kam aus der Breite der Gesellschaft
  • und sie wurde – das zeigen die obigen Beispiele – von wichtigen, mit der Therapie kranker Kinder befassten ärztlichen und therapeutischen Fach- und Berufsverbänden in die Diskussion eingetragen.

 

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Was aus der Kritik wurde

Betrachtet man die bisherigen Presseberichte über den Kinofilm im Rückblick, so wirken die obigen Kritikpunkte heute wie herausgeschnitten. Gerade in den großen Leitmedien kommen sie nur am Rande vor, in dem Bild dominiert stattdessen: die Kritik an den Kritikern.

Stets ist ausführlich die Rede von einer Gruppe von Eltern, die sich „unter lautem Getöse auf den Film gestürzt“ (ZEIT) habe – um das zu führen, was die Protagonisten des Films bald einen „Vernichtungsfeldzug“ nennen. Bei dem gehe es in Wirklichkeit gar nicht um die Inhalte des Films, sondern um die egoistischen Interessen der KritikerInnen – um „mediale Aufmerksamkeit“ etwa, oder um „Selbstvermarktung“.

Die KritikerInnen werden von Anfang an einer bestimmten „Erziehungs- und Lebensideologie“ (Dietmar Langer) zugerechnet, die in den Medienberichten wahlweise als „Attachment Parenting“ (Zeit, Spiegel online) oder als „Attachement Parenting“ (WDR, Süddeutsche Zeitung) bezeichnet wird (auf die seltsame, aber interessante Reise dieses weichen, französischen „e“ gehe ich hier kurz ein). Es handle sich um Anhänger einer aus dem evangelikalen Milieu der USA stammenden Bewegung, die „als Versuch gelesen werden könne, Frauen zurück in die Welt von Küche und Kindern zu befördern“ (ZEIT). Kritisch zu sehen sei aber vor allem der in dieser Szene praktizierte Erziehungsstil, bei dem „sich die Mütter ganz nach den Bedürfnissen des Kindes richten müssen“ („das Kind soll ins Bett gehen und essen, wann es möchte“, schreibt – im Wortlaut – der Westdeutsche Rundfunk in einem Online-Beitrag).

Kurz: die Presse berichtet jetzt ausführlich von schlechten Müttern mit schlechten Gewohnheiten und einem schlechten Umgang mit ihren Kindern.

Ebenfalls einen großen Raum in der Berichterstattung über die „Elternschule“ bekommen nun Erziehungstipps und -ratschläge. Etwa, dass man Kindern doch bitte wieder mehr Grenzen setzen möge: „Kinder, denen keine Grenzen gesetzt wurden, machen Mitschülern und Lehrern zunehmend das Leben schwer.“ Und dass man Babys durchaus auch mal weinen lassen dürfe – der „Frustrationstoleranz“ wegen (ZEIT). Die Berliner Zeitung sieht in dem Film ein Lehrstück, „wie Eltern lernen, Grenzen zu setzen“. N-tv bringt den Inhalt des Films noch kürzer auf den Punkt: „Kindern Grenzen aufzeigen“.

Die Debatte hat sich einfach umgedreht

Mit der Debatte ist damit etwas Bemerkenswertes passiert: Sie hat sich einfach umgedreht.

Sie handelte einmal von einem Film. Jetzt handelt sie von dessen Kritikern. Sie begann einmal bei der Frage, wie die kleinen Patienten in einer Gelsenkirchener Klinik behandelt werden. Jetzt geht sie darum, wie die Therapeuten dort behandelt werden. Die Diskussion ging einmal darum, welches Verständnis von Erziehung der Kinofilm „Elternschule“ transportiert – jetzt dreht sie sich darum, welches Verständnis von Erziehung wohl diejenigen haben, die diesen Film kritikwürdig finden. Die Diskussion drehte sich einmal darum, dass Babys in dem Film von ihren Müttern getrennt werden um dadurch angeblich zu lernen, Stress besser zu ertragen – jetzt dreht sie sich darum, wie gefährlich es ist, wenn Mütter zu viel mit ihren Kindern kuscheln.

Die Kritikpunkte – „vergessen“?

Keine Frage mehr zu den „gezielten Methoden zur Stress-Induktion“. In einer Kinder-Klinik.

Keine Fragen mehr zu der Theorie, dass die kranken Kinder angeblich an einem „Trennungstrauma“ litten, das nun durch „Trennungsübungen“ überwunden werden müsse.

Keine Fragen mehr zur Geschichte der Klinik, und warum dort bis zuletzt noch immer Diagnosen wie „Asthma bei Revierkonflikt“ gestellt werden – Diagnosen, die ansonsten nur im Darknet der Germanischen Neuen Medizin zu finden sind.

Keine Fragen mehr dazu, warum das ursprünglich für die Behandlung von hautkranken Kindern entwickelte Gelsenkirchener Behandlungsverfahren nun auf einmal auch bei Schreibabys funktionieren soll.

Keine Fragen mehr zur Rechtfertigung von Gewalt, so wie sie in dem Film eindeutig zur Sprache kommt („Er hat 5 Löffel gegessen, dann habe ich im Kampf nochmal 5 Löffel in ihn reinbekommen, aber dann war Schluss. Es hat 45 Minuten gedauert, bis er sich wieder beruhigt hat….“).

Keine Frage mehr zu dem in dem Film gezeichneten Bild des von Natur aus gegen seine Eltern gebürsteten Kindes mitsamt seiner düsteren Untertöne („Das Kind ist der größte Egoist auf der Welt. Er muss dafür sorgen, dass wir für ihn rennen. ER will überleben, wie es MIR geht, ist ihm scheißegal“.

Keine Fragen auch mehr dazu, ob es für die dort behandelten Kinder keine therapeutischen Alternativen gäbe – und wie solche Alternativen vielleicht aussehen könnten.

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Erfolgs- und Heilungsgeschichten

Stattdessen dominieren in den Magazinen und Zeitungen die knitterfreien Versionen der „Elternschule“. Die ZEIT berichtet von einem „Zivilisations-Crashkurs“, den die Kinder dort angeblich durchlaufen. In einer anderen großen Reportage in der ZEIT kommen die Kritiker des Films auf insgesamt sechs Zeilen zu Wort (das Feature selbst hat 250 Zeilen, dann folgt ein 1-seitiges Interview mit dem Psychologen der Klinik). Ähnlich unausgewogen wird bei Spiegel online berichtet – wenn Kritiker zu Wort kommen, dann mit seltsamen, aus dem Zusammenhang gelösten Zitaten. Den Rekord aber stellt ausgerechnet ein Magazin der Caritas auf. Es berichtet von Heilungsgeschichten schier biblischen Ausmaßes: „Gelsenkirchener Spezialklinik macht verunsicherte Kinder und verzweifelte Eltern wieder gesund“! Der Titel des in der Rubrik „Erziehung“ eingestellten Beitrags: „Kinderflüsterer.“ Hinweise auf eine kontroverse Diskussion rund um den Film? Dazu kein einziges Wort.

Betreutes Sehen

Ja, was für ein Wandel: Ein Film, vor dessen Betrachtung der Deutsche Kinderschutzbund warnt, zeigt jetzt angeblich die Arbeit von „Kinderflüsterern“. Wie das möglich ist? Durch eine andere Art von Flüstern: Was ihr da mit eigenen Augen seht, ist doch gar nicht die echte Wahrheit!

Beispiel Schlaftraining. Im Film zu sehen ist das: Ein Gitterbett mit einem Kleinkind im Strampler drin, dieses wird in einen leeren Klinikraum geschoben. Dann wird das Licht ausgemacht und die Tür geschlossen. So manchem Betrachter läuft es da kalt den Rücken runter: Was passiert jetzt bis zum nächsten Morgen? Könnte das von seiner Mutter getrennte Kind nicht geschädigt werden?

Die Internetseite der Filmemacher und der Klinik erklären, wie die Szene in Wirklichkeit zu werten ist:

„Die Kinder schlafen unter Aufsicht einer Schwester, die auch bei Bedarf die Kinder tröstet. Dieses Training geschieht vorbereitet nach einer Zeit der Eingewöhnung der Familien in das therapeutische Setting. In dieser Zeit lernen das Kind und seine Hauptbezugsperson das therapeutische Team kennen. Danach und nach einer Zeit von tagsüber bereits kleineren Trennungseinheiten wird das Schlaftraining angeboten, welches auf absoluter Freiwilligkeit beruht.“

Uff, danke! Wie gut, dass es sich also um einen völlig unproblematischen Vorgang handelt, zu dem jede Kritik fast schon gemein erscheint: Die machen das freiwillig, die machen das in einem „therapeutischen Setting“, da sind Profis dabei, das Kind ist in guten Händen. Sogar die Betten sind ganz normal, nämlich „reguläre Klinikbetten“ (so lässt die Klinik vermelden). Auch dass die Kleinen im Dunkeln liegen, sei doch eine gute Sache: „So wie der Mensch gewohnt ist, die Nacht als dunkel zu erleben, werden auch die Kinder bei einem Schlafverhaltenstraining mit einem dunklen Raum konfrontiert“, schreiben die Filmemacher. Die Klinik sieht die Dunkelheit noch heller: es ginge da um „das Vermeiden störender Reize“ – und zitiert dazu dann noch die „Empfehlungen zur Schlafhygiene der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin.“

Echt jetzt? Ohne die Deutungshilfen der Filmemacher sieht die Szene allerdings noch immer so aus: die „regulären Klinikbetten“ sind mit unüberwindbaren Gittern ausgestattet. Und richtig, der Raum ist frei von störendem Licht, also wirklich stockdunkel. Und die beschriebene „Aufsicht einer Schwester“, unter der die Kleinen schlafen? Sie ist im Film zu sehen: Die Nachtschwester sitzt im Stationszimmer und beaufsichtigt per Videokamera und Monitor. Und was ist mit der  angeblich „vorbereiteten“ Trennung? Der psychologische Leiter der Abteilung behauptet allen Ernstes, in den ersten Tagen des Klinikaufenthalts würden die Kleinen ja eine Bindung zum Personal aufbauen: „Die Idee ist, das wir, die Ärzte, Therapeuten und Krankenschwestern zu Bezugspersonen für die Kinder werden“ (Quelle). Nicht im Ernst, oder? Alle Eltern, die einmal ein kleines Kind in eine Krippe eingewöhnt haben wissen, wie zurückhaltend kleine Kinder beim Kennenlernen fremder Erwachsener sind (das ist nun einmal ein wichtiger Teil ihres Überlebensprogramms). Wie viel Begleitung und wie viele „Brücken“ sie brauchen, bis sie zu einer fremden Personen Vertrauen aufbauen. Und nun beame man sich mit seinem kleinen Kind in eine fremde Klinik, in der das Personal ja dauernd wechselt und dem Kind berufsbedingt nicht unbedingt in vertrauenserweckenden Rollen gegenübertritt – etwa bei der körperlichen Untersuchung und bei sonstigen medizinischen Routinen. Diese „Bezugspersonen“ sollen für ein kleines Kind eine Quelle von Sicherheit sein, wenn es an die nächtliche Trennung von der Mutter geht? Wirklich, oder? Und ganz unabhängig davon: Die Nachtschwester ist für das Kind trotzdem eine komplett fremde Person.

Und das soll sie in Wirklichkeit auch sein, hier ist der psychologische Leiter der Klinik dann an anderer Stelle eindeutig: „Da die Schwester nicht die vom Kind gewünschte Zielperson ist, gelangt das Kind im Verlauf von i.d.R. 3 Wochen stationärer Behandlung wieder zu einem ungestörten Ein- und Durchschlafverhalten.“ Kurz: Dass die Nachtschwester dem Kind fremd ist, hilft das Therapieziel zu erreichen. Nur: Warum dann das Gesäusele vom Bindungsaufbau zum Krankenhauspersonal?

Vom Trösten und vom Einsperren

Der Gipfel im Kampf um die schönen Worte aber ist für mich der Hinweis an die Presse, die Kinder würden ja bei Bedarf von der Nachtschwester „getröstet“. Wem würde da nicht das Bild in den Sinn kommen: Baby weint, wird auf den Arm genommen, wird mit Worten, Nähe oder gar Liedern, ja: getröstet. Wie der „Trost“ in Wirklichkeit aussieht, beschreibt der leitende Psychologe Dietmar Langer dann aber so:  Die Schwester habe zu überprüfen, ob ein „akutes Bedürfnis“ vorliege. Was damit gemeint ist, beschreibt er so: „Wenn sich das Kind im Bettzeug verheddert hat, wird ihm natürlich geholfen.“ Alles andere würde ja dem Zweck des nicht ohne Grund als „Extinktions- oder Löschungsbehandlung“ bezeichneten Schlaftrainings zuwiderlaufen – die Näheforderung des Kindes soll ja „gelöscht“ werden, das Kind soll schließlich „lernen“ ohne Begleitung und Regulation seiner Gefühle durch eine Bezugsperson durch die Nacht zu kommen. Natürlich werden hier kleine Kinder die Nacht über in Gitterbetten eingesperrt und verbringen die Nacht alleine in einem dunklen Raum. Und natürlich wird auf ihr Weinen nicht mit dem tröstenden Verhalten reagiert, das kleine Kinder von ihrer Natur aus nun einmal erwarten. Und natürlich ist diese Behandlung für sie nicht dadurch weniger belastend, dass sie das Klinikpersonal der Tagesschicht kennen oder weil sie „therapeutisch begleitet“ werden. Oder weil eine Videokamera läuft.

Sogar zu dem Wort „Einsperren“ gibt es inzwischen eine Interpretationshilfe. Im Bonusmaterial zur DVD-Version des Films heisst es allen Ernstes (während im Video die Tür zum Schlafraum des Kindes geschlossen wird): „Die Türen sind immer offen – hier wird niemand eingesperrt!“ Also: die Türen werden nicht abgeschlossen, Danke. Nur: sind sie deshalb „offen“? Für ein im Gitterbett dort drin liegendes Kind?

Statt diese Tatsachen klar zu benennen, werden beschwichtigende Schlagwörter gestreut: Trost, Schlafhygiene, Fachgesellschaft, Profis, Therapie, Vorbereitung, ärztliche Empfehlung, Leitlinie. Ja, sogar Freiwilligkeit – gemeint ist allerdings die Freiwilligkeit der Eltern, nicht die der Kleinkinder. Ja, mit solchen Begriffen erscheinen dunkle Räume vielleicht heller und Gitterstäbe vielleicht kürzer. Und manche Journalistin und mancher Journalist lässt sich von der professionellen Verpackung womöglich täuschen. Nur: Für mich ist das ein Versteckspiel. Wenn die Diskussion sich um glitzernde Verpackungen dreht statt um deren Inhalt, wie kommen wir dann weiter? Reden wir doch lieber über die Rolle, den Stellenwert und die möglichen Nebenwirkungen eines Schlaftrainings vom Typ der „unmodifizierten Extinktionsbehandlung“, die in diesem Film mit dem Namen „Elternschule“ gezeigt wird.

Das Versteckspiel beenden

Und deshalb muss ich doch noch ein bisschen grundsätzlicher werden. Natürlich hat die Klinik alles Recht der Welt ihre Kritiker zu kritisieren. Das hat sie. Sie hat das Recht, sich auch juristisch gegen ihre Kritiker zu wehren (auch wenn man dazu die Frage stellen kann, ob strafbewehrte Unterlassenaufforderungen der richtige Weg sind, um etwa mit einer Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie Positionen zu klären). Und natürlich hat die Klinik alles Recht der Welt, JournalistInnen zu Informationsgesprächen oder was auch immer zu laden, gerne unter Teilnahme begeisterter Mitglieder aus dem klinikverbundenen Selbsthilfeverein. Das hat sie.

Seltsam nur, dass bei diesen journalistischen „Recherchen“ niemand den Weg zu den Kritikern findet – von denen es ja wirklich genug gibt, und profilierte noch dazu.

Seltsam auch, dass bei den von Medienvertretern „recherchehalber unternommenen Besuchen“ in der Gelsenkirchener Klinik dann doch nur Nacherzählungen entstehen. Der langfristige (!) Erfolg der Behandlung, mit Zahlen von 85 bis 87% belegt – wer mit den genannten Störungsbildern auch nur ein bisschen vertraut ist, weiß, dass darauf entweder die sofortige Seligsprechung oder aber die Verleihung des Nobelpreises für Medizin fällig wäre. Warum werden solche Angaben nicht hinterfragt und überprüft? Die Behauptung von der angeblichen Wissenschaftlichkeit der in dem Film gezeigten Behandlungen: Warum ist dazu nirgends eine Hintergrundrecherche zu lesen? Die Entscheidung zur Verfahrenseinstellung durch die Staatsanwaltschaft – ich kenne keinen einzigen journalistischen Beitrag, der dazu kritische Fragen gestellt oder überhaupt inhaltlich darüber berichtet hätte. Die abwertende, pauschalisierende, ja teilweise entwürdigende Darstellung einer bestimmten Elternschaftskultur als erziehungsunfähig, emanzipationsfeindlich, selbstsüchtig, und überhaupt pfui! – Es gibt viel zu wenige Beiträge, die angesichts dieser öffentlichen Vorführung nicht laut und vernehmlich STOP gerufen hätten.

Wer Fragen stellt, bekommt Antworten.

Doch auch bei diesem kontroversen Thema lassen sich Behauptungen überprüfen und Fakten von Gerüchten trennen.

Stimmt die Behauptung, dass die in Gelsenkirchen Behandelten allesamt zufrieden seien („Egal wie alt sie heute sind – ihnen geht es super“)? Eine kurze Recherche im Netz reicht aus, um das zu widerlegen. Und abgesehen davon: Wer meint, den Beleg für die Wirksamkeit einer medizinischen Behandlung durch Patientenzeugnisse erbringen zu können, vergisst doch die entscheidenden Fragen: Wie wären die Behandelten mit einer anderen Behandlung gefahren? Geht es den Patienten wegen oder trotz der Behandlung besser? Vor allem aber: sind die gefeierten Wirkungen vielleicht mit Nebenwirkungen erkauft? Die sich teilweise vielleicht erst später zeigen? Den Gütesiegel „Wer heilt hat Recht“ haben jedenfalls schon sehr viele medizinische Behandlungen für sich reklamiert, an die wir uns heute nur noch ungern erinnern.

Stimmt denn die Behauptung, das Gelsenkirchener Behandlungsprogramm richte sich nach den in der Fachwelt anerkannten medizinischen Leitlinien und sei schon deshalb „medizinisch, therapeutisch, rechtlich abgesichert“? Der Blick in die entsprechenden medizinischen Leitlinien belegt ein ganz anderes Bild.

Stimmt der Hinweis, man habe ja die Rückendeckung verschiedener Fachverbände – auch das würde doch die Wissenschaftlichkeit des Gelsenkirchener Programms bestätigen? Fakt ist, dass sich die Fachwelt bei dieser Frage tatsächlich nicht einig ist. Fakt ist aber auch, dass die positiven Stellungnahmen häufig von Experten geschrieben wurden, die dem Gelsenkirchener Programm irgendwie verbunden sind. Natürlich ist es schön, wenn eine Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Psychosomatik (AGPPS) der Deutschen Gesellschaft Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) das Gelsenkirchener Therapieprogramm lobt – nur ist Dr. Lion, der ärztliche Leiter des Gelsenkirchener Programms, dort eben auch als wissenschaftliches Beiratsmitglied tätig (außerdem hat er die Arbeitsgemeinschaft mit gegründet). Und schön, wenn die ZEIT ihre Begeisterung für den angeblich in Gelsenkirchen stattfindenden „Zivilisations-Crashkurs“ von gleich zwei Professorinnen bestätigen lässt („sehr hilfreich und evidenzbasiert“) – nur arbeiten eben beide Expertinnen mit Herrn Langer im gleichen Dozententeam zusammen.

Und stimmt die Behauptung, die zu dem Film gemachten Vorwürfe des Deutschen Kinderschutzbunds seien widerlegt, weil die Staatsanwaltschaft die nach diversen Strafanzeigen aufgenommenen Ermittlungen eingestellt habe? Das ist eindeutig ein Missverständnis. Staatsanwälte klären nicht, ob ein zur Anzeige gebrachter Sachverhalt rechtskonform ist oder nicht – das ist Aufgabe von Gerichten. Staatsanwälten obliegt vielmehr zu entscheiden, ob sie Klagen von Bürgern oder Institutionen vor ein Gericht bringen, das darüber dann zu befinden hat. Dabei haben sie einen weiten – von Staatsanwalt zu Staatsanwalt unterschiedlich gefüllten – Ermessensspielraum (den man im konkreten Fall durchaus kritisch kommentieren kann: reicht es wirklich aus, darauf hinzuweisen, die Eltern hätten einer bestimmten Behandlung ja zugestimmt?)

Und stimmt denn die Behauptung, der Film werde „bewusst missverstanden“ – in Wirklichkeit drehe er sich ja gar nicht um Erziehungsfragen, sondern um die Behandlung von schwer erkrankten Kindern? Wenn, dann war dieses Missverständnis vorprogrammiert. Wer nennt einen Film über die besondere Therapiemethode einer Klinik ausgerechnet „Elternschule“? Und verwendet damit ausgerechnet den Namen, unter dem auch in der Klinik und deutschlandweit Erziehungsseminare für „normale Familien“ angeboten werden? Erziehungsseminare, die der Protagonist des Films auch unter dem Namen „Elternführerschein“ bundesweit für Eltern und Institutionen anbietet? Und die bei näherem Betrachten doch große Ähnlichkeiten zu den im Film gezeigten Inhalten aufweisen? Und schreiben die Filmemacher nicht selber, dass die „Informationsveranstaltungen und Seminare (…) auch  ein wichtiger Teil des Films“ sind? Und dass sich „diese Anregungen dann gut auf das eigene Erziehungshandeln zu Hause übertragen“ lassen?

Und stimmt denn die Behauptung, die KritikerInnen des Films hätten die Kinotour massiv gestört und den psychologischen Leiter der „Elternschule“  sogar körperlich angegriffen, so dass die Kinotour aus Sicherheitsgründen abgebrochen werden musste? Diese Version wird unter anderem im Begleitheft zur DVD-Ausgabe des Films verbreitet. Überprüft man diese Aussage, so stößt man auf andere Gründe für den Abbruch der Kinotour und bekommt vom angeblich selbst Betroffenen die klare Antwort: körperliche Angriffe habe es nie gegeben. Bei seiner Kinotour habe „das Attachment“ Flyer verteilt und sich bezüglich der an ihn zu stellenden Fragen „abgestimmt“. Ach so. (Ich will damit nicht in Abrede stellen, dass es rund um diesen Film inakzeptable und  entwürdigende Kritik gab – die gab es und das ist nicht zu entschuldigen – allerdings geht es umgekehrt auch nicht an, von diesen Fällen auf die Gesamtheit der KritikerInnen zu verallgemeinern).

Rätsel „Trennungstraining“

Bleiben wir aber noch kurz in der betreuten Perspektive und versuchen uns ein Bild vom Kernstück des Gelsenkirchener Behandlungsverfahrens zu machen, nämlich zu dem so genannten Trennungstraining (wir sind jetzt bei den Filmszenen von der „Mäuseburg“). Dieses auch „Trennungs-Bindungstraining“ genannte Verfahren steht in der Gelsenkirchener Klinik schon deshalb zentral, weil diese Behandlung für JEDES dort aufgenommene Kind vorgesehen ist – egal ob es nur ein paar Monate oder ein paar Jahre alt ist, egal ob es als „Schreibaby“ eingewiesen wurde oder wegen Asthma.

Warum muss in Gelsenkirchen Trennung trainieren, wer auch immer als Patient über die Klinikschwelle tritt (oder getragen wird)? Das wird erst mit einem Blick in die Geschichte des Behandlungsverfahrens deutlich. Der bis 2008 dort tätige  Begründer des Gelsenkirchener Behandlungsverfahrens, Professor E. A. Stemmann, hatte nämlich eine bestimmte Auffassung davon, wie Kinder überhaupt krank werden. Am Beispiel der Neurodermitis – einer allergischen Hauterkrankung – entwickelte er die Vorstellung, dass die betroffenen Kinder in Wirklichkeit gar nicht unter einer angeborenen Neigung zu Allergien litten – sondern unter „chronischem Stress“. Der wiederum sei bei den Kindern dadurch entstanden, dass sie irgendwann in ihrem Leben ein Trennungstrauma erlitten hätten – sie hätten sich „verfühlt“, wie er es in seinen Schriften ausdrückt und seien dadurch „trennungsempfindlich“ geworden.

„Minutiöse Analysen des Lebens Erkrankter haben ergeben, dass dem erstmaligen Auftreten neurodermitischer Hauterscheinungen ausnahmslos (!) eine Trennung, ein Verlusterlebnis vorausgegangen ist und danach sind die Betroffenen auch trennungsempfindlich – ein Zeichen dafür, dass die Trennung traumatisch verlaufen sein muss und unkontrollierbaren Stress ausgelöst hat.“ (Stemmann 2002, S. 37)

Beispiele für solche traumatischen Ereignisse seien zum Beispiel die Geburt, der Verlust eines Tieres oder der Tod eines Zwillingsgeschwisters im Mutterleib. Erst wenn die Kinder lernten, ihre von solchen Ereignissen ausgelöste Trennungsempfindlichkeit zu überwinden, könnten sie den chronischen Stress hinter sich lassen – und so wieder gesund werden. (Tatsächlich wurde das Trennungstraining ursprünglich für die Behandlung der Neurodermitis entwickelt, „chronischer Stress“ gilt in der Gelsenkirchener Klinik aber auch als Ursache aller anderen dort behandelten  Krankheiten.)

Damit das Trennungstraining allerdings wirkt, sei es nötig, beim Patienten „kurzfristig starken Stress“ zu erzeugen, anders ließe sich laut Stemmann nämlich das Gehirn nicht umprogrammieren:

„Erst wenn Betroffener und seine Kontaktperson, seine Angehörigen unter hohen Stress geraten, können sie neue Verhaltensweisen, die der Gesundheit dienen, erwerben. Das Stresshormon Cortisol wandert in die Hirnzellen und löscht die dort nicht mehr erwünschten Programme für die krankheitserhaltenden Verhaltensweisen.“ (Stemmann 2002, S. 187)

Der psychologische Leiter des Programms nennt dieses Prinzip der Stressüberflutung auch „flooding“. Durch eine „Konfrontation bis an die Grenze der Belastbarkeit“ würde eine „deutliche Verbesserung der Stressbewältigungsstrategien des Kindes erreicht.“

Und hier muss ich noch einmal auf die Rolle der ärztlichen Untersuchungen zu sprechen kommen. Für die durch das „Flooding“ verabreichte „Stressimpfung“ sollten nach Ansicht Dietmar Langers neben der Trennung des Kindes von seinen Eltern auch „Standardsituationen des klinischen Alltags“ genutzt werde – die körperliche Untersuchung etwa.

Damit sind wir bei einer Szene des Films, die viele Betrachter vielleicht aus gutem Grund irritiert: Ein etwa 18 Monate altes Kleinkind wird von dem ärzlichen Leiter der Klinik, Dr. Lion, im Untersuchungszimmer körperlich untersucht.  Eine ziemlich intensive Szene, inklusive Untersuchung des Halses mit dem Spatel. Natürlich tobt das Kind und schreit nach seiner Mutter. Die aber wird nun angewiesen, sie solle sich mit ihrem Stuhl schrittweise immer weiter von ihrem Kind wegbewegen, und zwar umso weiter, je mehr das Kind tobt…

Was dahinter steht? Die körperliche Untersuchung wird in der Gelsenkirchener Klinik allen Ernstes als „Therapie“ bezeichnet. Sie sei deshalb täglich durchzuführen, „auch wenns medizinisch gar nicht nötig wäre“. Denn dadurch ließe sich die „Krankenhausangst auflösen“ und das Kind an Stress gewöhnen. Wie bitte? Indem Kinder „bis an die Belastungsgrenze“ gestresst werden, sollen sie lernen, besser mit Stress umzugehen? Was mich nicht umbringt macht mich hart? Ich muss sagen, dass das allem widerspricht, was ich unter einem ärztlich und ethisch verantwortlichen Umgang mit kranken Kindern verstehe. Ich bin darüber sprachlos und auch zornig, dass diese „Therapie“ bei den bisher mit dem Fall „Elternschule“ beteiligten Ärztekammern keinen Widerspruch bekommen hat.

… und gleich kommt noch die Halsuntersuchung. Ich habe es bisher für unmöglich gehalten, dass es kinderärztlichen Kollegen gibt, die die körperliche Untersuchung einsetzen, um Kinder bewusst unter Stress zu setzen. Täglich. Weil sie so angeblich ihre „Krankenhausangst überwinden“ würden. (Screenshot aus dem Film „Elternschule“)

Aber zurück zu den Interpretationshilfen.  Dietmar Langer benutzt nämlich für das Trennungstraining inzwischen gerne das Wort „Kindergarten“. Einen solchen habe ja inzwischen fast jede Kinderklinik. Und ja, da gehören natürlich auch Trennungen dazu.

Das Problem ist nur: Was hier als „Kindergarten“ verkauft wird, würde als echter Kindergarten sofort geschlossen. Denn erstens gehört zu JEDEM Kita-Konzept dieser Republik eine Eingewöhnungsphase. Und zwar deshalb, weil Kinder Trennung nicht lernen, indem man sie zur Trennung zwingt und es dann den Kleinen überlässt mit ihren Not klar zu kommen. Sie kommen damit nicht klar, sondern lernen dabei lediglich, sich ihrer Hilflosigkeit zu ergeben. Und deshalb würde auch jede Erzieherin, die sich so verhält wie in dem Film gezeigt, ihren Job schnell verlieren: den Kindern keinen Trost geben, wenn sie jämmerlich weinen, sich auf den Boden werfen und verängstigt an die Wand drücken? Ja, ihnen dann auch noch den Schnuller aus dem Mund ziehen? Sie mit einem bewusst starren Gesichtsausdruck beaufsichtigen? Die Experimente, nach denen das „bewegungslose Gesicht“ (still face) für Babys und Kleinkinder zu den größten anzunehmenden Stressauslösern gehören, dürften doch auch in Gelsenkirchen bekannt sein.

Szene aus der „Mäuseburg“. Zwei kleine Kinder beim „Trennungstraining“ (Screenshot aus dem Film „Elternschule“)

 

„Wieder Schnitt in die Mäuseburg. (…) Ein etwa 1,5 Jahre altes Kind ist noch ruhig. Mit großen Augen betrachtet es die Situation. Die Schwester kommt und nimmt ihm den Nuckel aus dem Mund. „Den brauchen wir hier drin nicht!“ sagt sie, und legt ihn in ein angrenzendes Zimmer. Nun weint auch dieses Kind herzzerreißend.“ (Quelle)

Nein, dies ist kein „Kindergarten“ (auch wenn auf diese Interpretationshilfe schon so manche JournalistIn hereingefallen ist). Und das hat auch mit „Grenzen setzen“ nichts zu tun – die Kinder protestieren wirklich nicht aus einem ungebührlichen Grund. Niemand anders als Prof. E.A. Stemmann sorgt für Klarheit was hier das Ziel sein soll: „Die Mitglieder der Familie lernen und erfahren dadurch, daß man auch allein, als Einzelner, lebensfähig ist und daß Trennung voneinander keinesfalls Verlust bedeutet.“ (Stemmann 1999, S. 198) Er beschreibt die zu erwartende Reaktion so:

Phase 1: nach der Verabschiedung schreit und kratzt das Kind wie toll. Es zieht sich in eine Ecke des Raums zurück und sucht Schutz an der Wand. Es nimmt keinerlei Kontakt mit seiner Umwelt, Umgebung auf und wehrt Zuwendung und Ablenkung durch andere Personen heftig ab“ (Stemmann und Stemmann, 2002, S. 178).

Er beschreibt also genau das, was in dem Film auch zu sehen ist.

Schutzsuche an der Wand, wie von Prof. E.A. Stemmann als Reaktion auf die erzwungene Trennung beschrieben (Screenshot aus dem Film „Elternschule“)

Was lernen die Kinder dabei? Genau das wäre doch die Frage, die wir diskutieren sollten.

Und diese Diskussion wurde schon geführt. Zum Beispiel von einem Mitarbeiter der Gelsenkirchener psychosomatischen Abteilung. Er schreibt zum Trennungstraining das:

Ein entsprechender Tierversuch hätte behördlich angemeldet und genehmigt werden müssen. Stemmann aber macht – ohne eine Ethikkommission eingeschaltet zu haben – einen unangemeldeten Humanversuch mit über 10000 schwerkranken Kindern. Man kann auch von einem „Inhumanversuch“ sprechen (Quelle)

Wer das sagt, ist kein geringerer als ein langjähriger ehemaliger Mitarbeiter von Prof. Stemmann, nämlich der Psychologie-Professor Prof. Wolfgang Klosterhalfen (er hat die Klinik Ende März 2004 verlassen und sich in den Jahren 2004 bis 2008 kritisch mit der seiner Meinung nach unwissenschaftlichen Ausrichtung des Gelsenkirchener Behandlungsverfahrens auseinander gesetzt).

Und diese Therapie ist „wissenschaftlich anerkannt“?

Die Klinik behauptet, es handle sich bei ihrem Angebot um ein anerkanntes, den wissenschaftlichen Leitlinien entsprechendes Verfahren. Und sie findet damit Gehör bei einzelnen psychologischen Fachgesellschaften, für die sogar anerkannte Professoren und Professorinnen ihre Hand ins Feuer legen. Nur: Liest man diese Leitlinien, so sind darin die Begriffe „Trennungstraining“ oder „Stress-Impfungstraining“ nicht einmal zu finden. Fragt man weiter, so wird auf die Leitlinie „Psychische Störungen im Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter“  verwiesen. In dem zitierten Kapitel werden „Angststörungen“ behandelt. Wie seltsam, dass ALLE in die Klinik aufgenommenen Kinder eine Angststörung haben! Allerdings steht in der Leitlinie auch, dass Angststörungen erst bei Kindern ab 18 Monaten diagnostiziert werden können. Wären die Leitlinien in Gelsenkirchen wirklich angewendet worden, hätte ein guter Teil der Kinder in der „Mäuseburg“ von vorn herein gar nichts zu suchen. Auch heißt es in der Leitlinie, dass Angststörungen von „entwicklungsbedingten Ängsten“ abzugrenzen seien. Eine berechtigte Einschränkung. Denn dass kleine Kinder es mit der Angst zu tun bekommen, besonders wenn sie von ihren Eltern getrennt werden, ist zunächst einmal ein normales Verhalten und keine Krankheit.

Und jetzt der Fernsehfilm

Wer bis hierher durchgehalten hat, wird eines gesehen haben: Die Kritik an diesem Film beruht auf vielfältigen, sachlich begründeten Einwänden. Und wie werden in der Ankündigung des Films die 6 Monate der Diskussion und Kritik zusammengefasst?

„Noch vor dem eigentlichen Kinostart im Herbst 2018 hat „Elternschule“ heftige Kontroversen ausgelöst. Allein auf Grund des Trailers wurden die Filmemacher beschimpft, die Klinik und der Klinikleiter angegriffen. Es folgte ein Shitstorm, der erst die sozialen Medien überschwemmte und schließlich kontroverse Diskussionen in der Presse auslöste.“

Im Ernst? Gibt DAS die Kontroversen um den Film sachlich und ausgewogen wieder? Geht es jetzt nahtlos ans betreute Fernsehgucken?

Das fände ich, ehrlich gesagt, vergeudete Zeit.

Und deshalb will ich zum Schluss das benennen, was mich an dem Film am meisten stört: Nämlich, dass darin die gütigen Worte fehlen. Dass es immer nur um Stärke geht, um Überlegenheit und „Führung“ der Kinder („Das Kind muss Führung körperlich spüren“, so heißt es in dem Film). Dass den Eltern suggeriert wird, diese „Führung“ bestünde darin, die Kinder mit einem geordneten äußeren Rahmen zu versorgen, mit Regelmäßigkeit, Klarheit, Struktur und Vorhersehbarkeit – DAS sei der Weg um ihnen Sicherheit zu geben. „Jeden Tag um die gleiche Zeit läuft der gleiche Ablauf, das ist Orientierung“, so Dietmar Langer. Oder, in den Worten des Gründers des Programms, Prof. E.A. Stemmann: „Es wird festgelegt, wann aufgestanden, gewaschen, gegessen, gearbeitet, gespielt wird.“ Oder, aus einer für den häuslichen Gebrauch (!) geschriebenen Gelsenkirchener Erziehungsfibel: „Wir kündigen nun an, dass die Essenszeit beginnt. Dann können die Kinder selbst entscheiden, was sie in der Zeit tun.  (…) Nur: nach einer halben Stunde wird wortlos abgedeckt. Es gibt dann nichts mehr bis zur kommenden Hauptmahlzeit.“. Nur, das ignoriert doch alles, was wir in den letzten 70 Jahren über Bindung gelernt haben! Was Kindern Sicherheit vermittelt, das sind verlässliche Beziehungen: ich stehe Dir bei, wenn Du in Not bist. Du bist okay. Du kannst mitgestalten und ich freue mich an Dir! Das heisst nicht, dass es in der Erziehung kein Nein geben darf oder dass Eltern keine Grenzen setzen sollen – aber das ist die Basis. Ohne die gibt es keine echte „Führung“.

Dagegen heißt es in Gelsenkirchen: „Ich verliere die Führung, wenn ich die Rituale nicht mehr regeln kann“. Wirklich? Gehen wir jetzt wieder zurück auf Los? Wenn der äußere Rahmen, die Begrenzung, die vorhersehbaren Abläufe, wenn tatsächlich DAS die sichernden Elemente für die kindliche Entwicklung wären, dann wären die Kinder in den Waisenhäusern ja bestens aufgehoben gewesen! Nur, die Beobachtung, dass sie das eben NICHT sind, das war doch damals der Anlass, um neu über Bindung nachzudenken!

Denn die Not der Kinder, die ich da sehe, ist eine Beziehungsnot. Sie löst sich nicht auf, wenn rund um die Kinder Regeln, Grenzen und Konsequenzen aufgebaut werden. Grenzen funktionieren langfristig nur auf dem Boden funktionierender Beziehungen (das gilt auch für ihr wildes Geschwister, die Freiheit). Und eine Traumatisierung von Kindern (die in manchen der im Flm gezeigten Fälle meines Erachtens anzunehmen ist) löst sich nicht auf, indem ihre ebenfalls traumatisierten Eltern darin gestärkt werden, nun endlich die „Führung“ zu übernehmen. Denn der „Neustart“ von Beziehungen, von dem rund um diesen Film so oft die Rede war, der ist in Wirklichkeit doch ein Fantasieprodukt. Diesen angeblichen Re-set, den gibt es unter Erwachsenen nicht (schon mal eine Ehe „neu gestartet“?), und den gibt es unter Eltern und ihren Kinder nicht. Beziehungsgeschichten lassen sich nicht löschen oder auf Null zurücksetzen, sie lassen sich nur Stück für Stück verändern. Wirklich, Stück für Stück. Und natürlich braucht es dazu Stärke, das streite ich gar nicht ab, und es braucht auch Führung, wenn man das Wort benutzen will. Natürlich müssen Eltern den Weg zeigen, wer denn sonst? Nur: wohin? Führung um des Führens willen, das ist kein Plan. Führung heißt Verantwortung, und dazu gehört die Rücksicht auf die Bedürfnisse des Kindes. Dazu gehört dessen Schutz vor seelischer Not. Dazu gehört, dem Kind die Anerkennung zu geben, die ihm gebührt. Für diesen Weg braucht es eben nicht nur Überlegenheit und Macht, sondern auch Verständnis, ganz viel davon, dazu braucht es eigene Entwicklung, und vor allem braucht es das, was ich hier eben als Güte bezeichnen will: Einfühlung und Wohlwollen. Ohne die gibt es keine wirkliche Stärke. Keine echte geteilte Freude, keinen echten, von den Kindern seelisch erlebten Schutz. Ohne eine würdige, „gütige“ Behandlung – wie sollten Kinder da von ihren Eltern das erfahren, was sie für ihre gesunde Entwicklung am meisten brauchen, nämlich das Gefühl von – ja, ich will das bewusst so nennen – Heimat?

Der Weg dorthin, auch das muss dazu gesagt werden, ist keine Schnellstraße, das sind Trampelpfade. Vielleicht ließe sich darüber auch kein Film drehen, ich weiß es nicht. Zumindest ein ganz anderer. Einer in dem „Grenzen“ und Regeln schon vorkommen, aber in dem es vor allem darum ginge, Pfade auszuleuchten, auf denen Kinder Stück um Stück im Alltag das erfahren dürfen, was ihre Entwicklung stärkt: Du bist okay, Du gehörst dazu, Du kommst hier nicht in Not. Und wir helfen Deinen Eltern, diese Kunst zu erlernen, Schritt für Schritt.

Und deshalb noch einmal zu den Worten

Und so will ich zum Schluss noch einmal auf die Worte in dem Film zurückkommen. Die Worte der Stärke und Überlegenheit, die Worte von Macht und Hierarchie, die Worte von Kampf und Begrenzung, die mir in diesem Film auf Schritt und Tritt begegnen.

„Die Kinder denken: Ich bin wichtig, wie es anderen geht, ist mir scheißegal.“

Wirklich?

„Als Babys haben Kinder natürliche Reflexmuster wie Weinen und ab 2 Jahren wenden sie diese dann bewusst als Strategie an, um die Erwachsenen weichzukochen: Weinen, Beißen, Schreien, Werfen.“

Wirklich?

„Mohammeds Mutter hat zu viel Mitleid und hilft zu viel. Sie ist schon wieder auf ihn reingefallen.“

Wirklich?

„Zarahs Mutter ist schon wieder Hand-in-Hand mit ihr gelaufen. Wenn ihr das seht, unterbindet das bitte. Das soll sie nicht.“ (Instruktion einer Krankenschwester an das Pflegeteam der „Elternschule“)

Warum nicht?

„Durch die OPs, die er schon früh im Leben erlebt hat, hatte er ja Kontrollverlusterlebnisse, deshalb versucht er jetzt, alles unter Kontrolle zu bekommen. Auch das Essen. Das Kind denkt jetzt schon taktisch: Wenn ich in einem Bereich damit durchkomme, dann in einem anderen Bereich auch.“

Diese Bilder als Grundlage von Heilung von in Not geratenen Beziehungen? Ich habe viele Stunden damit verbracht, mir diese Frage zu beantworten. Ich habe mich mit anderen ÄrztInnen und Fachpersonen zusammengetan, wir haben diskutiert, wir haben recherchiert, wir haben mit ehemaligen Patienten-Müttern gesprochen und uns intensiv mit ihren Berichten und Erfahrungen auseinander gesetzt. Und ja, nicht wenige Patienteneltern haben sich bei uns gemeldet, die die Gelsenkirchener Behandlung als nachhaltig traumatische Erfahrung für ihre Kinder erlebt haben (dass es andere Berichte gibt, die das Gegenteil ausdrücken, ist mir bewusst). Wir haben mit Mitarbeitern der Gelsenkirchener Klinik gesprochen und korrespondiert. Wir haben uns den Vorläufer-Film der „Elternschule“ angesehen, die Dokumentation, die im Jahr 2005 im Fernsehen über das Gelsenkirchener Verfahren ausgestrahlt wurde (sie trägt einen für mich wiederum bezeichnenden Titel „Hilfe! Mein Kind macht mich fertig! – ich gehe darauf in diesem Beitrag näher ein).

Vor allem aber haben wir alle Schriften gelesen, die rund um das Gelsenkirchener Programm verfasst worden sind und die die dort praktizierte Therapie begründen. Die also beschreiben, warum die Kinder in Gelsenkirchen so und nicht anders behandelt werden. Schriften, die erklären, wie Kinder und Familen (angeblich) funktionieren, und wie deshalb eine Therapie aussehen muss, falls sie eben nicht mehr funktionieren.

Erst was ich da gelesen habe, hat mir die tiefere Ebene dieses Programms und der darin zum Ausdruck kommenden Haltung zum Kind verständlich gemacht. Ich bin auf ein Bild vom Kind gestoßen, von dem ich dachte, dass wir es irgendwo im Lauf der Geschichte hinter uns gelassen haben – auf ein hierarchisches, in meinen Augen autoritäres Kinder- und Familienbild, vor dessen Hintergrund mich nicht überrascht, dass die Therapie in Gelsenkirchen auf dem beruht, was ich als Kampfbeziehung sehe: Du Kind, Du bist das Problem, Du Kind, passe dich an!

„Zu fordern ist, dass die Mütter ihre Säuglinge zu festgelegten Zeiten stillen bzw. füttern. (…) In der Zeit zwischen den festgesetzten Mahlzeiten erhält das Kind, wenn es schreit, keine Nahrung und auch keine besondere Zuwendung. (…) Nach sechs Wochen sollte der Säugling mindestens nachts acht Stunden schlafen und spätestens mit drei Monaten ist eine Nachtruhe von 12 Stunden einzuhalten, um Mutter und Kind genügend Erholungszeit zu verschaffen.“ (E.A. Stemmann 2002, S. 214)

Nach der Meinung dieses Mannes wurde das Gelsenkirchener Programm entwickelt, tausende von Kindern und Müttern dürften nach solchen Aussagen behandelt worden sein.

„Trinkt der Säugling die ersten Portionen der Sojamilch, wird die noch fehlende Milchmenge sofort danach durch Muttermilch ersetzt. Wird die Sojamilch verweigert, wird erst nach einem Intervall von 30 Minuten gestillt, um das Fehlverhalten des Säuglings nicht zu verstärken.“ (E.A. Stemmann 2002, S. 214)

Wie bitte, ein Säugling soll wegen seines „Fehlverhaltens“ warten müssen? Und nein, das war keine Theorie. Ich kenne Mütter, die dieses Programm an ihren Säuglingen durchführen mussten. Bis heute wird der Autor obiger Zeilen in der Gelsenkirchener Klinik verehrt, kritische Worte oder eine Distanzierung (oder gar Entschuldigung) sind mir nicht bekannt.

Krankheit als Manipulationswerkzeug?

Wer diese Angst vor der kindlichen Selbstermächtigung begreift, wird sich auch nicht mehr über die Haltung gegenüber dem kranken Kind wundern, die zum Kern der Gelsenkirchener Denkweise gehört:

„Im Gegensatz zu der akuten Krankheit führt Zuwendung bei der chronischen Krankheit leider zu einer Verstärkung und Fixierung des Leidens.“ (Stemmann/Lion/Starzmann/Langer)

Jede in einem Heilberuf arbeitende Pflegeperson will ich bitten, sich mit dieser Theorie auseinandersetzen.

„Er [der Kranke] möchte sich seinen Aufgaben und Pflichten entziehen. Es ist fatal, dass der Neurodermitiskranke … intensive Hilfe und Zuneigung erfährt und dass dadurch Missempfindungen beseitigt werden.“ (E.A. Stemmann)

Wie bitte?

„ … letztlich schafft es das neurodermitiskranke Kind Mitleid … bei seinen Eltern hervorzurufen, die somit zu Sklaven ihres kranken Kindes werden, die Eltern müssen sich von Mitleid … befreien.“ (E.A. Stemmann)

Für mich gehört dies zu den erschütterndesten Aussagen rund um diesen Film: ein krankes Kind darf kein Mitleid bekommen. Wer jemals krank war, wer jemals an der eigenen Schwäche gelitten hat, soll in sich gehen: ist das WAHR?

Und ist das „liebevoll“?

„Eine liebevolle, konsequente Erziehung basiert auf der Theorie der logischen Konsequenz. Der Kranke ist für sein Verhalten voll verantwortlich und eine logische Konsequenz ist das Resultat für sein Fehlverhalten. (…) Der Kranke bekommt keine Beachtung seines Verhaltens (z.B. wenn er kratzt) und er erhält auch keine Erlaubnis das zu tun, was er vorhatte (z.B. mit einem Freund spielen, Fernsehen, usw.). Widersprüche seitens des Kranken werden nicht akzeptiert. Bitten und Versprechungen sich zu bessern, werden nicht angenommen. Es gibt keine Diskussion (nicht ein einziges Wort) und keine zweite Chance.“ (E.A. Stemmann 2002, Seite 184)

Und sieht so die „Führung“ von Kindern aus, die später einmal aus eigener Verantwortung ihr eigenes Leben führen werden?

„Die Eltern übernehmen wieder die Führung in der Familie. Vater und Mutter bestimmen. Die Kinder, die auf einer anderen Ebene als die der Eltern stehen, lernen das zu befolgen, was ihnen die Eltern sagen, damit das Familienleben und später das Leben in der Gesellschaft ohne zuviel Stress ablaufen und funktionieren kann.“ (E.A. Stemmann 2002, Seite 139)

„Die Rangordnung innerhalb der Familie ist von großer Bedeutung. (…) Gehen wir durch die Tür, gehen die Erwachsenen zuerst – und dann die Kinder.“  (aus einer von Frauke Döllekes, Vorsitzende des Vereins Allergie- und umweltkrankes Kind für den häuslichen Gebrauch vorgelegten Erziehungsfibel)

Vom Kampf ums Überleben

Und die Begründung?

„… starke Eltern bedeuten für ein Kind Sicherheit. Eltern, die stark sind, sorgen für ausreichend Nahrung. Und damit besitzt dieses Kind die optimalen Überlebenschancen. Auf derartige Empfindungen und Bedürfnisse ist der Mensch, sind Kinder durch die Evolution geprägt worden.“ (Stemmann 2002, S. 139)

Erst nach und nach, auch weil ich immer wieder auf den Hinweis auf die „alten evolutionären Gesetze“ gestoßen bin, ist mir klar geworden, dass hinter diesen Gedanken ein Verständnis von menschlichen Beziehungen stehen dürfte, das ich als grundlegend falsch empfinde: Menschen seien angeborene Egoisten, nur eine Hierarchie kann ihre Beziehungen ordnen:

„In der Biologie und in sozialen Beziehungen gibt es keine demokratischen Ordnungen, sondern nur hierarchische Ordnungen: Nr. 1 – Nr. 2 – Nr. 3 – Nr. 4.“ (Dietmar Langer, Bonusmaterial zur DVD-Ausgabe des Films „Elternschule“) 

Wirklich?

„Erziehung soll das neurodermitiskranke Kind auf den Überlebenskampf vorbereiten.“ (Stemmann 2002, S. 147)

Und den Überlebenskampf, den führt jeder für sich?

„Ein- bis Dreijährige schreien z. B. nachts so lange, bis ihre Eltern kommen, obschon ihnen offensichtlich nichts fehlt. Eine Erklärung für ein derartiges egoistisches Verhalten des Kindes ist die Tatsache, daß das Kind nicht einsieht, daß die Hauptbezugsperson, meist die Mutter, für die Aufzucht seiner Geschwister oder für ihren Ehepartner Zeit aufwendet, die ihm keinen Nutzen bringt.“ (Stemmann 1999, S. 205)

Und wie rüstet man sich in diesem „Überlebenskampf“?

„Für Nomadenvölker, die im Überlebenskampf mit Feinden und widrigen Naturbedingungen stehen, ist eine klare Regelung der Gruppenordnung und Führungshierarchie unerlässlich. Da die Gruppe blind dem „Leitwolf“ folgt, muss es ein effektives Ausleseverfahren geben, welches nur den starken Tieren die Führung und damit das Recht zur Fortpflanzung gibt. Gesellschaften sind wie Arten in der Natur. In der Natur geht es darum, dass die Art, die Linie erhalten bleibt. (…) Eine Gesellschaft, die gesund ist, sorgt dafür, dass die richtigen Leute an den richtigen Positionen sitzen.

Einer Familie als verkleinerter Ausgabe einer Gesellschaft geht es nicht anders. (…) Übergibt ein Bauer seinem Sohn ohne weiteres den Hof oder prüft er ihn vorher und macht es ihm nicht zu leicht? Kann ein erwachsener Sohn sich von den einlullenden Versorgungsbemühungen seiner Mutter lösen oder geht er z. B. doch lieber zu ihr zum Mittagessen, als bei seiner Familie zu sein? Einem schwachen Sohn den Betrieb zu übergeben, könnte das Ende des Betriebes bedeuten. Eine Frau wird, wenn sie sich nicht aufgeben will, sich letztlich von dem Mann lösen müssen, der ihr und ihren Nachkommen keine ausreichende Sicherheit gewähren kann, da er selbst noch zu sehr von seiner Mutter abhängig ist. Denn schon die nächste oder übernächste Generation könnte so schwach sein, dass sie möglicherweise aus dem genetischen Pool der Gesellschaft ausscheidet. (Dietmar Langer 2011)

Was für ein gnadenloses Bild. Für mich erklären diese Gedanken einiges: die Erziehung des Kindes, die es auf das „Überleben“ in einer letzten Endes feindlichen Welt vorbereiten soll. Das Menschenbild, das Menschen als von Natur aus egoistische Individuen sieht, die sich ihre Position durch Härte und eigene Kraft erkämpfen müssen. Höre ich deshalb so oft den Ruf nach Überlegenheit und Macht? Höre ich deshalb so selten gütige Worte? Höre ich deshalb so selten den Aufruf zu echten Beziehungen?

„Für jeden einzelnen Menschen stellt sich die Frage: welchem Prinzip folge ich: dem Prinzip der Schwäche oder dem Prinzip der Stärke? Anders ausgedrückt: Kann ich alleine überleben, bin ich autonom? (…) Stark wird man nicht durch Geschenke; stark wird man dadurch, dass man sich etwas erkämpft. Die eigene Autonomie muss man sich erkämpfen, nur dann ist sie unantastbar. Der starke, autonome Mensch wird seine „Kinderstube“ verlassen, sich seinen eigenen Lebensraum schaffen und irgendwann Kinder in die Welt setzen. Der Schwache wird bleiben und versuchen, die Erwartungen seiner Eltern zu erfüllen und seine Ambitionen auf ein eigenes Leben zurückstellen. Vielleicht wird er irgendwann sich mit um seine Neffen oder Nichten kümmern, eigene Kinder wird er nur mit geringerer Wahrscheinlichkeit großziehen.“  (Dietmar Langer 2011)

Kann ich alleine überleben, bin ich autonom? Darin sehe ich die grundlegend falsche Frage. Folge ich dem Prinzip der Schwäche oder dem der Stärke? Auch das ist für mich für das Leben mit Kindern kein tauglicher Ansatz. Denn Autonomie ist nicht der Gegenpart von Abhängigkeit. Autonomie beruht auf Beziehungsfähigkeit. Sie lässt sich nicht durch die Auslöschung von Abhängigkeit erreichen. Und im Kampf schon gar nicht.

Und genau hier bin ich bei meiner letzten Frage: wie sollen solche Vorstellungen, Haltungen und Bilder eine Grundlage für die Therapie von in Not geratenen Beziehungen sein?

 

 

[Dies ist ein Meinungsbeitrag auf meinem Blog kinder verstehen. Sollte dessen Inhalt Rechte Dritter oder gesetzliche Bestimmungen verletzen, so bitte ich  um eine entsprechende Nachricht ohne Kostennote. Ich werde die zu Recht beanstandeten Passagen bzw. Inhalte unverzüglich entfernen, ohne dass von Seiten der Beschwerdeführenden die Einschaltung eines Rechtsbeistandes erforderlich ist. Ohne vorherige Kontaktaufnahme ausgelöste Kosten, etwa durch Abmahnungen, werde ich vollumfänglich zurückweisen.]

 

Weitere Beiträge zum Thema Elternschule finden Sie hier.

Der Autor: Dr. Herbert Renz-Polster, geb. 1960, beschäftigt sich als Kinderarzt und Wissenschaftler seit langem mit der kindlichen Entwicklung. Forschungstätigkeit im Bereich Kinderheilkunde, Prävention und Gesundheitsförderung zunächst in den USA, dann am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Bekannt durch mehrere Sachbücher, u.a. „Kinder verstehen - born to be wild!" und „Wie Kinder heute wachsen". Er hat 4 Kinder und lebt mit seiner Frau in der Nähe von Ravensburg.

47 Kommentare

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  • Welli

    Und ich glaube noch immer an das Gute im Menschen… das spürt jeder, der in Liebe gewachsen ist. Aber da sind eben auch die Abgründe der Menschheit, die Trümmerkinder, das Grauen.
    Ich glaube, alle großen Pädagogen sind sich darin einig, dass allein die Liebe Orientierung gibt. Und zwar immer wieder.

    • Addi

      Ja, allein die Liebe! Die fehlt hier aus meiner Sicht völlig. Es kommt mir vor, als wäre man in tiefste DDR-Zeiten zurück versetzt. Da war es normal, dass ein Kind/Baby, dass ins Krankenhaus kam, von seinen Eltern 1x in der Woche beim Besuch durch die Glasscheibe gesehen werden durfte!!! Wie sehr Kinder dadurch traumatisiert wurden, kann man sich vorstellen!

      • Jana

        Ja, genau das wollte ich schreiben… Ich war im Alter von 4 Jahren auf der Quarantäne-Station. Die Eltern durch die Scheibe zu sehen und nicht zu ihnen zu dürfen, war so furchtbar und hat Todesangst in mir ausgelöst. Jahrelang hatte ich Alpträume! Obwohl, und das war selbst zu DDR-Zeiten besser als in dieser Klinik, die Schwestern sich große Mühe gaben, uns zu trösten. Auch daran erinnere ich noch über 40 Jahre später. Trotzdem hat mich das nachhaltig traumatisiert. Ich möchte mir nicht im Traum ausmalen, wie es diesen kleinen, ohnehin schon kranken Geschöpfen ganz OHNE Trost ergeht. Mir zittern die Hände, das Herz pocht bis zum Hals und mir ist schlecht! Nur vom lesen….
        Meinen 3 Kindern habe ich liebevoll Grenzen gesetzt, sie nie überrumpelt oder gar in Situationen allein gelassen, die sie nicht als sicher empfanden.
        Ich verstehe das alles nicht! Jeder der ein Kind bekommt, muss sich doch klar machen, dass die ersten Jahre für die Selbstverwirklichung der Eltern denkbar schlecht sind. Es hat alles seine Zeit.
        Nicht die Kinder sind in meinen Augen das Problem, oft auch nicht die Eltern. Wir haben so ein Bild im Kopf von der glücklichen“Rama“- Familie und wundern uns, dass es in Wirklichkeit doch nicht so ist!?! Schizophren! Natürlich wollen Kinder per se erstmal ewas anderes als ihre Eltern. Aber egoistisch ist deswegen kein Kind! Dafür bin ich doch Mama (oder Papa), um zu erklären, dass das jetzt eben nicht geht. Und ihnen etwas anderes dafür vorschlage oder sie tröste, wenn sie deswegen traurig sind. Komisch, ich konnte so auch fast jeden Trotzanfall überstehen. Mit Verständnis! Ich verstehe, dass das Kind sehr sehr gerne jetzt z.B. ein Eis möchte. Geht aber nicht immer…. dann trage ich eben das aufgelöste Kind in aller Seelenruhe aus dem Laden. Ja, Kinder sind anstrengend. Aber es lohnt sich! Meine Großen sind empathische, positive Mitmenschen geworden, der Kleine auch auf dem besten Weg dahin…. Die große Frage ist doch: welches Menschenbild habe ich und wie gehe ich mit Anderen um. Was für Menschen möchte ich „erziehen“?
        Jemand, der Mal miterlebt hat, wie selbst ganz kleine Kinder traurig werden, wenn ein anderes in der Nähe weint, wird niemals Kindern Empathie absprechen!!!!!!!! Grausam

        • Bia

          ♥️♥️♥️♥️💖💖💖
          Danke Jana

        • Claudia

          Wenn Sie in der Quarantäne-Station waren, dann hatten Sie -traurigerweise- eine entsprechende Krankheit. Das ist und war nicht auf den allgemeinen Krankenhausbetrieb zu verallgemeinern.

      • Claudia

        Wieso behaupten Sie, in der DDR hätte es keine Liebe in der Kindererziehung gegeben? Das ist Unsinn. Ebenso ist Unsinn, dass Eltern ihre Kinder nicht im Krankenhaus besuchen durften. Es gab Besuchszeiten jeden Tag.

        • Jana

          Liebe Claudia,
          beziehen Sie sich auf meinen Beitrag? Ich schrieb ja, dass ich auf der Quarantäne-Station war. Bei mir wurde eine Krankheit vermutet (Ruhr), die sich dann aber nicht bestätigte.
          Ganz früher (60er Jahre) war es schon so, wie von Addi beschrieben. Auch war es nicht üblich, dass die Eltern mit im Krankenhaus blieben, sie mussten nach der Besuchszeit wieder gehen.
          Aber von fehlender Liebe hat hier keiner geschrieben….oder habe ich was überlesen? Ich schrieb, dass ich auf der Quarantänestation getröstet wurde von den Schwestern. Meien Eltern sah ich nur im Hof stehen, sie durften nicht mal ins Gebäude. Aber darüber wollte ich gar keine Diskussion anfangen, das war sicher eine Ausnahmesituation. ich war 4 Jahre alt und erinnere mich daran, als wäre es gestern. Und obwohl es über 40 Jahre her ist, vergesse ich nie Schwester Maria mit ihren schwarzen geflochtenen Zöpfen! Alle waren sehr liebevoll und haben uns auf den Arm genommen und mit uns gekuschelt.Wenn ich überlege, ich hätte das Drama ohne Trost überstehen müssen, grausam! So wie man mit den Kleinen in Gelsenkirchen umgeht.
          Ich überlege mir bei solchen Situationen, was wäre, wenn es Erwachsene wären? Würden wir so mit unserem Partner umgehen? Also ich nicht!

  • Addi

    Wann wird diesem schrecklichen, menschenverachtenden Treiben in dieser Klinik endlich ein Riegel vorgeschoben und es verboten! Ich finde diese „Therapie“ so schlimm und total daneben. Ich bin nicht in der Lage, mir den vollen Bericht darüber durchzulesen, so weh tut es mir innerlich, wenn da beschrieben wird, was mit den Kindern gemacht wird.

  • Dorothée Meissner

    das kann wirklich alles nicht wahr sein, da kommt bei mir pure Verzweiflung auf! Ich bin 56 Jahre alt und bin selbst durch einen jahrelangen Therapieprozess gegangen, um mich von meinem „Heilsbringer“ Alkohol verabschieden zu können. Was für ein Wahnsinn, dass jetzt durch einen solchen Film wieder all das torpediert wird, was in den letzten Jahrzehnten mühsam und mit langem Atem etabliert wird: Der Umgang von Menschen ist dann gesund, wenn er von Gleichwürdigkeit geprägt ist. Dafür ist es Not-wenig, dass jeder sein persönliches Selbstgefühl entwickelt, also dafür die Verantwortung übernimmt. Und jetzt soll dieser Film „einfach so“ im öffentlich rechtlichen Fernsehen laufen??? Unkommentiert und damit die ohnehin verständlicherweise angstbesetzten Eltern berieseln? Wir müssen eine Petition dagegen starten, unbedingt. Immer wieder und wir müssen endlich laut werden, damit nicht wieder ein Rückschritt nach dem anderen „passiert“. Das können wir uns als Weltbevölkerung keinesfalls leisten. Wir brauchen kreative, selbstdenkende Kinder und junge Erwachsene, nicht die, deren Würde schon im Kleinstkindalter gebrochen wird, um sie gefügig zu machen, brauchbar, für was??? Für den endgültigen Untergang unserer kostbaren Lebenswelt???

    • Peter Voxbrunner

      meine Unterstützung haben Sie,
      weiter unten habe ich mein Kommentar dazu geschrieben.

  • Wolfgang Klosterhalfen

    Der folgende Artikel stammt aus den Jahren 2005-2008. Darin kritisiere ich das „Gelsenkirchener Behandlungsverfahren“ von Prof. Ernst August Stemmann, aus dem die „Multimodale 3-Phasen-Therapie“ der langjährigen Stemmann-Mitarbeiter Dietmar Langer und Dr. Kurt-André Lion hervorgegangen ist:
    http://www.reimbibel.de/GBV-Kinderklinik-Gelsenkirchen.pdf .

  • Silja Poethe

    Was dort geschiet ist Kindesmisshandlung und seelische Vergewaltigung! Nichts anderes! Ich bin entsetzt, dass es überhaupt Eltern gibt, die ihr Kind dort hin bringen, bzw. nicht wenigstens gleich wieder abfahren sobald sie Einblick in die Methoden hatten. Bitte schließt diese Einrichtung!

    • Peter Voxbrunner

      ich kann Ihnen nur zustimmen, einfach gruselig,
      habe selbst auch was dazu geschrieben

  • Peter Voxbrunner

    Diese Praktizierenden in Gelsenkirchen angewendete grauslich und zynische Methode, ist eine ###moderiert, bitte keine Absichtsunterstellung, d. Webmaster### Das ist Unvorstellbar.

    Die haben anscheinend nie was gelesen z.B. von:
    Alice Miller, „Am Anfang war Erziehung“
    von:
    Laurence Heller “Entwicklungstrauma heilen”,
    von:
    Peter Levine
    “Sprache ohne Worte”, wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance zurückführt.”
    von: Dami Charf. Trauma Heilung.

    Und wo bleibt die Empathie dieser Menschen? den kleinen hilflosen Kindern gegenüber?
    Was hier helfen und Erklären könnte, wäre, die Kindheitsgeschichten von den Verantwortlichen Eltern die ihr Kind diesen „Behandlern“ Herrn Langer ###bitte keine persönliche Beleidigungen, d. Moderator### überlassen.
    Meine Vermutung Herr Langer hatte keine liebevolle Zuwendung als Kind erhalten, und so trägt sich die Störung in die nächste Generation und zu allem Unglück auf seine kleinen Patienten weiter, solche Mechanismen kann man u.a. bei Alice Miller nachlesen.

    ###Satz gelöscht, bitte keine persönlichen Beleidigungen/Kränkungen, d. Moderator###

  • Sascha

    Danke, Herbert Renz-Polster. Danke für die Mühen und den unermüdlichen Einsatz für die Beziehungs- und Bindungsorientierung – und damit für die Kinder mit ihren Familien.

  • M.S.

    Wie kommt mir das bekannt vor. „Du hast Bauchschmerzen? Dann hast du wohl etwas falsch gemacht! Selber Schuld!“ Und ich kann voller Überzeugung sagen: Nein, für Krankheitsäußerungen bestraft zu werden führt zwar dazu, dass man nichts mehr sagt, aber definitiv nicht zu Heilung! Eine adäquate Behandlung verschiebt sich dann ins Erwachsenenalter. Und den Mut dazu hatte ich erst, als der Zusammenbruch kam. Ergebnis: mehrere OPs und dauerhafte gesundheitliche Einschränkungen. Toll! Aber für die Erziehungsberechtigten war das bequem. Merke: Kinder im Schulalter werden nicht krank. Die wollen nur nicht in die Schule. Krank wird man erst, wenn man alt ist. Jawohl.

  • Jennifer

    Warum senden die diesen fürchterlichen Film denn erst um 22.45 Uhr??? Ist das etwa nicht jugendfrei? Oder was soll das? Man sieht doch einfach nur wie man richtig erzieht…oder etwa doch nicht? Das würde mich wirklich mal interessieren.

  • Claudia

    Ich habe eine Frage und vielleicht weiß es jemand: wird der Film in der Mediathek erscheinen? (Ich möchte zu später Stunde dann doch lieber ruhig einschlafen..)

  • Luise

    Lieber Herr Renz-Polster,
    Danke für Ihren Kommentar zum Film.

    Ich fühle Wut, Ärger und Traurigkeit über die Inhalte des Films. Es krampfen sich meine Oberarme, mein Magen, ich muss schlucken und mein Herz zieht sich zusammen bei all dem Leiden der Kinder, Eltern ‚und‘ dem betroffenen Personal. Ich denke dass sich etwas ändern müsse an allen Beteiligten. Doch wahr ist, dass Veränderung immer nur bei uns selbst beginnen kann. Es hilft ’nicht‘ mit dem Finger zu zeigen und anzuklagen. Sondern das eigene Verhalten ist zu ändern, liebevoll sein zu sich selbst und allen Menschen. Eine Verbindung aufzubauen indem wir uns ehrlich über unsere Gefühle und Körperempfindungen austauschen.
    Direkt, miteinander, in Zwiegesprächen.

    Wenn ich diesen Artikel lese, schlägt mein Herz bis zum Hals, ich fühle Angst und Beklemmungen. Und mein Herz und mein Geist suchen nach Lösungen nach dem „wie es besser geht“ und davon steht fast ’nichts‘ im Text. Ich fühle mich durch den Text ’nicht‘ besser, sondern ehrlich gesagt schlechter. Mir fehlt die Perspektive, was solle, denn anstelle der vielen Zitate geändert werden? Ich las und las, um mich zum Schluss doch enttäuscht zu fühlen, dass der Anteil „wie man es ’nicht‘ macht“ so viel Raum bekommt. Statt dem Raum zu geben, was ein alternativer Umgang mit den Kindern, Eltern und betroffenen Personal wäre?

    Anstatt hier zu kommentieren, sollten wir den weit schwierigeren Schritt erwägen, persönlichen Kontakt mit dem Gelsenkirchener Personal aufzunehmen und ehrlich mitteilen, was wir in Bezug auf diese Person jetzt in diesem Moment fühlen. Und auch mitteilen, was wir über diese Person denken, in diesem Moment. Und dann auch nachfragen, ob das was wir denken tatsächlich zutrifft (z. B. Warum sie so handelt?). Und falls wir das nicht wollen/können, brauchen wir nicht über das Personal und deren Methoden reden, denn dann sind wir selbst zum essentiellen Teil unseres Lebens ’nicht‘ in der Lage: Verbindung herzustellen. Echte Verbindung durch ehrliches mitteilen unserer inneren Empfindungen (genaueres wie das umgesetzt werden kann, u.a. hier: https://youtu.be/Af1MBwIKocA bzw. Traumaheilung.net).

    Also wie gesagt, wenn wir (und dazu zähle ich mich natürlich auch) diesen Schritt ’nicht‘ schaffen, wird eine Lösung dieses Konfliktes vermutlich weiter bestehen.
    Natürlich könnten wir die Elternschule verbieten, aber wie viel besser wären wir dann als sie gegenüber der Behandlung ihren Patienten? Liebevolle Begleitung, Nähe und Verbindung ist der Weg den ich sehe. Wie auch für die Kinder durch die Eltern liebevolle Begleitung, Nähe und Verbindung der Weg ist den ich sehe. Ich würde mich über mutige Personen unglaublich freuen, welche diesen direkten Weg gehen können. Vielen lieben Dank!

    • Herbert Renz-Polster

      @Luise: Danke. Diese Diskussion wird von vielen geführt, jede(r) trägt aus seiner/ihrer Perspektive einen Teil bei, hier habe ich versucht die Hintergründe der Gelsenkirchener Behandlungsmethode sichtbar zu machen. Ich war nie mein Wunsch, den Film zu verbieten, und zu möglichen Alternativen habe ich an anderen Stellen in meinen Blog-Beiträgen zum Thema Elternschule Stellung bezogen. Wo wir als Menschen jeweils in unserer Haltung Kindern gegenüber stehen, hat vielfältige Gründe (wenn Sie meine Auffassung dazu interessiert, ich gehe in „Erziehung prägt Gesinnung“ darauf ein). Jede(r) von uns betrachtet sein eigenes Kinder- bzw. Erziehungsbild als stimmig, richtig und für das Kind förderlich. Deshalb ist eine persönliche Klärung (wie Sie sich das vorstellen) in meinen Augen ein zweifelhafter Weg. So wie es auch aus meiner Sicht unangebracht ist, in dieser Diskussion jemandem unmenschliche Motive oder böse Absichten zu unterstellen. Das tue ich nicht, ich bin mir vielmehr voll und ganz bewusst, dass sowohl die Filmemacher als auch das Klinikpersonal diese Art der Behandlung von Kindern als die richtige Vorbereitung auf das Leben betrachtet. Und trotzdem halte ich die in dem Film gezeigte Behandlung von Kindern für ethisch nicht vertretbar. Ob sich solche grundsätzlichen Fragen in eiem persönlichen Gespräch klären lassen, wage ich zu bezweifeln. Meine eigene Erfahrung ist, dass das nicht möglich ist. Ich hätte sonst schon lange einmal z.B. bei König Salomon angerufen, der in einem bekannten Lehrbuch zum „richtigen“ Leben schon vor ein paar Tausend Jahren gemeint hat: Wer sein Kind liebt, schlägt es mit der Rute. Liebe war schon immer ein mit Inhalt zu füllender Begriff. Das macht die Erziehungsdebatte so spannend, so frustrierend und so emotional.

  • Julia Will

    Lieber Herr Dr. Renz-Polster, ich wollte einfach mal Danke sagen. Der Beitrag ist echt lang, ich hab ihn trotzdem im Nu verschlungen, weil ich Ihre Meinung sehr schätze und die Diskussion um die Elternschule so wichtig finde. Sicherlich hat auch die Recherche und all die Arbeit, die Sie noch zusätzlich hier reingesteckt haben, viel Zeit und Energie gekostet, auch dafür bin ich dankbar, dass es Menschen wie Sie gibt, die sich nicht davor scheuen, alles bis ins kleinste Detail zu erforschen, um es dann in verständlichen Worten weiterzugeben, damit auch andere, die eben nicht alle Zusammenhänge sehen, die Möglichkeit haben, sich ein eigenes, kritisches Bild von der Elternschule etc. zu machen.
    Was mir noch so unter den Nägeln brennt, ist die Antwort auf die Frage, wie Stemmann, Langer, Lion und wie sie alle heißen aufgewachsen sind, wie deren Kindheit und Erziehung aussah, es wäre für mich das letzte fehlende Puzzle, um annähernd verstehen zu können, wie Leute auf solche Theorien und Menschenbilder kommen…
    In tiefer Dankbarkeit für Ihren Beitrag und voller Zuversicht, dass Sie dadurch noch viele Menschen erreichen werden
    Julia Will

  • Theresa

    Herzlichen Dank, HRP, für Ihr weiteres riesiges Engagement in dieser Sache!!!

    Ich bin schockiert über die breite Kritiklosigkeit in der Öffentlichkeit zu diesem Film. Ich finde dies höchst bedenklich, denn es zeigt, welch Bild der überwiegende Teil unserer Gesellschaft vom Kind hat. Das bereitet mir große Sorge: Wohin führt uns dieses Bild vom Kind?

    Ich denke, dass es noch weiteres hartnäckiges Engagement auf anderen Ebenen braucht, um das mir oft begegnende Tyrannen-Bild vom Kind zu entwurzeln (oberflächlich handeln manche Eltern anders, aber subtil herrscht dieses Bild oft vor und lenkt Wahrnehmung und Handlung).

    HRP, wie wäre es, wenn Sie mir Ihnen Gleichgesinnten einen Film oder eine Youtube-Reihe oder anderes leicht Zugängliches drehen, wo veranschaulicht wird, wie es stattdessen gehen kann?

  • Dr. Philipp Bornschlegl

    Lieber Kollege Polster,

    vielen Dank für den unermüdlichen Kampf und die präzise und detaillierte Aufklärung – nur durch fakten-basierte und versierte Diskussion ist es in meinen Augen möglich, in derartigen Debatten zu agieren. Leider ist die aktuell bestehenden Medienwelt durch Reduktion und Hetze (Twitter, Facebook-Schlagzeilen usw.) bestimmt und ich weiß nicht, wer überhaupt solche langen Posts von Anfang bis Ende liest.

    Ich wünsche Ihnen und uns allen praktizierenden Kinderärzten in Deutschland, dass es nach dem Sendetermin dieses Films zu den notwendigen kontroversen Diskussionen kommen wird.

    Ich werde ihn mir auf jeden Fall anschauen, ich bin seit gestern wieder zurück in Deutschland.

    Beste Grüße,

    Dr. Philipp Bornschlegl

  • Paul

    Lieber Herr Renz-Polster,

    Ich habe große Mühe diese Auseinandersetzung zu verstehen. Erlauben sie mir eine Frage; warum sind sie und ihre Mitstreiter eigentlich nicht begeistert von der Existenz eines solchen Filmes? Schließlich macht er die von Ihnen problematisierte Therapieform einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Das müsste doch eigentlich in ihrem Interesse sein. Ich habe vielfach gelesen, dass schon im Trailer zum Film „Gewalt gegen Kinder“ gezeigt werden, u.ä.; an ihrer Stelle wäre ich dann doch mehr als erfreut, dass ein Film (jetzt sogar im Fernsehen) verdeutlicht, welche Ungeheuerlichkeiten in dieser Klinik Kindern angetan werden? Ansonsten bliebe das doch alles im „stillen Kämmerlein“. Über eine Antwort würde ich mich freuen.

    Paul

    • Herbert Renz-Polster

      @Paul: Danke, ja, die Auseinandersetzung dreht sich tatsächlich um die Behandlung von Kindern, und wir führen sie, das ist gut. Ich habe nie gegen die Ausstrahlung des Films Stellung bezogen. Ich hätte allerdings die begleitende Ausstrahlung einer Diskussion rund um den Film erwartet.

      • Paul

        Lieber Herr Renz-Polster,
        Vielen Dank für Ihre Antwort! Was mich so irritiert hat ist der Umstand, dass es keine saubere Trennlinie zu geben scheint zwischen einer Fundamentalkritik an der Klinik und einer Fundamentalkritik an einem Film darüber. Sie distanzieren sich ja von Verbots- oder Zensurforderungen, aber nicht allen ihren Mitstreitern scheint bewusst zu sein, dass es an den Praktiken in dieser Klinik nichts ändert, wenn der Film nicht gezeigt werden würde (teilweise trifft das auch auf die weiteren Kommentare hier zu!), und das finde ich äußerst beunruhigend. „Aus den Augen, aus dem Sinn“ löst _keinerlei_ Problem. Ihren Wunsch nach einer begleitenden Auseinandersetzung teile ich. Hat die ARD denn Gründe dafür angegeben, dass sie eine solche Diskussion nicht ausstrahlen?
        Paul

      • Eva Mack

        Lieber Herr Renz-Polster, als Psychotherapeutin mit jahrzehntelanger Erfahrung in Psychotherapie bin ich entsetzt – nicht über die Ausstrahlung- sondern über diese Methode, die auch noch von unseren Krankenkassen bezahlt wird. Hier werden Kinder traumatisiert und es gibt keinerlei Verstehen der psychischen Entwicklung eines Kindes. Kinder werden wie Ratten trainiert, die Bedürfnisse eines Kindes werden mit Gewalt unterdrückt, die innere Beziehung zu den Eltern gibt es nicht, wobei diese doch entscheidend ist. „Clockwerk Orange“ lässt grüssen! Danke für Ihr Engagement! E. Mack

  • Judith

    Lieber Herr Renz-Polster!
    Von Herzen Danke für ihr Engagement in dieser Sache. Ich bin beruflich in der Beratung von Eltern mit kleinen Kindern mit Behinderung unterwegs und erlebe tagtäglich die Auswirkungen von medizinisch ausgelösten Traumata. Kinder, die sich nach erfolgloser Suche nach einer Vene fürs Blut abnehmen nicht mehr an den Händen anfassen lassen oder sich ganz in sich zurück ziehen, Körperkontakt verweigern etc. Seit so vielen Jahren sind so viele Kolleginne n unterwegs, um Eltern bindungsorientiert, familienorientiert und traumasensibel zu beraten und zu begleiten und nun wird hier so ein einziger Film als das einzig Wahre gehypt und wir sind wieder mit den alten Fragestellungen konfrontiert. Welche Windmühlen…. deshalb von Herzen DANKE von mir als Fachfrau und Mutter

  • Kerstin Krebs

    Es ist schwer zu lesen, was diesen Kindern angetan wird. Ich habe diese Erziehungsmethoden als 1968 Geborene in einem s.g. gutbürgerlichen Elternhaus durchlitten: die perfekte Grundlage, jedes Selbstvertrauen, jede Eigenverantwortlichkeit und Intuition im Keim zu ersticken.
    Meine Mutter war selbst in einem streng autoritären Elternhaus aufgewachsen, wie im Übrigen auch mein Vater, dessen Mutter durch zwei Weltkriege derart lebensfeindlich und kalt wirkte, dass das Gefühl, niemals so wie diese Großmutter werden zu wollen, bereits als junges Mädchen ein erstes erklärtes Lebensziel in mir wurde. In einem vor einigen Monaten von mir mit meiner Mutter geführten Gespräch, stellte ich die Frage nach der isolierten Schlaferziehung, dem Lichtentzug, das Füttern nach Plan, das Zurücklassen im Laufstall oder Einsperren im Kinderzimmer u.a. und ihre lapidare Antwort, dass das so gewesen ist, weil das eben SO gemacht wurde, dass sie selbst es so übernommen hätte, ließ mich genauso allein zurück, wie damals als Kind. Ihre Kaltschnäuzigkeit in jenem Moment fühlte sich harsch und unerbittlich an. Sie ließ nichts von diesen Praktiken in Frage stellen. Und ich kehrte zu meiner langjährigen Trennung von meiner Herkunftsfamilie zurück.
    Meine langjährige analytische Trauma-Psychotherapie und mein Durcharbeiten von Büchern, die z.B. auch historische Zusammenhänge beleuchten, wie z.B. Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind (Sigrid Chamberlain) helfen mir heute dabei, meine Kindheit neu zu bewerten. So etwas wie Körpergefühl, Selbstberuhigung und Selbstvertrauen erlernte ich völlig neu mit Hilfe von Yoga, Gesangstunden, Laufsport, Trommeln… (ich verweise auf: Bessel van der Kolk `Verkörperter Schrecken ́)
    Die Gefügigkeit, die Unsicherheit und Ohnmacht, die mit solchen – von mir erfahrenen – Methoden erzielt wird, ist die Grundlage dafür, dass Menschen heranwachsen, die keine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben haben. Ich sehe darin das Fortleben des Autoritarismus von Generation zu Generation. Die Gesellschaft schaut unwissend und nichts ahnend zu.
    Die Shut-Down-Erlebnisse waren derart in mir festgefressen, dass es mehrere Jahre intensiver psychotherapeutischer Arbeit bedurfte, um überhaupt eine Chance zu bekommen, dieses NICHTS in mir als ein reales Gefühl der Angst wahrzunehmen zu können. In meiner Kindheit wiederholte sich das Erleben des Shutdown in sich anschließenden Missbrauchserfahrungen so regelmäßig, dass mein (Über-)Leben nur durch die Funktionsübernahmen anderer Mitmenschen möglich war.
    Die Basis eines Überbleibsels von Intuition, von Empathie schufen hingegen der frühe und unbeeinflusste Kontakt zu Tieren, die mir als Kleinkind Zuverlässigkeit, Vertrauen und Zuneigung vorlebten. Eine Art `Mogli-Effekt ́, wie ich es heute rückblickend liebevoll nenne.
    Die Zuneigung, die Fürsorge zu den von mir zu pflegenden Tieren erlaubte mir später intuitiv, als Mutter selbst auf Bücher wie ‘Jedes Kind kann schlafen lernen’ schlicht nicht reinfallen zu KÖNNEN. Es war völlig naheliegend für mich, dass Wachstumsschübe, erweiterte Erlebniswelten, spannende Erfahrungen des abends meine Begleitung am Kinderbett brauchten. Ich genoß es, meinen Kindern nah zu sein, weil ich spürte, dass es IHNEN gut tat, sie liebten von mir Schlaflieder zu hören (jede Mutter jeder Vater kann singen 😉 ) oder Geschichten zu erzählen. Sie durften sich Sätze ausdenken, wie diese beginnen sollten, oder was in diesen Geschichten vorkommen sollte… und nach solchen Traumreisen waren das Schlafen kein `Problem ́, sondern eine Folge von Entspannung. Das Klettern ins elterliche Bett war genauso jederzeit möglich. Natürlich `kostete ́ das Zeit. Es war oft `unbequem ́, weil meine `Planung ́ gestört wurde. Doch es war immer eine Bereicherung und ich empfand es als entlastend, wenn meine Unsicherheit über diese scheinbaren `Schwierigkeiten ́, die mich selbst um den Schlaf brachten, durch Gespräche aufgelöst wurden. Gruppen mit anderen Müttern, der Kinderarzt,… Ich suchte Menschen, die Antworten auf meine Fragen hatten, die ein gutes Gefühl in mir hinterließen.
    Und beim Anblick des Umgangs DIESER Ärzte im Film mit den Kleinkindern wird mir schier schlecht. DAS Grinsen in das angstbesetzte Kindergesichtchen ist bloser Hohn! Es ist gemein und gefährlich und: es kann kein Kind verstehen! Wie um alles in der Welt sollen diese Kinder als Erwachsene je Vertrauen finden in die Berührung von anderen Menschen?! In den Rat eines Menschen im weißen Kittel?!
    Eine wunderbare, fürsorgliche Hebamme und eine langjährige Freundin, deren Umgang mit Kindern so vollends konträr zu meinen Erfahrungen waren, halfen mir heraus aus dem Automatismus, der in meinem Erziehungsstil unwillkürlich auftauchen musste.
    Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich meinen kleinen Sohn nach einem Wutausbruch gegenüber einem Spielgefährten aus dem Kreis der spielenden Kindern hob, ihn einige Meter abseits absetzte, und anraunzte, er solle da sitzen bleiben, bis ich ihn erlauben würde wieder dazu zu kommen. Es war nicht die Tatsache, ihn aus dem Spiel zu nehmen, sondern das WIE. Und es war für die übrigen Mütter so absolut erstaunlich, dass dieses kleine Kind sogar unbeweglich sitzen blieb. Ganz genau nach meiner Anweisung. Ich schäme mich heute für das Durchbrechen meiner eigenen Kindheit. Damals handelte ich aus einer Selbsterfahrung heraus – absolut impulsiv. Heute erinnere ich die festen Griffe meiner eigenen Mutter an meinen Armen, die Wucht der Landung auf meinen s.g. `Vier Buchstaben ́, das Zufallen der Kinderzimmertür, das
    bewegungslose Lehnen an der Wand, das leere Hören von Stimmen, die am Abendbrot-Tisch laut ertönen, während ich darauf warte, schlicht nicht mehr zu sein.
    Bei meinem Sohn ist die Trotzphase förmlich ausgeblieben… und das ist wirklich nichts, worauf ich Grund hätte `stolz ́zu sein.
    Es ist der Mangel an Kontakt, an fühlbarer Zuneigung, Beständigkeit und Fürsorge, der in mir aufgebrochen war. Wir Mütter diskutierten rege über das Buch `Jedes Kind kann Schlafen lernen ́, kaum eine Elternrunde, kein Basar ohne diese unsägliche Lektüre, die Eltern, die den Anweisungen emotional NICHT folgen können, als unfähig zurück lässt. Dieses Gefühl hatte ich auch und doch blieb ich meinen Kindern als Mama bei jeder Erkenntnis, jedem Zweifel so nahe, wie es nur ging.
    Heute bin ich erschüttert über die Zusammenhänge, über die Leichtigkeit, mit der sich diese Methoden weitertragen lassen. Von Generation zu Generation. Gern in neuem Gewand. Immer aber vor dem Hintergrund, dass wir es uns schlicht leicht und bequem machen möchten: Gesellschaftliche, finanzielle Zwänge erschweren das `Mutter-Sein ́. Wir fühlen uns wissend, und verlieren dabei immer mehr Gefühl zu uns selbst. Das macht unsicher, und ratlos und dann braucht es einfache Formeln, die unsere Kinder mit unserem Alltag kompatibel machen. Praktisch, einfach zu handhaben – wie das Einmaleins.
    Solche Kinder werden mit Sicherheit NIEMALS auf Demonstrationen von `Fridays for Future ́ landen – wie praktisch! Sie werden brav in Strukturberufen arbeiten, ohne ihre angeborene Fantasie nutzen zu können, um die Gesellschaft auf den Kopf zu stellen. Es wird auch ihr Ziel sein, ihre SUV durch Städte zu schieben und dreimal pro Jahr um die Welt zu jetten. Ach ja, Zäune werden sie bauen, gefährliche und abschreckende, damit ihnen die Armut draußen nicht den wohlverdienten und überlebenswichtigen Wohlstand raubt.
    Nein, in meinen Augen ist eine Mutter, die sich solchen Therapieformen in einem s.g. klinischen Setting unterwirft, selbst psychisch stark angeschlagen! Ein Arzt, der in dieser Form agiert, handelt für mich absolut unverantwortlich!
    Unsere Gesellschaft MUSS umdrehen, wir brauchen ein natürliches Maß von Vertrauen in uns selbst, ohne dem sind wir nicht in der Lage angemessen auf solchen Wahnsinn zu reagieren!

  • Andrea Weu

    Lieber Herbert Renz-Polster,
    ich möchte mich bei Ihnen für Ihr Engagement herzlichst bedanken. Ich habe den Film aus beruflichen Interesse im Kino gesehen. Ihre Artikel zum Thema „Elternschule“ geben wieder, was ich in mir fühle und was ich durch mein Wissen und Tun voll bestätigen kann.
    Auf der Seite des ARD-Programm habe ich folgendes gelesen: „“Elternschule“ hat seit dem Kinostart rund 30.000 Zuschauer zu verzeichnen und wurde für den Deutschen Filmpreis in der Kategorie „Dokumentarfilm“ nominiert.“

    Ich bin schockiert, wütend und völlig sprachlos.

    So frage ich Sie und alle Menschen, die das lesen:
    Was können wir tun?

  • Jenny

    Ich habe vorhin einen Artikel in der FAZ anlässlich der heutigen Ausstrahlung des Films gelesen und bin wirklich schockiert.

    Auch dort werden die Kritiker wieder mit entwürdigenden Namen betitelt (Knochenbrecher und Debattenkiller mit einer „brutalisitschen Weltsicht“) und die Ausführungen im Artikel haben nur in ganz kleinem Umfang mit dessen Titel („Darf man so mit Kindern umgehen“) zu tun. Wieder einmal sind die Kritiker die „Spinner“ und der Film wird verteidigt und schön geredet. Nicht ein Wort darüber, was dieses „SO“ aus dem Titel des Artikels überhaupt ist. Unter objektiver Berichterstattung stelle ich mir irgendwie was anderes vor…Oder hat die FAZ diesen Film mit finanziert?

    Ich muss sagen, dass mich dieser Artikel wirklich extrem triggert und wütend macht. Im Prinzip ist dieser Herr Hanfeld, der den Artikel geschrieben hat, der Meinung, dass man SO mit Kindern umgehen darf.

    Hier noch ein Zitat aus dem Artikel, das mich wirklich erschüttert: „Es rührt an unser Menschenbild, an die Frage, wer und was der Mensch ist, wenn er auf die Welt kommt – ein Idealwesen, wie es sich Rousseau vorgestellt hat, das man in seiner freien Entwicklung nicht behindern darf, oder ein junger Wilder, dem man Grenzen setzen muss, weil er diese selbst nicht kennt – die Kinderklinik in Gelsenkirchen handelt eher nach dieser Annahme.“ Kinder sind also junge WILDE die man quasi erst noch „hinbiegen“ bzw. eben „ERZIEHEN“ muss, weil sie sonst anscheinend völlig verwildern würden oder wie? Es macht mich einfach nur fassungslos, welches Bild vom Kind so viele Menschen noch haben.

  • Dagmar

    Sehr geehrter Herr Renz Polster , vielen Dank für Ihre ausgezeichnete Recherche über die Hintergründe der Gelsenkirchener Klinik. Vielen Dank auch an Herrn Klosterhalfen , der gleichermaßen reichhaltiges Info Material zur Verfügung stellt.
    Vielen Dank auch an Jenny , Sie sprechen mir aus der Seele , was den Artikel angeht.

    Zitat :

    Auch dort werden die Kritiker wieder mit entwürdigenden Namen betitelt (Knochenbrecher und Debattenkiller mit einer „brutalisitschen Weltsicht“)

    Meiner Ansicht nach ist das Populismus vom Feinsten , wenngleich immerhin die Ausstrahlung ohne Diskussion ebenfalls kritisiert wird.

    Mich ärgert im Moment am meisten die Auflistung der Fachverbände auf der ARD Seite , denn die Fachverbände , die sich kritisch geäußert haben , werden nicht aufgezählt.
    So setzt sich die tendenziöse Berichterstattung der Medien weiterhin fort .

    • Kerstin Krebs

      Ich habe mir den Film in Gänze angesehen. Es ist in bewegten Bildern erschütternder und erschreckender, deshalb hier noch ein Hinweis:
      Die emotionale Beziehungslosigkeit zwischen den Behandlern und den Kindern berührt mich zutiefst. Während die Kinder annehmende, sichernde Präsenz suchen, erfahren Sie Erwachsene, die nur physisch anwesend sind, und das eh schon unsichere Band zu ihren Eltern wird durch dessen angewiesene aber zu recht nicht gefühlte Neutralität weiter erschüttert.
      Von der Argumentation, dass Kleinkinder per Plan und Strategie ihre Ziele verfolgen, ist es nur ein kurzer Gedankensprung zu meinem eigenen Kindheitstrauma, indem meine Eltern mir anlasteten, dass ICH für IHRE Verfehlungen verantwortlich war! Nein! Verantwortlich war ich für MEINE Kinder. Es war meine Aufgabe, meine Kindheit zu reflektieren, aufzuarbeiten um so eine Übertragung MEINER Erfahrungen auf meine eigenen Kinder zu vermeiden, so gut es ging.
      NIEMAND fragt hier nach Liebe, Fürsorge… Instinkte, Intuitionen werden als von Kindern gelenkte Missstände verstanden. Jedenfalls verstehe ich den Film so. Und Kinder haben keine Wahl, sie ergeben sich schlicht, Sie werden diese Erfahrungen in ihrem Körper verbannen, und diese werden dort unbeachtet weiter wirken. Scheinbar Zusammenhangslos.
      Ich erinnere ein Video aus einem Vortrag von Bessel van der Kolk, einem hervorragenden amerikanischen Traumapsychotherapeuten und Wissenschaftler, der auf dem Gebiet der frühen Bindungsstörung gearbeitet hat und das Experiment mit einer Mutter und und ihrem ca. 9- 10 Monate alten Baby zeigte. Sie saßen zusammen in einem Raum und spielten. In aller Ruhe. Eine harmonische Szene. Eine in dem jeden Betrachter anrührend das Herz aufgeht. Ein liebevolles, gegenseitig zugewandtes Agieren, Brabbeln, Lachen. Die Mutter war über einen Knopf im Ohr angewiesen worden, mitten im gemütlichen Setting, ihre Handlungen, das Sprechen, jede Regung und Mimik einzustellen. Nach kurzer Zeit wurde ihr Kind unruhig. Es sprach sie nachdrücklicher an und ‘untersuchte’ irritiert mit den Fingern im Gesicht. Das Baby wurde lauter und war dann in höchster Sorge. Mama war da, aber für das Kind emotional unerreichbar! Die Mutter reagierte nicht. Natürlich fing ihr Sohn an zu weinen, sackte in sich zusammen. Die Szene dauerte nur wenige Minuten. Die Mutter wurde nun aufgefordert, wieder normal zu reagieren, als sei nichts geschehen und sofort entspannte sich das Kind erleichtert und seine Unruhe verschwand.
      Während des Vortrags fragte van der Kolk, was die Zuschauer empfanden. Und es stellte sich heraus, dass mehr oder weniger alle ein stechendes Drücken im Brustraum gespürt hatten. Unser Mitgefühl. Unsere Hilflosigkeit mit der Szene, der Drang aufzuspringen und Einzugreifen.
      Noch Wochen nach diesem Erlebnis konnte bei dem Kind bei Betreten des Raumes per EKG eine erhöhte Frequenz nachgewiesen werden. Äußerlich nicht sichtbar, verband das Unterbewusstsein des Jungen einen Hauch von Unruhe mit genau dieser Umgebung, wenn das Kind nur den Raum mit der Mutter betrat.
      Angesichts unseres heutigen Wissen über neuronale Zusammenhänge mit traumatischen Ereignissen ist es mir unerklärlich, wie Behandlungsmethoden wie sie in der Klinik im Film gezeigt werden immer noch Anwendung finden können!
      Ich kann allen Beteiligten des Films nur dringend raten, sich mit den Folgen von emotionaler Isolierung auseinander zu setzen. In dem oben beschriebenen Experiment handelten emotional und in ihrer Beziehung sichere und stabile Mutter und Kind. In der im Film gezeigten Klinik handeln Eltern orientierungslos wie ihre Kinder. Und Behandler fügen in meinen Augen durch ihren Umgang mit den tatsächlichen Bedürfnisse der Kinder diesen UND ihren Eltern NOCH größeren irreparablen Schaden zu.

  • M.A.

    Nachdem ich die ARD per Mail gefragt habe, warum sie nicht über die breite, fundierte Kritik von Fachleuten am Film berichtet, wurde mir geantwortet, ich solle mir den Film doch mal ansehen. Das alleine empfinde ich als inkompetent und unverschämt. Jetzt haben sie stillschweigend 30 Minuten des Films, den ich damals im Kino gesehen habe, für die TV-Ausstrahlung einfach herausgeschnitten. Nach kurzem Überfliegen habe ich gesehen, dass beispielsweise die brutale Fütterszene massiv gekürzt ist. DAS finde ich zynisch. Wenn die ARD von der Behandlung und dem Film so überzeugt ist und sich jeglicher Auseinandersetzung mit kritischen Fachleuten verweigert, dann soll sie doch dazu stehen und alles zeigen!

    • M.A.

      Gerade habe ich von der ARD die Antwort erhalten, dass es grundsätzlich eine Kino- und eine TV-Fassung gibt. Ok, das lasse ich erstmal so stehen. Vielleicht gibt es dazu ja mit der Zeit noch mehr Erkenntnisse.

  • Paul

    Lieber Herr Renz-Polster,

    Nachdem ich den Film jetzt gesehen habe und viele Artikel zur Debatte gelesen habe, nicht zuletzt auch die Kommentare einiger Nutzer, halte ich die Kritik am Inhalt doch für massiv überzogen. Erstmal finde ich es erstaunlich, dass der Film, der sich ja in seinem Aufbau geradezu dafür anbietet, nicht Stück für Stück analysiert wird. Da sind ja zwei sehr unterschiedliche Elemente im Film; einmal der Fokus auf die Behandlung einiger Familien, die mit großen Problemen in die Klinik kommen, und andererseits die Ausschnitte aus den Vorträgen von Herrn Langer.

    Zum ersten Element kann man sich sicher fragen, ob die Methoden dieser Klinik in diesen Extremfällen geeignet und notwendig sind. Das weiß ich nicht genau, und sie, Herr Renz-Polster, wissen es auch nicht, denn sie schreiben ja selbst oben, dass die Fachwelt sich in dieser Frage schlicht uneins ist.
    Ich finde es dann auch wenig überzeugend ein Argument aus der vermeintlichen Unwissenschaftlichkeit dieser Methoden zu ziehen (wenn man sich doch schlicht darüber uneins ist, wie sie selbst sagen). Als Naturwissenschaftler muss ich da auch zurückfragen, was genau denn überhaupt der Standard für Wissenschaftlichkeit sein soll, und welche Methoden im Bereich der Erziehung diesen erfüllen.

    Natürlich sind solche Schlaf-, Ess-, Trennungstrainings nichts, was im Alltag der allermeisten Kinder auftauchen sollte. Die Frage, die sie aber unbeantwortet lassen, ist die danach, ob die extreme Situation, in der sich diese Kinder und ihre Eltern befinden, diese Methoden nicht rechtfertigen, als „last resort“. Weiterhin; angesichts der fundamentalen Kritik, die sie äußern, fehlt mir eine stichhaltige, _konkrete_ (ich betone es nochmal: konkrete!) Handlungsalternative.

    Ich kann im Verhalten der Pfleger etc. auch keine Menschenschinderei erkennen, wie sie hier und anderswo immer wieder unterstellt wird.

    Während ich eine grundsätzlich kritische Haltung gegenüber den genannten Methoden – d.h. den Trainings – für nachvollziehbar halte, sehe ich kaum valide Kritikpunkte an den Inhalten der Seminare, die dort gezeigt werden. Als Denkanstoss mögen die auch für den Alltag taugen. Viele Details an der hier geäußerten Kritik legen für mich aber den Schluss nahe, dass es dort schlicht um Ideologie geht. Darauf weist z.B. der häufige Verweis auf das „Menschenbild“ der Gelsenkirchener hin.
    Ich finde das schade, denn eigentlich sollte es ja nicht darum gehen, welches Menschenbild wir „schön“ oder angemessen finden, sondern darum, wie man z.B. Kindern in einer sehr schwierigen Situation am besten helfen kann, oder allgemeiner: wie man mit Kindern so umgeht, dass sie sich gesund entwickeln können.
    Das Zitat von Herrn Langer im Film, in dem er Kinder als Egoisten bezeichnet, zeichnet sicherlich ein extremes Bild (auch wenn er es an anderer Stelle im Film ja relativiert); es ist aber nicht weniger extrem als ein Weltbild, in dem Kinder keinerlei Kompetenz besitzen, strategisch zu handeln. Und am Ende sind beide Weltanschauungen irrelevant, weil es schlicht eine empirische Frage der Entwicklungspsychologie/Kognitionswissenschaften ist, ob und wann Kinder lernen, ihre Umwelt strategisch zu manipulieren. Solange das empirisch nicht geklärt ist, ist eine Meinung dazu genauso richtig oder falsch wie jede andere.

    Kurzfassung; ich kann die geäußerte Kritik an _bestimmten_ Methoden zumindest nachvollziehen, die von ihnen genannten Argumente sind aus meiner Sicht aber nicht überzeugend. Die Kritik en bloc an „dem Film“ als ganzem halte ich für massiv überzogen, insbesondere die gezeigten Seminarinhalte berühren allenfalls ideologische Grabenkämpfe.

    Ich schreibe Ihnen das übrigens nicht, weil ich sie ärgern will, sondern weil ich denke, dass sie ihre Kritik pointierter und sauberer formulieren könnten, um auch Menschen außerhalb ihrer filter bubble auf ihre Seite zu ziehen (ich gehe davon aus, dass das in ihrem Interesse ist!): Ich würde behaupten, dass ich in diesem Bereich bislang nicht ideologisch vorgeprägt bin, und mich haben sie so jedenfalls nicht überzeugt.

    Viele Grüße, Paul.

  • Monika Götz

    Ich weiß nicht was mich mehr erschüttert, der traumatisierende Umgang mit Kinder in diesem entsetzlichen Film, oder die breite Zustimmung in der Gesellschaft.
    Was für ein Menschenbild liegt dem noch oder wieder zugrunde? Schwarze Pädagogik pur.
    Danke für die fundierte und wertschätzende Antwort darauf.

  • Katharina

    Danke Herr Renz-Polster, dass Sie sich diese wahnsinnige Mühe gemacht haben, das alles sauber zu recherchieren, Zusammenhänge darzustellen und Hintergründe aufzuzeigen. Ich habe mir das Interview mit Herrn Langer angesehen, das auch in der Mediathek ist und war etwas verwirrt. Das was ich in dem Film gesehen und gehört habe passte so gar nicht zu dem, was der Herr im Interview äussert. Ihr Text hat mich in meiner Sicht auf die Geschehnisse im Film und meine fachliche Ansicht darüber bestärkt. Vielen Dank! Und alles gute für Sie! Katharina

  • christina siedersleben

    … es gibt einen Film, der zeigt wie es gehen kann, …
    „wo kleine Menschen groß werden, …“
    Ich vermisse in der ganzen Diskussion die Forschungsergebnisse von Emmi Pikler.
    Dank Ihrer Erkenntnisse und Ihrer liebevollen, respektvollen Haltung, mit der auch sämtliche Pflegerinnen im Säuglingsheim „Loczy“ in Budapest mit den Kindern umgingen, konnten diese Kinder ohne den sogenannten Hospitalismus in ein Leben außerhalb des Heims entlassen werden.
    Ich bin sehr dankbar vor 18 Jahren diesem Film und der Haltung von Emmi Pikler begegnet zu sein.
    Inzwischen begegne ich in meiner Arbeit täglich Eltern, denen ich gerne meine Erfahrungen und alles was ich über die Arbeit von Emmi Pikler im Umgang mit Kindern (ich habe drei Kinder (12/15/18) gelernt habe, weitergebe.

    Ich bin empört über das, was ich in dem Film „Elternschule“ gesehen und gehört habe.

    Welche Traumata müssen die Menschen / Ärzte / Schwestern erlebt haben, die so über und mit Kindern sprechen und mit ihnen umgehen.

    Falls jemand von dieser Klinik dies liest,
    … es gibt Hilfe für Sie, … und das meine ich sehr ernst.

    Auch „Marte Meo“ ist eine großartige Hilfestellung für Menschen denen Empathie so sehr schwer fällt.

    Mit der Bereitschaft das eigene Menschenbild zu hinterfragen, könnten die Angestellten dieser Klinik, die in diesem Film zu sehen sind – sich, den Eltern und insbesondere den Kindern das Leben leichter machen.

    Respekt kann nur erwarten, wer respektvoll mit Menschen umgeht !!!
    Und Liebe ist die Basis für ein friedliches Miteinander.

  • Ruppel-Herbert

    Hallo Herr Renz-Polster,
    ich habe, als ich diesen schrecklichen Film am 3.7.19. sah wirklich an sie gedacht, mit dem Gedanken: Wie schlimm wird er wohl diesen Film finden?! Wenn mir jemand gesagt hätte, dass es so eine Klinik in Deutschland im Jahr 2018 gibt, ich hätte gesagt: Glaube ich nicht!! Für mich sind diese Methoden unfassbar. Ich bin Hebamme und habe sie schon auf einigen Fortbildungen hören dürfen.
    Mit herzlichen Grüßen
    Anita Ruppel-Herbert

  • Anne

    Was mich richtig verrückt macht, ist die neuerliche Reaktion der Presse auf die Ausstrahlung des Films im Fernsehen. (Von den meisten LeserInnenkommentaren dann darunter ganz zu schweigen. Regeln, Disziplin, Helikopter, Häme. Die FAZ kann Renz-Polster nicht mal richtig schreiben. Aber auch die von mir sonst eher respektierten Medien schreiben, als wären sie in die Fänge einer Untersekte der germanischen Neuen Medizin eingetreten. Wie verhalten sich denn die großen Zeitungen auf einen Beitrag wie diesen? Warum taucht der nicht als Leserkommentar auf? Ich verstehe das alles nicht mehr!

  • Franzeska Papargyropoulou

    Der Film ist erschütternd und erschreckend. Wie ist es möglich so herzlos mit diesen sich in Not befindenden kleinen Menschen umzugehen? Erschütternd auch die Argumentation der Verantwortlichen Therapeuten – es erinnert stark an dunkle Kapiteln der deutschen Geschichte.
    Danke für Ihre Analyse Herr Dr. Renz-Polster – es ist wichtig, wenn sich kritische Stimmen gegen diese Methoden erheben. Es ist meiner Meinung nach skandalös, dass dieser Film so in der Presse gehypt wird.

  • Kat

    Vielen Dank für den detaillierte Kommentar und das viele Herzblut, das Sie in die (psychische) Gesundheit von Kindern stecken!
    Mir geht eine Frage nicht aus dem Kopf: Was wäre denn der Gegenentwurf zu dem Konzept in Gelsenkirchen? Am besten sollte es eine „Klinik“ direkt nebenan geben, die bindungs- und bedürfnisorientiert mit genau den selben Patienten umgeht. Wie würde eine Behandlung dort aussehen? Was würde den Eltern dort erklärt und wie würde mit den Kindern umgegangen? Und dann sollten Eltern und Kinder mal sagen, wo es ihnen besser ergangen ist und was ihnen besser getan hat. Ich wünschte, es gäbe einen direkten Vergleich, dann wäre allen klar, wie negativ und destruktiv in der Gelsenkirchener Klinik mit den Patienten umgegangen wird…

  • Barbara Pribil

    Sehr geehrter Herr Doktor Renz-Polster!

    Ich verfolge Ihre Berichte bzgl dieses Films von Anfang an, diesen Artikel konnte ich nicht zu Ende lesen – ich bin entsetzt, traurig und fassungslos dass dies geschehen darf.
    Öffentlich
    Medial inszeniert

    Wie kann es sein, dass diese Form der Mißhandlung von Eltern gewünscht und gesellschaftlich teils akzeptiert und geschätzt wird!!!???

    Barbara Pribil
    Mutter und Hebamme

  • Joseph Kuhn

    Vielen Dank für die Informationen. Ihre Schlussfolgerung ist essentiell: Ohne gute Theorie keine gute Praxis.

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