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Beratungsfrage4. Juni 2024

Sollten wir Babys einen Schnuller geben?

Lieber Herr Renz-Polster,
Ich bin selbst Kinderärztin und jetzt zum ersten Mal Mutter. Mein Sohn ist 3 Monate alt, er wird voll gestillt und nutzt den Busen zum Nuckeln zum Einschlafen, manchmal wird er auch gewiegt von meinem Partner oder schläft selig mit mir kuschelnd ein. Er ist ein Tragling.
Seit neuestem weint er in der Trage direkt bevor er einschlafen will. Wenn ich ihn rausnehme saugt er nur kurz am Busen (ohne zu trinken) und schläft dann ein. Mein Problem: ich kriege ihn dann nicht mehr in die Trage, ohne dass er aufwacht. So dass ich jetzt nur noch mit ihm raus gehe, wenn er mal ohne Weinen in der Trage eingeschlafen ist. Das schränkt mich unglaublich ein, und ich bin ein sehr sozialer Mensch, der Kontakte braucht!
Jetzt habe ich ihm seit drei Tagen einen Schnuller in der Trage angeboten, wenn er weint - er schläft dann gut ein.
Aber ich wollte keinen Schnuller nutzen – kurz: ich bin jetzt arg hin- und hergerissen.

Also ich sehe da gar kein Problem, dass Du es mit dem Schnuller probierst. Denn hier liegt doch eine wunderbare Win-Win-Situation vor, und wann haben wir das schon mal? 😉 Es ist doch so wichtig, dass Du mit Deinem Baby raus gehen kannst, damit Du Deine Energie behälst und in der Balance bleibst! Und für Dein Baby ist das Draußen-sein ja auch was Tolles, und mit dem Schnuller kannst Du ihm ja offenbar eine gute Brücke in den Schlaf bieten. (Eine andere Möglichkeit könnte eine Tragehilfe/ein Tragetuch sein, mit dem Du ihn so tief nehmen kannst, dass er auch an Deinem Körper an die Brust gehen könnte – aber das müsst Ihr ausprobieren).

Zu Deinen Sorgen rund um den Schnuller. Wenn *Neugeborene* *regelmäßig* einen Schnuller zur Beruhigung bekommen, dann ist nicht auszuschließen, dass dadurch der Aufbau der Stillbeziehung leidet (das Thema ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt, Grund zur Panik gibt es aber nicht). Aber Dein Kind ist ja schon 3 Monate alt. Und da kann der Schnuller eine gute Hilfe sein, wenn er „wie intendiert“ benutzt wird – als Ersatz für das Beruhigungssaugen an der Brust. Solange Ihr das so macht, bildet sich weder eine nachteilige Gewohnheit aus, noch hat Dein Kind davon ein Problem (im Gegenteil, wenn das gut klappt, kann auch Dein Mann Euer Baby vielleicht besser beruhigen – ein Plus für alle!) Und auch das wirst Du merken: Dein Baby redet da ein großes Wörtchen mit: Eine Zeitlang wirkt der Schnuller vielleicht super, dann wirkt das Angebot auf einmal vielleicht wieder nicht so gut und Ihr müsst wieder einen neuen Weg suchen.

Weil ich weiß, dass viele Eltern Bedenken rund um den Schnuller haben, vielleicht noch kurz dieser Kommentar: Es ist weder so, dass Säuglinge grundsätzlich einen Schnuller „brauchen“, noch, dass sie den „nicht brauchen“ oder nicht haben sollten. Der Schnuller ist eine wunderbare Lösung, wenn er zusammengedacht wird mit der kindlichen Entwicklung und ihrem evolutionären Hintergrund. Säuglinge benutzen die Brust ja nicht nur zur Ernährung, sondern auch zur Beruhigung (nicht-nutritives Saugen) – also um sich „runterzuregulieren“ und zu entspannen. Und da kann der Schnuller die Brust ergänzen oder auch ersetzen – das ist im Grunde eine Lebensstilfrage, die der eine so, die andere so entscheidet.

Wo ich den Schnuller kritisch sehe, ist dort, wo die Kinder ihn benutzen, wo es gar nicht um Beruhigung, Entspannung oder Trost geht. Dadurch entstehen dann tatsächlich auch Gewohnheitsreize, so dass die Kinder den Schnuller dann auch beim Spielen, bei der Erforschung der Umwelt oder generell überall „brauchen“. Der Schnuller wird dann auch eher aus Gewohnheit eingefordert, und daraus entsteht dann schon mal eine Art Dauerschleife: Das Kind ist angespannt, weil es seinen Schnuller vermisst… – und braucht dann den Schnuller um sich zu entspannen – was wiederum die Gewohnheit verstärkt. Das sollten wir im Rückspiegel haben.

Denn: Der häufige und intensive Gebrauch kann für das Kind auch Nachteile mit sich bringen. Etwa weil gerade das Gewohnheits-Saugen eher auch mal ungünstige Wirkungen auf die Kieferentwicklung haben kann (nein, auch da da müssen wir keine Panik haben, aber das trotzdem im Blick haben, eben wegen der Dosisfrage). Auch kann sich die Sprachentwicklung durch häufigen und andauernden Schnullergebrauch verzögern. Vor allem aber ist der Gewohnheitsgebrauch in meinen Augen nachteilig, weil Kinder auf ihren Entdeckungsreisen ihren inneren Biss und auch ihren Mund gut gebrauchen können, um die Umwelt zu erforschen, ihre Gefühle auszudrücken und zu kommunizieren. Ein Schnuller im Mund kann dabei ein Hindernis sein und auch in einem gewissen Sinn “stumm machen”.

Also wieder: Denkt an das, was der Schnuller eigentlich ersetzen soll – nämlich das Sich-Runterregulieren an der Brust. Ein Kind hängt beim Fangespielen ja auch nicht nuckelnd an der Brust.

Da stellt sich dann manchen die Frage: Wer „verwaltet“ dann eigentlich den Schnuller und entscheidet, wie, wo und wann (und wie lange) der benutzt wird? Eine unglaublich komplexe Frage, finde ich – zumal sie vielleicht in der Kita anders zu beantworten ist als zuhause (dazu mehr in der im Exkurs am Ende).

Für das häusliche Umfeld, also im Bereich des „eingespielten Bindungsverhaltens“, ergibt sich für mich die Antwort aus der eigentlichen Begründung für den Schnuller: Wir machen das wie mit dem Original, der Brust. Du als Mutter trägst diese bei Dir, nicht das Kind. Und auch bei der Frage: wann Schnuller, wann nicht? Finde ich das eine gute Richtschnur: Das entscheidet Ihr ja in Wirklichkeit *zusammen*, oder? Wobei bei Dir dann das letzte Wort liegt: Dein Kind gibt ein Signal (bin müde, habe aua, bin überfordert), und dann nimmst Du Dein Kind auf, oder vielleicht auch nicht (etwa weil du ihm vielleicht eine andere Regulationsmöglichkeit anbietest oder ein anderes Programm hast).

Und so sehe ich das auch beim Schnuller: Ein kleines Kind braucht zur entwicklungsgerechten Verwendung des Schnullers Deine Mit-Regulation. Und da gehört manchmal auch ein: „Nein mein liebes Kind, zum Spielen brauchst du den Schnuller nicht“ dazu.

Manchmal heißt es dann: Aber die Kinder sind doch kompetent und können das selber regeln. Das stimmt und stimmt nicht. Ja, auch kleine Kinder sind kompetent – aber sie sind das nicht unbedingt aus sich selbst heraus, sondern in Resonanz mit ihren Begleitenden. Ohne diese Resonanz können Gewohnheiten entstehen, die dann lästig, oder auch für das Kind nachteilig sind (wir hatten das in einer der letzten Sprechstunden auch im Bezug auf die emotionale Regulation, Stichwort „Gewohnheitszornen“).

Das war es eigentlich schon, der langen Rede kurzer Sinn: Du hast mit dem Schnuller für dein Baby eine wunderbare Option! Manchmal kann der auf die lange Strecke auch lästig werden. Mit einem achtsamen Hin und Her und dem Blick auf den Hintergrund des kindlichen Saugbedürfnisses klappt die Balance aber wunderbar.

Wer mehr dazu wissen will, dem empfehle ich einen Beitrag zum Schnuller auf meinem Blog. Und zu der für mich sehr inspirierenden Sichtweise der evolutionären Verhaltensforschung empfehle ich wie immer: Mein Buch „Kinder verstehen“.

Und hier noch ein kleiner Exkurs in die Krippe oder Kita: Wie verhält es sich dort mit dem Schnuller?

Das kann man rauf und runter diskutieren (hab das grad mit Judith gemacht, die manche von Euch als meine „Insta-Fee“ kennen, und die zufällig Kindheitspädagogik studiert 😉 ). Also ja, echt keine einfache Frage 😉 – auch weil hier Eltern und Fachpersonen vielleicht manchmal eine unterschiedliche Meinung haben und Kinder mit sehr unterschiedlichen „Schnullergewohnheiten“ zusammen kommen. Ich verstehe Kitas, die sagen: wir ritualisieren das entlang der evolutionären Schnullerlogik: wir bewahren die Schnuller für die Kinder auf, und zum Mittagschlaf kriegen die entsprechend gewöhnten Kinder dann ihren Schnuller. Andererseits aber ist der Schnuller im Kita-Kontext, wo das „Entspannungs-Angebot“ ja oft nicht so üppig ist, für manche Kinder auch eine Art Bindungssignal, vielleicht auch Wohlfühl- und Übergangsobjekt, das sie in der Kita einfach auch häufiger brauchen um Stress wegzuregulieren – weil viele Kitas den Kindern nicht genügend Regulierungshilfen geben können (etwa weil für manche Kinder die Gruppen zu groß sind, die Umgebung zu laut ist, es nicht genug Personal gibt, die BezugserzieherIn gerade nicht da ist, der Kitatag zu lang ist, …). Das ist dann wirklich auch eine andere Situation als sich sozusagen aus dem evolutionären Kontext ergibt. Gleichzeitig glaube ich aber nicht, dass es eine gute Idee ist, den Kleinkindern in der Krippe/Kita den Gebrauch des Schnullers selbst zu überlassen. Wir basteln ja nicht an sprachförderlichen Kitas, um dort dann dauernuckelnde Kinder zu begleiten. Eine Gratwanderung, die vielleicht auch Chancen enthielte (etwa, dass die Kinder hier gemeinsam etwas lernen – aber auch das hinge oft von einer pädagogischen Begleitung ab, die oft einfach nicht gegeben ist.)

Da gibt es also noch viel nachzudenken, juhu!

Umso interessanter zu hören, wie Ihr das macht oder machen würdet!!??

Dieser Beitrag beruht auf dem Buch des Kinderarztes und Wissenschaftlers Dr. Herbert Renz-Polster: „Kinder verstehen. Born to be wild - wie die Evolution unsere Kinder prägt". Es beschreibt die Entwicklung der Kinder aus dem Blickwinkel der evolutionären Verhaltensforschung.
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9 Kommentare

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  • Alke

    Einfach in der Tage stillen?!
    Ein wenig lockern (geht auch im Tuch) so kann frau überall stillen, sogar ziemlich unauffällig (nur beim Quad fahren querfeldein hat das bei uns nicht geklappt).

    • Jale

      ja, anderweitig hätten wir auch nicht überlebt 😀 und wunderbar lange Spaziergänge und Wanderurlaube bestritten 🙂
      Mit etwas Übung klappt das wunderbar. Toll hilfreich dabei ein großer dünner Schal, dass man als Mama nicht obenrum verkühlt. Oder als Blickschutz.
      Im Winter ist ein Pochokragen (bzw. dicker Rollkragen, der dann etwas über Brusthöhe endet auch sehr gut.
      Man hat mit der Zeit etwas abenteuerliche Techniken, um seine Nippel in Saughöhe hochzuziehen, je nach Brustgröße, erstmal festgenuckelt “hält alles” aber gut!
      Ansonsten auch wieder Danke für die erfrischende und differenzierte Antwort!

  • Nina

    Wenn der Schnuller dabei hiflt, warum nicht. Ich seh das auch so – die Dosis macht das Gift. Wenn man den Schnuller gezielt einsetzt und beim Regulieren hilft.

    Mein Grosser hat den Schnuller nicht akzeptiert. Habe ihn dann auch weggelassen. Brust fürs Saugbedürfnis und sonst Tragetuch.
    Beim Kleinen hab ich den Schnuller gar nicht erst probiert. Wir haben getragen und gestillt oder beides zusammen. Mit dem Tuch oder auch einigen Tragen geht stillen während dem Tragen prima.

    Übrigens weinen Babys in der Trage manchmal auch wenn sie zB Stuhl ausscheiden müssen und das ungern in der Trage machen.

    • Jale

      ja, sehr spannender Punkt! Bei uns war das total so! Nicht in die Trage wollen = nochmal pinkeln vorher. Oder im Tuch auf einmal sehr unruhig = sie müssen dringend und wollen nicht drin sitzen. Egal ob pinkeln oder Stuhlgang, also habe ich ein Minitöpfchen mitgenommen, war platzsparender als Ersatzwindeln 😉
      keine Ahnung ob das stimmt, aber womöglich können gerade sehr sensible Kinder von der Ausscheidungskommunikation profitieren? Bei meiner kleinen Tochter war das ganz krass, die hat uns ab dem Alter von 2 Wochen quasi zum Abhalten “gezwungen” und war dann wie erlöst hinterher, die wollte einfach nie in ihren Ausscheidungen sein und war darum ein tatsächlich komplett-windelfrei-Baby. Das war nicht mein Verdienst, sie war einfach sensibel! Dass es sowas gibt, wusste ich allerdings beim 1. Kind, als es 3 Monate war, auch nicht 😉

  • Zînê

    Ich kann auch stillen in der Trage empfehlen. Mein kleiner mochte es sehr. Es gibt gute Videos dafür

  • Kerstin

    Stillen während des Tragens in Trage oder Tuch hat mir bei K2 und K3 oft den Tag gerettet, weil ich für K1 bzw K1 und K2 die Hände gebraucht habe. So geht Stillen zB auch im Hörsaal oder einer vollen Bahn, im Supermarkt, Möbelhaus,… Ja selbst bei der Impfung beim Kinderarzt war das so einfach wunderbar entspannt.
    Bei K2 hätte mir der Schnuller übrigens die bereits etablierte Stillbeziehung fast kaputt gemacht. Ich habe mehrere Wochen gebraucht, bis meine Tochter wieder ganz normal an der Brust getrunken hat.
    Man mag aufgrund der wissenschaftlichen Daten die sog. Saugverwirrung bezweifeln. Es mag auch vielleicht bei 10.000 Kindern gut gehen. Es ist aber für Mutter und Kind einfach noch stressiger, wenn man Stillpaar Nr. 10.001 ist, bei dem was schiefgeht.

  • Anne

    Ich habe auch immer in der Trage gestillt, leicht die Schultergurte verlängert, dann passte das. Mit der Mei Tai konnte ich dann das schlafende Baby immer ziemlich gut wieder etwas weiter nach oben bringen und nachbinden.

  • Sonja

    ich habe dazu ein tolles Interview von einer Kinder Psychologin gehört. Sie hat gesagt man muss den Schnuller wie eine Medikament ansehen..man versucht zuerst ob es anders geht und erst wenn es dann nicht klappt kommt der Schnuller dran.

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