Kommentar12. November 2020

Das Leben mit Babys – wirklich so kompliziert ?

Als Kinderarzt befasse ich mich jetzt schon so viele Jahre mit den Alltagsfragen der Eltern. Mit dem Stillen, Füttern, Schlafen, Tragen, Fremdeln, Zornen und dem Pullern. Das Leben mit Kindern ist nun mal mein Lieblingsthema. Wie können wir gut für unsere Kleinen sorgen, ohne dass wir damit in Stress und Krampf geraten?

Immerhin gibt es eine Hoffnung. Bald 20 Milliarden Menschenkinder haben inzwischen auf dieser Erde gelebt – vielleicht gibt es ja wirklich so etwas wie einen nicht ganz soooo komplizierten Plan, nach dem wir die Kinder begleiten können?

Und ja, das ist wirklich noch immer meine Hoffnung! Aber je älter ich werde, desto stärker bin ich überrascht, wie hartnäckig die alten Mythen überleben. Ja, ich bin inzwischen zu der festen Überzeugung gekommen: Wie viel entspannter das Leben mit Babys sein könnte, wenn mal endlich eine gnädige Hand den Mülleimer aufmachen würde – und weg mit dem ganzen Geschwätz.

Meine Schlafberaterin hat gesagt…

Ich habe dazu vor ein paar Jahren einmal ein Buch geschrieben: Menschenkinder. Eigentlich dachte ich, ich hätte darin genug Hinweise gegeben, wo der Mülleimer zu finden ist. Wohl nicht, denn ich bekomme heute noch die gleichen Fragen wie vor fünf Jahren (und das sind die gleichen wie vor 10 Jahren, und so weiter). Und die fangen oft so an: Meine Schlafberaterin hat gesagt, ich solle mein Baby… Oder: Aber in dem Flyer von XYZ steht doch…

Problem Beikost

Gerne zum Problem erhoben ist nach wie vor das Beifüttern. Mensch, muss das etwas Kompliziertes sein, kommt einem in den Sinn, wenn man das Farbleitsystem der Gläschenhersteller anschaut. Oder gar den „Beikost-Fahrplan“ des Dortmunder Forschungsinstituts für Kleinkindernährung. Dieser „offizielle“ Beikostplan wird – meine Voraussage – bestimmt noch sein 100-jähriges Jubiläum feiern, denn er geht in seinen Grundzügen tatsächlich auf die Kaiserzeit zurück (ich gehe hier darauf ein). Kein Wunder wird den Eltern heute noch immer vor allem mitgeteilt, an welche strengen Regeln sie sich zu halten haben („zunächst nur mittags zufüttern“ –  „und zwar ausschließlich Gemüse-Brei“) und wie entscheidend der Kalender ist („Wichtig: Dein Baby sollte den Mittagsbrei wieder circa vier Wochen lang gegessen haben, bevor ihr zu Schritt 2 der Beikosteinführung übergeht, dem Abendbrei.“)

Ach Leute.

Da ich aber schon so viel über das Beifüttern geschrieben habe (etwa in meinem Buch Kinder verstehen (Kapitel 3), oder auch hier auf meiner Webseite), also weil ich so viel schon geschrieben habe, dachte ich, ich zeige hier ausnahmsweise nur mal kurz ein Filmchen, wie gut gestimmt die Babys auch heute noch sind. Und mit welcher Freude und Motivation sie auf die neue Kost losgehen.

Ich bin mir sicher: Damit überstehen sie auch  4-Stufenpläne.

😉

 

 

Dieser Beitrag beruht auf dem Buch des Kinderarztes und Wissenschaftlers Dr. Herbert Renz-Polster: „Menschenkinder – Plädoyer für eine artgerechte Erziehung". Es stellt die vielen Behauptungen und Theorien über Kinder konsequent auf den Prüfstand.
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8 Kommentare

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  • ama

    Die eigentliche Frage ist nicht
    „Das Leben mit Babys – wirklich so kompliziert ?“

    sondern:
    „Das Leben mit Idioten – wirklich so kompliziert ?“

    und die Antwort ist: JA!!!

    Nicht die Kinder sind das Problem, sondern die vielen Dummschwätzer und Kriminellen, die JEDEN rund um die Uhr mit allem möglichen Mist vollabern, einseifen, hintergehen, einlullen, betrügen, auf’s Kreuz legen, und… auch direkt ins Grab bringen.

    Wir sind von Vollidioten umzingelt. DAS ist das Problem. Die Schwierigkeit besteht darin, sie uns vom Hals zu halten. Und: Welche Macht wir dazu haben.

    Schwangerschaft und Hebammen – eine nahezu untrennbare Sache. Dummerweise ist der Großteil der Hebammen esoterisch und auch sonstwie verseucht. Die Schwangeren, Opfer eines Hormonsturms und damit schwerst beeinträchtigt, werden ZUSÄTZLICH Opfer eines gesellschaftlich organisierten Überfalls mit übelster Hirnwäsche. Und das ist nur ein Bruchteil dessen, was eine Frau aushalten muß.

    Das gesamtgesellschaftliche Problem ist, daß Irrsinn in jeder Menge über die Bürger gegossen werden kann, ohne daß sie sich überhaupt wehren DÜRFEN. Teile des Ausbildungssystems für Hebammen und Krankenschwestern sind von Impfgegnern beherrscht. Wie soll man sich die vom Hals halten? Wie – als Schwangere? Und wie – als Auszubildende?

    „Im Angesicht von Gewalt ist Höflichkeit gegenstandslos.“

    * Hat Lyme schon vor 20 Jahren in einem Forum gesagt.

    „Rhetorik : Krieg in der Medizin“
    „Im Angesicht von Gewalt ist Höflichkeit gegenstandslos“
    http://www.ariplex.com/ama/ama_till.htm

    GENAU DAS, was Dr. Renz-Polster sagt, daß er heute IMMER NOCH die gleichen Probleme hat wie vor 20 Jahren, geht uns Allen so. Weil die Politik den Irrsinn nicht beseitigt, sondern immer stärker per Gesetz erlaubt. Und die Kritik mundtot macht.

    Schuld an der Misere sind Politik und Justiz.

  • Lisa

    Ach, lieber Herr Renz-Polster, wenn sie wüssten, wie oft ich sie zitiere in meinem Alltag als Weiterbildungsassistentin für Pädiatrie. Aber wissen Sie was? Es ist ein solches Privileg, mit wenigen Minuten der eigen Zeit ein erleichtertes „Vielen Dank, dass fühlt sich viel besser an als das Schlaftraining/der strenge Beikostplan/die Empfehlung zum Schreien lassen!“ hören zu dürfen. Wenn ich groß bin (ach nee, wenn meine Kinder groß sind!) habe ich irgendwann ganz viel Zeit und dann mache auch lauter Vorträge und Videos und erreiche noch mehr Leute gegen diesen Quatsch wieder den natürlichen Elterninstinkt. Bis dahin freue ich mich über jede Familie, der ich etwas Erleichterung verschaffen kann.

    • Caroline Keeling

      Ja Lisa cool machen Sie das! Viele, viele Tropfen auf den heissen Stein! Bon courage, Herr Renz-Polster, immerhin zwei Neumütter aus meinem Bekanntenkreis haben das geschenkte Buch „Kinder Verstehen“ auch wirklich mit Begeisterung gelesen. Ich hoff ja auf eine Graswurzelbewegung irgendwann. Keine Ahnung ob das realistisch ist. Mein Plan ist immernoch, irgendwann in den nächsten 2 Jahren (wenn meine Kinder in Betreuung sind) eine kleine Auszeit zu nehmen und vor dem Wieder-Berufseinstieg viele Ihrer Seiten zu diesen Themen auf französisch zu übersetzen. Mal sehen ob ichs schaffe.

  • Welli

    Hey, Sie sind so cool manchmal. Ich muss immer noch schmunzeln.

  • Jana

    Lieber Herr Dr. Renz-Polster, danke dass Sie trotzdem dranbleiben und immer wieder auf dieselben Fragen antworten!
    Das Traurige daran ist, dass Ersteltern IMMER auf solcherlei RatgeberInnen reinfallen. Schließlich will man es ja richtig machen und ist noch unsicher! So ging es mir bei meinem Großen vor 20 Jahren.
    Und darin liegt für mich aber auch zugleich die Lösung des Dilemmas: Wir sollten in sämtlichen Vorbereitungskursen und Büchern (in Ihren ist das ja schon so, lieber Herr Dr. Renz-Polster!) die ELTERN STÄRKEN. Nicht noch weiter verunsichern.
    Und ich möchte, wenn ich darf, auch Jesper Juul, Remo Largo, Stephe Biddulph, Jan-Uwe Rogge und nicht zuletzt Carlos Gonzalez hier erwähnen, deren Bücher mir neben Ihren meinen/unseren Weg gzeigt haben!
    Ist doch letztendlich egal, ob man zur Entbindung schön hecheln kann und sich gut auf die Geburt vorbereitet hat. Die wird eh anders als geplant und rausgekommen sind sie bis jetzt auch alle…Natürlich habe ich das jetzt überspitzt formuliert.
    Auf seine Intiution zu hören, ist im Zweifelsfall der richtige Weg. Auf sein Kind zu hören, ist immer der richtige Weg! Ich habe nach einem halben Jahr mit Kind 1 sämtliche Bücher in die Tonne geschmissen, die starre Regeln vorgeben.Nachdem es so gar nicht klappte und ich immer frustrierter wurde, habe ich dann nur noch auf mein Bauchgefühl gehört. Natürlich war das nicht immer einfach, aber ich blieb hartnäckig und die Kinderärzte hatten keinen Anhaltspunkt, dass es meinem Kind damit nicht gut ging. Meinen Mann konnte ich auch sehr schnell überzeugen, diesen Weg mitzugehen.
    Es ist uns und den Kindern gut gegangen damit. Es sind noch 2 Kinder dazugekommen, ohne dass eines von ihnen mit Beikost nach Plan oder Schlafen nach Programm in Berührung kam. Und wisst Ihr was?! Es war viel einfacher, sich nicht an Pläne zu halten, die zusätzlichen Stress verursachen, weil sie sowieso nicht funktionieren…Diese Pläne sind in meinen Augen für Kinder gemacht, die evtl. Gedeihstörungen haben oder anderweitig beeinträchigt sind. Da mag es berechtigt sein. Aber ein gesundes Kind erleidet weder einen Mangel, wenn es 10 Monate fast ausschließlich gestillt wird (wie mein 3. Kind) noch wenn es mit 4 Monaten schon am Tisch mitessen will (wie mein 1. Kind). Das 2. Kind hat es wieder ganz anders gewollt. Alle Menschen sind verschieden, warum sollten sie als Kinder gleichgeschaltet sein? Es hatte auch jedes meiner Kinder ein anderes Schlafbedürfnis. Ja und?!?
    Wenn es wirklich so kompliziert wäre mit den Babys „richtig“ umzugehen, wäre die Menschheit schon längst ausgestorben!
    Also war esso tatsächlich für unsere Familie einfacher. Wir haben uns grob an den Regeln der WHO orientiert und ansonsten den Kindern das gegeben, was sie gerade brauchten. Natürlich haben wir selber uns angemessen gesund ernährt, sodass es nie ein Problem war, die Kurzen an unserem Essen teilhaben zu lassen, wird es eben fix gequetscht.
    Ja und sonst kann man viel von seinen Kindern lernen, wenn man sie beachtet, wertschätzt und ernst nimmt. Das heißt ja nicht, dass sie immer bekommen, was sie wollen (wenn sie dann größer sind, als Säuglinge ja).
    Ich werde viel um Rat gefragt im Freundes- und Bekanntenkreis (scheibar habe ich es in den Augen Anderer ganz gut gemacht). Den ultimativen Rat, den ich eigentlich IMMER gebe (aber nie und niemals nicht ungefragt!):
    Schaut, dass es für Eure Familie und in erster Linie Eure Kinder passt und macht es dann so, egal was das Umfeld sagt.
    Beobachtet Eure Babys, sie zeigen euch schon, was sie brauchen.
    Lasst Euch nicht verunsichern! Es fragt niemand in 5 Jahren, ob das Kind denn auch nach Beikost-Plan ernährt wurde oder auch ja nicht im Elternbett geschlafen hat.
    Und zu guter Letzt: Ihr macht das großartig! Ihr seid tolle Eltern!
    Denn das hört man vom Umfeld viel zu selten!!!

    Die Frage, die jede/r für sich beantworten sollte: Welches Menschenbild habe ich?
    Sehe ich meine Kinder als Tyrannen, wie uns das so einige Leute immer wieder weismachen wollen? Dann brauche ich auch Pläne, damit die Kinder mir nicht auf der Nase herumtanzen.

    • Welli

      D‘accord.
      Wir sprechen dieselbe Sprache. Genau, nicht zu vergessen Carlos Gonzáles. Danke für die Bestätigung!

  • Sas

    Die Erstgeborenen haben am meisten unter diesem Blödsinn zu leiden. Was habe ich mich verrückt gemacht, als das Baby mit 6 Monaten keinen (grammgenau kredenzten) Brei wollte, sondern ausschließlich Muttermilch und das bis über 1 Jahr! Sogar „Aushungern“ habe ich damals als Ratschlag bekommen, jedoch glücklicherweise nicht umgesetzt. Das zweite Kind ist dann von diesem Tamtam verschont geblieben.

  • Elena

    Ihre Beiträge lese ich so gerne!
    Als Hebamme frage ich mich so oft, wie es so weit kommen konnte, dass wir davon ausgehen, kleine Menschlein würden auch nur ansatzweise einem Plan folgen, der nicht aus der reinen Zuwendung durch die Bezugspersonen besteht.
    Es ist manchmal so anstrengend, die immer gleichen Fragen zu beantworten. Die meisten Eltern“struggles“ könnten überflüssig sein, wenn da nicht die althergebrachten Mythen kursieren würden.
    Es ist noch ein langer Weg back to the roots, denke ich manchmal.
    Viele Grüße
    Elena

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