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Einschlafstillen – darf man das?

"Die Schlafberaterin hat mir dringend empfohlen, mein Baby nicht bis in den Schlaf zu stillen. Vielmehr soll ich es, noch während es wach ist, abdocken und dann in sein Bettchen legen. Sonst würde in ihm eine Verbindung zwischen Brust und Schlaf entstehen. Dann würde es immer die Brust brauchen um einschlafen zu können." Willkommen in der Diskussion um die "Einschlaf-Assoziationen" - was wissen wir heute über das Thema?

Das Schlaf-Dilemma

Immer wieder ist es das Thema Schlaf, das die Eltern in die Enge treibt. Tatsächlich ist das Dilemma der Eltern recht leicht zu verstehen, der Schlaf hat es nun einmal in sich. Der Schlaf bildet nämlich im Verhaltensrepertoire des Menschen eine seltene Ausnahme – er lässt sich nicht machen, er muss sich ergeben. Da ist mit Anstrengung und Anspannung nichts zu machen (ähnlich wie beim Sex oder bei der Geburt). Denn das Tor zum Schlaf öffnet sich nur unter ganz bestimmten Bedingungen. Und die hat die Natur genau festgelegt: Dann nämlich, wenn wir uns geborgen und geschützt fühlen. Erst dann bildet sich dieser magische Stoff, der den Weg in den Schlaf ebnet: Entspannung.

Der Grund ist banal, und er ist uralt. Wer schläft, ist seiner Sinne und seiner Muskeln nicht mächtig, er kann nicht fliehen und sich nicht verteidigen. Er muss dafür sorgen, dass er nicht zwischen den Zähnen eines hungrigen Tieres endet. Der Schlaf ist also für höheren Lebewesen mit einem Sicherheitsdilemma verbunden. Genau dieses Dilemma begründet unser „paradoxes“ Schlaf-Programm: Das Sandmännchen darf erst aktiv werden, wenn wir uns sicher fühlen. Niemand kann schlafen, wenn die Dielen knarren. Und schon gar nicht, wenn die Pfeiler der eigenen Welt am Ächzen sind…

Dieses Sicherheitsdilemma stellt sich den Kindern genauso wie den Erwachsenen. Auch die Kinder wollen ja morgens wieder unversehrt aufwachen. Aber mit diesem instinktiven Wunsch nach Sicherheit beginnt auch ihr Problem, bzw. das ihrer Eltern: Wie sorgt ein Säugling für seine Sicherheit, er kann ja noch nicht einmal eine Fliege von seinem Gesicht fern halten? Könnte ein kleines Kind einen Wolf verjagen? Dafür sorgen, dass er zugedeckt wird, wenn das Feuer ausgegangen ist?

Genau. Es gibt für kleine Kinder zunächst nur einen Weg zur Sicherheit. Er besteht darin, dafür zu sorgen, dass jemand bei ihnen ist, der für ihre Sicherheit sorgt. Er führt also zu den vertrauten Erwachsenen. Kein Wunder beobachten Eltern rund um die Erde das immer gleiche: Sobald die Kleinen müde werden – spannt sich bei ihnen eine Art unsichtbares Gummi an. Sie werden nähebedürftig – sagen die Eltern. Ihr Bindungssystem wird aktiviert – sagt die Entwicklungspsychologie. Ich bekomme es mit der Angst zu tun, sagt das Kind.

Die Suche nach Abkürzungen

Kein Wunder suchen Eltern schon seit alters nach Strategien, wie sie aus dieser Nummer herauskommen oder zumindest nach Abkürzungen. Früher sehr beliebt war das Schreienlassen – die Säuglinge sollten einfach spüren, dass ihr unsichtbares Gummi wirkungslos ist, irgendwann würden sie es gleich gar nicht mehr auspacken. Auch Schnuller mit Mohnsamen wurden probiert, sogar verdünnter Whiskey sollte für Entspannung sorgen. In jüngerer Zeit wurde auch die allmähliche Entwöhnung ausprobiert. Die Eltern sollten ihre Präsenz einfach schrittweise zurückfahren – etwa indem sie ihren Stuhl immer weiter vom Bettchen des Kindes wegrücken… Oder indem sie ihre Zuwendung nach der Uhr immer weiter verknappen…

Gewohnheiten steuern?

Sehr viele Eltern richten ihre Hoffnung heute aber auf eine andere Methode: Die Babys sollen sich gleich gar nicht an die Anwesenheit der Eltern zum Schlafen gewöhnen! Die von Psychologen dazu ausgearbeitete Theorie geht so: Dass Babys nicht ohne elterliche Begleitung schlafen können, sei ein erlerntes Verhalten – die Säuglinge hätten sich einfach an das Programm gewöhnt, das man ihnen von Anfang an zur Verfügung gestellt hat. Das Stillen, bei dem sie immer wieder eingeschlafen sind, oder das Schaukeln am Körper beim Tragen, mit dem sie in den Schlaf gesunken sind, hätte in ihrem Gehirn eine Verbindung geschaffen – eine Assoziation. Das Schlafen ist für das Baby also nun mit genau diesen Erfahrungen verknüpft: Ich wurde beim Einschlafen immer wieder getragen, also gehört Tragen zum Einschlafen dazu. Ich wurde immer wieder gestillt, also gehört das Stillen zum Schlafen dazu. Diese dann als „Einschlaf-Assoziationen“ bezeichneten Verknüpfungen sind, so die Theorie, so wirkmächtig, dass den Kindern das Schlafen ohne diese Zutaten irgendwann gar nicht mehr möglich ist. Das Baby ist dann von diesen Zutaten abhängig. Diese Abhängigkeit sorgt nun dafür, dass die Kleinen auf dieses erlernte Einschlafprogramm beharren und entspechend gegen jede Änderung protestieren.

Folgt man dieser Theorie, so lassen sich daraus zwei Hoffnungen ableiten.

  • Die erste Hoffnung zielt darauf, die „ungünstigen“ Einschlafassoziationen (ungünstig deshalb, weil sie elterliche Präsenz erfordern) zu lösen und durch eine andere, „günstige“ Assoziation zu ersetzen. Auf dieser Hoffnung beruht etwa das hierzulande von Frau Kast-Zahn popularisierte Schlaftraining „Jedes Kind kann schlafen lernen“. Frau Kast-Zahn geht davon aus, dass die Assoziation „elterliche Nähe = Sicherheit“ ausgelöscht werden könne indem die Eltern die kindlichen Forderungen nach Nähe hartnäckig ignorieren. Das Kind baue dann eine neue Schlafassoziation auf, nämlich: zum Schlafen gehört offenbar das Allein-Sein!

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  • Die zweite Hoffnung geht noch weiter. Was, wenn man die „ungünstigen“ Assoziation erst gar nicht aufkommen liesse? Etwa, indem man das Baby schon frühzeitig eben NICHT in den Schlaf stillt, NICHT in den Schlaf trägt, NICHT mit ihm kuschelt? Sondern das Baby alleine in sein Bettchen legt? Dann würden die Babys vielleicht schon bald eine andere Assoziation aufbauen – und zwar die denkbar günstigste. Nämlich wieder: zum Schlaf gehört – das Alleine-Sein!

Tatsächlich haben inzwischen nicht wenige Mütter (oft auf Anraten von Fachkräften, insbesondere bei manchen SchlafberaterInnen stehen die „Einschlafassoziationen“ hoch im Kurs) regelrechte Furcht, ihr Kind in den Schlaf zu stillen. Was, wenn mein Baby jetzt an der Brust einschläft? Das wohlige Saugen zeigt bestimmt schon an, das sich jetzt in dem kleinen Köpfchen eine Verknüpfung bildet: Busen und Einschlafen, das gehört zusammen! Was also, wenn das Baby nachts aufwacht – sei es, weil es hungrig ist oder einfach so – nach was wird es verlangen um wieder in den Schlaf zu finden? Genau. Die Falle der „Einschlafassoziation“ ist zugeschnappt.

Ein Erbe des Behaviorismus

Die Theorie der Einschlafassoziationen ist abgeleitet aus einer bestimmten Denkschule aus dem bunten Fundus der Psychologie – dem Behaviorismus. Diese Theorie, welche die Psychologie des 20. Jahrhunderts über weite Strecken geprägt hat, geht davon aus, dass das menschliche Verhalten vor allem eine Reaktion auf die Umweltbedingungen darstelle. Wir Menschen werteten einfach die Gefühle aus, die unser Verhalten begleiten: positive Gefühle verstärken das jeweilige Verhalten, negative Gefühle dagegen schwächen es ab.

Mit Blick auf die Theorie von den Einschlafassoziationen könnte man also eigentlich von einer positiven Theorie ausgehen. Nach ihr werden Babys ja mit einem schier unbegrenzten Lernvermögen geboren: Man muss die Kleinen nur immer wiederkehrenden Bedingungen aussetzen, und schon richten sie ihr Verhalten danach ein! Umgekehrt kann das so erlernte Verhaltensmuster aber auch wieder „gelöscht“ werden, wenn man nur hartnäckig genug eine praktischere Assoziation an die Stelle der vorigen bringt. Etwa, indem man ein Baby, bevor es die Augen schliesst, von der Brust pflückt und wach in sein Bettchen legt. Stillen und Schlafen also trennt.

Nur: stimmt das auch?

Die Antwort heißt: Jein. Die behavioristische Theorie ist nicht grundsätzlich falsch. Auch Menschen lernen, indem sie die mit ihren Handlungen verbundenen Gefühle auswerten: Gute Gefühle verstärken oder „bahnen“ bestimmte Verhaltensweisen, schlechte Gefühle schwächen sie ab. Wenn es rund ums Zimmeraufräumen immer zu schlechter Stimmung kommt, wird das Zimmeraufräumen bestimmt nicht zur Lieblingsbeschäftigung des Kindes.

Trotzdem (und wie wir noich sehen werden: gerade deshalb) geht die Theorie der „Einschlafassoziationen“ nicht auf. Das hat drei Gründe.

Irrtum 1: Die Bedingungen, unter denen Babys in den Schlaf finden, sind nicht erlernt. Sie sind angeboren.

Tatsächlich kommen Babys nicht als unbeschriebene Blätter auf die Welt, sondern mit klar festgelegten Verhaltensschablonen, die ihr Überleben sichern. Das Bindungsverhalten gehört dazu, auch das auf Sicherheit gepolte Schlafverhalten. Wie wir gesehen haben, führt der Weg in den Schlaf – ob bei jung oder alt – unabänderlich über einen bestimmten körperlichen Zustand: dem der Entspannung. Und dieser Zustand wird vom Säugling über die immer gleichen Erfahrungen erreicht, man könnte sie als „natürliche Einschlafassoziationen“ bezeichnen: Säuglinge entspannen sich, wenn sie sich geborgen fühlen. Sie entspannen sich, wenn sie saugen. Sie entspannen sich, wenn sie geschaukelt werden. Sie entspannen sich, wenn sie Nähe spüren. Haben die Babys diese „Verknüpfungen“ erlernt? Nein, diese Verbindungen bestehen seit die erste Menschenmama ihr Baby durch die Savanne getragen hat.

 

Irrtum 2: Verhalten lässt sich nicht beliebig, sondern nur in einem „vorgesehenen“ Rahmen ändern

Tatsächlich kann die Wissenschaft inzwischen sogar am behavioristischen Modell nachweisen, dass sich Verhaltensprogramme keinesweg willkürlich, sondern immer nur innerhalb von evolutionär vorgesehenen Bahnen ändern lassen. So kann man beispielsweise Ratten in Experimenten zwar schnell beibringen, dass ihnen schon beim Anblick einer Möhre übel wird (man braucht ihnen dazu nur ein paarmal ein Brechmittel zu spritzen, während sie an einer Möhre nibbeln). Die Ratten bilden also rasch eine aversive „Assoziation“ zwischen „Möhre“ und „Fressen“ aus. Aber man kann den Ratten durch keinen Trick der Welt beibringen, dass ihnen etwa beim Anschalten einer Glühbirne oder beim Klingeln einer Glocke übel wird. Eine solche »Zusammenschaltung« ergibt in ihrem natürlichen Umfeld nämlich einfach keinen Sinn. Und das gilt auch für ein Baby, das angeblich durch den Entzug der elterlichen Nähe lernen könne „sich selbst zu trösten“: Ein Menschenbaby, das sich mir nichts dir nichts dazu bringen liesse, wäre ein evolutionärer Totalschaden.

Kurz, auch das Lernen durch Konditionierung (auch assoziatives Lernen genannt) ist keineswegs beliebig. Vielmehr folgt es einem Korridor. Es ist „kanalisiert“, wie Evolutionsbiologen sagen.

Irrtum 3: Lernen geht anders! 

Der wohl interessanteste Irrtum rund um die „Schlaftrainings“ liegt aber noch tiefer. Die Vertreter dieser Methode haben die Verhaltenstheorie der Behavioristen gar nicht richtig verstanden! Denn erinnern wir uns daran, wie das Lernen von Verknüpfungen nach der Konditionierungs-Theorie funktioniert:

  • Ein bestimmtes Verhalten wird verstärkt, wenn es durch positive Erfahrungen „belohnt“ wird (Psychologen nennen das „positive Verstärkung“). Also etwa ein Leckerli, ein Lob, Zuwendung, Anerkennung – etwas also, das gute Gefühle auslöst, von Lust über Freude bis Zufriedenheit. (Außerdem, um die Theorie vollständig widerzugeben, kann Verhalten dadurch verstärkt werden, dass eine negative Erfahrung entfernt wird – also etwa wenn dafür gesorgt wird, dass der Schmerz, Kummer oder die Angst nachlässt. Psychologen nennen das, verwirrenderweise, auch „negative Verstärkung“)
  • Ein bestimmtes Verhalten wird dagegen abgeschwächt, wenn es mit negativen Erfahrungen verbunden ist. Also etwa einem Stromschlag, Strafen, Verachtung, Stress, Entzug von Zuwendung, und so weiter. Die Abschwächung des Verhaltens läuft also über schlechte Gefühle – von Schmerzen über Angst bis Einsamkeit.

Eine überschaubare, plausible Theorie, gepackt in inzwischen gut erforschte Begriffe wie „klassische Konditionierung“ und „operante Konditionierung“. Ja, und diese Art des Lernens spielt tatsächlich bei der Steuerung des Verhaltens bei allen Säugetieren eine Rolle – auch wenn wir heute wissen, dass gerade das menschliche Lernen weit über das assoziative Lernen hinausreicht.

Was lernen Babys bei Schlaftrainings?

Aber zurück zur Einschlafsituation. Kast-Zahn, Ferber und Co. behaupten, Babys würden das Alleine-Schlafen „lernen“, wenn ihnen nur hartnäckig genug die Begleitung in den Schlaf entzogen wird. Ja, mehr noch: die Babys würden sogar lernen, „sich selbst zu trösten“!

Aber, Hand aufs Herz: Wie soll dieses Lernen denn funktionieren?  Welche Gefühle hat denn ein Baby, das nun allein in seinem Bettchen einschlafen soll? Eindeutig: es bekommt es mit Angst und Stress zu tun. Es gerät in Not. Kurz, es fühlt sich schlichtweg schlecht. Das heißt, es macht negative Erfahrungen. Und was bedeutet das für sein Lernen? Genau: das Baby erfährt das: Allein-Einschlafen ist unangenehm.

Wird die neue Situation (hier: allein im Bettchen liegen) also dazu führen, dass das Baby das Allein-Einschlafen leichter erlernt? Laut behavioristischer Theorie heißt die Antwort eindeutig: Nein. Ja, mehr noch, nach dieser Theorie ist das Gegenteil der Fall: die jetzt im Baby tobenden negativen Gefühle sollten wie eine Lernbremse wirken: Alleine Schlafen – nie und nimmer! (Den Grund, warum Babys auch bei dieser Behandlung irgendwann trotzdem einschlafen, werden wir weiter unten kennenlernen).

Sich selber trösten?

Und das gilt auch für die Annahme, dass ein Baby auf diese Art lernt „sich selbst zu trösten“. Wie soll das denn gehen? Das Baby ist in Not und von negativen Gefühlen überflutet. Welche „Verstärkung“ soll ihm jetzt also bei diesem Lernen helfen? Gestresste Kinder lernen nicht, wie die Lerntheoretiker sagen.

Irrtum 4: Das Leben mit dem Baby würde jetzt leichter

Natürlich sind zum Beispiel mit dem Einschlafstillen Nachteile verbunden – etwa, dass weder der Vater noch ein Babysitter den Job so einfach übernehmen können. Jede Familie muss das Gewicht dieser Nachteile selbst bewerten – sollte dabei aber nicht vergessen, was auf der anderen Seite der Waagschale liegt.

Statt des Einschlafstillens landen manche Eltern nämlich bei recht mühsamen Ersatzprogrammen, die auch mit Zeitaufwand – und zudem teilweise mit Stress und Entmutigung verbunden sein können, auf beiden Seiten. Das Fehlen einer entspannten Einschlafsituation kann das Familienleben dann durch die Hintertür auf andere Weise belasten.

Auch zeigt die Erfahrung, dass das Umgewöhnen des Babys oft andere nicht beabsichtigte Wirkungen hat, etwa auf das Stillen: Durch das Weglassen des Einschlafstillens lässt oft die Milchbildung nach, das Stillen wird erschwert, oft ist die Umgewöhnung deshalb auch das Präludium zum Abstillen. Auch kann es zu mehr und längeren nächtlichen Schreiphasen kommen, weil jetzt nachts eine eingespielte, rasch wirkende Beruhigungsmöglichkeit fehlt, von einer ohne großen Aufwand verfügbaren Nahrung ganz zu schweigen.

Kurz, es gilt immer auch einen Blick auf das Kleingedruckte zu werfen.

Eltern haben viele Möglichkeiten

Im Lauf der Entwicklung eines Säuglings stehen Eltern immer wieder vor der Frage: Wie soll es jetzt weiter gehen? Eine der Möglichkeiten, die ich an erster Stelle nennen will, ist eigentlich eine banale, aber wichtige Frage: Muss ich eine bestimmte Situation oder Gewohnheit überhaupt ändern? Denn der Wunsch nach einer Änderung speist sich manchmal aus Missverständnissen. Oder aus Angst.

Der Angst etwa, mit dem Einschlafstillen eine Abhängigkeit zu schaffen, die sich nachher nicht mehr (oder nur noch schwer) lösen liesse. Davon haben wir geredet: die Abhängigkeit des Babys von seiner Bindungsperson gehört zum Entwicklungplan des Menschenkindes, sie wird nicht geschaffen. Und die „Abhängigkeit“ eines Säuglings von der Brust? Die sollte keine Angst mache, denn die ist änderbar, das Abstillen ist ja eine schon immer für Menschenkinder vorgesehene „Gewohnheitsänderung“ – wenn die Zeit für die Mutter gekommen ist.

Oft plagt Eltern auch die Angst, das eigene Kind würde nur selbstständig, wenn es den Weg in den Schlaf ohne Hilfe schafft. Hierzu will ich an dieser Stelle nur das sagen: Wenn das so wäre, dann hätten unsere Vorfahren in der Menschheitsgeschichte ein echtes Problem gehabt. Körperlicher Schutz und Nähe zu kleinen Kindern war ja über die weitesten Strecken der Menschheitsgeschichte unverhandelbar. Selbstständigkeit entsteht nicht durch den Entzug von Nähe, sie entsteht von innen, Marke Eigenbau: die Erfahrung von Sicherheit macht dem Kind Mut, die Welt zu entdecken (siehe dazu meinen Artikel zu dem Thema ).

Auch praktische Sorgen schwingen oft mit: Was, wenn mein Kind in die Krippe kommt? Dort kann es ja auch nicht einschlafgestillt werden. Oder wenn mein Mann oder Partner unser Kind in den Schlaf bringt? Hier kann ich nur das sagen: Schon Säuglinge haben eine getrennte soziale Buchführung. Sie geniessen das Einschlafen an der Brust bei der Mutter, in der Krippe finden sie einen anderen Weg (und sowohl die Mutter als auch das Kind sind dann möglicherweise froh, dass sie nach wie vor eine Stillbeziehung außerhalb der Krippezeiten haben können). Und ja, es kann sein, dass ein Baby, das gewohnt ist mit der Mutter einzuschlafen, sich bei Papa schwerer tut. Aber wenn es eine entwickelte Vertrauensbasis mit Papa hat, wird es auch bei ihm einschlafen, wenn auch vielleicht nicht so einfach, und vielleicht gibt es auch Tränen. Aber von einem vertrauten Menschen begleitete Tränen dürfen sein, sie fügen einem Kind keinen Schaden zu. Auch hier lohnt der Blick auf das „Gesamtpaket“.

Und bei diesem – angstfreien – Blick entdecken manche Mütter vielleicht sogar die positiven Aspekte des Einschlafstillens wieder, von ihnen war die Rede. Verglichen mit dem Kampf ums „endlich schlafen“ kann das Einschlafstillen nämlich durchaus eine Erholungszeit sein.

Einschlafgewohnheiten klug verändern

Betrachten wir noch einmal das auf Sicherheit gerichtete „Schlafprogramm“ des Säuglings. Kann man einem solchen Baby neue Gewöhnungen aufspielen? Das Einschlafstillen etwa durch eine andere Gewohnheit ersetzen oder ergänzen?

Aber natürlich doch! Am billigsten kommen Eltern dabei durch Abkürzungen weg, vielleicht werden sie deshalb so oft empfohlen. In den ersten Monaten kann das Schaukeln am Körper auch mal ein Motor übernehmen, etwa der einer Federwiege. Hier und da kann ein Schnuller für Ruhe sorgen. Man munkelt sogar von Babys, die sich mit einem getragenen T-Shirt der Mutter zufrieden geben (ich persönlich habe noch keines getroffen, und ich frage mich auch, wie lange Babys in der Vergangenheit überlebt hätten, die sich von solchen billigen Tricks beeindrucken liessen). Solange die Säuglinge in ihrem Wohlfühlbereich bleiben (also die Täuschung nicht bemerken und deshalb keinen Grund sehen, ihr Bindungssystem zu aktivieren und in Stress zu geraten…) sind solche Schliche oder technischen Abkürzungen für die Babys unproblematisch – wobei man dazusagen muss, dass diese Tricks allesamt bei Säuglingen mit einem eher ausgeglichenen Temperament leichter klappen als bei „reaktiven“ Säuglingen, also Geschöpfen mit eher stramm aufgezogenen Saiten. Nur: mit diesen Tricks verschaffen sich Eltern allenfalls Etappensiege. Denn die angebotenen Attrappen löschen ja das Bindungsbedürfnis des Säuglings nicht aus – und sie haben ein recht kurzes Verfallsdatum. Und wo suchen die Kleinen dann wieder ihren Schutz, Trost und Entspannung? Genau – beim Originalprodukt, dem vertrauten Erwachsenen.

Im „Rahmen“ bleiben

Gewohnheiten können lästig werden. Das In-den-Schlaf-Tragen etwa wird mit den vom Baby angefutterten Pfunden immer beschwerlicher. Auch das Hopsen auf dem Pezzi-Ball hat ein Verfallsdatum. Und für die Federwiege werden die Kleinen irgendwann zu groß. Und irgendwann wird einer Mutter auch das Stillen aufgeben wollen. Dann muss nach neuen Wegen in den Schlaf gesucht werden.

Die gute Nachricht ist: Auch der Austausch von Gewohnheiten kann funktionieren – wenn man dabei nicht über die Möglichkeiten des Säuglings hinausschiesst. Also, wenn man dabei das Sicherheitsbedürfnis des Kindes respektiert. Denn, um beim Beispiel des Einschlafstillens zu bleiben: Einem Baby die Brust entziehen, das ist das eine. Aber sobald man einem Baby dann auch den Menschen entzieht, an dem die Brust hängt, wird es für den Säugling schwierig. Denn mit dieser Person verbunden ist ja das für den Säugling Entscheidende: das Gefühl der Sicherheit, die Möglichkeit getröstet zu werden und Entspannung zu finden.

Wie gut und für das Kind zuträglich die Umgewöhnung klappt, hängt deshalb davon ab, welchen „Ersatz“ man dem Säugling anbietet. Anders ausgedrückt: Man darf sich bei der Umgewöhnung nicht in der Schublade vergreifen, wenn man neue Gewohnheiten einführen will. Man darf also nicht meinen, man könne eine „Sicherheits-Gewohnheit“ durch eine „Unsicherheits-Gewohnheit“ ersetzen. Das Kuscheln etwa durch Alleinsein. Das Tragen durch ein aufgezogenes Mobile. Die eigene Präsenz durch die Präsenz eines Teddybären.

Wenn man dagegen im Sicherheitsrahmen des Babys bleibt, wird die Umgewöhnung funktionieren – wenn auch nicht sofort und auch nicht immer ohne Tränen. Das Einschlafstillen etwa kann durch Kuscheln ersetzt werden (vielleicht am Anfang mit einem Fläschchen oder Schnuller mit dabei). Oder durch Tragen. Das Tragen durch Kuscheln. Das Hoppeln auf dem Pezziball durch das gemeinsame Liegen im Bett.

Dieser Austausch von Gewohnheiten innerhalb des „Sicherheitsbereichs“ des Säuglings beinhaltet machbare Veränderungen, weil sie seine Bedürfnisse nicht in Frage stellen. Dass sie immer leicht austauschbar sind, will ich damit nicht sagen, schliesslich müssen dabei neue Wege zur Entspannung gefunden werden, und das braucht Zeit. Wer schon einmal versucht hat, ein ans Tragen gewohntes Kind einfach zu sich ins Bett zu legen, wird mir zustimmen. Tatsächlich kommen da manchmal auch Tränen mit ins Spiel. Und die dürfen auch sein. Auch Babys dürfen traurig solange sie ihre grundlegende Sicherheit nicht verlieren.

Und was ist dann mit den „Ritualen“?

Oft hört man von der Hoffnung, man könnte Säuglinge schon frühzeitig an „Rituale“ gewöhnen – indem man vor dem Einschlafen möglichst immer das gleiche Programm mit ihnen macht. Irgendwann, so die Sage, gewöhnt sich das Baby dann so sehr an das Ritual , dass es schon durch das Abspulen des Programms sozusagen schlafsüchtig wird und nach Verklingen der letzten Takte der Spieluhr sofort einschläft. Oder es sogar schafft, das „Ritual“ gleich ganz ohne Begleitung zu geniessen.

Das ist möglich, aber auch hier darf man sich nicht in der Schublade vergreifen, und auch nicht im Zeithorizont: Säuglinge schöpfen ihre Sicherheit zunächst einmal aus der Begleitung durch ihre vertrauten Erwachsenen, nicht aus „Ritualen“. Und Rituale bekommen ihre Wirkung auch nicht durch die immer gleichen Abläufe – was den Magnet auflädt sind die Gefühle, die das Kind dabei abspeichert, also: die gelungene Routine. Das Kind baut dann allmählich ein Gefühl von „Schlafheimat“ auf: das Einschlafen ist etwas Schönes, da werde ich behütet, ich bin sicher. Irgendwann überträgt sich diese Sicherheit dann auf das Kind. Im Tempo des Kindes, das gehört dazu. Kurz, Rituale können nur im Windschatten der echten Beziehungen aufgebaut werden, nicht ohne sie. Irgendwann können sie dann alleine stehen. Und dann werden die Kleinen auch alleine über die Brücke in den Schlaf gehen können. Irgendwann.

 

Sicherheit kann nicht erzwungen werden

Fakt ist: Wenn man Kindern einen entspannten Weg in den Schlaf verwehrt, schlafen sie trotzdem irgendwann ein. Sie protestieren zwar einige Tage dagegen, schlafen dabei manchmal auch beim Weinen ein, aber irgendwann schlafen sie tatsächlich auch ohne Begleitung ein. Dann werden verlockende Behauptungen gemacht, wie etwa, das Kind habe jetzt gelernt „sich selbst zu trösten“. Nur, das stimmt nicht. Die Kinder wurden in Wirklichkeit schlicht und einfach in den Schlaf gezwungen.

Warum die Babys trotzdem irgendwann Ruhe geben, hat einen anderen Grund. Sie machen das, was alle Säugetiere tun, wenn sie in einer ausweglosen Situation feststecken – sie werden stumm. Sie verfallen in das, was Biologen als Schutzstarre bezeichnen: Wer weder durch Kämpfen noch durch Fliehen entkommen kann, tut gut daran Energie zu sparen. Wer sich sicher ist, dass die Hilfe nach der er ruft, nicht kommen wird, sollte nicht auch noch die Raubtiere auf sich aufmerksam machen. Nur: Das Kind wird nicht ruhig, weil es Trost gefunden hat (welchen denn auch?), es hat schlichtweg resigniert.

Tatsächlich, das sollte dieser Artikel zeigen, gibt es zwei Wege in den Schlaf:

  • der eine Weg folgt den evolutionären Erwartungen des Kindes. Das ist kein genau fest geschriebener Weg, der etwa nur durch Einschlafstillen klappen kann. Aber es ist auch kein beliebiger Weg. Flexibilität ist möglich – solange man eine Form der Entspannung (etwa das Stillen) durch eine andere Möglichkeit zur Entspannung ersetzt (ob Milchflasche, Schnuller, Tragen, Streicheln, Trösten – wobei die allermeisten Babys zunächst die Präsenz einer vertrauten Bindungsperson brauchen). Nach und nach kann das Kind dann in diesem Rahmen so viel gute Erfahrungen machen und dadurch innere Sicherheit aufbauen („Schlafheimat“), dass es die Brücke in den Schlaf auch alleine schafft. Kurz, bei diesem Weg schaffen die Kinder den Übergang zum selbstständigen Schlafen im Rahmen einer sichernden Beziehungsgeschichte.
  • der zweite Weg setzt auf einen anderen Weg in den Schlaf als den evolutionär vorgesehenen. Das Kind schläft ohne Entspannung seines Bindungssystems ein. Es schläft, weil es durch die Ergebnislosigkeit seines Protests gelernt hat, dass das der einzige Weg ist. Dieser Weg braucht entsprechende Hartnäckigkeit, strikte emotionale Distanzierung der Bindungspersonen, und ist mit einer entsprechenden Verunsicherung des Kindes verbunden.

 

[Eine verkürzte Fassung dieses Artikels erschien in: Deutsche Hebammen Zeitschrift 10/2020]

Dieser Beitrag beruht auf dem Buch des Kinderarztes und Wissenschaftlers Dr. Herbert Renz-Polster: „Schlaf gut, Baby! Der sanfte Weg zu ruhigen Nächten" (zusammen mit Nora Imlau). Es stellt dar, wie Eltern ihre kleinen Kinder (von 0 bis 6 Jahren) bei dem Dauerthema Schlaf unterstützen und begleiten können, ohne dass daraus Kampf und Krampf entstehen.
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20 Kommentare

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  • Ramona

    Super Artikel. Hoffentlich hilft er vielen Babys und Müttern sich von dem Druck von außen zu lösen 🧡🙏

  • Sabine

    Sehr schöner Beitrag…. Ich verstehe jetzt viel besser und fühle mich viel weniger unter Druck. VIELEN DANK! ❤️

  • Stephanie

    Danke für diesen Artikel! Auch wenn es sich richtig anfühlt – es tut gut die Bestätigung dafür zu bekommen! Auch, um sich den häufig veralteten Ansichten widersetzen zu können, die einem doch erschreckend oft begegnen.

  • GP

    Märchenbücher müssen umgeschrieben werden weil sie so grausam sind, aber Babys werden sich selbst überlassen. Seltsame Zeiten! Eltern und werdende Eltern sollten sich auch darüber bewusst sein, dass das Sicherheitsbedürfnis nicht im Kleinkindalter aufhört. Besser schöne Zu-Bett-Geh-Rituale leben und dabei die Zeit mit den Kleinen genießen, als verbissen auf die abendliche Eltern-Freizeit beharren.

  • Luise ~ Praxis für Kontakt & Verbindung

    Warum ist es denn als Eltern so schwierig das Kind im Einschlafen zu begleiten (und das über Jahre)?
    Meine persönlichen Erfahrungen sind die:
    – die massiven Anforderungen & Doppelbelastungen an uns Eltern, die uns kaum noch Freiräume lassen: für unseren Lebensunterhalt und gleichzeitig für Kinder zu sorgen statt in Gemeinschaft getragen zu sein & als Mutter/Eltern die volle Unterstützung bei der Begleitung von Kindern zu erhalten und die Sicherheit des Versorgtseins zu haben.
    – ich hatte ja keine Ahnung was da mit meinem Kinderwunsch auf mich zu kommt – einerseits wie viel Nähe & Bindung Kinder tatsächlich für ein gesundes Aufwachsen benötigen noch wie wenig ich davon selbst erhalten haben muss in meiner Kindheit – Thema Bindungstrauma – eine Beeinträchtigung, die mich leider häufiger davon abhält tatsächlich zu leben, was ich mir für meinen Sohn & mich wünsche.
    > ich habe lange nicht gewusst, dass wenn ich mich selbst nicht beruhigen kann und ich selbst weder gut ein- noch durchschlafen kann, dass ich dann von meinem Kind keinen ruhigen Nachtschlaf erwarten kann. Mein Sohn ist nicht unabhängig von mir und er kann sich nicht ohne mich beruhigen. Im Gegenteil, wenn ich innerlich unruhig oder alarmiert bin, dann wird es ihn „anstecken“. Wieviele Nächte wir hintereinander bestimmt 10x wach waren und ich ihn immer wieder einschlafgestillt habe, geglaubt habe es lege an ihm, dass er immer wieder wach wurde, anstatt mal auf mich zu schauen. Zu erkennen, dass ICH unruhig war. Das wir vermutlich beide besser geschlafen hätten, wenn ich vorher von den „6 heilenden Lauten“ aus dem Tao Yoga gewusst hätte. Denn als ich nach 2,5 Jahren dieses Schlafentzugs erstmals durchgeschlafen habe nachdem ich die Übungen gemacht hatte, war es mir schlagartig klar. Die Situation mit meinem Sohn hat in mir einen Trigger ausgelöst „nicht weg zu können“ obwohl es etwas in mir bereits viel zu viel war mein Kind immer wieder einschlafbegleiten zu „müssen“. Dieses Setting „ich müsse für mein Kind da sein, kann nicht weg, denn dann schreit es und gerät in Bindungsnot“ wollte ich unbedingt vermeiden und habe mich dadurch sozusagen „selbst gefangen genommen“, was meinen Körper in starke Unruhe versetzt hat (mein Körper wollte fliehen und etwas in mir hat ihn aber abgehalten, das ist auf Körperebene wie Gaspedal & Bremse gleichzeitig durchdrücken, was sich dann wie Unruhe im Körper anfühlt). Ich vermute, dass ich das für meinen Sohn vermeiden wollte, weil ich als Kind die Erfahrung gemacht habe, allein im Babybett gelassen worden zu sein und die ganze angestaute Ladung der Hilflosigkeit, des ausgeliefert Seins, der Bedürftigkeit und des in Kontakt / in körperliche Nähe „flüchten“ Wollens (raus aus der Not, hin zur wärmenden Mama-Nähe) in mir angegangen ist. All das habe ich auf meinem Weg der Traumaheilung erkannt und bearbeite es stetig, denn da scheinen einige Bedürfnisse ungenährt geblieben zu sein. Gut, dass es stimmt, dass wir Nachlernen und Nachnähren können, was wir damals nicht erhalten haben 🙂

    Was mir fehlt in dem Artikel:
    ~ Was kann ich tatsächlich Wirkungsvolles tun (besonders für mich als Mama/Eltern, anstatt unmögliches von meinem Kind zu verlangen)?
    Ich habe viel zu spät das Thema Co-Regulation & Selbstregulation entdeckt – d.h. Praktische Tipps sich als Eltern selbst zu beruhigen und durch diese Selbstregulation das Kind automatisch mit zu regulieren.
    Mir hilft es zum Beispiel meinen Atem zu regulieren indem ich doppelt so lange ausatme wie einatme. Das aktiviert den Parasympathikus (den Teil in uns, der für Entspannung im Körper sorgt.) Oder ich mache vor oder während des Einschlafens meines Sohnes die „6 heilenden Laute“ aus dem Tao Yoga. Diese Übung ist so beruhigend, der absolute Wahnsinn unglaublich effektiv und heilsam. Meine gereizten Stimmungen und festhängende Emotionen und Gefühle wie Ärger, Wut, Traurigkeit, Verzweiflung und Ängste lösen sich auf. Wie gesagt habe ich diese Übung erst vor kurzem entdeckt, sodass mein Sohn inzwischen schon 3 Jahre alt und kein Säugling mehr ist – daher kann ich mich für die 2. Übung ans gemeinsame Bett setzen ohne direkten Körperkontakt haben zu müssen und es beruhigt ihn bereits meist so schnell, dass er innerhalb der ersten 2 Laute schon seelig schlummert. Vom Hinlegen bis einschlafen sind es in den letzten Wochen meist 3 bis 10 min gewesen – vor einigen Monaten noch undenkbar (da hüpfte & sprang mei Sohn noch völlig aufgedreht umher, inzwischen weiß ich dass ich mich in solchen Momenten nur noch selbst regulieren brauche und er fährt automatisch mit runter, juchhuh!) . Mich auf den Atem zu konzentrieren hatte ich bereits intuitiv im Säuglingsalter gemacht.
    Was mir dann allerdings häufig passiert ist, dass ich mich so sehr beruhige & herunterfahre, dass ich mit einschlafe. Dazu habe ich inzwischen eine viel entspanntere Einstellung als noch Anfangs als ich dann genervt war, dass ich ja keine Zeit für mich habe. Schlaf ist allerdings für mich das höchste Gut inzwischen, sodass ich mich dem selbstfürsorglich hingeben kann 🙂

    Inzwischen kenne ich mich mit Bindungstrauma, Entwicklungstrauma, dem Autonomen Nervensystem, Selbst- und Co-Regulation sehr gut aus. Was mir daher im Artikel noch zu kurz kommt, sind die Möglichkeiten zur (eigenen) Traumaheilung (hier nur kurz die besonders effektiven Methoden: TRE, EMDR, Somatic Experiencing) und die verheerenden Auswirkungen, die es haben kann, wenn dem Kind eine bindungsorientierte Einschlafbegleitung fehlt & es in den „Shut down“ die Starre kommt. Wir alle tragen die mit einer derartigen Ladung verbundenen Erfahrungen weiterhin in unserem Körpergedächtnis so lange, bis sich der Körper sicher fühlt, sich zu entladen. Umso zeitnaher das am Geschehen liegt, desto besser. Ich merke ja selbst, wie lange mein Körper bestimmte Erfahrungen mit sich getragen hat und weiterhin in sich trägt und dadurch in eine massive Dysregulation kommen und sogar darin verbleiben kann. Diese Trauma-Folgen (wenn der Körper eine Kampf-, Flucht- oder Nähebewegung nicht zuende führen konnte) können also bis ins Erwachsenenalter reichen, was ich bei den Menschen unserer Praxis sehe. Diese können sich als Erwachsene noch nicht selbst regulieren und müssen diese Erfahrung erst mühsam nachholen, leiden meist unter massiven Einschlafproblemen, Angst und Panikattacken, Angst vor Bindung und körperlicher Nähe sowie mannigfaltigen körperlichen Symptomen, da viele dadurch von ihrem eigenen Körperempfindungen abgetrennt wurden. Die Verharmlosung der Ursachen (nämlich fehlende Nähe, feinfühlige Zuwendung und Bindung in der kindlichen Entwicklungsphase) halte ich gesellschaftlich für eine der größten blinden Flecken und es wird Zeit, dass wir da gemeinsam hinschauen. Danke daher Herr Renz-Polster für Ihre unermüdlichen Aufklärungsartikel, Bücher, etc.! Beste Grüße, Luise

    • Ingrid Llbner

      Lieber Herbert, einfach nur bestens! Danke danke für diese anschauliche, ausführliche Erklärung!!! Vor allem auch, dass Rituale nicht die Bindung ersetzen. Wie oft höre ich, dass das Baby schon beim Ritual weint, die Eltern sich nur wundern, weil ihnen das Ritual doch als so wichtig und hilfreich empfohlen wurde, aber das Baby eben genau weiß: mit dem Ritual kündigt sich das Weggehen der Eltern an! Man kann den Eltern damit immer nur wieder sagen:Auch kleinste Kinder sind gar nie dumm! Ganz praktisch hilfreich wäre noch, dass Eltern sich endlich von der Idee verabschieden, ein Baby brauche ein Kinderzimmer. Wozu denn? Es hilft kleinen Kindern und ihren Eltern in jeder Hinsicht, diese extra Zimmer für kleine Menschen aufzugeben. Dort mag das Kind allein nicht schlafen, (ebenso wenig mag es dort einsam spielen-wie alle erleben können) Am besten, man richtet eine Ecke (gerne auf dem Sofa, auf alle Fälle nah genug) im Wohnzimmer ein, wo das Baby oder kleinere Kind schläft (weiterschläft nach dem Stillen), dabei immer weiter seine Eltern hört und riecht. Die Eltern haben einen schönen Abend, das Kind kann getrost schlafen. In Deinen Erklärungen und Beschreibungen, Herbert, nenne ich das das „Lagerfeuerprinzip“ – die Eltern sind da, haben es gemütlich, die Kinder schlafen in unmittelbarer Nähe. Man kann Fernseher sehr leise stellen und durch jeden Stuhl mit Tuch drüber eine Sichtbarriere vors Kind machen, sollte man Fernsehen.wollen). Auf alle Fälle ist ein Kind dann sicher und geborgen, schläft meist tief, und die ewige Rennerei ins andere Zimmer (noch dazu in oberer Etage, also schön einsam, viel zu weit weg fürs Kind!) hört auf. Alle haben einen ruhigen Abend, das Kind schläft tiefer, weil geborgen, die Eltern machen alles in der Nähe, was sie abends noch machen wollen- und allen geht es entspannt gut. Später trägt man das Kind in das Bett, wo man nebeneinander weiter schläft. Ich sage inzwischen oft lachend zu Eltern: Das Kinderzimmer ist wahrscheinlich eine Erfindung der Möbelindustrie-jüngere Kinder brauchen es gar nicht! Durch das Zusammensein -Dürfen beim Schlafen (und ja auch beim Spielen, da sind Kleine auch viel lieber da, wo das Leben der Familie spielt) ist der Stress bald weg. Schlafen bedeutet dann, da bleiben dürfen, wo die anderen sind- und Kinder schlafen tiefer, auch wenn man dann sie neben sich legt,nach dem Stillen, oder eben aufsteht, um noch dies und das im Raum und gut in der Nähe des Kindes zu machen. Ich wünsche allen Eltern mit dem „Lagerfeuerprinzip“ gemütliche wunderbare Stunden und den Kindern tiefen Schlaf. Danke, Herbert für Deine super anschauliche Erklärung! Ingrid Llbner, Schlafberatung in Tübingen

    • Verena

      Hallo Luise darf ich fragen wo deine Praxis ist und wie sie heißt?Liebe Grüße Verena

  • Mama Wolf

    Vielen Dank für die aufklärenden Worte! Ich werde den Artikel gleich meiner Schwester weiterleiten, die meinte, dann musst du sie halt mal schreien lassen, als ich erzählte, dass ich bald nicht mehr liegen kann, da mein sehr forderndes Baby sofort reagiert, sobald es mich nicht mehr spürt. Nachts auf Toilette gehen wir in der Regel zu zweit oder sie weint sobald sie merkt ich bin nicht mehr da…selbst wenn Papa daneben liegt…meine Nichte und Neffe tun mir einfach nur leid….ich bleibe bei unserem Rudelschlaf und dem einschlafstillen, bis es das Kind nicht mehr fordert.

    • Maja

      Liebe Mama Wolf,
      nachts habe ich das zwar nicht, aber tagsüber liege ich bei jedem Schläfchen neben meinem mittlerweile fast fünfmonatigem Baby. Sobald ich aufstehe, wird der Kleine fast direkt wach. Manchmal ärgere ich mich. Aber andererseits komme auch ich so zum Ausruhen.
      Wie auch du, möchte ich auch, dass die Bedürfnisse meines Kindes gehört und beachtet werden. Hierfür bekomme ich auch Unverständnis. „Das Baby muss dich auch mal schreien. Du kommst ja dann zu nichts, wenn du es immer beachtest.“ Also erstens möchte ich auch, dass mein Ehemann als Mensch, den ich sehr liebe, mir Liebe und Nähe schenkt. Ebenso wie das Baby es von uns möchte. Also nein, es braucht nicht zu schreien und weinen. Und zweitens, zu was soll ich denn kommen? Haushalt? Wenn meine Wahl zwischen Kuscheln und Aufräumen/Abwaschen liegt, dann ist die Entscheidung wirklich leicht zu treffen.
      Liebe Grüße

  • Niels

    Wieder mal ein wunderschöner Beitrag. Ich bin oft sehr gerührt von ihren Texten.

  • Laura

    Sehr geehrter Herr Renz-Polster,
    danke für Ihre tollen Artikel. Durch die wissenschaftliche Untermauerung schaffen Sie viele Mythen aus der Welt. Schade, dass ich das alles nicht schon in der Schwangerschaft gewusst habe – es hätte mir viel Stress in der Säuglingszeit erspart.
    Dieser Artikel zum Thema Schlaf ist wirklich gut gelungen und auch für Mütter unter Schlafentzug (zu denen ich leider auch schon gezählt habe) vom Umfang gut zu lesen.
    Da sie alles auf das Einschlafstillen beziehen, hätte ich mir noch eine Differenzierung bezüglich des Alters der Säuglinge gewünscht. Es macht meines Erachtens einen großen Unterschied, ob das Kind 2 Wochen, 3 Monate, 9 Monate oder 3 Jahre alt ist. Mich würde da auch interessieren, ob bei 2 oder 3 Jahre alten Kindern denn das Einschlafstillen immer noch in die Kategorie „Sicherheit und Entspannung“ gehört? Ich habe meine Kinder 15 und 21 Monate lang gestillt und hatte den Eindruck, dass der Charakter des Einschlafstillens irgendwann nach dem ersten Geburtstag von „Entspannung“ auf „Gewohnheit“ umgeschlagen ist. Das war dann auch zur selben Zeit, als das abendliche Stillen nicht mehr zur Nahrungsaufnahme, sondern zur Beruhigung genutzt wurde und die Kinder widersprüchlicher Weise trotz Stillen so unruhig waren, dass sie eben nicht mehr in kürzester Zeit eingeschlafen sind.
    Hierzu würde mich Ihre fachliche Meinung wirklich interessieren. Wo sehen Sie beim Thema „Einschlafstillen“ Unterschiede bezüglich des Alters der Kinder?
    Herzliche Grüße,
    Laura

    • Michaela

      Hallo Laura,
      Ich habe ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Eigentlich wollte ich maximal 4 Monate lang stillen, als ich dann aber erkannt habe wie einfach und wunderschön man damit zu ruhigen Nächten kommen kann wurden es am Ende 26 Monate…
      Irgendwann um die 24 Monate herum aber fing die Wunderwaffe Brust an stumpf zu werden der Junior stillte immer noch gerne, schlief aber nicht mehr ein dabei… Interessanterweise fing er aber genau in diesem Zeitraum an komplett 10-11 Std. durch zu schlafen. Und kurze Zeit später war dann der Punkt erreicht an dem wir das Stillen ganz beendet haben. Jetzt braucht er nur noch meine Nähe zum einschlafen – bin gespannt, wann er dann ins eigene Bett umziehen möchte.
      Wenn man die Evolutionstheorie zu Ende denkt muss das ja auch irgendwann von alleine kommen – ich habe jedenfalls noch keinen Teenager getroffen, der bei seiner Mama im Bett schlafen will. Und auch die Urmenschen wollten sich sicher nicht den/die neue/n Partner/in mit den Eltern teilen 😉

  • Anna

    Sehr geehrter Herr Renz-Polster, vielen Dank für diesen Beitrag! Er bestätigt wunderbar meine Erfahrungen.
    Seit unsere Tochter 3 Monate alt war, schläft sie bei uns im Bett (davor z.T. daneben im Beistellbett) und am liebsten, sie können es sich denken, an der Brust ein.
    Seit sie 12 Monate alt war, noch mehr als sie in die Kita kam, lagen mir alle in den Ohren, ich solle doch endlich abstillen. Da sie aber schon immer sehr kuschelig war und immer von alleine ankam und „ran wollte“, stille ich sie, wenn sie will, noch heute (sie ist 22 Monate alt).
    Während meine Bekannte von abendlichen stundenlangen Zubettgehkämpfen erzählt, nachdem ein tränenreicher Abstillprozess stattgefunden hatte, lege ich mich immernoch mit unserer Tochter zum Kuscheln hin und sie schläft, mal schneller mal weniger schnell und entspannt, ein. Ja, sie wacht nachts öfter mal auf, aber dann auch wieder schnell ein. Auch mit Papa schläft sie ein. Und das Schlafen in der Kita war von Anfang an problemlos (Ich war fast neidisch).
    Das Kinderbett stand immer neben meinem Bett, manchmal ist sie reingekrabbelt, hat es sich dort gemütlich gemacht, kam zum einschlafen aber immer wieder raus in unser Bett. Heute, ein schöner Zufall, ist sie das erste Mal (nach ausgiebiger Kuscheleinheit inkl Stillen) reingekrabbelt und in ihrem eigenen Bett eingeschlafen, mit Singen und Rückenstreicheln, ganz ohne Tränen, weil sie es so wollte und bereit dafür war, fest entschlossen das zu schaffen, das konnte ich richtig spüren. Wir freuen uns sehr für sie und ihren Erfolg, das Mamaherz voller Stolz. Wir sind sehr gespannt, wie es weitergeht! Und wenn sie sich morgen wieder wie ein Seestern in unserem Bett breit macht, ist das auch OK. 😉

  • Caroline Keeling

    Ich möchte zu dem Thema gerne einen kleinen Erfahrungsbericht hier lassen:

    Dieses Jahr im Mai musste unser älterer Sohn (damals beinahe 3 Jahre alt) wegen einer sehr schweren Erkrankung ganz unvorhergesehen operiert und 5 Wochen stationär aufgenommen werden. Unser jüngerer Sohn war gerade 7 Monate alt, nahm schon Beikost, wurde aber noch überwiegend gestillt, und einschlafgestillt. Da ich als Mutter mit meinem älteren Sohn für 3 Tage in die Notaufnahme und danach direkt auf die Intensivstation „verschwand“ musste mein jüngerer Sohn von einem Moment auf den anderen auf Fläschen umgestellt werden und nachts mit dem busenlosen Papa vorlieb nehmen. Mein Mann schlief mit ihm in unserem Familienbett mit engem Körperkontakt.
    Wir waren überrascht, wie gut unser Sohn diese einschneidende Änderung hinnahm. Er liess sich von meinem Mann zwar anfangs mit kurzem „Beschwerdequaken“ , aber ohne dramatisches Weinen in den Schlaf (und in der Nacht auch wieder zurück in den Schlaf) kuscheln.
    Drei Tage nach der plötzlichen stationären Aufnahme unseres Sohnes fingen wir an uns alle 24h abzuwechseln : je ein Elternteil war immer im Krankenhaus mit dem älteren, der andere Zuhause mit unserem jüngeren Sohn. Jeden Tag fuhren wir zwischen Krankehaus und Zuhause hin und her. Mein jüngerer Sohn hatte also alternierend eine Nacht den Papa ohne Einschlafstillen (und überhaupt ohne nächtliches Stillen) und eine Nacht die Mama. Und er schien sich flexibel darauf einzustellen. Wenn mein Mann die Nacht mit ihm verbrachte, schlief er meistens durch und schlief ohne Tränen ein. Bei mir wurde er weiterhin in den Schlaf gestillt und suchte auch Nachts die Brust.

    Ich war er sehr erstaunt, wie flexibel er mit der Situation umgehen konnte und ich bin froh, dass wir das Konzept des Familienbettes angewendet haben und so gut informiert waren, dass wir keine Angst hatten vor dem gemeinsamen Schlaf in einem Bett (und das Dank der Lektüre Ihres Buches „Kinder verstehen“, Herr Renz-Polster :-).

  • SR

    Vielen Dank für den schönen Artikel und die Erfahrungsberichte in den Kommentaren.
    Ein Punkt, den ich noch wichtig finde zu ergänzen ist, dass die Langzeitfolgen auf die gesamte Eltern-Kind-Beziehung abstrahlen. Ich wünsche mir, dass sich meine Kinder auch noch für mich interessieren, wenn sie mich nicht mehr brauchen. Da ist es doch das mindeste, dass ich mich kümmere, wenn sie mich brauchen. Natürlich muss man nicht 24h genau das tun, was das Baby gerade will, aber jedes Umsorgen über das Lebensnotwendige hinaus macht für die Seele des Kindes einen großen Unterschied.

    Wer alte gebrechliche Menschen kennt, weiß vielleicht, dass es viele Jahre dauern kann… Sollte ich mal in so eine pflegebürftige Situation kommen, wünsche ich mir doch auch liebevolle Umsorgung, auch wenn es nicht überlebenswichtig ist.
    Was ist es da im Vergleich, wenn man 2 bis 4 Jahre seine Nächte mit dem Kind geteilt hat?! Es ist süß, riecht gut und bringt einem so viel Freude.
    Ich schätze, dass ich im Alter nichts von dem von mir behaupten kann…

  • Ein Papa

    Lieber Herr Renz-Polster,
    so sehr ich Ihre fachliche Kompetenz in vielen Punkten schätze, wenn Sie über das Thema Einschlafstillen berichten, wachsen in mir innerlich einige Widerstände. Ich möchte Ihnen kurz schildern, wieso:
    Das Einschlafstillen als praktische Methode und angenehme Zeit für die Mutter zu bezeichnen, mag bei manchen Familien zutreffen, verklärt aber in meinen Augen auch vieles. Aus Sicht des Kindes, mag das auf den ersten Blick der Fall sein. Bei genauerem Hinsehen kenne ich aber viele Familien, und uns selber rechne ich da dazu (auch wenn diese Zeit mittlerweile zum Glück hinter uns liegt), die sehr darunter leiden oder litten: Gerade im Alter um die 6 Monate und später, scheint es viele Kinder zu geben, die wirklich extrem häufig wach werden (d.h. bis zu stündlich!) und von der Mutter gestillt werden. Das führt dann immer wieder dazu, dass die Frauen tagsüber total erledigt sind und kaum mehr in der Lage sind, den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden (das bekannte Dorf, dass zum Großziehen von Kindern notwendig ist, ist leider heute meistens nicht mehr vorhanden -das kann man kritisieren, ist aber heutzutage leider Fakt und für manche Familien auch nicht ohne weiteres zu ändern…). Die Lage verschlimmert sich noch deutlich, wenn die Mutter es nicht mehr schafft, zwischen den stündlichen Stillphasen auch noch selber in den Schlaf zu finden. Damit ist dann leider dem Kind auch nicht mehr geholfen -so gut das Stillen auch sein mag.
    Wir sind damals -weil wir uns nicht mehr anders zu helfen wussten- tatsächlich zu einer Schlafberatung gegangen. Ich würde mir wünschen, dass diese nicht so verteufelt werden -auch dort wird (zumindest bei unserer) nicht mehr nach dem Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ gearbeitet, wie es oft suggeriert wird (und was meiner Meinung nach ein Grund ist, wieso viele so lange zögern, sich beraten zu lassen). Ja, es wurde vorgeschlagen, Schlaf und Stillen zu trennen, aber es wurde auch ein Weg aufgezeigt, wie man dem Kind trotzdem Nähe bieten kann und es nachts nicht alleine lassen muss -und wie Sie selber sagen, ist auch der Papa „mal gut genug“, auch wenn er nicht stillen kann.
    Mancher mag nun argumentieren, dass in solchen Fällen nicht das Einschlafstillen der „Schuldige“ für die Situation ist, sondern die Einstellung der Mutter, das fehlende „Dorf“, oder was auch immer. Das mag auch tatsächlich der Fall sein. Dabei möchte ich aber auch zu Bedenken geben, dass gerade Artikel wie dieser hier, von einem sehr angesehenem und anerkannten Arzt, dazu beiträgt, den Druck auf die Mutter zu erhöhe, wenns mal nicht so klappt, oder wenn sie einfach derkörperlichen und psychischen Belastung, nachts stündlich stillen zu „müssen“ nicht mehr packt. Wenn man dann noch von allen Seiten hört, dass nur das dass beste fürs Kind ist und man da „einfach durch muss“, hält es einen davon ab, Hilfe zu suchen -wichtig wäre es in meinen Augen, solchen Familien (denn es kann eine Belastung für die gesamte Familie werden) Hilfe anzubieten und Wege zu Alternativen aufzuzeigen -die dann auch nicht nur als „zweite Wahl“ geschildert werden. Denn im Grunde will doch jeder nur das beste für sein Kind.
    So würde ich mich bei Hebammen, Kinderärzten, etc. über eine andere Kommunikation gegenüber den Eltern freuen: Weg von „Was ist das einzig richtige und beste für ein Baby“ hin zu „Was ist das beste für die gesamte Familie“ -denn davon provitiert dann letztendlich auch das Baby.
    Vielen Dank!

    • Herbert Renz-Polster

      Herzlichen Dank. Ich argumentiere in dem Artikel gegen die Mythen, nach denen Einschlafstillen per se nachteilig wäre. Ich hoffe doch, dass das Geschriebene nicht so rüberkommt, dass nur das Einschlafstillen die „richtige“ Begleitung für einen Säugling ist? Ich habe die Alternativen zum Einschlafstillen beschrieben und – wie ich finde – keineswegs abgewertet. Es ging mir nur darum, die „Begleitung“ zu qualifizieren, die ein Baby sucht. Nein, das muss nicht die Brust sein, aber Begleitung schon. Ich stimme Ihnen absolut zu, dass es „das einzig Richtige“ für ein Baby nicht gibt. Aber es gibt auch nicht beliebige Wege, auf denen „das Beste für die gesamte Familie“ entstehen kann. Ich hoffe, dass ich das beschrieben haben …
      Danke!
      HRP

      • Ein Papa

        Tatsächlich empfinde ich einige Aussagen in Ihren Büchern und in Ihren Beiträgen hier relativ „kompromisslos“ -vielleicht ist aber auch da mein Verständnis einfach falsch. Daher vielen Dank für die schnelle Rückmeldung und Klarstellung!

        Bei der Gelegenheit noch alles erdenklich Gute fürs neue Jahr an alle…

  • Romy

    Vielen Dank für diesen Artikel. Es ist einfach sehr erleichternt zu wissen, dass man mit seinem Bauchgefühl richtig liegt. Ich habe eine 4,5 jährige (die immer noch bis zum einschlafen mit Geschichten ins Bett gebracht werden muss 😅) und sie hatte ich 29 Monate gestillt (zum Schluss natürlich nur zum Einschlafen und nachts bei Bedarf).

    Nun habe ich ein 6 Monate altes Baby und hier von Anfang Einschlafstillen… Nun macht man sich Gedanken, ob es nun bei der großen und nun auch bei der kleinen richtig war/ist, das so zu handhaben…denn es wäre schon nett, wenn die große mal von alleine einschlafen würde und ob es bei der kleinen dann auch so wird und letztlich ich selber schuld daran bin? Aber nach dem Artikel fühle ich mich besser und mache mir keine Gedanken mehr.

  • Maria Dinkelacker

    Natürlich in den Schlaf stillen. Ein gesunder Schlaf direkt bei seiner Mama ist die Grundlage fürs Leben und stärkt die Mutter Kind Bindung. Kinder schlafen von ganz alleine durch, wenn sie nachts keinen Hunger mehr haben. Ein schön ruhiges Leben führen und nicht zu viel Trubel am Tag. Nachts kein Licht oder nur ganz seichtes. Dann schlafen alle gut. Nach dem Abstillen auch durch und fühlen sich rundrum wohl.

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