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Wie Kinder heute wachsen: Thesen

Bei der Diskussion um Kinder und die heute spärlichen Naturerfahrungen landet man schnell bei Schuldzuweisungen: Die Eltern nehmen die Kinder zu wenig nach draußen. Stattdessen lassen sie die Kinder vor Bildschirmen vergammeln.

Das ist alles ein bisschen zu kurz gedacht. Man kann Hunde Gassi führen, aber nicht Kinder − Kinder brauchen ihre eigenen, selbst gestaltbaren Erfahrungsräume. Und dass sie die nicht haben, hat viel damit zu tun, nach welchen Zielen wir Erwachsenen die Welt und unser Leben gestalten.

Ich will das in 5 Thesen darlegen:

  • Was ist für uns Freiheit? Wir reden beständig davon – wie wichtig Freiheit ist, und wie wir sie den anderen Ländern wünschen. Doch unsere Kinder stecken wir zunehmend unter lückenlose Aufsicht. Aber wer in Freiheit leben will, muss Freiheit erfahren und erproben können, sonst klappt das nicht.

 

  • Was ist für uns Bildung? Wenn es angeblich so sehr aufs frühe Lernen (von Fremdsprachen, Mathematik und Co.) ankommt – wie haben es dann wir Eltern und Großeltern durchs Leben geschafft? Eine ganze Generation – auf Bäumen und Bolzplätzen, in Spiel- und Bastelkindergärten verwahrlost! Wie weit könnten wir heute sein, wenn man damals schon von früher Bildung gewusst hätte!

 

  • Wer hat denn da das Sagen? Seltsamerweise reden über Bildung und Erziehung gerade die besonders laut, die mit Kindern rein gar nichts zu tun haben. 20 000 Kindergärten sind als „Häuser der kleinen Forscher“ zertifiziert – zurück geht das Ganze auf die Initiative einer internationalen Unternehmnensberatung. Was suchen die da? Wer genau hat denn die Parole zur „frühen Bildung“ ausgegeben? Haben sich die Eltern in den 90er Jahren zusammengesetzt und „entdeckt“, dass ihren Kleinen frühe Bildung fehlt? Oder geben jetzt auch hier die Wirtschaftslobbyisten den Ton an?

 

  • Was bedeutet uns selbst Natur? Wir Großen reden gerne von der „grünen Lunge“ im Amazonasbecken, und dass sie wild bleiben soll, bitteschön. Aber vor unserer Tür, in den Gärten, auf den Feldern und Äckern, ist es oberstes Ziel, keine Natur im Weg zu haben. Auch die Ställe sind zu Fabriken geworden, um die sich Chemie-, Pharma- und Großgeräteindustrie gemeinsam kümmern. Hauptsache die „Naturprodukte“ sind billig.

 

  • Um was geht es uns eigentlich? Wir wissen längst, dass wir uns auf ein Wirtschafts- und Lebensmodell eingelassen haben, das für die Zukunft nicht taugt. Wir wissen damit in Bezug auf die Kinder, die wir heute bilden und erziehen, eines: ihre Welt wird sich ändern, weil sie sich ändern muss. Sie werden die Antworten finden müssen, die wir Eltern heute nicht geben können. Sie werden das Endlager finden müssen für so manche Annahme, auf die wir leichtfertig gesetzt haben. Etwa, dass ein sich selbst überlassenes Wirtschaftssystem – zufällig – ein menschliches Antlitz trage. Oder dass durch Eigennutz – zufällig – Gewinn für alle entstünde. Sie werden »Elite« neu definieren müssen und sie werden dafür sorgen müssen, dass die Gesellschaft nicht wieder in Herren und Knechte zerfällt. Kurz, unsere Kinder werden innovativ sein müssen, stark und zu gemeinsinnigem Handeln befähigt.

 

Und angesichts dieser Herausforderung fällt uns nichts anderes ein, als dass wir versuchen, unsere Kinder noch radikaler auf eben dieses untergehende Modell einzuschwören? Sie noch effizienter zu machen? Ihre wirtschaftlich erwertbaren Kompetenzen zum Dreh- und Angelpunkt des kindlichen Lernens zu erklären? Und mit dieser „Bildung“ immer früher zu beginnen?

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