Interview

Wie Kinder heute wachsen: Interview

Zum Erscheinen von »Wie Kinder heute wachsen« entstand dieses Interview. Es kann komplett ohne Nachfrage abgedruckt oder weitergegeben werden. Bildmaterial ist zudem hier als kostenfreies Download verfügbar.

Herr Renz-Polster, Sie haben sich in den letzten Jahren viel mit der Bedeutung von Naturerfahrungen für die kindliche Entwicklung beschäftigt. In Ihrem Buch „Wie Kinder heute wachsen“ schreiben Sie sogar: Naturerfahrungen seien für Kinder so essentiell wie gute Ernährung. Heißt das, wer nicht Wald und Wiesen um sich herum hat, hat schlechte Karten?

Für Kinder ist Natur nicht nur, was grün ist und einen Himmel drüber hat. Auch eine alte Bühne kann „Natur“ sein – wenn Kinder dort die elementaren Erfahrungen machen können, zu denen es sie ja von innen heraus geradezu treibt: sie wollen wirksam sein – dazu brauchen sie die Freiheit, sich Ziele setzen zu können und ihr Spiel selbst zu gestalten. Und sie suchen Widerstände, um Selbstständigkeit und Selbstkontrolle aufzubauen. Irgendwie steuern sie ja immer eine Art „Kribbelzone“ an, wo ihnen die Erfahrungen unter die Haut gehen und sie an ihre Grenzen kommen.

Solche Grunderfahrungen nennen Sie auch die „Quellen der kindlichen Entwicklung“. Aber wie steht es dann mit einem anderen wichtigen Ziel, nämlich Kindern Bildung zu vermitteln, und das möglichst früh?

Ich sehe die Pädagogik mit dem derzeitigen Bildungsbegriff in einer Sackgasse. Da geht es in meinen Augen viel zu sehr um die Vermittlung von Wissen und kognitiven Kompetenzen. Die Agenda der Kindheit ist aber viel breiter gefasst. Da geht es eigentlich darum, dass Kinder ganz elementare Fähigkeiten erwerben, die sie ein Leben lang tragen. Da müssen die Kinder lernen, sich selbst, ihre Emotionen in den Griff zu bekommen. Sie müssen lernen, mit anderen Menschen klar zu kommen, sich auch in andere hineinversetzen zu können. Auch Kreativität, Gestaltungskraft und innere Stärke gehörten schon immer zum natürlichen Lehrplan der Kindheit – dass Kinder ihre Neulust ausleben, und dass sie bei Widerständen nicht gleich aufgeben. Ich nenne diese Fähigkeiten bewusst die Fundamentalkompetenzen des Kindes. Sie sind für die Entwicklung der Persönlichkeit unverhandelbar, und ihr Aufbau kann in keiner anderen Lebensphase nachgeholt werden.

Wobei diese Begriffe ja durchaus auch in den Orientierungs- und Lehrplänen der KiTas und Schulen vorkommen…

Das mag sein, aber das Dilemma ist doch das: diese grundlegenden Kompetenzen lassen sich eben nicht nach einem didaktischen Modell vermitteln, und sei das noch so ausgefeilt. Man kann einem Kind nicht beibringen, innerlich stark zu sein. Auch Mitgefühl kann man nicht lehren, und soziale Kompetenz lässt sich erst recht nicht vermitteln. All das sind Erfahrungsschätze, die die Kinder im Alltag heben müssen, und zwar selbst. Das können sie nur in einer reichhaltigen, von den Kindern aktiv mitgestalteten Erfahrungs- und Beziehungswelt. Es ist ja kein Zufall, dass die von Kindern am meisten geliebten Bücher eigentlich von kindlicher Selbst-Organisation handeln – in Kindergruppen, durch Abenteuer, durch Erfahrungslernen, man denke nur an Pipi Langstrumpf, die rote Zora oder Momo. Mit unserem heutigen Begriff von Bildung zäumen wir das Pferd aber von hinten auf. Wir stürzen uns auf die kognitiven Fähigkeiten ohne die Kinder vorher ihre fundamentale Entwicklungsaufgaben erledigen zu lassen. Das ist, als würden wir an einem Haus erst die Erkerchen und die Fassade bauen, ohne ein Fundament gelegt zu haben.

Vielleicht erklärt dieses Bild, weshalb Sie dann auch recht deutliche Forderungen stellen – etwa gegenüber den KiTas?

Ich finde, wir haben gerade beim Krippenausbau viel zu lange nach dem Motto gehandelt: Hauptsache die Kleinen haben einen Platz! Aber für die Kinder reicht das nicht aus, wenn wir immer nur das breiter werdende Angebot feiern, dabei aber die Qualitätsfrage unter den Tisch kehren. Das leisten wir uns ja schon bei den Altersheimen – kein Wunder, dass da keiner freiwillig hin will! Das müssen wir für die Kleinen besser hinkriegen – nicht wenige der heutigen Angebote sind aus meiner Sicht nicht kindgerecht. Kinder leben ja nicht von luftigen Worten von wegen Frühförderung oder früher Bildung, wie den Eltern manchmal suggeriert wird! Ihre Entwicklung speist sich vielmehr aus verlässlichen Beziehungen und einem reichhaltigen, anregenden Alltag, den die Kinder aktiv mitgestalten und spielerisch durchleben. Auf diesem Weg begegnen sie sich selber – Naturerfahrungen in dem oben beschriebenen Sinn gehören da dazu, unverhandelbar.

Das klingt, wie wenn wir sie halt mehr spielen sollen – recht personalschonend, oder?

Überhaupt nicht! So einen Alltag gestalten, das braucht viele helfende Hände, das braucht Beziehungskompetenz auf Seiten der Erzieher, das braucht Herz und Verstand – bestimmt mehr als ein bisschen Schnellbleiche in Entwicklungspsychologie. Gehen wir doch mal mit so einer Horde Zwei- oder Dreijähriger nach draußen: Sie einpacken. Mütze auf, Handschuhe an, Reißverschluss zu. Und das bei der ganzen Gruppe. Dreckige Schuhe abbürsten, nasse Kleider wechseln. Ein müdes Kind auch mal tragen. Ein angeschlagenes Knie »verarzten«. Und ooups, ein kleiner Pipi-Unfall… Und dann auch noch den Schnuller vergessen! Alles mit Aufwand verbunden, mit vielen Handgriffen, mit viel Präsenz, Zuwendung und Achtsamkeit. Den Alltag mit Kindern gestalten, auf ihre Individualität eingehen und ihnen einen spannenden, emotional abgesicherten Erfahrungsraum zu bieten – das ist einfach super aufwändig. Und es ist teuer. Verlässliche Beziehungen anbieten ist teuer, Spiel- und Entdeckungsraum ist teuer – so teuer, dass schon mancher Kindergarten glaubt, auch ohne Garten auszukommen. Da kommt es billiger, wenn man das alles wie eine Art Mini-Schule gestaltet.

Dabei vergessen Sie vielleicht, dass so manches, was da drinnen vermittelt wird, für die Zukunft der Kinder durchaus entscheidend sein kann, gerade die Medienkompetenz etwa.

Ach wissen Sie, das ist ja nichts Neues, Medien sind ja seit Hunderten von Jahren aus der Kindheit nicht wegzudenken, Bilderbücher, Bücher, Kasetten… Die Herausforderung war dabei immer die, dass der Mediengebrauch die kindliche Entwicklung begleitet und ergänzt und sich ihr eben nicht in den Weg stellt. Wir hatten diese Diskussion ja schon beim Fernsehen. Wir sind uns inzwischen einig, dass wir da gerade im Kleinkind- und Kindergartenalter vorsichtig sein müssen. Denn anders als bei den Bilderbüchern stellt sich dieses Medium ziemlich frontal den Beziehungen und dem menschlichen Austausch in den Weg. Mit diesem Maß müssen wir auch die elektronischen Medien messen. Es geht bei der Einschätzung der Medien also immer um einen Blick auf das Kind: was steht in seiner Entwicklung gerade an? In der Klein- und Kindergartenzeit steht ganz im Vordergrund, dass die Kinder jetzt ihren geistigen Innenausbau betreiben, also lernen, sich auf die anderen Menschen und ihre Gedankenwelt einzustellen. Sie bauen an ihrer „Theorie des Geistes“ – und dazu brauchen sie menschliche Beziehungen als Übungsfläche, das läuft von Auge zu Auge, von Gesicht zu Gesicht. Nur das liefert den für diesen Aufbau einer inneren Perspektive erforderlichen Resonanzraum.

… heißt das also: keine elektronischen Medien im Kindergartenalter?

Ich kann da keine pauschale Antwort geben, das hängt doch alles von der Begleitmusik ab – der „Beziehungshülle“ eben, von der ich gerade sprach. Ein kleines Kind wird nicht einen Knick in die Synapsen bekommen, wenn es mal ein Smartphone in die Hände bekommt. Aber dort, wo der Mediengebrauch die menschlichen Beziehungen verdrängt – auch die unter Kindern – da sehe ich wirklich Probleme. Und deshalb sehe ich auch das Versprechen, Kinder könnten im Kindergarten durch den Gebrauch von digitalen Medien mehr und besser lernen, kritisch. Das ist eine dieser Behauptungen, die einfach frei schwebend gemacht werden, ohne wirklich an der kindlichen Entwicklung Maß zu nehmen. Auch wenn behauptet wird, die Kinder würden den Anschluss verpassen, wenn sie nicht schon früh mit den jeweils neuesten Medien umgingen, muss ich sagen: wo sind denn die Beweise? Bis die Kleinen groß sind, sind wieder ganz andere mediale Zugänge gefragt. Und so kompliziert sind die neuen Medien dann ja auch nicht, dass man deshalb seine Kindheit aufs Spiel setzen müsste.

Klingt irgendwie nach Bullerbü, aber die Welt ist heute doch ganz anders!

Ja, das sehe ich auch so, die Welt ist anders – auch in Bullerbü gibt es heute ja WLAN, gottseidank. Aber die Welt ist in einem gleich geblieben: die Kinder werden ein gutes Fundament brauchen können. Wir wissen ja nicht einmal, wie diese Welt aussehen wird, in der sich unsere Kinder in 20, 30 Jahren einmal bewähren werden müssen. Wir wissen nur das: sie werden viel davon haben, wenn sie in ihrer Kindheit gelernt haben, mit sich und den anderen gut klar zu kommen, selbstständig, stark und kreativ zu sein.

Ist es das, was Sie von der Kindheit als „Weltkulturerbe“ sprechen lässt?

Ja, eindeutig. Denn der Aufbau all dieser grundlegenden Kompetenten braucht eine Kindheit, die diesen Namen auch verdient – nicht eine Art pädagogisches Protektorat der Erwachsenen. Dazu müssen aber wir Großen unsere Prioritäten überdenken – was also uns selbst wichtig ist, als Eltern und als Gesellschaft. Da sehe ich den Haken. Wir treiben unsere Kinder regelrecht zur Höchstleistung an – und zwar vor allem in den Dingen, die sich wirtschaftlich verwerten lassen. Das ist nicht Pädagogik, sondern pädagogische Ausbeutung. Dafür schlucken wir zur Not auch, dass die Kindheit beschädigt wird. Das kann es aber nicht sein. Das Ziel des Lebens ist ja nicht, dass wir möglichst perfekt funktionieren. Das sollten wir auch unseren Kindern nicht aufbürden.

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