Kommentar3. November 2020

Heute wählen die USA. Was ist da nur los?

Ich will es kurz machen, denn die Nacht wird lang: Ich habe Angst vor diesen Wahlen und was danach kommt. Aber ich habe auch eine Hoffnung. Hier will ich sie schildern.

Warum ich Angst habe? Weil inzwischen klar ist, dass die bisherigen Erklärungen für das Phänomen Trump nicht ausreichen.

Das Problem Trump liegt tiefer. Wie tief, das zeigen die Erfahrungen der letzten Jahre. Zu Beginn seiner Amtszeit konnte sich dieser Mann auf die Zustimmung von 35 bis 40 Prozent der US-amerikanischen Wähler verlassen. Und daran hat sich seither nichts geändert. NICHTS.

Nichts – in vier Jahren, in denen dieser Hassprediger seine schäbige, menschenverachtende Gesinnung offen gezeigt hat. Tag für Tag.

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Was leitet seine Anhänger dann?

Schauen wir auf Deutschland. Ob jemand rechtsaussen steht, lässt sich auch hier weder an seiner Bildung noch an seinem sozialen Stand ablesen. Statistisch entscheidend sind nur drei Fraktoren:

  • welches Geschlecht er oder oder sie hat
  • wo er oder sie wohnt
  • wie alt er oder sie ist.

Natürlich sind das nur Marker für tiefere Einflüsse – ich habe das woanders ausgeführt. Trotzdem lohnt sich ein Blick zum Beispiel auf  die letzten Wahlen in den deutschen Bundesländern. So nämlich sieht der Graben aus, der durch unser Land läuft:

Bei den weiblichen Wählerinnen unter 25 Jahren in den westlichen Bundesländern kam die AfD gerade einmal auf 2,9 Prozent. Bei den ostdeutschen männlichen Wählern zwischen 45 und 60 Jahren dagegen auf 32,4 Prozent.  

Also auf elfmal so viel.

Aber zurück in die USA, um die es heute geht. Auch dort spielen Herkunft (Stadt oder Land), Alter (jung oder alt) und Geschlecht entscheidende Rollen. Welcher tieferere Graben sich dahinter verbirgt, zeigen andere Statistiken:

Ist es okay Kinder zu schlagen?

Kurz: Trump hat dort leichtes Spiel, wo miese Kindheitsbedingungen herrschen. Diese menschliche Hülse bekommt dort ihre Stimmen, wo Kinder ohne Sicherheit, ohne Vertrauen, ohne eigene Stimme aufwachsen.

Und das erklärt auch die Inhalte, mit denen Trump und die seinen punkten: Ich mache Euch groß, ich gebe Euch Sicherheit. Ich fülle Eure Sehnsucht nach Anerkennung. Ich gebe Euch eine Stimme.

Politik beginnt auf dem Wickeltisch

Ich bin diesem Phänomen in meinem Buch Erziehung prägt Gesinnung nachgegangen, das jetzt als Hörbuch vorliegt.

Politische Gesinnungen, so will ich es zusammenfassen,  lassen sich nur verstehen, wenn wir die Bedingungen berücksichtigen, unter denen Menschen groß werden: Erfahren sie Vertrauen oder Kontrolle? Erfahren sie Auf- oder Abwertung? Erfahren sie Schutz oder Bedrohung?

Und was ist dann meine Hoffnung?

Dass eine neue politische Kultur von unten wachsen kann. Durch bessere Kindheiten. Wir sind auf diesem Weg ein gutes Stück weiter gekommen – zumindest an vielen Orten.

Die Gestaltung einer menschlichen Welt beginnt in einer Familie, die einem Kind Heimat und Stimme geben kann. Sie beginnt in einer Kita, in der die Kinder sich nicht ducken müssen –  ob unter Regeln, Förderprogramme oder überforderten Erwachsenen. Sie beginnt in einer Schule, in der Kinder nicht sortiert, sondern ermutigt werden. Sie beginnt, wo wir Kinder vor Not schützen und sie würdig behandeln. Sie beginnt mit einem freundlichen Wort.

Sie beginnt mit einem Wiegenlied.

 

Wer sich näher für das Thema „Politik auf dem Wickeltisch“ interessiert, dem sei mein Buch „Erziehung prägt Gesinnung“ empfohlen. Jetzt auch als Hörbuch:

Dieser Beitrag beruht auf dem Buch „Erziehung prägt Gesinnung. Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte – und wie wir ihn aufhalten können" des Kinderarztes und Wissenschaftlers Dr. Herbert Renz-Polster.
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16 Kommentare

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  • Grit

    Sehr geehrter Herr Renz-Polster,
    Bitte erläutern Sie Ihr Problem mit Trump. Was hat er die letzten 4 Jahre getan, dass Sie so urteilen?
    Wollen Sie lieber Obama zurück?
    Vielen Dank für Ihre Ausführung.
    Mfg
    Grit

    • LJ

      das ist jetzt nicht ernst gemeint?? Oder haben Sie die Jahre unter einem Stein gelebt??

      • Annika Meier

        Leuchtet alles total ein! Ich bin auch der Meinung dass Menschen die in einem positiven geborgenen Umfeld aufwachsen weniger anfällig für Populismus sind. Es geht ja auch immer ganz viel um Angst bei so Leuten. Und wenn man in einem Umfeld groß geworden ist , in dem Angst geschürt wurde , dann ist man da natürlich selber später anfälliger für .
        Einen Kritikpunkt an dem Text oben habe ich allerdings …
        Ich bin selber Mutter von drei Kindern (14, 12, 7 Jahre alt ) und habe mich immer schon sehr damit beschäftigt wie Kinder „gesund“ groß werden .( Ihr Buch „Wie Kinder heute wachsen“ habe ich quasi verschlungen :-))
        Aber was mich ärgert ist, dass das Thema „Stillen“ immer noch gleichgestellt wird mit einem gesunden Umfeld. Ich konnte meinen mittleren Sohn nicht stillen , aufgrund einer massiven Brustentzündung . Ich habe alles versucht , sogar nach dem abstillen habe ich versucht wieder erneut zu stillen . Es hat mich psychisch fertig gemacht , überall las man wie wichtig stillen ist , und dass diese Kunstmilch (so eine Stillberaterin) ganz furchtbar fürs Kind ist … meine anderen beiden Kinder habe ich gestillt , aber es war am Anfang ein Kampf , mit vielen Entzündungen usw …
        ich wäre froh wenn da mehr auf die Frauen geschaut werden würde , und auch das nicht Stillen mehr als normal angesehen würde …
        Da half mir sehr der Satz von unserem damaligen Kinderarzt : „Kinder brauchen auch das Unperfekte um groß zu werden“ das nahm mir total den Druck alles richtig machen zu müssen .

        Viele Grüße
        Annika Meier

        • Annika Meier

          Ich wollte mein Kommentar eigentlich nicht in Bezug auf den ganz oben stehenden Kommentar verstanden haben. Ist irgendwie ausversehen passiert. Zu dem oben stehenden Kommentar fehlen mir einfach die Worte…
          Und meine Kritik nicht missverstehen , ich bin ansonsten ein großer Fan von Ihren Texten! 😉

        • Herbert Renz-Polster

          Ja, da haben Sie total Recht mit Ihrem Hinweis. Danke dafür. Kinder können auch ohne gestillt zu werden wunderbar und geborgen aufwachsen. Und selbst lange gestillte Kinder können grausame Kriege führen (wie Judith Harris sagt). Der Bezug hier ist ein statistischer – Stillquoten stehen für insgesamt bessere soziale Ressourcen, mit der individuellen Entscheidung hat das nichts zu tun (ähnlich wie alleinerziehend sein oder auch materielle Armut – statistisch ist das insgesamt mit Entwicklungsnachteilen beim Kind verbunden, im Einzelfall aber sagt das gar nichts aus. Danke

      • Grit

        Ich habe lediglich eine Frage gestellt. Diese möchte ich gern beantwortet haben. Ich verstehe nicht, wieso ich dafür angegriffen werde. Sind Fragen jetzt auch nicht mehr erwünscht wenn sie evt nicht ins Narrativ passen?
        Nein, ich habe nicht unter einem Stein gelebt. Ich bin offen, habe in mehreren Ländern gelebt und habe auch Kontakte in Amerika.

    • Pia

      Na, dann können wir fast behaupten sie gehören wohl zu den gut gestellten weißen die Angst um ihre gesellschaftliche Stellung haben und völlig außer Acht lassen, das es Menschen gibt, die unter dem westlichen Regime sehr leiden. Global. Und Mr Trump ist genauso wie viele andere Machthaber (und Bevölkerungen) völlig immun gegen diesen Fakt. Nur ist er auch noch unglaublich primitiv und lebensverachtend und empfindet sich selbst als großartig und unfehlbar. Ein heftiger Narzisst noch dazu. Echt charmant….

    • Herbert Renz-Polster

      @Grit. Also das wäre jetzt eine längere Geschichte, aber vielleicht können wir uns auf das einigen: DT vereinigt Eigenschaften, von denen wir als Eltern doch nur eines hoffen: dass unsere Kinder davon verschont bleiben.

      • Grit Landgraf

        Sehr geehrter Herr Renz-Polster,
        Ich möchte mich mit Ihnen darauf nicht einigen. Ich habe tatsächlich ein ganz anderes Bild von Donald Trump. Es ist schade, dass Sie mir nicht eine Begründung für diesen Artikel liefern können. Ich könnte jetzt aufzählen was er bereits alles getan hat, ich belasse es aber damit, dass er keinen Krieg begonnen hat!
        Ich wünsche allen hier einen gesunden Aufwachprozess. Wir können dann gern erneut „plaudern“.

    • Katja

      Ich bin erstma gottfroh (auch wenn ich nicht religiös bin) dass Trump weg vom Fenster ist. Das muss er nur noch selbst merken.
      Ich finde die Statistik höchst interessant in welchen kinderunfreundlichen Staaten Trump gewonnen hat. Das spiegelt doch seinen grenzenlosen Narzismus wieder und sagt alles über seine Person.
      Sie wollen wissen was Trump schlechtes getan hat während seiner Amtszeit? Das würde hier jetzt ausufern und morgen muss ich wieder arbeiten

  • Caroline Keeling

    Lieber Herr Renz Polster,

    ich lese ihr Buch « Erziehung prägt Gesinnung » gerade zum zweiten Mal und habe angefangen das darin von Ihnen zitierte Buch « Prius or Pickup » zu lesen. Sie haben mein inneres Modell der Welt mit Konzepten und Daten bereichert und ich bin Ihnen von ganzem Herzen dankbar dafür.
    Ich lebe in Frankreich und sehe mit grosser Sorge die Erziehungs und Betreuungskultur bei den französischen Kindern. Und ich fürchte mich vor möglichen politischen Entwicklungen angesichts der aktuellen Ereignisse.
    Ich möchte ein Zitat aus einem Buch von Maryanne Wolf hier niederschreiben :

    « Es gibt eine schlichte, sehr schöne Geschichte aus der Überlieferung der amerikanischen Ureinwohner (…) : Darin erzählt ein Grossvater seinem kleinen Enkel vom Leben. Er erklärt dem Kleinen, dass in jedem Menschen zwei Wölfe stecken, die in seiner Brust wohnen und ständig gegeneinander kämpfen. Der erste Wolf ist sehr aggressiv und steckt voller Gewalt und Hass auf die Welt. Der andere ist friedliebend, nichts als Licht und Liebe. Der kleine Junge fragt seinen Grossvater ängstlich, welcher Wolf denn am Ende siegen würde, und der Grossvater gibt zur Antwort : »Der, den du fütterst » 
    « 

    • Patrizia

      Hallo! Ich bin immer wieder tief getroffen von dieser kleinen Wolffütterungsphilosophie….Sie ist eine der ganz wichtigen Basen unseres Seins. Und es wird uns dennoch nicht täglich bewusst gemacht.
      Dankeschön für den heutigen Impuls.
      Ich bin Kindheitsbegleiterin (Kindergärtnerin) und schüttel oft den Kopf über den Auftrag inklusiv arbeiten zu sollen wenn es immer noch Kollegen gibt, die Probleme haben mit anderssprachigen Kulturen. Auch die übereilten Einschätzungen von Defiziten der Kinder die zum Manifest der Entwicklungsvielfalt genommen werden, dann stimme ich Herrn Dr. Renz-Polster hier 100%ig zu, dass die gesunde Beziehung zum Nächsten in der Tat schon auf dem Wickeltisch beginnt. Wenn die Keimzelle der Gesellschaft, also die Familien, keine Wertschätzung, kein liebevolles und respektvolles Miteinander finden, wenn eine Förderung des Eigensinns und der eigenen Meinung keine gelebte Partizipation erlebt und erlernt, ist es als Teilnehmer der Gemeinschaft traurig bestellt.

      Dankeschön Herr Dr. Renz-Polster für ihre aufopferungsvolle Informationsarbeit.

  • Robert

    Das „Problem“ liegt doch eher bei den Leuten, die Trump als „Problem“ bezeichnen.

    Trump verkörpert die denklogische Fortentwicklung des degenerierten politischen und gesellschaftlichen Systems in den USA.

    Weder die Demokraten noch die Republikaner hatten vor 4 Jahren einen konsensfähigen Kandidaten präsentieren können. Dieses Jahr dasselbe. Republikaner sonnen sich in Trumps Erfolgsgeschichte. Demokraten stellen einen „vetternwirtschaftenden“ Greis sowie eine radikale Anarchistin auf. Spätestens seit den Nominierungsparteitagen war klar, dass Trump eine weitere Amtszeit „geschenkt“ bekommt.

    Meine größere Befürchtung ist eher, dass wir in Europa denselben Weg einschlagen. In einigen Ländern (Ungarn, Polen, Türkei, etc.) schon verwirklicht. Und deutsche Politiker waren in den letzten Jahren auch sehr erfolgreich im „Vergiften“ und Spalten der Gesellschaft.

    Wenn man sich die Kanzlerkandidaten der Großparteien ansieht, dann haben wir bei der SPD einen Höfling der Finanz-Mafia, bei der CDU potenziell einen verbitterten Greis, bei CSU und Grünen jeweils einen Hassprediger mit diktatorischer Grundausrichtung.

    Wenn man sich das vor Augen führt, dann sind Trumps Taten nahezu harmlos.

    • Herbert Renz-Polster

      @ Robert:
      Sie schreiben „Wenn man sich das vor Augen führt, dann sind Trumps Taten nahezu harmlos.“ Kurz zu Ihrer Erinnerung eine Meldung aus den New York Times von vor zwei Wochen: 545 Migrantenkinder, die die amerikanische Regierung Anfang des Jahres von ihren Eltern trennte und in Lager verbringen liess, suchen noch immer nach ihren Eltern: https://www.nytimes.com/2020/10/21/us/migrant-children-separated.html
      Ich wäre mit Vergleichen etwas vorsichtiger.
      Und wenn Sie das „Vergiften“ beklagen: Vielleicht lesen Sie Ihren Beitrag noch einmal durch. Danke.

      • Andrea S.

        Ich bewundere Ihre Kunst, auf derartige Kommentare so freundlich und bedacht zu antworten. Und danke für Ihren interessanten Blog!

  • Krissi

    Vielen Dank für diesen wieder einmal sehr aufschlussreichen und interessanten Beitrag. Erst neulich dachte ich mir: wir Eltern haben einen so wichtigen und essentiellen Job. Wir können – zumindest in Teilen, in großen Teilen aber – beeinflussen, wie die Welt von morgen aussieht. Die Werte, die wir unseren Kindern mitgeben, sind ausschlaggebend dafür, wie sie sich in dieser Welt bewegen. Und ich hoffe sehr, dass mehr und mehr Eltern verstehen, dass Liebe, Geborgenheit, Respekt und Vertrauen alles entscheidend sind.

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