Interview24. November 2019

Was in der Kindheit von Rechtspopulisten falsch lief

Sie behaupten in Ihrem neuen Buch, der Erfolg der Rechtspopulisten in Europa, aber auch in den USA sei auf deren unglückliche Kindheiten zurückzuführen. Ziemlich populistische These, oder?

Guter Aufhänger. Die These ist aber tatsächlich eine wissenschaftliche Fragestellung, an der sich schon schon manche Forscher und Disziplinen und versucht haben – Theodor W Adorno etwa. Oder Erich Fromm. Die Kindheit kommt in Bezug auf den Autoritarismus deshalb in den Fokus, weil dort die Begriffe Macht, Herrschaft und Hierarchie hautnah verhandelt werden. Eigentlich ein logischer Ansatz.

Was muss denn in den frühen Jahren schieflaufen, um aus einem Kind einen Rechtspopulisten zu machen?

Nichts macht aus einem Kind irgendwas. Aber frühe Einflüsse legen eine Verletzlichkeit an. Sie schaffen einen Haftgrund. Und der entsteht, wenn Kinder auf ihre grundlegenden Entwicklungsfragen keine guten Antworten bekommen: Bin ich sicher? Bin ich anerkennt? Gehöre ich dazu? Bekommen Kinder auf diese Fragen schlechte Antworten, suchen sie ihre Sicherheit in einem äußeren Ersatz. Lebenslang.

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Warum sprechen Sie nur von Rechtspopulisten, was unterscheidet die von Linkspopulisten, von denen wir ja auch reichlich haben?

Weil mich eben das autoritäre Denken interessiert, also der Drang sich in eine Hierarchie einzuordnen und äußere Normen und Konventionen absolut zu setzen. Dieses Denken, mit der dazugehörigen Abwertung der Andersdenkenden, hat unsere Gesellschaft ja auch historisch deutlich geprägt. Jetzt ist dieser Autoritarismus wieder ein lockendes Versprechen, ein besonders verstörter Rechtspopulist führt den freien Westen an….

Es gibt die AfD erst seit ein paar Jahren, autoritäre Eltern aber schon viel länger….

Missverständnis. Rechtsautoritäre Haltungen sind kein Alleinstellungsmerkmal der AfD, die meisten Rechtspopulisten sammeln sich in anderen Parteien. Insgesamt haben autoritäre Haltungen in der Bundesrepublik eher abgenommen. Wäre es heute noch möglich, Gastarbeiter so zu behandeln wie in den 1960er Jahren? Nein, glücklicherweise.

Hat der Anstieg der Rechts-Wähler nicht viel mehr etwas mit der Angst vor der Globalisierung, der gefühlten Fremdheit in der digitalen Welt und der Angst vor dem sozialen Abstieg zu tun?

Diese Einflüsse spielen eine Rolle, weil sie vorbestehende Ängste aktivieren. Nur, der Haftgrund muss schon da sein. Wenn einem der Wind ins Gesicht bläst, heisst das ja noch lange nicht, dass man deshalb Schwarze, Juden oder Homosexuelle schlecht finden muss. Viele kommen mit dem Wandel ja gut klar, ohne mit dem dicken Finger auf andere zu zeigen. Oder sich gleich dem größten Mobber im Sankasten zu unterwerfen, wie etwa einem Donal Trump. Ich bleibe dabei: da muss zu den äußeren Einflüssen noch eine innere Bereitschaft dazu kommen.

Erziehen autoritäre Eltern immer autoritäre Kinder?

Natürlich nicht immer, auch sind Eltern ja oft selbst kein politisch homogenes Gespann. Auch spielen gesellschaftliche Randbedingungen eine Rolle, ob da ein „wind of change“ herrscht etwa oder nicht. Insgesamt aber ist die Transmission autoritärer Haltungen von Eltern zu Kind recht effektiv, wenn auch nicht so stark wie bei den „alternativen“ Haltungen – grüne Eltern haben praktisch immer grüne Kinder.

Was könnte eine Lösung sein? Wie ändert man autoritär erziehende Eltern?

Schon mal versucht, politisch anders Denkende von der eigenen Haltung zu überzeugen? Viel Spass damit. Das sind Generationenprozesse, bei denen auch Veränderungen in der Gesellschaft eine Rolle spielen – ist weniger Druck im Kessel, werden autoritäre Haltungen weniger aktiviert. Da werden auch autoritär veranlagte Eltern entspannter.

 Angenommen, ein AfD-Funktionär oder Pegida-Aktivist kommt mit seinem Kind zur U7. Was und wie raten Sie?

… als sei es unsere Aufgabe je nach politischer Gesinnung unterschiedlich zu beraten.

(Das Interview führte Renate Hauch)

Dieser Beitrag beruht auf dem Buch „Erziehung prägt Gesinnung. Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte – und wie wir ihn aufhalten können" des Kinderarztes und Wissenschaftlers Dr. Herbert Renz-Polster.
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