Neulingsrabatt:
Mit dem Gutscheincode MHK2024 sparst Du die Versandkosten beim Kauf von "Mit Herz und Klarheit"!
Zum Shop
Beratungsfrage27. Februar 2024

Macht Zucker hyperaktiv?

Mein Kind ist nach Kindergeburtstagen immer komplett durch den Wind. Kommt dann ganz schwer zur Ruhe, und kann sich auch schwerer an Regeln halten. Meine Freundin sagt, das sei kein Wunder, denn Zucker mache hyperaktiv und das könne sogar zu ADHS führen.

Danke, und ja, das ist immer wieder zu hören. Zuletzt ging es sogar in der Familie eines meiner Enkelkinder rund, weil die Mama der kleinen Motje erlaubt hatte, abends ausnahmsweise noch eine Süßigkeit zu essen. Der Papa aber meinte, da würde sie dann bestimmt nicht schlafen können.

Spoiler: sie schlief problemlos ein.

Und das passt auch sehr gut zu der wirklich umfangreichen wissenschaftlichen Literatur rund um Zucker und Kinder: Man kann Zucker für alles Mögliche verantwortlich machen (etwa Karies) – aber nicht dafür, dass Kinder ausser Rand und Band geraten, aggressiv sind, schlecht schlafen, schlechter (oder besser) denken oder generell hyperaktiv sind.

Und Zucker macht auch kein ADHS.

Schauen wir uns die Wissenschaft einmal an. Der Mythos, dass Zucker Kinder zappelig macht, exisitert nachweislich schon seit den 1940er Jahren. Neue Nahrung bekam diese Story dann in den 1970er Jahren, da berichtete ein Arzt in einer Ärztezeitschrift, dass er ein Kind mit vielfältigen Problemverhalten durch das komplette Weglassen von Zucker praktisch geheilt hätte!

Viele Eltern können da glaube ich mitschwingen. In Forschungsarbeiten lässt sich auch tatsächlich zeigen, dass Eltern häufig den Eindruck haben, ihr Kind sei nach dem Genuss von Zucker stärker aufgedreht. Die Forschenden machten dann allerdings gleich die Probe aufs Exempel und ließen die Kinder ein zuckerhaltiges Getränk trinken. Da war zwar in Wirklichkeit kein Zucker drin – aber die Eltern bewerteten ihr Kind trotzdem als hyperaktiv.

Inzwischen liegen Dutzende von Studien und plazebokontrollierten Experimenten vor, die dem Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und auffälligem Verhalten und auch kognitiver Leistung bei Kindern nachgegangen sind – und sie geben alle Entwarnung: Zucker macht Kinder weder ruhiger noch zappeliger. Die Forschenden untersuchten sogar speziell Kinder, die von ihren Eltern als besonders zuckersensibel bezeichnet wurden, und zwar in wochenlangen Experimenten mit wechselnden Diäten mit unterschiedlichem Zuckergehalt: im Verhalten war kein Unterschied zu messen. Zipp, nada. Dasselbe mit Blick auf besseren bzw. schlechteren Schlaf: auch da macht der Zucker keinen Unterschied. , ,

Schon schwieriger ist es mit dem Zusammenhang zwischen viel Zuckerkonsum und ADHS, denn da müssen sich die Forschenden in aller Regel auf rückblickende (retrospektive) Studien verlassen, und die sind notorisch unzuverlässig, wenn es um die Klärung einer *ursächlichen* Wirkung geht. Und ja, einige von denen zeigen einen (meist leichten) Zusammenhang zwischen chronischem Zuckerkonsum und ADHS. Zuletzt begleitete eine Studie Kinder von Geburt an und konnte so deren regelmäßigen Zuckerverbrauch dokumentieren. Das Ergebnis: kein Zusammenhang zwischen Zucker und ADHS.

Da können wir jetzt doch immerhin eine Sorge von der Liste nehmen!

Bleibt nur noch eine Frage: warum sind die Kinder dann nach Kindergeburtstagen, Ostern, Weihnachten, Familienfeiern etc. außer Rand und Band, sie sind es ja oft eindeutig!? Wenn man bedenkt, was da zusammenkommt, hat man schon ein paar Verdächtige: die Aufregung, der Lärmpegel, der Schlafmangel, die aufregenden Erlebnisse, die Überforderung manchmal auch und die kribbelige Freude dazu. Da braucht es offenbar gar keinen Zucker mehr.

Ist das jetzt ein Freispruch für den Zucker?

Natürlich nicht. Eine unausgewogene Ernährung ist: ungesund. Nur vergessen wir manchmal, dass es da eher auf das tägliche Muster ankommt als auf die gelegentlichen Ausreisser. Und dass der Zucker allein weniger das Problem ist als die “Packung” in der er oft daherkommt: verbunden mit schlechten, haltbaren Fetten etwa, wie sie die hochprozessierte, industrielle Nahrung nun einmal ausmacht. Süßigkeiten, als süße Spitze eines insgesamt gesunden Eisbergs, sind etwas ganz anderes, als wenn sie Teil eines insgesamt ungesunden Pakets sind. Ist ja eigentlich klar, aber halt wie immer nicht so einfach umzusetzen.

 

"Mit Herz und Klarheit – Wie Erziehung heute gelingt und was eine gute Kindheit ausmacht" ist soeben erschienen. Dieses Buch ist ein Wegweiser für eine erfüllende und gelingende bedürfnisorientierte Familienzeit.
Mehr Infos

»Mit Herz und Klarheit« ist jetzt im Handel!

9 Kommentare

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass bestimmte Kommentare erst manuell freigeschaltet werden müssen (z. B. wenn Sie einen Link teilen).

  • Lenina

    Danke!
    Ich vermute bei min einem meiner Kinder Adhs (bin selbst spät diagnostiziert ) und ja, dieses Kind LIEBT Süßigkeiten.
    Erzähle ich davon, kommt dauernd der Hinweis, wie sehr das verstärkt und bitte lassen usw.
    Interessant: eine “normale” Menge Süßigkeiten (z.b. 1Kugel Eis, eine Packung Kaubonbons etc) führt dazu, dass mein Kind in den allermeisten Fällen ruhiger! und konzentrierter wird.
    Der gleiche Effekt tritt z.b. auch beim Zocken an der switch (z.b. minecraft) auf.
    Als wenn sich das Gehirn dadurch beruhigt.
    Ob das tatsächlich so ist,weiss ich nicht.
    Denn beides gibt es hier weder als Belohnung noch als “zum Runterkommen”.
    Toll, jetzt einen seriösen Artikel “zum Beweis ” zu haben!

    • SandraC

      Habe selber auch Adhs und Süsses ist mein kleiner Dopaminkick zwischendurch und hilft mir bei der Konzentration 🙂

  • Friedo Pagel

    Wenn Sie sagen “immer neue Theorien”, kann ich mich nicht zurückhalten, eine weitere Theorie für diese Beobachtung einzubringen, die allerdings nur für ADHS Kinder gilt.
    Ich denke, dass es sich bei dieser Geburtstagsbeschreibung um einen ähnlichen Effekt handelt, wie bei
    – wenn er/sie aus der Schule kommt, ist er/sie außer Rand und Band und stundenlang unwillig, seine Hausaufgaben zu machen, jeden Tag dasselbe
    – oder wenn er/sie einen Tag bei den Großeltern war … die verziehen die Kinder und wir haben dann den Salat
    Allein mit der physiologischen Theorie, dass es sich bei ADHS um mangelnde Verfügbarkeit von Dopamin im Ruhezustand handelt, ist das allein noch nicht erklärbar. Kombiniert aber mit dem vermuteten Umschaltproblem von Activity-Network (Wachheit, Motivation) und Default-Mode-Network (Ruhe, Entspannung) ist das durchaus logisch.
    In einer Umgebung mit Fremden “funktionieren” ADHS Kinder in der Regel viel besser als in gewohnter, langweiliger Routine-Umgebung. Sie möchten ja nicht “böse” sein sondern “gut”, anerkannt und geliebt. Das soziale Stimulanz “er/sie liebt mich // er/sie liebt mich nicht” ist ein ganz anderer Anreiz als zu hause jenes sichere Gefühl “die Mama liebt mich sowieso immer”.
    Aber ohne diese “maybe” Motivation fällt ein ADHS Kind, gerade nachdem es sich bei Fremden noch mit aller Kraft zusammengerissen hat, in ein tiefes Loch. Es sagt dann “mir ist langweilig”. Als Erwachsener wird er/sie später diesen Zustand mit “ich fühle mich wie ein leeres Fass, oder wie eine ausgepresste Zitrone” beschreiben.
    Kurz und gut, nein, Süßigkeiten lösen kein ADHS aus. Aber … die meisten ADHS Kinder haben ohnehin auch Schwierigkeiten, sich auf Schlaf- und Essrhythmen der Familie oder für die Schule zu synchronisieren.
    Süßigkeiten vor der Mahlzeit bringen das noch zusätzlich durcheinander, und zwar bei allen Menschen. Ständiger Süßigkeiten- und Junkfood-Konsum kann sogar zu einem ständigen Wechsel zwischen völliger Appetitlosigkeit und Heißhungerattacken führen. Darüber hinaus lässt es auf Dauer das Mikrobiom im Darm verarmen, was wiederum Folgen auf die Stressverarbeitung und auf das immunsystem haben kann.

    Und sich vor einer als stressig und unangenehm empfundenen Aufgabe mit Schokolade zu beruhigen, ist nicht exklusiv für ADHS-ler. Einen Unterschied gibt es eventuell bei der Verstoffwechselung. Zumindest die dünnen und eher untergewichtigen ADHS-ler nehmen dadurch kaum zu, während das bei anderen schnell zu Übergewicht und Bauchringen führen kann.

  • Mia

    Ich bin Migränikerin und habe im Vorfeld teils heftige Heißhungerattacken nach Süßem. Noch immer hält sich hartnäckig der Mythos, dass Schokolade Migräne auslöst. Es verhält sich aber genau umgekehrt: das Gehirn verlangt in der Vorphase der Migräne intensiv nach Kohlehydraten. Die Sache mit dem Zucker bei Kindern hab ich schon allein deshalb nicht geglaubt, weil man doch als Mutter ziemlich deutlich sieht, warum Kinder überdrehen (siehe Kindergeburtstag). Was aber tatsächlich einen sensationellen Effekt hat, sind ein paar Kekse wenn mein Sohn im Blutzuckertief ist: Innerhalb von Minuten von einem bockigen und pöbelnden Grantler transformiert er zum friedlichen Buddha. Hat er von mir. 😁

    • Friedo Pagel

      Hallo Mia,
      ich kann all Deine Beobachtungen nur voll und ganz bestätigen. Das gilt m.E. aber für alle Kinder, nicht nur für ADHS-ler und Migräniker. Und eine Banane statt einem Keks tut es bei vielen sogar auch.

      • Mia

        Am besten sogar eine richtige Mahlzeit – war nur ein Beispiel für irgendwas, was man schnell verfügbar hat, wenn man unterwegs ist. Es gibt aber schon Unterschiede. Mein Mann und meine Tochter werden nicht zu Monstern, wenn der Blutzuckerspiegel abfällt. Allerdings müssen da auch ein paar Sachen zusammenkommen, dass es so extrem ist. Stress, Müdigkeit usw…

        • Friedo Pagel

          Woher weißt Du, dass bei ihnen der Blutzuckerspiegel in gleichem Maße abfällt, wie bei Dir?
          Ich würde es nicht interpretieren, sondern einfach zur Kenntnis nehmen, dass sie Gefühle, die Dich und Deinen Sohn manchmal überwältigen (“zu Monstern werden” lassen), nicht haben.
          Auch zu diesen Gefühlen zu stehen, ist m.E. der erste Schritt, damit so umgehen zu lernen, dass man sie ausleben kann, ohne andere dabei zu schädigen/erniedrigen/quälen oder was auch immer, was am Ende ohnehin wieder auf einen selbst zurückfällt.
          Ihr schafft das!

  • Evchen

    Danke für den Artikel und die erhellenden Kommentare darunter.
    Insbesondere zu dem Grantler, der durch Zucker wieder zugänglich wird, möchte ich anmerken, dass bei Kindern, die zu einem Acetonämischen Erbrechen, neigen, Zucker ebenfalls ein absoluter GameChanger sein kann (insbesondere Traubenzucker, der gelutscht wird, oder auch Zuckergel , wegen der Aufnahme über den Mundschleimhaut, die das Erbrechen überspringt).
    In Bezug auf ADHS hat Zucker Einfluss auf den Dopaminhaushalt, der bei Kindern mit ADHS ja ohnehin anders funktioniert, und ich kann mir gut vorstellen, dass bei dem Vorwurf, Zucker würde ADHS verursachen einfach Ursache und Wirkung verwechselt werden. Kinder, die ADHS haben, machen die Erfahrung, dass der Zucker ihnen hilft, sich besser zu fühlen, viel stärker als Kinder, die das nicht haben, und wollen daher mehr Zucker. Der Reflex ist vielleicht ganz nachvollziehbar, macht aber vielleicht noch mehr Jojo mit den Kindern, weswegen vielleicht die Ernährung bei Kindern mit ADHS mehr Einfluss haben kann?
    AD(H)S wäre auch ein Thema, zu dem ich gerne mehr lesen würde 😉

Kommentar verfassen