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Beratungsfrage30. Januar 2024

Empfehlen Sie die Meningokokken-B-Impfung?

Mein Mann und ich diskutieren über die neue Meningokokken-B-Impfung. Empfehlen Sie die für unser Baby (unsere Lilja wurde gerade geboren)?

Eine hochaktuelle Frage, die Impfung gegen B-Meningokokken wurde ja jetzt gerade erst von der STIKO in das Regel-Impfprogramm für alle Kinder unter 5 Jahren aufgenommen. Vorgesehen für Deine Lilja sind dabei Impfungen mit 2, 4 und 12 Monaten. Für die Kleinkinder werden Nachholimpfungen bis zum 5. Geburtstag empfohlen.

Weil es eine wirklich komplexe Abwägung ist, habe ich hier auf meinem Blog einen ausführlichen Kommentar zur Frage der MenB-Impfung veröffentlicht. Er enthält auch weitere Informationen zu den Meningokokken-Infektionen, etwa auch, wie Du eine Infektion erkennen würdest, sollte sie auftreten. Gerne besuchen!

Vielleicht das vorweg: ich selbst bin im „Team Impfen“, finde also vorbeugende Impfungen grundsätzlich eine gute Strategie. Dennoch halte ich es für wichtig, jede Impfung auf ihre Vor- und Nachteile zu bewerten (das mache ich übrigens in meinem Buch „Gesundheit für Kinder“).

Die Meningokokken sind eine Familie von Bakterien aus mehreren Mitgliedern – diese werden als Serogruppen bezeichnet (es gibt fünf davon: A, B, C, Y und W). Sie leben als ganz normale Mitglieder unserer Mikrobenflora auf den Schleimhäuten im Mund und Rachen (das tun sie zumindest bei 10% von uns, sie machen diesen „Trägern“ dabei keine Probleme). Selten können sie dann aber auf einen anderen Menschen übertragen werden – etwa per Husten, Niesen, Knutschen -, und dieser kann dann unter extrem unglücklichen Umständen davon eine Blutvergiftung (Sepsis) oder Hirnhautentzündung (Meningitis) bekommen. Das kommt auch bei Babys vor (sogar häufiger als später im Leben), bleibt aber trotzdem, das will ich noch einmal sagen, ein extrem seltenes Ereignis, glücklicherweise.

Gegen alle Meningokokken-Gruppen kann man heute impfen. Bisher war aber nur die Impfung gegen Meningokokken C als Regelimpfung für Kinder empfohlen. Jetzt kommt die Impfung gegen Meningokokken B (MenB) dazu!

Begründet wird das damit, dass MenB heute mit etwa 60% in Deutschland die häufigste Meningokokken-Gruppe ist (MenC ist sehr selten geworden, auch weil seit 2006 dagegen geimpft wird – wir Kinderärzte müssen deshalb heute 1 Million mal gegen MenC impfen um einen einzigen Infektionsfall zu verhindern!)

Ein weiterer Grund für die neue Impfung: Jede Meningokokken-Infektion kann schlimm ausgehen. 8% der betroffenen Kinder sterben, weitere 25% tragen Folgeschäden davon (z.B. Hörverlust oder Krampfanfälle).

Das Gute aber: die Meningokokken-Infektionen sind in den letzten Jahren immer seltener geworden!

Gut auch: Meningokokken-Übertragungen passieren zwei bis drei mal seltener, wenn im Haushalt nicht geraucht wird. Und auch Stillen kann vorbeugend wirken, weil die Säuglinge dann seltener Virusinfekte haben (die gelten als „Wegbereiter“ für die Übertragung von Meningokokken und anderen Bakterien).

Wie hoch ist das Risiko für Deine Lilja? Extrem klein! In ganz Deutschland treten pro Jahr etwa 25 Fälle an MenB-Infektionen unter den Säuglingen auf (bei den 1 – 4 Jährigen dann noch mal insgesamt 25 Fälle). Dabei kommt es insgesamt zu etwa 2 Todesfällen bei Säuglingen und 2 bei den Kleinkindern, plus jeweils etwa 20 bis 30 Fälle von Langzeitfolgen. Und klar, diese schlimmen Fälle lassen sich durch die neue Impfung verhindern – wenn alle Kinder in Deutschlanf geimpft werden. Idealerweise, muss man dazu sagen, denn in Wirklichkeit ist die Impfung nur zu etwa 75 % effektiv.

Ein weiteres Manko ist, dass bisher nicht bekannt ist, wie lange der durch Impfung erworbene Schutz dann anhält (das wird sich erst noch zeigen). Auch trägt die Impfung gegen MenB (anders als die Impfung gegen MenC) nicht dazu bei, dass insgesamt weniger MenB-Übertragungen von Mensch zu Mensch passieren. Es gibt also keinen „Herdenschutz“.

Und dann ist da noch ein weiterer Nachteil: Die Impfung gehört zu den eher schlechter vertragenen Impfungen. Eines von 6 Kindern reagiert mit hohem Fieber, das ist eine ganze Menge (deshalb verordnen Kinderärzte hier gleich den Fiebersaft mit). Was machen wir jetzt damit?

Ich sage Dir weder Ja noch Nein. Du wirst von anderen KinderärztInnen bestimmt auch weitere Meinungen hören. Denn da ist für eben immer die wirklich vertrackte Frage der Bewertung: Selbst *wenn* nur wenige Kinder einen Vorteil von der Impfung zu erwarten haben – wer kann genau sagen, ab wann sich eine Impfung „lohnt“? Das eine Kind, das dann nicht stirbt oder langfristige Folgen einer MenB-Infektion zu tragen hat – vielleicht wäre es meines? Andererseits: das Risiko liegt fast schon im Bereich Blitzschlag… Und dann geht es wieder von vorne los.

Zu diesem Beitrag will ich gerne auf mein Buch „Gesundheit für Kinder" hinweisen: "Kinderkrankheiten verhüten, erkennen, behandeln". Es hat sich im deutschsprachigen Raum als DAS umfassende Nachschlagewerk zur Kindergesundheit etabliert. In unserem Shop mit Signatur und Widmung erhältlich.
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4 Kommentare

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  • Eine Kollegin, nicht pädiatrisch

    Interessante Abwägung, vielen Dank!
    Ich denke, das _individuelle_ Risiko spielt auch hinein. zB potentielle Aufenthalte bzw. Kontakte in bestimmte Gebiete von Afrika und Asien, Vorerkrankungen, zB Abwehrschwächen… auch die frühe außerhäusige Kinderbetreuung wird teilweise genannt.
    Unsere Töchter haben wir damals jeweils MenB impfen lassen (war damals etwa je 120E teuer), dabei spielte maßgeblich herein, dass mein Mann und auch ich in der Notfallversorgung tätig sind und ich ein höheres Risiko gehabt hätte (vor Corona, vor niederschwelliger FFP2-Masken-Verfügbarkeit) auch mal Kontakt zu einem zB noch unerkannten Meningitis-Notfall zu haben, gerade auch bei Kindern. Ich hatte also eine höhere Wahrscheinlichkeit als die Normalbevölkerung bzw. ich wäre eine mögliche “erste Anlaufstelle” für Meningitis-Erkrankte gewesen mit somit erhöhtem Risiko. Das hätte ich dann nicht “mit heim” schleppen wollen – Meningokokken und Co. sind halt immer so als “Endgegner” gefürchtet, mit dem erstmal diffus anmutenden, dann aber potentiell sehr schnellen fulminanten und fatalen Verlauf…
    (Fieber haben die Kinder auf die Impfung keines bekommen, aber unser KiA hat auch sehr differenziert aufgeklärt damals.).
    Eine Frage, Sie benennen jetzt die Inzidenz bei Säuglingen und 1-4 Jährigen. Soweit ich mich entsinne, gibt es doch nochmal einen weiteren Altersgipfel bei den Jugendlichen. Warum spricht das RKI von einer Nachholimpfung bis zum 5. LJ und nicht später? Oder habe ich das nur übersehen?

  • Andrea

    Lieber Herr Dr. Renz-Polster, danke für diesen wie immer sehr ausgewogenen Artikel.
    Nur zur Info: im Newsletter ist ein älterer Beitrag unter dieser Impfungen– Überschrift. Vielleicht möchten Sie das ändern?
    Mit herzlichen Grüßen,
    Andrea

    • Johannes P

      Danke für die Meldung. Die Newsletter der letzten Di-Sprechstunde sind leider schon alle abgeschickt. Aber ich weiß was der Fehler war und heute stimmt dann alles 😉

  • Desiree

    Können Sie auch etwas zur Meningokokken Impfung ACWY sagen? in der Schweiz wird aktuell damit geimpft. Meine Kids (4 & 1) sind noch nicht gegen Meningokokken geimpft. Ich bin hin und her gerisse, weil es ja 1. selten ist, 2. ich eigentlich dachte wenn dann MenB weil die ja am häufigsten sind, aber Ihr Kommemtar zu MenB lassen mich zögern. Ich bin nicht gegen Impfungen, ich möchte aber genau abwägen welche machen für jedes einzelne meiner Kinder Sinn und auf welche könnten verzichtet werden. Wie sieht den die Schutzdauer den ACWY aus? Müssen meine Kids denn mit 11 nochmals geimpft werden oder reicht eine Dosis im Kleinkindalter auch für die Risikogruppe Teenie?