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Was Babys und Eltern gut tut

Was Eltern gut tut, tut auch den Kindern gut, und umgekehrt – oder etwas nicht? Historiker und Verhaltensforscher haben daran gut begründete Zweifel.

Die Sicht der Historiker

Analysiert man die Erziehungsstile der letzten Generationen, so fällt eines auf: Jede Generation folgt in der Erziehung einem jeweils eigenen „Kinderbild“ – was Eltern stolz und zufrieden macht, was sie als Erzieher bestätigt und motiviert sind jeweils sehr unterschiedliche Dinge. Das zeigt aktuell eine Auswertung von Elterntagebüchern aus drei Generationen durch die Kulturhistorikerin Miriam Gebhardt („Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen“). Demnach entwickeln Eltern mit jeder Generation auch neue Vorstellungen davon, was sie unter einem „guten“ Kind verstehen und welche „Werte“ sie sich für ihr Kind wünschen: Unsere Urgroßeltern wünschten sich ein gehorsames, angepasstes und „wohlerzogenes“ Kind, bei unseren Großeltern stand die Selbstkontrolle, frühe Sauberkeit und Disziplin stark im Vordergrund, erst in den späteren 1960er Jahren wandelten sich die Erziehungsideale langsam hin zu einem selbstständigen, „sozialen“ und „individuellen“ Kind…

Dies spiegelt sich in den Umgangsweisen mit dem Kind wider: so prägte bis in die 1970er Jahre körperliche Distanz und „Regelmäßigkeit“, aber auch Gewalt die Erziehung von Säuglingen und kleinen Kindern. Körperliche und seelische Unterdrückung waren allgemein anerkannte Erziehungsmittel, sie wurden vom erzieherischen Mainstream nicht als „unmoralisch“ oder verwerflich angesehen. Im Vortrag wird die Frage aufgeworfen, wie viel von dieser „gewaltsamen“ Einstellung sich bis heute 1im Bereich der frühkindlichen Erziehung gehalten hat, wo gerade seelische Gewalt noch immer kaum thematisiert wird.

Die historische Sicht zeigt also eines: Das Bild, nach dem Erziehung aus einem ewigen Schatz an immer gleichen Werten schöpft, stimmt nicht. Was Eltern für „gut“ halten ist kein unwandelbarer Bestand an Werten und Überzeugungen, sondern wird immer wieder neu definiert und kulturell bzw. sozial „konstruiert“. Dabei spielen immer auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und insbesondere die sich ändernden Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt (und damit zusammenhängend auch das Bild von der Frau!) eine wichtige Rolle – unser „Kinderbild“ ist untrennbar mit unserem „Menschenbild“, und dieses wieder untrennbar mit unseren Lebens- und Arbeitsbedingungen verbunden!

Zusammenfassung: Ob ausgesprochen oder nicht: Eltern haben eine Wunschliste von Eigenschaften, die ihre Kinder zu „guten“ Kindern qualifizieren. Diese Liste ändert sich mit den Zeiten und den Anforderungen der Arbeitswelt, und sie spiegelt immer auch unser „Kinderbild“ bzw. Menschenbild wieder. Heute steht auf dieser Liste (zumindest bei den gesellschaftlichen Eliten) „soziales“ Verhalten, Empathie und „Selbstbewusstsein“ ganz weit oben. Das „gute Kind“ von heute ist nicht mehr das brave, gehorsame, „wohlerzogene“ Kind unserer (Ur)Großeltern, sondern ein sozial kompetentes, mitfühlendes und vor allem: selbstständiges Kind.

Die Sicht der Verhaltensforschung

Der zweite Teil des Kurzreferats stellt die Frage, was Eltern in unterschiedlichen Kulturen „gut tut“ und wie sich der Umgang mit den Kindern unterscheidet. Hier hat die kulturvergleichende Verhaltensforschung (etwa getragen von Heidi Kellers Forscherteam aus Osnabrück) wichtige Antworten geliefert. Zeichnet man etwa den typischen Umgang einer deutschen Mutter aus der gebildeten Mittelschicht per Video auf und zeigt die Sequenzen einer Kleinbäuerin in Kamerun, so kann sie nicht glauben, was sie da sieht: der Umgang mit dem Baby erscheint ihr nicht „richtig“: „Sie gehen mit ihnen um als seien sie nicht ihre Babys!“ Oder: 2“Dem Baby muss doch der Rücken weh tun, so viel wie es auf dem Rücken liegen muss!“ Manche Frauen vermuten gar, es sei in Deutschland verboten, dass Babies am Körper gehalten werden!

Zeigt man umgekehrt deutschen Müttern Videoaufnahmen von kamerunischen Dorfbewohnerinnen, so finden auch sie manches nicht „richtig“: Die Frauen kommunizierten viel zu wenig „direkt“ mit den Babies, sie wären oft „mit dem Kopf woanders“, und sie redeten kaum mit den Kindern…

In der kulturvergleichenden Forschung konnten so zwei sehr unterschiedliche “Erziehungsmuster“ herausgearbeitet werden:

In dörflichen, auf starken sozialen Zusammenhalt und wechselseitige Abhängigkeit im Gruppenverband ausgerichteten Gesellschaften werden Kinder nach einem „interdependenten“, also auf wechselseitigen Austausch ausgerichteten Muster erzogen. In den urbanen, individualistischen Gesellschaften des Westens dagegen folgt die Erziehung einem „independenten“, also auf individuelle Unabhängigkeit gerichteten Muster.

Wertebildung im Alltag

Der tägliche Umgang mit dem Säugling spiegelt diese unterschiedlichen Sozialisationsziele wieder:

  • Der „interdependete“ Erziehungsstil ist geprägt von Körperkontakt, Rücksicht auf die körperlichen Bedürfnisse des Kindes und von einer prompten Reaktion auf negative Emotionen des Kindes (etwa Schreien)
  • Der „independente“ Erziehungsstil dagegen setzt auf viel Blick-Kontakt, prompte Verstärkung positiver Emotionen (etwa Lächeln), den zielgerichteten Einsatz von Spielzeug, sprachliche Förderung und ungeteilte Aufmerksamkeit dem Kind gegenüber.

Der unterschiedliche Umgang mit dem Säugling spiegelt sich in dessen emotionaler und sozialer Entwicklung wider. So entwickelten in einer Vergleichsstudie die Kinder aus Deutschland ihr „Ich-Bewusstsein“ deutlich früher als ihre kamerunischen Kinder-Kollegen. Auch im Bindungsverhalten zeigen sich erhebliche Unterschiede: während das Bindungssystem deutscher Kinder zumeist „monotrop“, also auf eine dominierende Bindungsperson ausgerichtet ist, sind die „inneren Sicherheiten“ der kamerunischen Kinder eher „polytrop“, also auch auf andere vertraute Bindungspersonen ausgerichtet. Auch bestehen schon im Säuglingsalter deutliche Unterschiede im „Gefühlshaushalt“ der Kinder.

Zusammenfassung: Welche emotionalen und sozialen Entwicklungswege Kinder einschlagen hat auch etwas mit dem „ganz normalen“ Umgang zu tun, den das Baby tagtäglich erfährt. Diese sehr frühe emotionale Prägung hat sehr wohl etwas mit „Werten“ zu tun – sie beeinflusst mit, was Kinder auf ihrem Lebensweg als „wertvoll“, wichtig und „lohnend“ empfinden. Ein großer Teil dieser kulturell vermittelten Werte ist Eltern nicht bewusst, und stellt sozusagen einen „geheimen Werte-Lehrplan“ dar. Die Forschung findet aber immer mehr Hinweise, dass dieser „geheime Lehrplan“ in viele Domänen der Entwicklung mit hinein spielt, und unter anderem unser „Lebensgefühl“ (die Welt als „gebender“ oder als eher bedrohlicher Ort), unsere soziale Orientierung (Individualismus oder Gemeinsinn), unsere Resilienz (Krisenfestigkeit) und möglicherweise auch unsere Paarbindungs- strategien als Erwachsene mit beeinflussen.

Dieser Beitrag beruht auf dem Buch des Kinderarztes und Wissenschaftlers Dr. Herbert Renz-Polster: „Kinder verstehen. Born to be wild - wie die Evolution unsere Kinder prägt". Es beschreibt die Entwicklung der Kinder aus dem Blickwinkel der evolutionären Verhaltensforschung.
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