Artikel6. Juni 2018

Jungs und Mädchen spielen unterschiedlich. Steckt das in ihren Anlagen – oder ist das anerzogen?

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern aus Sicht der evolutionären Verhaltensforschung

Jungen und Mädchen spielen teils ähnliche Spiele, manche aber sind unterschiedlich – auch heute noch. Wir streiten dann darüber, ob die Unterschiede Kultur- bzw. Erziehungseffekt widerspiegeln, oder ob hierbei auch die Anlagen der Kinder ein Wörtchen mitreden. Was ist dazu aus Sicht der menschlichen Verhaltensforschung zu sagen?

Zum einen natürlich das: warum soll uns das überraschen? Aus Sicht der Evolution nehmen Männer und Frauen ja durchaus unterschiedliche Lebensaufgaben wahr (es waren beispielsweise immer die Frauen, die den Nachwuchs bekamen und zumindest am Lebensanfang auch ernährten). Kein Wunder, dass die Entwicklung von Jungs und Mädchen teilweise unterschiedlich verläuft – in ihrer Entwicklung bereiten sich Jungs und Mädchen ja auch auf die im arttypischen Kontext zu erwartendenteren Lebensaufgaben vor. Die Geschlechter sind aus evolutionärer Sicht deshalb tatsächlich auf teilweise unterschiedliche Herausforderungen spezialisiert. Kein Wunder, dass sie sich nicht nur unterhalb des Halses, sondern auch oberhalb des Halses unterscheiden, wie der US-amerikanische Psychologe Steve Pinker einmal gesagt hat.

Diese Unterschiede bestehen von Anfang an. Keiner hat das besser herausgearbeitet als der englische Psychologe Simon Baron-Cohen, der bei seinen Forschungen schon an Neugeborenen klare Unterschiede im Verhalten zwischen den Geschlechtern festgestellt hat (wen das interessiert, hier ein Interview mit Baron-Cohen)

So weit, so banal. Aber aus Sicht der Evolution bleibt da die Diskussion nicht stehen – die „Geschlechterdebatte“ verlief ja oft deshalb so wenig fruchtbar, weil sie gerade das tat. Ja, Jungs sind anders als Mädchen – aber was bedeutet das? Heisst das, dass Jungs und Mädchen auf bestimmte Rollen festgelegt sind?

Aus evolutionärer Sicht ist das zu verneinen. Der Entwicklungsweg von Mädchen und Jungs ist aus Sicht der Evolution zwar biologisch beeinflusst, aber nicht biologisch determiniert. Und zwar aus mehreren Gründen:

Erstens. Menschen sind in allen möglichen Verhaltensbereichen unterschiedlich. Die einen sind introvertiert, die anderen extrovertiert, die einen schüchtern, die anderen sind Draufgänger. Zwischen diesen Verhaltensextremen aber liegen immer fließende Übergänge. Die meisten Menschen sind eben KEINE besonderen Draufgänger und sie sind auch nicht besonders schüchtern – sie liegen irgendwo dazwischen. Das gilt auch für das geschlechtsspezifische Verhalten. Nicht jeder Junge zeigt das gleiche Maß an „männlichem“ Verhalten, und nicht jedes Mädchen das gleiche Maß an „weiblichem“ Verhalten – es gibt viele Jungen, die sich wie „typische Jungen“ verhalten, aber es gibt auch viele, die eben das nicht tun. Und die Verhaltensunterschiede innerhalb der Geschlechter (also von Mädchen zu Mädchen oder von Junge zu Junge) sind oft größer als die Unterschiede zwischen den Geschlechtern (also zwischen Jungen und Mädchen insgesamt). Aber wenn man die Geschlechter im Durchschnitt betrachtet, lassen sich Unterschiede schon erkennen: Jungs sind im Durchschnitt stärker an „Objektmanipulation“ interessiert (spielen mit Sachen), Mädchen an sozialen Spielen. Mädchen sind im Durchschnitt sprachlich kompetenter und einfühlsamer, Jungs im Durchschnitt körperlich aggressiver und grobmotorisch begabter. Jungs sind im Durchschnitt weniger „entwicklungsstabil“ (zu Deutsch, es gibt mehr Entwicklungsprobleme, und das auf allen Ebenen – körperlich, emotional, sprachlich, kognitiv …) als Mädchen, Mädchen sind im Durchschnitt „sozial treffsicherer“, also im Umgang mit anderen kompetenter. Aber, wie gesagt: all das sagt im Bezug auf das einzelne Kind noch nicht viel aus – es gibt Jungs, die sozial kompetenter, empathischer und feinmotorisch begabter sind als die meisten Mädchen, und umgekehrt… Die „typisch weiblichen“ und die „typisch männlichen“ Gehirnprozesse liegen sozusagen in jedem Gehirn in unterschiedlicher Ausprägung vor.

Zweitens. Aus Sicht der Evolution stellen die angeborenen Anlagen nichts anderes als eine Ausgangsbasis für weiteres Lernen dar. Dieses Lernen ist ja für Homo sapiens das wichtigste Werkzeug zum Überleben überhaupt – mit seinen Anlagen allein kommt er nicht weit! Nur indem er neue Verhaltensweisen entwickelt und erprobt, kann der Mensch in seiner immer wieder neuen und sich verändernden Umwelt klar kommen. Jeder Junge und jedes Mädchen dieser Erde lernt ständig neue Verhaltensweisen, und das gilt auch für ihr Verhalten als „typischer Junge“ oder „typisches Mädchen“ – das wird mit jeder Generation und mit jedem kulturellen Wandel neu definiert. Selbst ursprüngliche Kulturen unterscheiden sich stark in ihrer Einschätzung, welche Rolle ein „typischer Mann“ zu spielen hat (in manchen Stämmen etwa sind Väter stark an der Säuglingspflege beteiligt, in anderen überhaupt nicht). Und noch vor 50 Jahren galt ein Mann, der einen Kinderwagen schob, als armer Schlappschwanz…

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Wie „frei“ sind Kinder bei der Definition ihrer Geschlechterrolle? Wie ergebnisoffen ist das geschlechtsspezifische Lernen? Nicht so frei, wie manche Theoretiker der Gender-Forschung das annehmen. Ein Kern unserer Verhaltensweisen lässt sich nicht durch kulturelles Lernen ausradieren. Denn auch beim kulturellen Lernen bestimmen unsere Anlagen mit. Manche Lernschritte fallen dem einen Geschlecht – im Durchschnitt – leichter als dem anderen. Jungen und Mädchen unterscheiden sich nun einmal auch in der Art, wie sie lernen und welche Lernziele ihnen attraktiv erscheinen. Es gibt keinen Beruf, den nur Mädchen oder den nur Jungs „können“ – und trotzdem ist es eine Utopie, dass wir einmal in allen Berufen ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis haben werden! Es wird immer so sein, dass manche Aufgaben einem durchschnittlichen männlichen Exemplar von Homo sapiens lohnender erscheinen als einem durchschnittlichen weiblichen Exemplar… Kurz: Das geschlechterspezifische Verhalten ist aus Sicht der Evolution weder festgelegt noch frei formbar.

Drittens. Welcher STATUS den Geschlechtern in einer Gesellschaft zugeschrieben wird, hat mit der Biologie nichts zu tun. In der menschlichen Geschichte, die ja zu 99% eine Geschichte hochmobiler, jagender und sammelnder Gruppen war, überwog ein egalitäres (gleichwürdiges) Geschlechtermodell. Das änderte sich schlagartig vor allem mit der Entwicklung von Herdenhaltung, welche die bisherige Arbeitsteilung komplett veränderte – es waren jetzt die Männer, die für den Schutz der Herden und die Ernährung der Sippe sorgten. Die Frauen (die jetzt zudem mit der Heirat ihre vertrauten familiären Bezüge verlassen mussten) wurden machtlos und auf ihre Mutterrolle reduziert. Auch heute hängt der Status der Frau in der Gesellschaft mit ihrer sozioökonomischen Rolle zusammen. Welche Rolle die Geschlechter in einer Gesellschaft spielen, ist keine Frage ihrer Biologie sondern tatsächlich eine Frage ihrer sozialen Macht bzw. Wahlmöglichkeiten.

Zurück zu den spielenden Kindern. Aus Sicht der Evolution muss man keine kalten Füße bekommen, wenn sich da uralte Muster zeigen. Jungs und Mädchen haben teilweise unterschiedliche Vorlieben und teilweise unterschiedliche Talente – sie spielen deshalb unterschiedliche Spiele. Und das sollen sie auch dürfen – ein Kind folgt beim Spielen einer inneren Agenda, nur so „funktioniert“ das Spielen überhaupt. Ja, unsere heutigen Jungen spielen (im Durchschnitt) wie Jungs schon immer gespielt haben, und Mädchen (im Durchschnitt) wie Mädchen schon immer gespielt haben. Welche Rolle sie später im Leben einnehmen, ist damit aber nicht vorgezeichnet – wir hätten sonst ja deutlich zu viele Feuerwehrleute und Polizisten (und wir hätten bestimmt auch mehr Nachwuchs, so viel wie junge Mädchen mit Puppen spielen…).

Auf dem Weg zu seiner Erwachsenenrolle wird das Kind noch vor vielen kulturelle Wegegabelungen stehen. Diese werden mit jeder Generation neu angelegt. In der Wahl der Richtung ist der sich entwickelnde Mensch nicht ganz frei, aber, wie gesagt, auch nicht ganz festgelegt. Solange das kindliche Lernumfeld offen und flexibel bleibt, können Kinder zwar nicht alle möglichen, aber eine breite Vielzahl an Rollen erlernen. Das gilt auch für ihre Geschlechterrollen.

Dieser Beitrag beruht auf dem Buch des Kinderarztes und Wissenschaftlers Dr. Herbert Renz-Polster: „Kinder verstehen. Born to be wild - wie die Evolution unsere Kinder prägt". Es beschreibt die Entwicklung der Kinder aus dem Blickwinkel der evolutionären Verhaltensforschung.
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1 Kommentar

  • Maria

    Schade eigentlich… mehr Müllmänner wie Müll wäre ne feine Sache