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Menschenkinder: Thesen

Die Erziehungsdiskussion dreht sich im Kreis − von weich zu hart, von hart zu weich, und die Experten scheinen immer gute Gründe zu haben für die nächste Runde. Und doch bleiben die alten Fragen im Grunde unbeantwortet.

Ich will mit dem Buch „Menschenkinder“ eine Diskussion anregen, damit wir da weiter kommen. Und deshalb hier ein paar Thesen anschlagen:

  • Erziehung – eine Spielwiese für Spekulanten! Immer neue Theorien erklären, wie Kinder am besten zu erziehen sind. Da ist nur ein Problem: Die Theorien ändern sich ständig – und sie widersprechen sich. Die Eltern stehen damit vor einer ernüchternden Tatsache: Ein guter Teil dessen, was über Kinder behauptet wird, ist reine Spekulation. Gut gemeint (meistens), aber trotzdem: Geschwätz!

 

  •  Neu Maß nehmen! Statt unsere Kinder nach immer neuen schicken Theorien tanzen zu lassen, sollten wir an den Kindern Maß nehmen. Auf ihrem langen Weg durch die Menschheitsgeschichte haben sie das herausgebildet, was es braucht, um erfolgreich groß zu werden. Statt hinter jedem Kind einen Tyrannen oder ein Förderprojekt zu sehen, sollten wir diese Stärken der Kinder zur Grundlage von Erziehung machen!

 

  •  … und ausmisten! Viele der heutigen pädagogischen Glaubenssätze erweisen sich aus evolutionärer Sicht als Ammenmärchen: dass kleine Kinder eimerweise Gemüse brauchen, um gesund aufzuwachsen, dass sie durch zu viel Kuscheln und Nähe »verwöhnt« werden, dass es bei den Zornanfällen um die Macht im Haus geht … oder dass die Pubertät eine hormonbedingte Betriebsstörung sei. Wie, bitteschön, hätten diese Gestörten es denn geschafft, unsere Vorfahren zu werden?

 

  •  Grenzen als Allzweckwaffe? Heute wird so getan, als bestehe Erziehung darin, gekonnt »Grenzen zu setzen«. Das ist einfältig. Wenn Kinder zu den gefürchteten Tyrannen werden, dann ist da mehr schief gelaufen, als dass jemand vergessen hat, die Spielregeln zu erklären. Da funktionieren die Beziehungen nicht. Und die sollen durch mehr Druck und mehr Autorität heil werden?

 

  •  Neuer Blick auf das Investitionsklima! Die Politik ist auf steigende Geburtenzahlen so scharf wie auf steigende Börsenkurse. Aber während sie das Investitionsklima für die Wirtschaft hegt und pflegt, kümmert sie sich wenig um das Klima dort, wo Kinder geboren und großgezogen werden. Doch auch Erziehung braucht eine solide Infrastruktur. Stromleitungen und Solarparks sind für die Zukunft wichtig – aber ohne die gelungene Entwicklung unserer Kinder: Viel Spaß damit!

 

  •  Kinder schützen – vor einem verstaubten Bildungsbegriff! Was unsere Bildungspolitiker als »frühe Bildung« verkaufen, stärkt unsere Kinder nicht, es schwächt sie. Der frühe Beginn mit formaler Bildung führt zu einem höheren Leistungspotenzial im späteren Leben? Es gibt keinen einzigen Beleg dafür, dass diese Behauptung stimmt. Aber es gibt gute Hinweise, dass ein solches Treibhausmodell von Förderung den Kindern schadet. Durch die pädagogische Mast, die wir nun immer früher beginnen wollen, werden die Kinder müde und resigniert!

 

  •  Bildung – mit welchem Ziel? Die Welt ist in keinem guten Zustand. Aber wir wissen angeblich genau, was wir unseren Kindern beibringen sollten. Wirklich? Schauen wir nur unsere »hochgebildeten« Eliten an: Sie sind mit Wissen und speziellen Fertigkeiten gut bestückt, in weiten Teilen aber sozial verwahrlost. (Wem das zu hart klingt, sollte die jüngste Finanzkrise studieren.) Wer eine bessere Welt will, muss unser gesellschaftliches Belohnungssystem hinterfragen!

 

  •  Die Pisa-Ranglisten in Ehren, aber seien wir realistisch, wenn wir uns Vorbilder nehmen – wer unsere Kleinen so erziehen will, wie chinesische Kinder erzogen werden, darf sich nicht wundern, wenn sie dann auch leben werden, wie chinesische Erwachsene leben. Gelobt sei, was die Kampfkraft der Kleinen für den globalisierten Markt stählt? Wie war das noch mal mit den humanistischen Werten des Abendlands?

 

  •  Leistung, Leistung, Leistung – was für eine tragische Entwicklung! Eine Generation, die zunehmend in den besten Lebensjahren mit Burn-out zu kämpfen hat, entwirft für ihre eigenen Kinder einen Lebensweg mit noch mehr Tempo, noch mehr Leistung, noch mehr »Förderung«. Sie funktioniert Kindergärten zu Schulen um, weil sie glaubt, Kinder, die früh Mathe lernen, seien schneller am Ziel. Moment einmal – an welchem Ziel?

 

  •  Zeit, uns neu zu besinnen! Wir sorgen uns im Zoo um das artgerechte Aufwachsen der Tiere. Es ist dringend geboten, dass wir die Frage nach der artgerechten Umwelt auch für die andere Seite der Gitterstäbe stellen: Welche Umwelt brauchen Kinder, um ihre menschlichen Potenziale zu entfalten? Welche Umwelt brauchen sie, damit sie mit ihren Anlagen und Stärken zum Zug kommen?

 

  •  Spiel ist Kinderrecht. Wir reden viel vom Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, aber zu wenig vom Spieldefizit-Syndrom. Die Kindheit ist keine Strecke, auf der sich Kinder für ihren Job warmlaufen. Sie ist eine Zeit, in der sich Kinder entwickeln. Dafür brauchen Kinder das Spiel – und zwar ihr eigenes Spiel, nicht das Spiel auf Klingeltonweite der Eltern. Selbst wenn die Unterhaltungsindustrie das anders sieht: Die Sternstunden der Kindheitlassen sich nicht kaufen oder buchen!

 

  •  Unser pädagogisch-paternalistisches Erziehungsmodell taugt nicht! Das Bild, nach dem wir Erwachsenen es sind, die unseren Kindern die Welt erklären und eröffnen, stimmt nicht. Kinder müssen sich die Welt auch selbst erklären und selbst öffnen. Hätten Kinder – und insbesondere die so gern gescholtenen Jugendlichen! – immer nur das getan, was ihre Eltern vorgeben, hätte die Menschheit womöglich nie das Feuer gezähmt. Vom Internet ganz zu schweigen. Lassen wir die Kinder über uns Großen hinauswachsen!

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