Kommentar7. Januar 2021

Train your baby like a dog – auf den Hund gekommen?

Dieser Tage lief in RTL die Erziehungssendung: Train you baby like a dog – Die Hund-Kind-Methode. „Was tun, wenn das Kind ständig schreit, die Familie auf Trab hält und andere ärgert? Hilfe kommt jetzt aus der modernen Hundeerziehung – die „positive Verstärkung“! In den USA und Großbritannien wird diese Methode bereits mit positiven Ergebnissen angewandt. In der neuen Doku hilft Hundetrainerin Aurea Verebes nun zwei deutschen Familien, die mit der Kindererziehung an ihre Grenzen geraten sind. Hat sie mir ihrer tiergestützten Methode Erfolg?“ So der Werbetext bei RTL.

Ich war auf das Schlimmste gefasst: Kommt jetzt Elternschule mit Hund? Sogar ein Klicker soll zum Einsatz kommen – eben wie bei Hund und Co. Kein Wunder war schon im Vorfeld Protest zu vernehmen, inklusive Verbotsforderungen per Unterschriftssammlung. (dort werden allerdings Fälle aus einer anderen Sendung gezeigt). Entsprechend gebannt saßen wir (meine Frau und unsere gerade enkelerziehenden Kinder) vor dem Apparat.

Ich kann beruhigen: mit „Elternschule“ hat diese Sendung nichts gemein. Gezeigt wurden zwei Familien, eine mit einem Kleinkind mit Einschlafschwierigkeiten (und Zahnputzschwierigkeiten), eine andere mit einem vielleicht 4-jährigen Kind in Beziehungsnot: immer schlecht drauf, haut das Geschwisterkind, macht, was sie will. Die Stimmung in der Bude entsprechend unter dem Gefrierpunkt.

Dann kommt die Hundetrainierin und macht alles wieder heile? Nein, so war es nicht, auch wenn das so natürlich suggeriert wurde.

Mein erster (und auch trotz recht scharfer Kritik aus den Besprechungen anhaltender) Eindruck: Erleichterung. Hier wird keine Gewalt angewendet, hier wird auch nicht einfach am Kind herumgeschraubt (was ich erwartet hatte). Im Mittelpunkt steht vielmehr die Eltern-Kind-Beziehung. Von wegen Konditionierung des Kindes. Ja, solche Versuche kommen auch vor, und sie sind dann ziemlich peinlich anzusehen, aber im großen Ganzen dominieren die Veränderungen von „Haltungen“.

Und das scheint dringend nötig. Die Familie mit dem schlafproblematischen Kleinkind hat tatsächlich schon probiert, das Kind einfach mal 3 Stunden durchschreien zu lassen, im Gitterbett. Die Hundetrainerin Aurea Verebes attestiert der kleinen Pia „panische Angst vor dem Bett“, sie rühre von „Trennungsstress“ her. Ich freue mich über die Diagnose, denn sie stimmt: die kleine Pia will zum Einschlafen mit ihrer Mama kuscheln. Also wird das Bett erst einmal ausrangiert. Pia bekommt eine neue Decke und die wird nun spielerisch positiv markiert…

Erhalte neue Beiträge per E-Mail

Und da beginnt dann gleich das erste Problem. Angeblich soll das einfach so laufen wie beim Hund. Der bekommt auf der Decke Leckerlis, fühlt sich wohl und sagt sich: diese Decke ist prima. So auch bei Pia. Sie bekommt, wenn sie auf der Decke ist – Himbeeren! Ja, was haben wir gelacht, aber wird sie wirklich wie ein Hund behandelt? Eindeutig nicht, denn in Wirklichkeit bekommt sie mit der Decke vor allem positive, freudige Interaktionen mit ihren Eltern. Ein Beziehungsangebot also – und damit genau das, was bisher rund um den Schlaf eher selten im Angebot war. Wenn also behauptet wird, man könne ein Kind erziehen wie einen Hund, dann zeigt Frau Verebes eigentlich auf Schritt und Tritt, dass das eigentlich gar nicht stimmt. Sie läuft in meinen Augen tatsächlich durch den Film und führt ihre eigenen Behauptungen ad absurdum. Immerhin macht sie das auf eine nette, zugewandte Art.

Denn schauen wir ihr zu, was sie (wie gesagt, sehr einfühlsam und authentisch) macht: sie „therapiert“ die Eltern. Macht ihnen zum Beispiel klar, warum das mit dem Zähneputzen nicht klappt. Warum das mit dem Gitterbett nicht klappt. Dass Kommunikation „Augenhöhe“ braucht. Sie macht den Eltern von Ayla mit Videoaufnahmen bewusst, in welcher Negativspirale die Beziehung zu ihrem Kind feststeckt. Es gehört für mich tatsächlich zu den stärksten Momenten in dem Film als die Mutter von Ayla (das ist das „unmögliche“ 4-jährige Mädchen) sagt, dass sie sich regelrecht schämt, diese Aufnahmen mit ihren beständigen negativen Kommentaren („Lass das“! Hör jetzt endlich!“ usw.) anzusehen. Ein Touch von Marte meo in einem Hundefilm? Da wird die Behauptung einer „Hund-Kind-Methode“ geradezu lächerlich (analysieren Hundeeltern die Beziehungsprobleme, die sie mit ihren Welpen haben?).

Dasselbe beim Zahnbürstenproblem. Die Protagonistin redet davon, sie habe die Zahnbürste jetzt „neu verknüpft“ – also mit positiver Verstärkung verknüpft. In Wirklichkeit hat sie das getan, was ich auch gemacht hätte, wenn ich gefragt worden wäre: sie hat einfach den Zwang und Stress rausgenommen und gute Stimmung rund ums Zähneputzen geschaffen. Man muss sich da nicht irgendeinen Hunderfirlefanz vormachen.

Und einen Klicker schon gar nicht. Ja, der kommt auch mal vor, und man fragt sich dann tatsächlich: gehts noch? Denn was man gleichzeitig beobachten kann, ist etwas anderes: Das, auf was es dem Kind ankommt, und was es dann auch teilweise „kooperieren“ lässt, ist nicht irgendein mechanisches Geklicke oder die Himbeeren, die es bekommt – sondern ein Beziehungsangebot: Mir ist es ernst mit Dir, ich will, dass wir es gut haben. Wir wollen es besser hinkriegen, ja?

Die Diagnosen des begleitenden Kinderpsychologen Dr. Hüllemann, finde ich richtig – er diagnostiziert bei Ayla etwa, ihre Bedürfnisse nach Erkannt- und Beachtetwerden seien nicht erfüllt. Ja, so scheint mir das auch. Und frage mich deshalb umso mehr, was nun das Hundegedöns soll (zu dem sagt er nichts). Vielleicht hat die Hundemasche ja eine Rolle in der „Übersetzung“ für die Eltern: seht Euch mal die Körpersprache Eures Kindes an – Dein Kind ist gestresst, oder abwesend. Ja gut, aber daraus dann eine Theorie zu machen, nach der angeblich alle Säugetiergehirne nach den gleichen Prinzipien funktionieren?

Das ist einfach ein Missverständnis. Ja, manche Reiz-Reaktions-Schablonen wirken speziesübergreifend. Aber es gibt eben auch speziesspezifische Lernprinzipien – bei einem Menschenkind etwa stellt sich eine „Verstärkung“ nicht einfach ein, weil ein Lekkerli kommt. Vielmehr kommt es ganz entscheidend auf den passenden Beziehungskontext an: werde ich gesehen, werde ich erkannt, werden meine Bedürfnisse wahrgenommen? Also: Kommt die Liebe meiner Eltern bei mir an? Wie komplex und „beziehungsabhängig“ diese Wege sind, zeigen die Einschlafszenen in dem Film: die Hundetrainerin empfiehlt Körpermassagen mit einem Öl, damit Pia sich wohlfühlt und in den Schlaf findet. Habe ich bei Hunden jetzt so noch nicht erlebt 😉

Zudem – und da wird es dann vielleicht fast schon zu philosophisch für einen solchen an Zähneputzproblemen und Schlafproblemen aufgehängten Film – unterscheiden sich die Erziehungsziele zwischen Mensch und Hund diametral: Der Hund wird sein ganzes Leben in kompletter »hündischer« Abhängigkeit von seinem Besitzer verbringen – das liegt in seiner Natur, und es ist die Voraussetzung für sein Überleben: wehe ein Hund versucht Probleme selbst zu lösen oder anders als ihm aufgetragen. Entsprechend setzt die Hundeerziehung darauf, Verhalten innerhalb einer bestimmten Bahn zu steuern. Die Erziehung des Menschenkindes aber zielt in eine ganz andere Richtung. Sie muss inneres Wachstum ermöglichen, Selbstbewusstsein, Verantwortungsfähigkeit und Einsicht. Menschenkinder MÜSSEN selbstständig werden. Hunde DÜRFEN NICHT selbstständig werden. Anders gesagt: Kinder müssen einmal in der Lage sein, nach ihrer eigenen „Schnauze“ zu leben. Für Hunde wäre das der sichere Weg unter das nächste Auto.

Insofern wird in dem Film tatsächlich eine falsche Fährte ausgelegt. Gleichzeitig aber bekommen die betroffenen Familien (übrigens alle Achtung an diese Familien für ihre Offenheit, ihre Probleme zu schildern und anzugehen, Danke!) so viele, wie ich finde, positive und „richtige“ Anregungen, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass da nachher jemand längerfristig mit einem Klicker rumfuchtelt. Und auch das mit dem Schlafen wird glaube ich besser klappen – wenn auch anders als geplant. Wird die kleine Pia jetzt in ihrem zu einer Schlafhöhle umgebauten Gitterbett durchschlafen und also das „Ziel“ erreicht sein, dass sie nicht mehr im Elternbett schläft? Hmmm. Vorher wird die Mama mit einem krummen Rücken beim Orthopäden landen und sich sagen: das kriegen wir auch einfacher hin. ABER: auch wenn die Familie ihr „Ziel“ nicht erreicht hat, glaube ich, dass sie jetzt anders auf das „Schlafproblem“ ihrer Tochter blickt als vorher. Und das finde ich das Positive an dem Film. Andere Eltern landen bei „Elternschule“-Methoden.

Insofern kommt es in der Bewertung dieses Filmes für mich darauf an, was die Eltern aus den Erfahrungen mit der Hundetrainerin machen. Ich bin der festen Überzeugung, dass sie ihnen mit ihrer verständigen, positiven und ja, liebevollen Art und auch mit einem Teil ihrer Erklärungen vermitteln konnte, wie es sich mit Kindern freudvoller und entspannter leben lässt. Das liegt nicht an ihrer Hunde-Theorie im Gepäck, sondern an ihrer Persönlichkeit. Und ich glaube auch (hoffe es zumindest ;-), dass es das ist, was bei den meisten Zuschauer zurückbleibt: In den Familien hat sich etwas getan – trotz Hundefirlefanz.

Der Autor: Dr. med. Herbert Renz-Polster, geb. 1960, beschäftigt sich als Kinderarzt und Wissenschaftler seit langem mit der kindlichen Entwicklung und Gesundheit. Forschungstätigkeit im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung zunächst in den USA, dann am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Herausgeber und Autor diverser studentischer und ärztlicher Lehr- und Fachbücher. Einem breiten Publikum bekannt durch mehrere Sachbücher, u.a. das Standardwerk „Gesundheit für Kinder" und „Kinder verstehen - born to be wild!". Er hat 4 Kinder und lebt mit seiner Frau in der Nähe von Ravensburg.

16 Kommentare

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass bestimmte Kommentare erst manuell freigeschaltet werden müssen (z. B. wenn Sie einen Link teilen).

  • ama

    UFF! Gerade noch mal davongekommen.

    Die Zahl der „Hundetrainer“-Sendungen war so explodiert, daß man um den Verstand der Bevölkerung fürchten mußte. Man darf ja nicht vergessen: Egal wie hirnrissig der Inhalt einer Fernsehsendung ist, es gibt mindestens Einen, der den Inhalt nachmacht und weiterträgt. Ein besonders krasses Beispiel: die Filme mit Nasenringen.

    Das Fernsehen hat eine formende Kraft. Die reicht von Volksverhetzung (egal wie subtil) bis zum nackten Ausleben von Gewalt – ganz einfach durch die permanente Wiederholung immer des gleichen Schemas (egal welches).

    Selbst so etwas Primitives wie die mit dem Hintern in den Kniekehlen (oder tiefer) hängenden Hosen (und nein, NICHT für Kinder, sondern junge Erwachsene) hat sich durchgesetzt. Und hat bleibende Folgen. Dieser Tage sah ich in der Stadt einen Mann von etwa 60 Jahren, dessen Hosenbeine am unteren Ende so weit unter die Schuhe reichten, daß die unteren 2 bis 3 cm völlig zerfranst waren, so oft muß er darauf herumgetreten sein. Der Hosenboden? Halbmast.

    Leider werden die Sender nicht zur Verantwortung gezogen. Es ist dringend notwendig! Es ist ja nicht so, daß man den Fernseher abschalten kann und sagt „Nicht bei uns!“, und damit wäre die Gefahr gebannt. Es ist die Umwelt, es sind DIE ANDEREN, die vom Fernsehen geprägt werden, DIE üben dann die Verstärkung auf die anderen Menschen um sie herum aus. Nachbarschaft, Schule, Vereine, was auch immer – alle üben sie eine barbarische Gewalt aus, und sei es auch nur durch ihre Anwesenheit.

    Es gibt mehrere Familien, die auf eine Weltreise gingen, ihre Kinder mitnahmen und dort (isoliert vom deutschen Fernsehschwachsinn) aufzogen. Mit dem Fahrrad, dem Campingbus oder dem Segelboot ging es los. Kamen sie zurück, dann weil die Kinder in die Schule oder in die Ausbildung in einen Beruf mußten. Die Biographien dieser Familien sind sehr interessant. Die Kinder? Sind Wesen von einem anderen Stern.

  • Matthias Schmid

    Danke Herbert Renz-Polster für die offene und objektive Betrachtung und ihre Analyse zur Sendung.

    Ich lese daraus dass die Herangehensweise wie auch die Ursachenforschung durch die Hundetrainerin Aure Verebes in grossen Teilen ihrem Vorgehen und ihren Analysen entspricht und so als von ihnen gut befunden wird.

    Ich bin selber auch Hundetrainer und zähle mich ebenfalls wie Aurea Verebes zu den modernen und wissenschaftlich basierten Trainer, welche das Training mit Hunden und das Coaching der Hundehalter tatsächlich nach diesen im RTL Beitrag gezeigten Methodik und Überlegungen gestaltet und Menschen schult und massgebend diese sensibilisiert und begleitet und auch dem Wesen Hund auf Augenhöhe begegnet. Und das sehr erfolgreich weil die Ähnlichkeiten von Mensch / Kind und Hund tatsächlich fast identisch sind.
    Es ist zu hoffen, dass diese Art „Hundetraining“ mehr Platz und Raum in den Medien findet und ein allgemeines grösseres Umdenken in der Hundeszene stattfinden wird, was wohl nicht zu letzt auch eine Motivation von Aurea Verebes war in diesem RTL Format mitzuwirken.

  • Katrin Schuster

    Auch von mir ein Dankeschön an Ihre fachliche Einschätzung. Und in dem Zuge schliesse ich mich direkt meinem Vorredner an! Es betrübt mich zu sehen, wie verklärt das Verständnis zur modernen Hundeerziehung ist. Denn die Unterschiede sind nicht so frappierend, wie sie sie vermuten.

    Hunde gehen oft eine sehr starke emotionale Bindung zu ihren Menschen ein, die nicht mit etwas Klickern und Leckerlis erreicht werden kann. Die Bedürfnisse der Hunde zu erkennen und sie zu erfüllen, ihnen Raum für die eigene Entwicklung zu geben ist genauso wichtig wie bei Kindern bis etwa zum 4. Lebensjahr.
    Darüber hinaus haben Sie natürlich recht, Hunde sollen unselbstständig bleiben zumindest bis zu einem gewissen Grad, die Kinder sollen sich irgendwann von ihren Eltern lösen.
    Doch bis dahin ist die Entwicklung recht ähnlich. Soweit es möglich ist sollten wir den Hunden Raum geben um sich und die Umwelt zu entdecken. Es gibt aber eben auch Themen die „trainiert“ werden müssen, beispielsweise medizinische Aktionen oder Pflegemassnahmen, die von Hunden genausowenig geschätzt werden wie von Kindern.

    Das Einschlafritual, das die Kollegin Aurea Verebes bei dem Kleindind erarbeitet hat und die Verknüpfung positiver Interaktionen mit der Decke entspricht exakt meinem Vorgehen bei Hunden. Anfangs bilden Leckerlis teilweise einen ersten Einstieg, aber schon bald stehen die positiv gefärbte Interaktion, Zuwendung und der achtsame Umgang miteinander im Vordergrund.
    Das „Zubettgeh-Ritual“ meines neuen Hundes, den ich aus dritter Hand übernommen hatte, sah sehr ähnlich aus, wie dies mit der kleinen erarbeitet wurde. Entspannung schaffen durch Körperkontakt, Lavendelgeruch und Entspannungsmusik, um Trennungsstress vorzubeugen, der sehr leicht auslösbar war. Die erste Zeit war ich bis zu einer Stunde mit ihm an seinem Bettchen gelegen, damit er sich entspannen kann und danach auch ohne mich zurecht kommt.

    Aurea Verebes hat mit den Kindern in der Sendung genauso gearbeitet, wie sie es auch mit Hunden tut und wie es viele ihrer Kollegen inzwischen umzusetzen verstehen. Angepasst an die Bedürfnisse des Individuums und an die Fähigkeiten des jungen Menschens.

    Ich freue mich sehr, das hierdurch eventuell einige Augen geöffnet werden und der Blick auf Techniken in der Hundeerziehung neu kalibiert wird.

    Herzlichst, Katrin Schuster
    Tierpsychologin

  • Katharina

    Vielen Dank für den neutralen Kommentar unabhängig von dem ersten Empörungsschock! Sehr unaufgeregt und zugewandt geschrieben.

    Aus Hundetrainersicht nur die Ergänzung, dass die Strömung des Hundetrainings aus der Aurea und auch ich stammen tatsächlich so mit Hunden umgeht und so trainiert, wie in der Sendung vorgestellt.

  • Julia

    Über den Titel der Sendung war ich auch erschrocken und gespannt, was da auf uns zu kommt.
    Insgesamt war ich aber positiver überrascht, als ich das als Hundetrainerin erwartet hatte.
    Zu Ihren Äußerungen möchte ich Folgendes anmerken und „richtigstellen“:

    „analysieren Hundeeltern die Beziehungsprobleme, die sie mit ihren Welpen haben?). “
    Ja! Vielleicht nicht alle Hunde-oder Welpenbesitzer, aber Hundetrainer werfen genau darauf einen Blick,
    denn eine vertrauensvolle, stabile Beziehung ist für Welpen + Hunde eine wichtige Vorraussetzung
    für ein entspanntes Zusammenleben mit dem Menschen und dessen Erziehung.

    „In Wirklichkeit hat sie das getan, was ich auch gemacht hätte, wenn ich gefragt worden wäre: sie hat einfach den Zwang und Stress rausgenommen und gute Stimmung rund ums Zähneputzen geschaffen. Man muss sich da nicht irgendeinen Hunderfirlefanz vormachen.“

    Das ist kein Hundefirlefanz, sondern eine „Methode“, (wenn man es so nennen möchte), die Sie genau so oder ähnlich auch gewählt hätten:
    Stress rausnehmen, Situation neu und positiv besetzen, neue und positive Verknüpfungen herstellen,
    dadurch Angst nehmen und langsam schrittweise neu zusammen ! angehen.
    Das ist in angstbesetzten Situationen bei Hunden eine gute Idee, schafft Vertrauen und wirkt sich somit u.a. auch positiv auf die Beziehung zwischen Hund und Mensch aus.

    „Die Diagnosen des begleitenden Kinderpsychologen Dr. Hüllemann, finde ich richtig – er diagnostiziert bei Ayla etwa, ihre Bedürfnisse nach Erkannt- und Beachtetwerden seien nicht erfüllt. Ja, so scheint mir das auch. Und frage mich deshalb umso mehr, was nun das Hundegedöns soll (zu dem sagt er nichts). “

    Wie gesagt, das ist kein Hundegedöns sondern folgt Verhaltensbiologischen Erkenntnissen bei Hunden/Säugetieren.
    Dass der Kinderpsychologe sich nicht zu Hundegedöns äußert, kann ich nachvollziehen, da er sich zu dem äußert,
    auf dessen Gebiet ER Fachmann ist.
    Was er sagt, kann ich auch nachvollziehen, obwohl ich auf dem Gebiet kein Fachmann bin.

    „Ja gut, aber daraus dann eine Theorie zu machen, nach der angeblich alle Säugetiergehirne nach den gleichen Prinzipien funktionieren?“

    Ja, genau. Da hat die Trainerin tatsächlich Recht. Dass unsere „Gehirne“, also die von Säugetieren im Prinzip
    gleich funktionieren , ist wissenschaftlich und durch etliche Studien (weltweit) schon länger festgestellt worden.
    Inzwischen wird „die Intelligenz“ oder sagen wir, die Gehirnfunktion- und Leistung von Hunden gleichgesetzt/verglichen mit dem Stand von ca. 2-3 jährigen Kindern. Tatsächlich!
    Das bezieht sich auf viele Gehirnleistungen, wie etwas die Konditionierung oder auch das Meideverhalten.
    Vermutlich entstammt genau daher die Idee, das Training „aus der Welt der Hunde“ auf Kinder zu übertragen.

    „Also: Kommt die Liebe meiner Eltern bei mir an? Wie komplex und „beziehungsabhängig“ diese Wege sind, zeigen die Einschlafszenen in dem Film: die Hundetrainerin empfiehlt Körpermassagen mit einem Öl, damit Pia sich wohlfühlt und in den Schlaf findet. Habe ich bei Hunden jetzt so noch nicht erlebt 😉“

    Doch, doch… Auch das kann eine sehr gute Übung sein, Hunde zu beruhigen, Vertrauen zu schaffen u.v.m.
    Das gibt es auch tatsächlich als „Methode“ bei u.a. Hunden, ähnlich wie man (soweit ich weiß) es bei Kindern macht
    z.B das Pucken. Dazu gibt es in der „Hundewelt“ sogar einige Hilfsmittel wie Thundershirt,
    Bandagetechnicken, Massagetechniken, Tellington-Touch und einiges mehr.

    „Überleben: wehe ein Hund versucht Probleme selbst zu lösen oder anders als ihm aufgetragen. Entsprechend setzt die Hundeerziehung darauf, Verhalten innerhalb einer bestimmten Bahn zu steuern. “

    Kann man pauschal nicht so ganz sagen. Ist aber auch nicht ganz falsch.
    Vieles macht „der Hund“ selbstbestimmt, je nach Rasse, auch ohne es in bestimmte Bahnen zu lenken.
    s.u.

    „Die Erziehung des Menschenkindes aber zielt in eine ganz andere Richtung. Sie muss inneres Wachstum ermöglichen, Selbstbewusstsein, Verantwortungsfähigkeit und Einsicht. Menschenkinder MÜSSEN selbstständig werden. Hunde DÜRFEN NICHT selbstständig werden. “

    Es gibt viele Hunde, die müssen sogar „aufgrund ihres Jobs“ selbstständig agieren:
    Rettungshunde, Diensthunde, Wachhunde, Herdenschutzhunde, Diabetikerwarnhunde,
    Hütehunde, Blindenhunde u.v.m.
    Natürlich haben die meisten dazu eine Anleitung/Ausbildung durch den Menschen erfahren;
    aber das ist ja auch wieder ähnlich bei den Kindern:
    Kinder müssen selbstständiges agieren und entscheiden lernen.
    Haben sie Eltern, die ihnen immer alles abnehmen, wäre das sicher für die Kinder nicht förderlich
    und machte sie eher unsicher und unselbstständig.

    „Anders gesagt: Kinder müssen einmal in der Lage sein, nach ihrer eigenen „Schnauze“ zu leben.
    Für Hunde wäre das der sichere Weg unter das nächste Auto.“

    Das kann man so auch nicht pauschal sagen. Es gibt z.B. Straßenhunde in vielen südl. Ländern,
    die ohne Anleitung durch den Mensch gelernt haben, nicht unter ein Auto zu geraten.
    Selbst Wölfe können diese Gefahr erkennen, vermeiden und an ihre Jungtiere weitergeben.

    „Ich bin der festen Überzeugung, dass sie ihnen mit ihrer verständigen, positiven und ja, liebevollen Art und auch mit einem Teil ihrer Erklärungen vermitteln konnte, wie es sich mit Kindern freudvoller und entspannter leben lässt. Das liegt nicht an ihrer Hunde-Theorie im Gepäck, sondern an ihrer Persönlichkeit. “

    Da widerspreche ich: es liegt auch an der „Hunde-Theorie im Gepäck“ und diversen fachlichen Erkenntnissen,
    die sie teils auch erklärt. Ja, sie macht es ganz nett und freundlich und genau das, ist bei sehr vielen
    „Hundebsitzern“ und ihren Vierbeinern auch ein ganz guter Ansatz:
    positiv, fröhlich und entspannt.
    Das Prinziep ist tatsächlich sehr ähnlich und stellenweise gleich:
    Hunde lernen viel lieber, nachhaltiger und enstspannter durch Belohnung als durch Strafe/Meideverhalten.
    Das ist inzwischen (auch seit Jahren zum Glück) z.B. auch bei der Ausbildung von Diensthunden der Polizei angekommen:
    Die Welpen werden mit viel Freude und Belohnung „ausgebildet“.
    Das war vor Jahren noch ganz anders: Drill. Zwang. Strafen. Meideverhalten.

    Natürlich lernen beide auch durch Meideverhalten (das wurde auch erklärt):
    Ein Hund, der vor ein Auto läuft und sich verletzt, wird es so bald oder nie wieder tun.
    Ein Kind, das sich an der heißen Herdpaltte verbrennt, wird es so bald oder auch nicht wieder tun.

    Beide, verantwortungsvolle Eltern und Hundebesitzer werden versuchen „ihren Schützling“ davor zu bewahren,
    was aber nicht gänzlich bedeutet, dass ich – sowohl als Eltern als auch als Welpenbesitzer- mein Schützling vor allen negativen
    Einflüssen, Folgen und Entscheidungen bewahren kann und sollte.

    Es gibt also schon immer wieder einige Parallelen, die man nicht ganz von der Hand weisen kann.

    „Und ich glaube auch (hoffe es zumindest ;-), dass es das ist, was bei den meisten Zuschauer zurückbleibt: In den Familien hat sich etwas getan – trotz Hundefirlefanz.“

    Nee, auch wegen. 🙂
    Aber das ist egal, wie man es nennt. Und nicht nur das Ergebnis zählt, sondern vielmehr:
    Hauptsache es ist wird gerecht (beim Hund artgerecht) und verständlich mit dem Kind
    umgegangen und kommuniziert.

    Das schien hier doch insgesamt noch der Fall gewesen zu sein.
    Ich hatte Schlimmeres befürchtet, denn auch in der Hundeerziehung läuft nicht alles
    „artgerecht“ und für den Hund verständlich ab.

    Viele Grüße
    Julia

  • Caroline Keeling

    Ha, ich kannte die Anthromorphisierung («Der weiss genau, dass er das nicht darf, schau er hat ein schlechtes Gewissen! » ) von Hunden durch den Menschen, aber nicht die …Kynomorphisierung (?) von Menschenkindern durch den erwachsenen Menschen!
    Aber eine Gegenüberstellung der historisch gewachsenen ineffizienten Methoden in der Hunde- und Kindererziehung ist schon interessant. Z.B. während viele Kinder zur Sauberkeitserziehung ewig auf dem Töpfchen sitzen mussten/müssen so wurden/werden viele Hundekinder zur Erlangung der Stubenreinheit mit der Nase in ihre eigenen Exkremente gedrückt.
    Gut nur, dass Hunde nicht wählen gehen und keine leitenden Funktionen in unserer Gesellschaft einnehmen wenn sie gross sind :-).
    Was ich schön gefunden hätte:
    Wenn man nicht nach direkten Ähnlichkeiten im Umgang mit Hunden und Menschenkindern gesucht hätte, bzw. einfach vom Hund auf das Kind übertragen hätte, sondern auf das wünschenswerte GEMEINSAME KONZEPT aufmerksam gemacht hätte.

    Sowohl beim Canis lupus familliaris, als auch beim juvenilen homo sapiens lohnt sich der Blick auf die Entwicklungsgeschichte, auf die evolutionär bedingten Bedürfnisse und Funktionsweisen. Wölfe wie Hunde leben in recht strengen Hierarchien (etwas das wir als Menschen möglichst nicht wollen, hoffentlich, ausser vielleicht im Militär). Wenn der Hund in der Beziehung mit dem Menschen die Rolle des Dominanten einnimmt, weil der Mensch z.B. von sich auf den Hund schliesst, dann ist das nur zu oft die Eintrittskarte ins Tierheim (z.B. wenn Herrchen das Sofa räumen muss weil der Hund die Zähne fletscht). Aber natürlich geht das elegant, ohne Gewalt und Druck. Mit Wissen, Beobachtungsgabe, Wohlwollen und Geduld (bei manchen Rassen einfacher als bei anderen, es gibt tatsächlich Rassen wie Herdenschutzhunde die während ihres Domestikationsprozesses auf selbständiges Handeln selektiert wurden, daher oft als « schwer erziehbar » gelten und demensprechend trifft man viele im Hundeheim).

    • Piri

      Verstehe ich Ihren Kommentar richtig, dass Sie darlegen möchten, dass Hunde und Wölfe nicht in einem Familienverband leben ähnlich wie wir Menschen? Und das Dominanz eine Charaktereigenschaft sei?

    • Katrin Schuster

      Kleine Anmerkungen zu Ihren Gedanken.
      “ sondern auf das wünschenswerte GEMEINSAME KONZEPT aufmerksam gemacht hätte“
      Das wäre sicher auch eine Idee, da haben Sie Recht. 🙂

      „Wölfe wie Hunde leben in recht strengen Hierarchien (etwas das wir als Menschen möglichst nicht wollen, hoffentlich, ausser vielleicht im Militär).“

      Bei Wölfen ist diese strenge Hirarchie deutlich weniger streng als gemeinhin angenommen. Wölfe sind sehr tolerant, wie einige neuere Studien aus den letzten Jahrzehnten zeigen. Die strenge Hirarchie enspricht soweit ich das richtig in Erinnerung habe eher der Natur des Menschen, die sich aber ja auch zu wandeln scheint.
      Hunde sind zwar tendenziell weniger tolerant gegenüber ihren Artgenossen und neigen gegenüber ihren Artgenossen dazu eher strenge Hierarchien auszubauen als Wölfe. Gegenüber dem Menschen zeigen sie allerdings höchst selten die Tendenz sich zu profilieren. Das sind absolute Ausnahmen, auch und gerade bei Herdenschutzhunden.
      Die meisten Aggressionsprobleme rühren daher, dass Menschen einseitig kommunizieren, die Signale des Gegenübers nicht verstehen und beachten. Diese Missverständnisse können sich immer weiter hochschrauben, bis es eskaliert. Ganz ähnlich wie in den Menschenfamilien mit Kindern, wie ja eindrücklich zu sehen war.

      Diese Sendung trägt möglicherweise dazu bei, diese inzwischen ebenfalls veralteten Erziehungskonzepte bei Hunden wieder zu hinterfragen und eine neue Orientierung zu ermöglichen.

      Übrigens ist ein gesunder Anthromorphisierung bis zu einem gewissen Grad durchaus angebracht. Emotionen wurden Tieren lange Zeit abgesprochen und mussten wohl erst wissenschaftlich belegt werden um breite Akzeptanz zu finden. Viele Ausdruckssignale von verschiedenen Tierarten ähneln sich bei genauerem Hinsehen sehr deutlich, da ist der Mensch nicht ausgeschlossen. Vor allem gut zu sehen ist das in der Körpersprache, wenn das zugrundeliegende Konzept verstanden wird.
      Ethologische Studien die das Verhalten verschiedener Tierarten vergleichen bringen hier sehr aufschlussreiche Ideen und Gedanken ein, die zwar natürlich eine Trennung von Menschen und anderen Tieren aufdecken im Sinne von Speziesspeziefischen Verhaltensweisen. Doch die Grundfeste sind überall die gleichen.

      Es könnte Sinn machen die Kenntnisse aus der Humanpsychologie und die aus der Tierpychologie zu verknüpfen und zu prüfen, wo beide voneinander profitieren könnten :-). Ich fände diesen Ansatz auf jeden Fall sehr spannend!

      • Caroline Keeling

        Hallo Frau Schuster,

        Ich will Ihnen da beipflichten, einen überlegten Anthropomorphismus finde ich auch wichtig, zB. Was Basisemotionen angeht.

        OK, mich beschleicht das Gefühl ich hab mich als eine Art Hunde-Hasser dargestellt. Lassen Sie mich aus dem Nähkästchen plaudern. Ich finde Hunde sind faszinierende Wesen. Ich habe selbst schon mit mehreren Hunde zusammengelebt und habe ihnen sehr viel Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet. Auch im Tierheim war ich regelmassiger Gassigeher. Ich bin fasziniert von der Fähigkeit von Hunden, die menschliche Körpersprache wahrzunehmen (z.B. bei Epileptiker-warnhunden). « Hundegedöns » bzw. « Hundefirlefanz » interessiert mich wirklich sehr und ich habe viel darüber gelesen und mit meinen Hunden ausprobiert (und auch viele, viele Fehler gemacht dabei). Vor einigen Jahren bin ich aber meine Schwester mit modernem Hundetraining in Kontakt gekommen und bin mega begeistert.

        Seit dreieinhalb Jahren bin ich auch Mutter (also eher Anfänger-Mama, die noch viel lernen muss). Ich habe zwei Kleinkinder Zuhause, die ich Vollzeit betreue. Auch meinen Kindern widme ich sehr viele Gedanken und Aufmerksamkeit. Irgendwie dachte ich am Anfang auch, dass ich was von meiner Expertise mit Hunden auf die Kinder anwenden kann. Ich versuche nun zu erklären, warum das für mich persönlich nicht der Fall war:

        Ich versuche es mit einem Beispiel: Nehmen wir an, sie haben einen und der zur Begrüssung immer an Ihnen hochspringt. Aber Sie wollen dass nicht (weil sie um Ihre Sachen Angst haben, oder weil es ein sehr grosser Hund ist der Sie beinahe umschmeißt). Ich hätte es jetzt z.B. so gemacht: Ich bleibe bei der Begrüssung ruhig und sobald er hochspringen will drehe ich mich weg (ohne zu schimpfen oder Verärgerung auszudrücken) und beachte ihn nicht. Weil der Hund aber meine Aufmerksamkeit will, hört er auf an mir hochzuspringen. der Hund weiss wahrscheinlich NICHT, WARUM ich ihn nicht beachte wenn er hochspringt, aber er weiss, dass es miteinander korreliert.

        Wenn mein dreijähriger Sohn (wie er es hin und wieder tut) vor Übermut auf meinen Rücken springt wenn ich auf dem Boden hocke, dann mag ich das gar nicht, weil ich Rückenschmerzen habe. Ich könnte das jetzt auch so machen wie beim Hund und es würde vielleicht auch funktionieren. Aber ich möchte gerne, dass mein Sohn nach und nach versteht WARUM er nicht auf meinen Rücken springen soll. Ich möchte, dass er meinen Unmut darüber spürt und lesen lernt. Dass er meine Grenzen kennenlernt. Ich möchte nicht nur, dass er damit aufhört, ich möchte auf Dauer, dass er eine « theory of mind » entwickelt. Dass er Erfahrung sammelt, wie andere Menschen ticken. Dazu braucht er ein Feedback. Wenn ich mich einfach nur wegdrehe und ihn nicht beachte kriegt er nur die halbe Information. Aber natürlich heisst das nicht nicht, dass ich ihn fetigmache (« Du ungezogenes Gör! ») sondern « Ich will das nicht, das tut mir weh, ich will dass du aufhörst damit ».

        Thema Lob und Belohnung. Während ich dieses Instrument für Hunde wunderbar finde, bin ich bei meinen Kindern kein Fan davon.
        Ich versuche ein Beispiel: Nehmen wir an, Ihr Mann hätte gerne mehr Sex. Jetzt sagt er jedes Mal, wenn sie Sex haben : »Super gemacht mein Schatz, ich bin stolz auf dich! » und bringt Ihnen ein Stück Schokoladentorte ans Bett. Würden Sie sich nicht manipuliert fühlen? Wärs nicht besser, Ihr Mann würde mit Ihnen reden: »Ich hätte so gerne mehr Romantik mit Dir, kann ich irgendwas tun, damit du mehr Lust hast darauf? Gibt es irgendwas, was ich ändern kann? Oder was wir ändern können? »? Lob um zu lenken kann meiner Meinung nach negative Folgen haben für Kinder, indem sie z.B. lernen dass dies ein Weg auf dem man Menschen dazu bringen kann zu kooperieren. Deswegen tue ich dies persönlich nicht, auch bei meinen kleinen Kindern. Stattdessen bekommen sie viel von meiner Aufmerksamkeit.

        (ich weiss auch nicht, ob das alles der Goldstandard ist (den gibts ja vermutlich gar nicht, weil wir zu unterschiedlich sind) aber so handhabe ich das im Moment nach meinem bestem Wissen und Gewissen 🙂

        Liebe Grüsse und Danke für den Austausch,

        Caroline Keeling

        • Maria

          Ich wäre total für Lob und Schokoladentorte!

        • Caroline Keeling

          😀 aber nicht ,dass dann ne Verknüpfung entsteht und dann denke ich nur noch an die Schokoladentorte danach!

        • Katrin Schuster

          Liebe Frau Keeling,
          ich habe Sie nicht als Hundehasser wahrgenommen, denke nur dass hier und da vielleicht noch andere Konzepte im Hundetraining bekannt sind. Vielen Dank für Ihre Ausführungen!

          Ihre Beschreibungen sind nachvollziehbar, doch auch hier wäre es durchaus angebracht die Gedanken warum es beim Kind anders läuft auch auf den Hund anzuwenden. Ignoranz ist eine heftige soziale Strafe, die bei Hunden auch eine starke Verunsicherung hervorrufen können. Genauso auch beim Menschen. Ich kenne diese Technik und muss gestehen, dass ich sie hier und da auch anwende und noch viel häufiger angewendet habe. Doch auch hier ist ein Umdenken im Gange.

          Sie schrieben: „Sie möchten…Dass er Erfahrung sammelt, wie andere Menschen ticken. Dazu braucht er ein Feedback.“
          Hunden würde das auch oft mehr bringen, als wenn sie einfach nur ingoriert würden und sie sind oftmals so angepasst, dass sie anhand unserer Stimme und unserer Reaktionen Informationen gewinnen können. Sicher nicht so detailliert wie das Kind, aber was spricht dagegen, meinem Hund zu sagen dass er gerne unten bleiben darf. Möglicherweise kann ich ihn sanft unten halten und seine Euphorie etwas ausbremsen, ihm zeigen wie er dennoch die Zuwendung bekommen kann die er so dringend zu benötigen scheint. Was spricht dagegen meinen Hund ebenfalls zu informieren, dass ich nicht amüsiert bin, wenn er an mir hochspringt. Immer mit der Idee, dass er es nicht besser wissen kann, ich helfe ihm aber zu verstehen und sein Verhalten anzupassen. Es spielt jeweils beides mit rein. Sicher werden Sie ihr Kind beim Versuch auf den Rücken zu springen stoppen und nachträglich freundlich erklären. Das wäre auch beim Hund denkbar.
          Natürlich gibt es hier dennoch Unterschiede, das Verhalten ist nicht ganz zu vergleichen und hat andere Ursachen und gentetische Hintergründe die bekannt sein sollten um zu verstehen woher das Verhalten kommt und wie dies sinnvoll umgelenkt werden kann. Dennoch, die Idee warum man es beim Kind anders machen will ist nicht soweit vom Hund entfernt. Hunde lernen unsere Sprache sehr gut, wenn wir ihnen Gelegenheit dazu geben. Es ist gar nicht nötig sich dermassen zu verbiegen.

          Und Ihr Vergleich in der Partnerschaft, hier spielen auch Belohnungen eine Rolle. Sex ist ja selbstbelohnend, und muss daher nicht zusätzlich belohnt werden. Aber beim Umgang mit meinem Partner wirken auch andere Aspekte belohnend oder eher hemmend auf mein Verhalten. Wie oft fühle ich mich schlecht, wenn mein Partner kurz angebunden ist und suche die Ursache bei mir, hab das Gefühl ich hätte etwas „falsches gesagt“, dass ihn verärgert hat? Bis dann ein klärendes Gespräch aufzeigt, dass der Grund doch woanders lag.

          Menschen wie Hunde sind sehr sozial und Sozialverhalten wirkt unweigerlich stark belohnend oder auch hemmend auf unser Verhalten. Vielfach sind wir uns diesbezüglich einfach nicht bewusst. Wir manipulieren uns permanent, nur halt nicht bewusst und weniger effizient. Wenn wir uns dessen mehr bewusst werden ist es natürlich wichtig die ethischen Aspekte diesbezüglich zu prüfen und zu überlegen, wo es Sinn machen könnte und wo nicht.
          Das gilt es abzuwägen und wird sicherlich nicht einfach. Doch dies einfch auszuschliessen halte ich für nicht sining.

          Im gesamten Leben sind Sanktionen gang und gäbe. Das fängt in der Schule an mit Nachsitzen (vielleicht auch noch früher), mit extra Hausaufgaben und geht weiter mit Bussgeldern und sozialer Ausgrenzung. Strafen sind allgegenwärtig. Da stellt sich mir die Frage ob der bewusstere Einsatz von Belohnung in gewissen Fällen nicht einen sinnvollen Gegenpool darstellen könnte?

        • Katrin Schuster

          Noch eine Ergänzung :-D.
          Belohnung aus Sicht des Belohnenden wird ja vom Gegenüber nicht unbedingt als Belohnung verstanden. Wenn Sie sich durch Schokoladentorte und „Lob“ also eher manipuliert und dadurch schlecht fühlen, hat der Belohnende wohl an ihrem aktuellen Bedürfnis vorbeigegriffen.

          Ich sehe häufig dass Hunde fürs „Herankommen“ beispielsweise mit einem Leckerchen belohnt werden. Dabei kann dem Hund deutlich angesehen werden, dass er dies jetzt eher nimmt um anschliessend Ruhe zu haben und nicht wirklich, weil er sich drüber freut.
          Auch Lob und streicheln wird ganz häufig vom Hund nicht als Belohnung wahrgenommen und kann sogar eher hemmend auf das Verhalten wirken. Es ist ganz situativ, was als lohnend empfunden wird und was nicht. Um das zu erkennen ist es nötig die Bedürfnisse des Gegenübers zu kennen und entsprechend einzusetzen.

          Und das gilt tierartübergreifend :-).
          Herzlichst,
          Katrin Schuster

  • Jana

    Eine gute unaufgeregte Analyse. Bei dem Titel der Sendung habe ich tatsächlich auch schlimmeres erwartet, in der Form, dass die Kinder total zum Objekt gemacht werden und es entsprechend negative Folgen nehmen wird mit der positiven Verstärkung. Schön zu sehen, dass dann doch mehr Beziehung im Fokus stand und ein Aufzeigen der Probleme mit ersten Lösungsmöglichkeiten. Ich bin zwar kein Hunde- sondern Pferdetrainer, aber auch hier trainiert man doch eher den Menschen, als das Tier und erklärt Verhaltensweisen und zeigt auf, wie die Beziehung verbessert werden kann und wie dann praktische Lösungsansätze aussehen. Insofern sehe ich da schon Parallelen zur Kinder“Erziehung“, wobei es auch in diesem Segment natürlich Methoden gibt die mehr oder weniger Bedürfnis- und Beziehungs-orientiert sind.

  • Juliane

    Lieber Herr Renz-Polster, liebe Kommentatoren,

    vielen Dank für die unaufgeregte und sachliche Analyse der Doku.
    Auch ich war sehr gespannt auf diese Doku – als Mama und als Pferdetrainerin, die mit positiver Verstärkung (R+) arbeitet.
    Mir ging es ähnlich wie schon beschrieben: Immerhin mal eine Sendung, die mit positiver Verstärkung und Beziehungsangeboten arbeitet, statt mit Druck und Gewalt.
    Dennoch blieb auch hier und da ein „Gschmäckle“ wie wir im schwäbischen sagen…

    Zunächst: Ich finde, man kann aus dem R+Training durchaus viele, viele Anregungen, auch für die Kindererziehung mitnehmen. Allerdings geht dies aus meiner Sicht nicht durch „platte“ 1:1 Übersetzung a la „jetzt clickern wir das Kind“

    Anregungen daraus sind für mich zum Beispiel:
    > Wo geht mein Fokus hin? Für welches Verhalten bekommt mein Kind welche Aufmerksamtkeit?
    > Wenn ich viel Verhalten bekomme, dass ich eigentlich nicht so gern möchte, habe ich es dann ungewollt verstärkt? Wenn Ayla ruhig ist und keine Aufmerksamtkeit von ihrer Mama bekommt, für „Schwester hauen“ aber sofort Schmipfe (=Aufmerksamtkeit) bekommt, dann verstärkt die Mutter unbewusst das Verhalten. Lösung: überlegen, was wünsche ich mir und dafür Aufmerksamkeit geben.

    > positive Formulierungen finden, was ich mir denn wünsche: „Ayla, nicht hauen“ gibt Ayla keine verwertbare Info. Das ist so, wie in ein Taxi einzusteigen und zu sagen „Fahren Sie mich nicht nach München“ 😉 Wichtig ist, das Umformulieren zu üben: „Ayla, kommst du bitte mal zu mir“ oder „Ayla, spielst du bitte im Wohnzimmer weiter“ (statt im Gang) macht Vorschläge, die einen konkreten Wunsch äußern. (klar, vielleicht gibt es ein „Nein“, aber dann suchen wir nach anderen Lösungen) Und ja, es ist echt nicht einfach, seine Sprache dahingehend zu verändern, finde ich, ich übe 😉

    > Im Zweifel einfach mal Alternativverhalten anbieten, denn: jede Minute, die mit „erwünschtem Verhalten“ (so wäre der Fachbegriff im Tiertraining) verbracht wird, steht nicht für „Quatsch“ zur Verfügung: Pferd soll nicht den Zaun abbauen – wie wäre es mit Training für den Kopf? Kind soll nicht das Geschwisterkind hauen – „komm lass uns zusammen malen“. (ja, ist anstrengend… aber weniger anstrengen, als STÄNDIG über „Nicht-hauen“ zu streiten)

    > Wenn ein Verhalten (noch) nicht funktioniert, brauche ich Managementmaßnahmen: Pferd läuft nicht sicher am Strick -> ich brauche einen Zaun; Kind versteht Treppe nicht -> ich brauche ein Treppengitter und brauche mit meinem Kind dann nicht über „geh weg von der Treppe“ streiten =>Sprich: Managementmaßnahmen (=ich denke einen Schritt voraus) vermeiden Streitpunkte im Alltag.

    Dazu noch ein paar weitergehende, fachliche Anmerkungen als R+-Tiertrainerin:
    *wirklich fundiertes R+ Tier-Training setzt nicht darauf, einfach nur Verhalten zu generieren: Es geht um die Berücksichtigung der Bedürfnisse, die Tiere dürfen „nein“ sagen, und eine Meinung einbringen, ja auch selbsständig denken und Vorschläge machen. (und das machen die wirklich 😉

    *Es geht um die Bedürfnisse heißt auch: bestimmtes Verhalten kann man nicht trainieren, da es nicht artgerecht ist: der beste Clickertrainer macht aus einem Pferd kein Einzeltier, denn: Pferde sind Herdentiere. Genauso ist (wie ich zB Ihren Büchern entnehmen konnte, Herr Renz-Polster ;-)) „allein schlafen“ für Babys und Kleinkinder nicht artgerecht. Insofern ist das einfach kein angesagtes Trainingsziel. Punkt. Schön, dass es über Beziehung versucht wurde. Ich hätte mir an dieser Stelle in der Sendung tatsächlich noch etwas „artgerechte“ Info über Menschenkinder gewünscht…

    *Der Clicker ist im Tiertraining ein so genanntes Marker-Signal, d.h. er markiert das Verhalten, zu dem ich dem Tier eine Info (=etwas angenehmes) geben will. Bei Tieren muss diese Markierung in sehr kurzer Zeit erfolgen (1-2 Sekunden), da sie die Info sonst nicht richtig zuordnen können, daher der Clicker. Mit Kindern kann man reden. WIr haben eine gemeinsame Sprache. Und je älter das Kind, desto mehr kann es die Info auch im Nachhinein/ reflektierend zuordnen: meinem Pferd nützt es nichts, wenn ich ihm zwei Stunden später mit Menschenworten sage: „es war toll, wie du mir vor 2 Stunden den Huf gegeben hast“. Meinem Kind kann ich durchaus sagen „es war toll, wie du mir vorhin geholfen hast, das Spielzeug aufzuräumen“. Daher brauche ich zur Vermittlung dieser Info keinen Clicker 😉

    * Und ganz am Schluss noch etwas, was wir im Tiertraining „Verstärkerkunde“ nennen würden: was ist so toll, dass ich es als „schöne Konsequenz“ erlebe? Die Tatsache, dass man Verhalten bei einem Pferd oder einem Hund mit Futter verstärken kann, heißt doch nicht, dass ich das bei einem Kind genauso machen muss…. Vielleicht ist es möglich, aber wirklich nicht nötig.
    Auch ein Tier kann man z.B. durch kraulen oder spielen oder „Lieblingsaktionen“ bestärken (z.B. mein Pony liebt es, zu wippen, das kann ich strategisch ins Training einbauen). Bei Kindern gilt dies noch zehnmal mehr: gemeinsame Unternehmungen, Raum für schönes Miteinander schaffen, etc – all das sind „Verstärker“ um analog den Fachbegriff zu verwenden. Denn die schönste Konsequenz für Kinder sind gute Beziehungen in der Familie. Und das ja nicht nur für Kinder 😉

    Etwas mehr Übersetzungsarbeit hätte der Sendung gut getan. Dennoch: Der Blick auf Beziehung, das Dampf raus, war gut.

    In diesem Sinne hoffe ich sehr, dass sich gewaltfreier und bedürfnisorientierter Umgang -miteinander, mit unseren Kindern und mit unseren Tieren – mehr und mehr verbreitet. Unserer Gesellschaft tut es gut 🙂

    Viele Grüße,
    Juliane

Kommentar verfassen