Kommentar6. November 2017

Attachment Parenting – was ist denn das für eine Sekte?

Ja, ich weiß: Man braucht einen Begriff, um sich zu verorten. Aber bei Attachment Parenting scheint mir eher das Gegenteil der Fall zu sein – komplette Verwirrung. Bei hundert Leuten, die man auf der Straße fragt, geht vielleicht bei einem ein Licht an. Die anderen denken, das ist vielleicht eine Art Sekte. Bestimmt aus den USA.

Und diese Sekte weiß nicht einmal, woran sie glaubt. Vielleicht an das, was dieser Dr. William Sears mal niedergeschrieben hat (die 7 B’s des Attachment Parenting, ihr wisst schon, oder?). Aber der glaubt auch an die bindungsfördernde Wirkung von Time-outs und so weiter. Gehört das auch mit dazu?

Googelt man „Attachment Parenting“, so wird die Sekte noch obskurer – die einen sehen den Verzicht auf Windeln als Teil des Pakets, die anderen das Kommunizieren per Handzeichen. Für einige meiner kinderärztlichen Kollegen sind AP-Eltern schlichtweg die mit den Tragetüchern, die ihre selbstgestrickten Babys statt zum Kinderarzt zur Heilpraktikerin schleppen. Weil die ihnen statt der bösen Impfungen die guten homöopathischen Kügelchen gibt. Für wieder andere gehört Unschooling zum AP-Programm. Vielleicht auch gleich der Verzicht auf den Kindergarten (zumindest, wenn er nicht vegan ist).

Überhaupt, die Fremdbetreuung.  „Mich interessiert die AP-Szene“, schrieb mir kürzlich eine Journalistin, die einen Artikel für ein großes deutsches Leitmedium plant, weil da „doch auch dazu gehört, dass die Frau mit den Kindern zu Hause bleibt“. Ach so, dieses Attachment Parenting. „Woher kommt das Geld“, fragt die Gute dann, „das diese Form der Erziehung erst möglich macht?“ Und: „Was ist, wenn diese Traumblase platzt und dieses Geld plötzlich nicht mehr da ist und die Mutter arbeiten muss?“ Scheint eine Sekte für Reiche und Traumtänzer zu sein.

Jeder darf mal, ist ja gut.  Aber selbst, wo es um den Kern der Sache geht, also um dieses wunderbare Attachment, herrscht Unklarheit. Ein besonders rühriger Professor, Dr. Gordon Neufeld, meint, für die Eltern-Kind-Bindung sei es wichtig, dass Mama und Papa die Freunde für ihre Teenager aussuchen. Wie schön: an Mamas und Papas warmer Hand in die Zukunft.

Und dann noch der Begriff : ATTACHMENT. Bindung. Eine ziemlich offensive Einladung zum Missverständnis. Wer will denn festgebunden sein? Ehrlich wahr, ich war einmal auf einem Stillkongress, da ging es um dieses wunderbare Bonding nach der Geburt (das erste B der Searschen B’s), von dem wir auch nicht so richtig wissen, was es genau ist und was es im echten Leben dazu braucht. Aber sei’s drum, jedenfalls redete mein Vorredner, auch ein Kinderarzt, die ganze Zeit von Bondage. Und das war noch vor dem Hype um Shades of Grey. Aber das dürfte schon in etwa das sein, was die meisten Leute tatsächlich mit Attachment assoziieren: soooo viel Nähe, soooo viel Aneinanderkleben, soooo viel Fesselei!

Und die, die „AP“ (was immer das ist) im echten Leben betreiben? Die erleben was anderes. Was Normales eben. So geht man doch mit Kindern um. So geht eben das Leben als Familie: sich was bedeuten, auf den anderen eingehen, seine Bedürfnisse ernst nehmen, ihn nicht in Not bringen oder sich über seine Bedürfnisse hinwegsetzen. Ja, da ist Nähe mit dabei, körperlich und emotional, wir sind schließlich Menschen und keine Maschinen. Aber da geht es genauso gut um Freiheit: Wer sich geborgen fühlt, will die Welt erfahren (später dann gerne auch mal ohne Mama und Papa). Wer mit seinem Kind in eine echte Beziehung eintritt, wird nicht fesseln, sondern loslassen: Du darfst sein, wer du bist, du darfst dich äußern und wir nehmen das ernst. Da ist immer beides: Wurzeln und Flügel, Bindung und Freiheit.

Und genau das will ich damit sagen: Lassen wir da doch mal die Luft aus diesem „Attachment Parenting“. Das ist keine Methode, keine neue Welle, und ein großmächtiges Handbuch für die richtige Wahl der Zutaten braucht es dafür erst recht nicht. Das ist einfach die normale Art, wie man mit Kindern lebt. Normal Parenting eben.

 

… Und zu diesem Normal Parenting mal bissle Werbung, jetzt, wo es auf Weihnachten zugeht. Mein Buch „Menschenkinder“ ist nämlich gerade als Hörbuch erschienen.

 

16 Kommentare

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  • Wibke Dihrberg

    Guten Morgen lieber Herbert Renz-Polster
    Wieder mal habe ich herzlich gelacht und mich über Deinen Artikel gefreut! Ja, so erlebe ich es auch oft, dass so viele Dinge „ein Muss“ sind, wenn man eine gute Attachment Parenting Mutter sein will. Wer ist die Beste, wer stillt am längsten, wer ist am meisten öko, und auf einmal muss man auch Baby Gebärden machen und natürlich ist Brei nicht okay, und was noch alles.
    Gefreut hat mich die Erwähnung des kanadischen Prof Gordon Neufeld, dessen Arbeit ich zufällig etwas näher kenne, da ich mich beim Neufeld-Institut in Ausbildung befinde. 🙂
    Was er sagt ist nicht, dass es egal ist, ob die Kinder bei den Eltern schlafen, jedoch gibt er viel Wissen und Information an die Hand, wie wir als Eltern die emotionale Sicherheit des Kindes gewährleisten, auch wenn es aus welchen Gründen auch immer nicht möglich ist, dass sie bei uns im Bett schlafen.
    Es geht also nicht nur
    „richtig: Kind schläft bei den Eltern“ oder
    „falsch: Kind schläft in einem KInderbett“,
    sondern bei Berücksichtigung der Bindungsbedürfnisse um die bestmögliche Lösung.
    Dabei geht um größere Kinder, nicht um Säuglinge oder Kleinkinder!
    Auch sollen die Eltern nicht die Freunde für ihre jugendlichen Kinder aussuchen, 😉 sie sollen sich vielmehr bewusst sein, dass sie als fürsorgliche Erwachsene, die Geborgenheit bieten, auch dann noch elementar wichtig und notwendig sind für ihre Kinder, wenn diese scheinbar cool und „groß“ und viel unterwegs sind. Gordon Neufeld ermutigt Eltern, ihren Patz beizubehalten und für ihre Kinder da zu sein, wenn das auch für Jugendliche anders aussehen wird als für kleine Kinder.
    „Unsere Kinder brauchen uns“ und „Der Neufeld-Ansatz für unsere Kinder“
    Lieben Gruß
    Wibke Dihrberg

    Wibke Dihrberg Elterncoaching
    Bindungsorientiertes Familienleben
    04792/ 98 78 909
    0174/ 940 13 25
    wibke@dihrberg.net
    wibke-dihrberg.de

  • Muddi

    Vielen Dank für diesen Beitrag! Der „rührige Prof. Neufeld“ hat es geschafft, das verwirrend umfangreiche entwicklungspsychologische Wissen unserer Zeit so allgemeinverständlich auf den Punkt zu bringen, dass Eltern sehr darin bestärkt werden, ihrer erzieherischen Intuition zu trauen. Es fällt vielen Eltern leichter, ihrer Intuition zu vertrauen, wenn auch ihr Verstand die Bedürfnisse ihres Kindes nachvollziehen kann, und es ist einfach hilfreich, bei der Auseinandersetzung mit Schwiegermüttern, Erzieherinnen und Kinderärzten nicht nur über „also ich hab aber das Gefühl, meinem Kind tut das gut so“ zu verfügen, sondern sein Kind wirklich von innen heraus verstehen zu können.
    Dass es egal ist, wo das Kind schläft, habe ich bei Gordon Neufeld noch nicht gelesen, ebensowenig, dass die Eltern die Freunde ihrer Kinder aussuchen sollen. Worauf er mit seinem Kernsatz „Wichtig ist nicht so sehr, was wir tun, sondern wer wir sind für unsere Kinder“ hinweist, ist aber in meinen Augen sehr wichtig: All das wunderbare Windelfrei, Tragetuch, Familienbett, Langzeitstillen und Demeterbrei nützt wenig, wenn die emotionale Beziehung nicht so ist, dass das Kind in ihr vertrauensvoll zur Ruhe kommen kann, mit Wurzeln UND Flügeln. Das hängt zentral von der inneren Haltung der Eltern ab, und die äußeren „Methoden“ hält Gordon Neufeld demgegenüber für weniger wichtig. Passt doch…

    • Wibke Dihrberg

      Oh ja, danke Muddi, da hast du noch ein paar wichtige Details gesagt!

    • Andrea

      Danke Muddi! Ich war doch sehr erstaunt, so eine falsche Darstellung von Prof. Neufeld´s Arbeit hier auf dem Blog lesen zu müssen. Das passt so gar nicht zu Herrn Renz-Polster, dachte ich. Ich gehöre zu den Mamas, die durch Prof. Gordon Neufeld endlich wieder auf ihre Intuition hören und unendlich dankbar für seine Arbeit ist. Für mich ist es unglaublich wertvoll, das Wissen der Entwicklungspsychologie so konzentiert und verständlich präsentiert zu bekommen. Dadurch wurde unser Alltag so viel entspannter und ich kann mich endlich auf das Wesentliche konzetrieren und mein Kind genießen. Ich würde mir sehr wünschen, dass der Autor des Artikels sich intensiver mit der Arbeit von Prof. Neufeld beschäftigen würde. Letztenendes sind viele ähnliche Ansichten „unterwegs“. Würden sich diese einmal zusammentun, anstatt sich gegenseitig in Frage zu stellen, könnte einiges für unsere Kinder bewegt werden.

  • Ana Deuber

    Oh Herr Renz-Polster, sie verfügen über viel Wortwitz und Prägnanz. Ich stimme mit dem ‚Übergefühl‘ die perfekten Eltern sein zu müssen, um jeden Preis und ohne Kompromisse, überein und noch mehr damit, dass ‚bitte alle anderen das auch so machen wie ich, wenn auch nur zur Rechtfertigung von dem war ich tue‘. Leider, leider nimmt diese Thematik in den Elternberatungen immer mehr Raum ein. Ich halte es für eine Folge der Unsicherheit der Eltern, aber auch der Gesellschaft.

    Im Detail Ihres Textes sind leider einige Seitenhiebe, die mich doch nachdenklich stimmen, denn sie stimmen schlechthin nicht und wirken deshalb dem entgegen, was Sie wohl anstreben; Klarheit für Eltern im ‚Erziehungstippdschungel‘.

    So wie Sie das formulieren passt es zwar in Ihren Text(stil), leider aber bringt es den Eltern noch mehr Verunsicherung.

    Sears, Stillfachpersonen und Dr. Gordon Neufeld in diesen wenigen Worten zu diskreditieren erscheint mir doch etwas einfach. Sears kenne ich aus der Fachliteratur (einen seiner Söhne habe ich an einem Kongress erleben, nicht unbedingt mein Fall), doch einiges was er schreibt war bahnbrechend für seine Zeit und hat zumindest einen Mut ausgelöst, das Kind selbst zu sehen und nicht ein ‚zu stimmendes Instrument‘.

    Als Stillberaterin gehe ich mit Ihnen einig, dass der ‚Stillhype‘ auch einiges Negatives mit sich bringt. Gerade von med. Fachpersonen OHNE eigene Stillerfahrungen steht da oft viel Enthusiasmus fehlender Empathie gegenüber und Laienorganisationen ‚drücken oft einfach ihr Anliegen durch‘. Aber wie bei allem gilt auch hier ‚die Menge ist entscheidend‘ und ZUviel und ZUwenig ist genau das Gegenteil von gut, was den Kern nicht weniger wertvoll macht.

    Was sie als von Dr. Gordon Neufeld ‚gesagt‘ erwähnen ist so absolut nicht zutreffend. Es würde mir sehr interessieren, wie Sie zu dieser Ansicht gelangten!
    Als Kommunikations-Mediatorin habe ich einige ‚Methoden‘ erfahren, geprüft und erprobt, aber gerade Gordon Neufelds Wissen entschärft ‚Ein-Weg-Thematiken‘ enorm und bietet Eltern eine echte Alternative, für ihre Kinder so da zu sein, wie diese es brauchen UND die Eltern es auch können.
    Das Wissen ist auch nicht gänzlich neu, es bestand vieles schon immer (da menschlich neurologisch, biologisch angelegt) und wurde vor ihm schon von vielen Wissenschaftlern erforscht. Doch Neufeld veranschaulicht es eindrücklich und übersetzt es aus der Wissenschaftssprache, die leider für viele oft unverständlich ist, in eine Sprache die man weitherum verstehen kann, wenn man sich wirklich mit dem Wissen beschäftigt und nicht nur ‚Nachrede betreibt‘. Dazu bestehen viele Online-Möglichkeiten, 2018 finden auch div. Veranstaltungen im deutschspachigen Raum dazu statt.

    Mit freundlichen Grüssen und in der Hoffnung auf weitere heitere Texte von Ihnen, denen jedoch auch die Achtsamkeit für, Ihnen anscheinend nicht begreifliche, Themen nicht fehlt.

    A.Deuber

  • Carmen Hercegfi

    Einfach nur wahr. DANKE <3

  • Herbert Renz-Polster

    … wunderbar, wie wir hier streiten. Dazu zwei Sachen von mir:
    1) also ich habe mich überhaupt nicht abfällig über William Sears geäußert (nur eine Frage zu seinen Fragen gestellt). Ich schätze sein Werk sehr, empfehle es selbst und wollte ihm da rein gar nichts vorwerfen. Dasselbe gilt fürs Stillen, ist doch klar.
    2) und da wären wir bei meiner Neufeld-Kritik, also das mit dem Schlafen. Da gebe ich allen Kommentaren Recht – Danke. Wenn Gordon Neufeld sagt, eb Kinder im eigenen Zimmer schlafen oder im Elternbett, das sei nicht der entscheidende Punkt, dann begründet er das ja mit einem durchaus plausiblen Argument. Zudem finde ich ganz wunderbar, dass er sich so dezidiert gegen das Schreien-Lassen positioniert. Sorry, Gordon! Also da sind mir wirklich die Gäule durchgegangen.
    Und das wahrscheinlich deshalb, weil mir Neufeld´s Interpretation von Bindung in einem anderen Punkt überhaupt nicht behagt – nämlich da, wo es um die Angst vor der „Bindungslücke“ geht, die ratzfatz von den Gleichaltrigen geschlossen wird, wenn die Eltern nicht auf der Hut sind und etwa bei den Grillabenden ihrer Teenager den netten Daddy hinterm Grill geben…). Ja, ich weiss, das ist bestimmt nett gemeint, wenn er „den Eltern in Bezug auf ihre Kinder wieder das Steuer in die Hand geben will“, aber unsere Kinder brauchen nicht von ihrern Eltern gesteuert zu werden, und wir brauchen wirklich keine Angst zu haben, dass andere Kinder die Eltern aus dem Rennen kegeln. Aber gut, das wäre ein eigenes, längeres Thema.

    • Ana Lourenço

      Sehr geehrter Herr Renz-Polster

      Danke für das Korrigendum zu einigen der Themata. Eigentlich hatte ich bis anhin auch diesen Eindruck von Ihnen und schätze Ihre Arbeiten auch sehr.

      Doch gerade bei Dr. Neufeld stimmt es halt immer noch nicht. Neufeld hat keine ‚Angst‘ das Gleichaltritge in die Lücke springen, die entsteht, wenn Kinder nicht reif genug sind, an bestehenden sicheren Bindungen festzuhalten. Es ist ein neurologische Tatsache, dass dies passiert. Deshalb wäre es ja so wichtig, dass die Beziehung zu den Erwachsenen der Jugendlichen im Baby und Kinderalter gefestigt sind. bis sie ‚in die Welt ziehen. (OHNE Eltern am Grill ;O)

      Es tut mir leid, wenn ich auf diesem Punkt einfach beharre, aber Herr Renz-Polster, genau dieser Punk wird so oft missverstanden; Eltern ’stossen‘ ihre Kinder in die ‚Quasi’Selbstständigkeit bevor sie reif dafür sind. Genau aus der Angst, die SIE mitschüren, wenn sie Eltern als ‚Gluggen‘ und ‚Grilldaddy‘ hinstellen ‚die ihre Kinder nicht loslassen‘ können. Das wollen sie nämlich auf keine Fall und nehmen an; je früher desto besser. Das ist fatal.
      Zugegeben, es existieren wirklich einige Eltern welche ihre Kinder nicht ziehen lassen, obwohl sie bereit dafür wären. Das will ich nicht bestreiten. Sie stellen aber ein grosse Minderheit dar. Was viel schlimmer ist, ich erfahre es in der Elternberatung täglich, dass die Eltern ihren Kinder eben nicht die Wurzeln geben, die sie bräuchten für den Flug ins Leben.

      Persönlich finde ich es sehr schade, dass den Eltern durch verschiedene Ausführungen zu einem der wichtigsten, und eigentlich einheitlichen, Thema, diese Verwirrung geboten wird. Eine Verfasserin eines Kommentars hier hat es schon erwähnt: Wie kommen Sie auf diese negative Haltung gegenüber der Entwicklungslehre von Dr. Neufeld? Keiner der von mir besuchten Kurse, und es sind inzwichen einige, enthielt was Sie ausführen. Was ich jedoch fand in den Kursen waren echte Hilfen für die Beratung der Eltern, denn endlich konnten sie viele ‚Erziehungsmethoden‘ die ihnen suspekt waren, vergessen und wieder, wie Sie das ja auch wichtig und richtig schreiben, einfach Eltern sein.

      Mit freundlichen Grüssen
      Ana Lourenço

  • Verena

    Lieber Herr Dr. Renz-Polster,

    ich habe Ihren Artikel über Attachment Parenting gelesen und bin einigermaßen verwundert über den Inhalt.
    Da beschreiben Sie in wenigen Worten, so könnten die LeserInnen meinen, die Arbeit des kanadischen Entwicklungspsychologen Prof.Neufeld – und scheinen Sie in keinster Weise zu kennen!
Ich bin seit Jahren Dipl.Neufeld-Kursleiterin und kenne mich mit der Thematik daher ein wenig aus. Leider ist keine der von Ihnen getroffenen Aussagen über die Botschaft Prof. Neufelds stimmig.
    Nein, es geht hier nicht darum, zu sagen, dass es egal ist, wo Babys schlafen – sondern genau um das, worüber Ihr Artikel ja eigentlich sein Plädoyer hält: Nämlich dass Attachment Parenting keine Checkliste hat und wer alle Kriterien erfüllt hat, ist das perfekte Elternteil. Vielmehr: Auch ohne das Familienbett können Eltern für erfüllte Bindungsbedürfnisse Ihres Kindes sorgen. In aller Vielfalt unseres Lebens und unseres Alltages können wir als Eltern für unsere Kinder da sein, nicht alle nach einem Schemata, sondern jeweils so wie es passt und eben doch bedürfnisorientiert.

    Weiter geht es in Ihrem Text mit der Behauptung, Prof. Neufeld empfehle, dass die Eltern die Freunde Ihrer Kinder aussuchen sollten. Nein, auch das ist in keinster Weise wahr – Prof. Neufeld spricht sich nur dafür aus, dass wir als Eltern für unsere Kinder und Jugendlichen da sind, ihre Probleme und Sorgen liebevoll begleiten und nicht soweit zurücktreten, dass Jugendliche füreinander die einzig wichtigen primären Bindungspersonen werden. Freundschaften (und zwar durchaus selbst gewählte!!!) sind schön und wunderbar, aber es ist wichtig, dass unsere Kinder (jedweden Alters) sich eben bei uns sicher und geborgen fühlen können, um ihre Sorgen und Nöte auch über Freundschaften mit uns zu teilen.
    Prof Neufeld hat in seiner Arbeit eine Vielzahl an wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Bindungstheorie und der Entwicklungspsychologie zusammengetragen und unter der Fragestellung: „Was bedeutet all dieses Wissen eigentlich für uns als Eltern?“ aufbereitet. So sind wunderbare und Eltern sehr nährende (weil eben grade NICHT dogmatisch vorschreibende Handlungsanweisungen) Kurse für Eltern, ErzieherInnen und LehrerInnen entstanden, die immer wieder viele Eltern berühren und das Leben der Familien sehr bereichern. Ich würde mich freuen, wenn Sie das nächste Mal bevor Sie ÜBER jemanden schreiben, sich die Mühe machen, auch herauszufinden, worum es geht. Herzliche Grüße, Verena Benedetti, http://www.unsere-kinder.de

  • Susann

    Ich bin Vollzeit-Beschäftigt und habe zwei Kinder (und einen Mann!), deren Bedürfnisse ich ernst nehme. Was hat das mit Geld zu tun, möchte ich die Journalistin gern zurückfragen. Meine Kinder haben keine Windeln, kene Schnuller, ich stille lange, ich stille stundenlang in den Schlaf oder singe vor, ich leg mich nachts dazu, wenn’s gewünscht ist und morgens fahre ich zur Arbeit, sehr früh, damit ich nachmittags mit meiner Familie sein kann. Meine Kinder sind nicht geimpftt, sie haben wenig Spielzeug, aber viel Eltern und trotzdem schimpfen und schreien wir uns regelmäßig an. Bedürfnisbefriedigte Kinder sind nämlich sehr selbstbewusst und anstrengend. Sie fordern alles von mir. Vor allem persönliche Stellungnahme und Weiterentwicklung. Nennen wir das gern Normal Parenting. Und sagen wir dazu: eine Familie zu haben, ist nicht etwas schnell nebenbei, es ist der Kern des Lebens, der anstrengende aber auch wahnsinnig schöne!

  • elternwollennahe

    Ihr Text macht mich traurig.

    Bindung ist als Prinzip des Lebens allgegenwärtig in Menschengruppen, in der Natur, der Technik… Bindung ist alles, außer der Isolation und Starre. Wenn ein Förster etwas über Bäume schreibt, so beschreibt er Bindung. Ein Astronom ist Bindungsexperte. Ein Chemiker ist Bindungsforscher…

    Nun ist die Keimzelle der Gesellschaft, die Familie, in der Selbstverständlichkeit ihrer alltäglichen und ganztägigen Realisierung tief erschüttert worden. Ja, durch Ganztagstrennung gerät bewusst oder unbewusst die natürliche Bindungsbestrebung aller Familienmitglieder in Bedrängnis. Und da, wo bedrängt wird, da passiert etwas und sei es die Einrichtung diverster Apartments im Apartmentstore namens „attachment“. Was ist denn so schlimm daran? Das ist doch ganz natürlich.

    Eine der unzähligen Facetten und Spielarten von Bindung – nicht nur der familiären übrigens – ist das sich gegenseitig Auserwählen und Adeln. Was ist daran verwerflich oder lächerlich, wenn Eltern ihr Kind durch Impfen oder Nicht-Impfen adeln? Durch Tragetücher oder Kinderwagen? Durch Strick-Jäckchen aus unbehandelter selbstgesponnener Wolle? Durch die Vergabe extravaganter englischer Vornamen? Durch Windelfrei? Durch die Gewährung eines privaten und damit freien Entfaltungs-Raums? …

    Bewegt wird dieses elterliche Auserwählen und Adeln der Kinder durch – ich fasse mir ein Herz und riskiere meinen ohnehin schlechten Ruf – : Liebe. Das ist die Krönung der Bindung. Eine Welt, in der die Liebe nicht erkannt und dann ihrerseits auch geliebt wird, die macht mich traurig. Das hatte ich ja schon gesagt.

    Stefanie Selhorst

    • hanna wild

      Lesen Sie dich die Texte Dateien und Bücher von Franz Ruppert, der seine IDENTITÄTSORIENTIERTE PSYCHOTRAUMATHERAPIE I O P T in den
      letzten zwanzig Jahren entwickelt hat und sie an der Universität in München lehrt.

      Sein Buch FRÜHES TRAUMA besteht aus Erfahrungsberichten. Sein neues Buch MEIN KÖRPER MEIN TRAUMA MEIN ICH beschreibt, wie er in den vergangene zwanzig Jahren entdeckte, wie wichtig eine gesunde Bindung der Mutter zum Kind vom Zeitpunkt der Empfängnis an ist.

      Mit besten Grüßen

  • Bianca

    Apropos Hörbuch. Haben Sie schon mal überlegt Ihre Bücher bei Audible zur Verfügung zu stellen?

  • hanna wild

    Es geht um Attachment nach der Empfängnis, dass die Mutter bereit ist, mir einen Platz in der Gebärmutter anzubieten, damit ich willkommen bin und nicht als Fremdeiweiss abgestossen werde innerhalb der ersten sechs Tage meines Lebens, dass ich da sein darf
    mir eine Nabelschnur und Plazenta basteln darf duch die hormonelle Bindung an die Mutter, der ich signalisiere, was ich brauche um ein beinahe schwereloses Leben in ihrem Bauch zu beginnen. Es gibt auch Kinder, die sich festkrallen müssen, die sich im Bauch verstecken müssen, wie sie noch ein kleiner „Zellhaufen“ waren, weil die Mutter, die keine Mutter sein will versucht, mich mit heißen Spülungen wegzuschwemmen. Dann bleibt mein unkaputtbarer Lebenswille trotzdem erhalten, aber ich muss mich
    psychisch spalten, meine Lebensfreude abspalten, dann wird das Leben ein Kampf und bleibt es bis ich die wunderbare Therapiemethode gefunden habe, mit der ich meine verloren gegangene abgespaltene Identität wieder integriere, I O P T, die Franz Ruppert in München entwickelt hat in den letzten zwanzig Jahren. Der Weg bis zur Geburt ist lange und einsam, wenn ich monatelang nicht gewollt werde im Bauch der Mama, dann empfinde ich diese Höhle als dunkles schwarzes Loch in dem ich verloren gehe. Oft wickeln sich Kinder die Nabelschnur zweimal um den Hals, weil sie gar keine Lust haben sich ein Leben ohne sicheres Bonding naxh der Geburt auszumalen, wenn ich sosehr angewiesen bin auf Hilfe, die mir verweigert wird. Da ist die Geburt noch eine letzte Möglichkeit für das Kind zum Suizid und für die Mutter, das Kind nicht rauszulassen, weil sie es bisher nicht geschafft hatte, das entstehende Menschenwesen abzutreiben. Vielleicht wurde ein Zwilling abegtrieben, der überlebende Zwilling konnte sich erfolgreich wehren und kommt mit großer Trauer in dieser Welt an. Die Angst des überlebenden Zwillings muss abgespalten werden, sonst würde auch er sterben und diese Angst taucht nach vierzig Jahren in einer Lebenskrise als „Krebs“ auf, weil Krebs die komprimierte Angst vor dem frühen Tod im Mutterleib ist. Helmut Dietl starb an Krebs, zwei Jahre nachdem sein Film über Berlin „Zettl“ floppte, er war ein ungewolltes Kind, das seine Mutter nach der Geburt 1944 während der Bombennächte weggegeben hat.
    Die Schwester von Charlotte Link wurde durch die Geburt ihrer Tochter wie sie vierzig war an ihre eigene Geburt erinnert, wie ihre Mutter vierzig war und sie selbst als später Nachzügler zur Welt kam. Zwei Jahre später bekam sie Krebs. SECHS JAHRE später erstickte sie qualvoll an den Narben in der Lunge, die zu wuchern begannen, weil die Metatstasen durch einen Spezialisten, den die reiche berühmte Bestsellerautorin für ihre kranke Schwester gefunden hat, weggelasert wurden. Gabor Maté aus Vancouver hat den Bestseller WENN DER KÖRPER NEIN SAGT geschrieben, weil er feststellte, dass Patienten die Palliativstation überlebten, wenn sie darüber reden konnten, was ihnen im Krieg oder auf der Flucht oder sonst wo passiert ist. Die die ihre Erfahrungen und ihre Krankheit verheimlichten sind gestorben. Den ursprünglichen Schmerz über den Verlust des eigenen Ichs wieder zu spüren kann sehr heilsam sein und bringt mir meine Lebensfreude zurück. Das sind meine persönlichen Erfahrungen, die ich hier beschrieben habe, ich erinnere mich an alles, was ich in meinem Leben erlebte,mein Körper, meine Psyche, mein Hirn, mein Hergehirn vergessen nichts was mir geschieht,
    pränatal, perinatal und postnatal, genaus wie die Therapeutinnen, die das im Buch FRÜHES TRAUMA beschrieben haben: DAGMAR STRAUSS beschreibt den Geburtsprozess sehr einfühlsam aus der Sicht des Kindes. Wie passt ein brutaler nicht notwendiger Kaiserschnitt zu diesem intimsten Erlebnis einer Mutter? Der Film MEINE NARBE – EIN SCHNITT INS LEBEN von Mirjam Unger zeigt das: sehr behutsam befragt sie acht betroffene Mütter und einige der Väter. In manchen Kliniken kommen die Hälfte der geborenen Kinder durch Kaiserschnitt auf die Welt. professor Rockenschaub sagt im Film, dass der Kaiserschnitt die „normale“ Geburt werden wird. Welche Aussichten!
    Eine Empfehlung für alle: lesen Sie das neue Buch von Franz Ruppert und Harald Banzhaf und 25 Autorinnen MEIN KÖRPER MEIN TRAUMA MEIN ICH.

  • A. I.

    „Oft wickeln sich Kinder die Nabelschnur zweimal um den Hals, weil sie gar keine Lust haben sich ein Leben ohne sicheres Bonding nach der Geburt auszumalen, wenn ich sosehr angewiesen bin auf Hilfe, die mir verweigert wird. Da ist die Geburt noch eine letzte Möglichkeit für das Kind zum Suizid…“

    Eine ziemlich gewagte These. Welches gottähnliche Wesen sind Sie, dass Sie behaupten können zu wissen, was ein Baby im Mutterleib denkt und fühlt?
    Es gibt unzählige Frauen, die alles für eine Schwangerschaft tun und am liebsten Tag und Nacht beim Frauenarzt sitzen würden, und nach langem Bangen und Hoffen sich unendlich freuen, wenn sich ihr kleiner „Eckenhocker“ endlich zeigt, wächst und gedeiht.
    Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie Eltern Ihre Worte empfinden, die ein heiß ersehntes und geliebtes Kind still gebären müssen, weil es sich z.B. die Nabelschnur um den Hals gewickelt hat? Wollen Sie denen wirklich sagen: „Ihr Kind hat Selbstmord begangen, wenn es sich von euch nicht geliebt und angenommen gefühlt hat?“

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