Kommentar4. April 2021

Eine Idee zu Ostern

Absolut, wir sind wundgescheuert von dieser Pandemie. Verzweifelt. Beängstigt, und jetzt auch noch beschämt, weil die anderen das besser hinbekommen mit den Impfungen. Gar nicht zu reden von denen, die nicht nur ihre innere Balance verloren haben (von denen hört man am meisten, weil sie gerne auch laut werden), sondern ihre Lebensgrundlage. Oder gar ihre Gesundheit (von letzteren hört man eher wenig, weil sie zum Leise-Sein verdammt sind, ist so).

Aber hier soll es um etwas anderes gehen.

Wir könnten nämlich auch anders auf diese Pandemie blicken. Wir hätten zumindest gute, rationale Gründe dafür:

  • Die meisten Länder haben es immerhin geschafft 80 bis 90 % ihrer Bevölkerung vor dem Virus zu schützen, manche auch mehr. Deutschland gehört dazu. Dass das kein trivialer Erfolg ist, zeigt der Blick in die hart betroffenen Gebiete dieser Erde. Oder in die Intensivstationen. Ein Freund von mir kämpft dort gerade um sein Leben (er ist so alt wie ich, so wie überhaupt – anders als manchmal behauptet – die Covid-Patienten in deutschen Intensivstationen im Durchschnitt 65 Jahre alt sind). Überhaupt, vielleicht ist es auch eine gute Idee, dankbar zu sein für die Möglichkeiten, die wir hierzulande haben.
  • Und: wir haben es geschafft, gerade noch rechtzeitig ein Mittel gegen dieses „Wellenmonster“ zu finden, das sonst noch Jahre weitergetobt hätte – ohne Impfungen würden wir ja eine Welle nach der anderen, einen sozialen Stillstand nach dem anderen erleben. Auch das könnte ein Grund sein für ein bisschen Erleichterung, und ein bisschen Dankbarkeit.
  • Und diese Impfungen sind nicht nur in Rekordtempo entwickelt worden, sie sind zudem auch „modular“, das heisst sie können rasch und effizient an neue Virusmutanten angepasst werden, falls dies nötig sein sollte (was bisher nicht so erscheint). Das ist ein riesiger Grund zur Erleichterung.

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Ja klar, ich kenne auch die Einwände

Und ja, sie alle stimmen, und stimmen auch nicht: Die Schulen haben versagt. Manche ja, andere haben sich wacker geschlagen. Die Politik hat versagt. Manchmal ja, manches hat sie aber auch gut geschafft (dazu gleich mehr). Die Wirtschaft wurde im Stich gelassen. Ja, aber es gab auch Hilfen, die in anderen Ländern nicht möglich waren.

Und so weiter: Alles stimmt – weil auch das stimmt: diese Pandemie hat eine endlose Abfolge von Zwickmühlen geschaffen. Mache ich es so, mache ich es falsch, mache ich es anders, mache ich es auch falsch. Ist keine Entschuldigung, aber ist so. Weiter lernen, heisst für mich die Antwort. Auch weiter streiten, von mir aus (wobei ich es inzwischen aufgegeben habe mit Leuten zu streiten, die nach einem Jahr noch immer die grundlegenden Tatsachen und Probleme dieser Pandemie nicht verstehen können, bringt nichts und macht einen irgendwie auch traurig).

Klarheit hilft

Vor allem aber: Lasst uns die Freiheiten nutzen, die wir haben. Ich glaube DAS ist in diesem Jahr zu kurz gekommen.

Ja, Kinder brauchen Schulen, und darüber haben wir wirklich viel gestritten.

Aber WELCHE Schulen sie brauchen, diese Frage haben wir dabei irgendwie vergessen.

Ja, in der Pandemie waren vor allem die sozial benachteiligten Kinder die Verlierer.

Das waren sie aber auch schon vorher. Nur, da hat es niemand interessiert.

Jetzt wird auf einmal die mangelnde Chancengerechtigkeit in den deutschen Schulen zum Thema? Wir haben uns auch bisher eine Schule geleistet, die an 25% der Kinder praktisch spurlos vorbei geht. Eine Schule, die diejenigen auszeichnet, die vom Leben schon ausgezeichnet sind. Und die anderen, die Auszeichnung und Anerkennung umso dringender brauchen könnten? Die bekommen – oft genug – eine zusätzliche Bürde fürs Leben: Abwertung, Selbstzweifel, nicht geschafft.

Jedenfalls bin ich gespannt, was aus diesem neuen Engagement für die „abgehängten“ Schüler wird, wenn die Kinder sich dann wieder alle brav von Klassenarbeit zu Klassenarbeit hangeln.

Und andere Freiheiten, andere Visionen?

Ich bin der festen Meinung, dass wir viele Freiheiten, gerade in den Kitas und in den Schulen nicht genutzt haben. Etwa das Leben und Lernen mit den Kindern nach draußen zu verlagern. Nein, dort kann man vielleicht den Lehrplan nicht so genau umsetzen. Aber man kann trotzdem viel gemeinsam lernen und erleben. Zumal das, zusammen mit einer klugen Teststrategie, die vielleicht einzige Möglichkeit sein könnte, um die meisten Einrichtungen vollends durch diese Pandemie zu bringen – bei laufendem Betrieb. Nach über einem Jahr Pandemie kennen wir doch die Fakten zu den Übertragungen: Infektionen finden vor allem in Innenräumen statt. Und: Es kommt dabei vor allem auf die Dauer der Kontakte an, der lange gemeinsame Aufenthalt in Räumen ist zu vermeiden.

Was hindert uns, das ernst zu nehmen? In den Kitas und Schulen haben wir doch eindeutig mehr Freiheiten als etwa in den systemrelevanten Fleischfabriken. Das Lernen mit Kindern kann großteils nach draussen verlagert werden. Nutzen wir die Möglichkeiten? Ich kenne keine Kita, die sich nun ein Gelände gepachtet hätte und eine Wald-Kita aufgebaut hätte. Statt nach draußen zu gehen, quälen wir uns mit Masken und letzten Endes kaum durchführbaren Hygienekonzepten rum.

Warum beharren wir so hartnäckig auf der alten Schule, der alten Kita? Es gäbe gute pädagogische Gründe eben dieses NICHT zu tun.

Von den Familien

Und zuletzt zu den Eltern.

Auch hier gibt es nicht die eine Antwort. Manche Familien haben das Leben mit ihren Kindern in der Pandemie super gepackt, andere wurden schwer gebeutelt. Manche hatten von den Umständen und dem Wohnumfeld her gute Möglichkeiten, andere schlechte. Manche hatten von ihren Beziehungen her eher Teamstimmung in der Bude, andere eher das Gegenteil. Die EINE Antwort auf die Frage, wie belastend die Pandemie für die Kinder war, die gibt es deshalb nicht. Die allermeisten Kinder, das ist meine feste Überzeugung, werden auch die negativen Erfahrungen heilen können, sie werden sie „überwachsen“, wenn man so will.

Auch hier würde ich gerne dem Blick auf die Schwierigkeiten, auf die Probleme und die Gefahren einen weiteren Blick zur Seite stellen. Ich weiss, er ist nicht für alle Eltern möglich, er ist trotzdem wichtig. Es gäbe auch Freiheiten, die zu nutzen sind. Es gäbe auch Entwicklungen zu schätzen, die gut sind. Es gälte – auch in der Pandemie: carpe diem.

Deshalb will ich zum Schluss eine Zuschrift weiter geben, die mich gerade erreicht hat. Ich finde, wir dürfen auch diesen Blick – auf die Möglichkeiten – nicht vergessen. Hier der Beitrag einer Leserin:

Meinen Kindern (Schulalter) geht es gerade so gut wie nie zuvor. Sie haben Zeit! Sie haben Freiheit. Sie sind täglich draußen. Sie treffen mal zufällig hier, mal zufällig dort andere Kinder, die auch etwas haben, was sie bisher nie zuvor in ihrem stressigen Kinderleben hatten: ZEIT. Sie sammeln Stöcke, bauen Hütten, graben Löcher, bauen die Hütten wieder ab, bauen neue, klettern, hängen Seile an Bäume, Hängematten zwischen Büsche. Das ist möglich im Park, im Wald, auf dem Spielplatz, im Garten, im Gebüsch. Kinder finden überall "Spielplätze" solange sie ermutigt werden eigenständig draußen zu sein, und solange auch andere Kinder draußen sind. Rein zufällig natürlich.

Ich kann deshalb den Mund nicht mehr halten. Unsere Kinder müssen jetzt mehr denn je RAUS! Der Frühling steht vor der Tür UND der nächste harte Lockdown. Das ist DIE Gelegenheit, dass Kinder sich in der Natur erholen, von alledem was war und was ist.

Und es muss den Eltern kommuniziert werden, dass Kinder nicht verloren sind wegen/durch die Pandemie (wie wir es so oft hören, leider auch von manchen hoch angesehenen Experten) sondern dass es ihre CHANCE ist - RAUS in die Natur. 

Deshalb plädiere ich an Sie Herr Renz-Polster: greifen Sie doch bitte das Thema nochmals auf: wie Kinder heute (in Coronazeiten) wachsen. Vielleicht können Sie es positiv formulieren. Kinder im Schulalter müssen RAUS. Ohne Eltern! In Freiheit! Die Osterferien, in denen kein Kind in den Urlaub fahren wird, können zum Kindheitserlebnis schlechthin werden, wenn alle Kinder erleben können, was meine Kinder gerade erleben. Dazu braucht es aber die Eltern, die es positiv sehen und ihren Kindern Vertrauen schenken. Die den Lockdown als Chance sehen.

Sagte ich doch: Wir könnten auch anders auf diese Pandemie blicken. Wir hätten auch dafür ein paar gute, rationale Gründe.

 

Frohe Ostern !

P.S. Für diejenigen, die sich ihren Kindern anschliessen wollen und mit ihnen zusammen die Abenteuer um die Ecke einfangen wollen, gibt es sogar ein passendes Buch, ganz frisch mitten in der Pandemie erschienen:

Ausgebüxt!: Mikroabenteuer mit Kindern. Natur spielend entdecken (nein, ich verdiene nichts daran, finde das Buch nur gut)

Dieser Beitrag beruht auf dem Buch des Kinderarztes und Wissenschaftlers Dr. Herbert Renz-Polster: „Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum - ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Denken und Fühlen" (zusammen mit Prof. Gerald Hüther). Es beschreibt, wie und warum die Natur die Kinder in ihrer Entwicklung fördert und unterstützt.
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26 Kommentare

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  • ama

    „Die meisten Länder haben es immerhin geschafft 80 bis 90 % ihrer Bevölkerung vor dem Virus zu schützen, manche auch mehr. Deutschland gehört dazu.“

    Das glaube ich nicht. Die Impfrate ist noch immer lächerlich gering. Sie ist miserabel. Sie ist erbärmlich.

    Daß das Virus noch nicht so viele Menschen erwischt hat, liegt an mehreren Gründen, wovon einer die Isolierung ist. Sie ist nach wie vor ZWINGEND notwendig, auch für Kinder, auch wenn das niemand gerne hört. Aber wir haben noch immer kein anderes Mittel. Die bleibenden organischen Schäden sind verheerend, auch und gerade bei Kindern – und Kinder werden jetzt zunehmend eingeliefert.

    • Herbert Renz-Polster

      Ich denke, wir sollten uns nicht allzu weit von der Evidenz entfernen. Covid-19 kann auch Kinder betreffen, schwere Verläufe sind aber im Vergleich zu anderen Erregern und im Vergleich zu Erwachsenen bei Kindern sehr selten. Hier die Daten zu den PIMS und Hospitalisationen:
      https://dgpi.de/pims-survey-update/
      Also: „auch und gerade bei Kindern – und Kinder werden jetzt zunehmend eingeliefert“ – das ist keine richtige Aussage.
      HRP

  • Barbara

    Danke!!!! Für mich ist es ein Riesen Geschenk, für unseren Sohn der seit August ist es ein echtes Geschenk! Keine Präsenzpflicht in der überwiegenden Zeit. Es ist so wunderbar. Und : endlich die Entscheidung die Kita vorerst nicht mehr zu nutzen. Kitafrei bleiben! Auch ohne familiäres Netzwerk in der Nähe. Leben, Loslassen, genießen was geht!!! Und immer daran glauben, dass alles gut wird. Nur bitte nicht mehr mit Schulpflicht 🙏🏻🥺

  • Katharina Teufel-Lieli

    Das ist aber sehr beschönigend und trifft allerhöchstens auf Volksschulkinder zu. Mittelschulen- und Oberstufenalltag sieht so aus: sitzen vor dem Computer, sitzen vor dem Computer und sitzen vor dem Computer. Freunde treffen? In diesen Altersklassen sind sie meist zusamnengewürfelt aus verschiedensten Orten, also zufällige Treffen Fehlanzeige, geplante nicht erlaubt.
    Fußballtraining? Gestrichen. Turnen? Auch. Alle anderen Teamsportarten- gestrichen, gerade diese sind bei Jugendlichen aber die motivierenden. Spielplätze in Städten – polizeilich überwacht.

    Krank ist unser Umgang mit dieser überschaubaren Gefahr. Krank ist der Narzissmus mit seinen Verdreheungen und Schuldzuweisungen. Krank ist dieser emotionale und körperliche Missbrauch von Kindern.

    Ich halte nichts von Schönrederei.

    Wofür wir dankbar sein sollten: dass Kinder weniger oft und schwer erkranken als an Influenza. Darüber spricht man kaum, denn dann würde der Missbrauch sichtbar werden.

    • Olga

      Danke! Jedes Wort von Ihnen trifft auf mein Umfeld auch zu. Zufälliges Treffen und mit Stöckchen in der Natur bauen im Zentrum einer Großstadt? Hm…
      Ich frage mich manchmal, wer diese Leserinnen sind, die solche Zuschriften wie im BlogArtikel verfassen, wo und in welchen Lebensumständen sie leben. Arbeiten diese Frauen?
      Ich kenne hier in der größten Stadt Deutschlands keine einzige Familie, die diese Schönrederei unterschreiben könnte und würde. Durch meine drei Kindern (Kita, Grundschule und Gymnasium) kenne ich schon viele.
      Die einzige Lösung für uns war und bleibt: es wird sich trotzdem verabredet und getroffen, es wird trotzdem bei Freunden übernachtet etc. und die Kitas sind so voll, wie es irgendwie geht. Und was nicht geht, da tut man sich unter Eltern zusammen oder teilt Babysitter.
      Ich sehe nicht ein, dass die Erwachsenen, die durch COVID betroffen sein können, die Kinder, die kaum betroffen sind, für Erwachsenen-Schutz missbrauchen. Kinder als Mittel zum Zweck benutzen.
      Es geht um die Haltung der Menschen, die sich als erwachsen bezeichnen, aber scheinbar nicht in der Lage sind, erwachsen zu handeln. Ja, Kinder rauszuhalten kann bedeuten, dass es etwas mehr Ansteckungen geben könnte. Oder auch nicht. Aber vielleicht muss man diesen kleinen Nebeneffekt aushalten. Für Kinder.
      Wir sind gerade in der Schweiz und sehen hier, dass es schon besser geht, als in Deutschland in Sachen Kinder. Man muss es nur wollen.

      • Ragsna

        Evt ist es ja auch mal an der Zeit nicht mehr zu 2 100% zu arbeiten und das Prinzip Arbeit als Lebensinhalt zu hinterfragen. Die jungen Leute der x und y Generation tun das übrigens immer mehr. . Ja ich weiß es gibt Paare, Alleinerziehende, die müssen wirklich zu zweit ran da es sonst nicht reicht, die schließe ich in meine Worte nicht ein und finde es auch schlimm das Arbeit so schlecht bezahlt wird aber das ist eine andere Baustelle , aber ich glaube eine Großteil könnte auch einfach finanziell Einbußen in Kauf nehmen auch wenn das heißt den Gürtel etwas enger zu schnallen und die berufliche Kariere für eine Zeit zurückzustellen und nur noch 60% zu arbeiten oder etwas das Abgesparte zu nutzen. (Dieses steigt üblich in Deutschland seit der Corona Pandemie an). Es gibt auch die Möglichkeit direkt den Arbeitgeber anzusprechen ob Kurzarbeit möglich ist… Viele gehen damit und da hat der Staat schon ein gutes Instrument eingeführt. Wir sehen den Staat und die Politik mittlerweile als reine Dienstleistungbetrieb Mach mir das Leben in meiner kleinen angenehmen Welt so angenehm wie möglich und vergessen immer das der Staat uns auch was abverlangen darf und wir eine Bringschuld haben.
        Ja und einfach auch eine positiven Blick auf die für uns , Kinder aber auch für die Poltik echt schwirige Zeit. Und ich glaube auch das es uns hier in Deutschland im Gesamten nicht schlecht geht trotz Pandemie. Aber wir jammern nun mal gerne. Find wir sind immer mehr schwarz weiß Maler in diesem Land. Mich spricht der Text sehr an weil er zeigt wie man die von mir aus Bildichgesprochen schwarze Corona Situation mit bunten Farbtupfern versehen kann, wenn man nur will.
        Danke für den Text und slle Kopf hoch bald werden wir den Virus im Griff haben.

        • Caroline Keeling

          @Ragsna:
          Irgendwie hört sich das cool an was Sie schreiben, diese Möglichkeit, dass beide Partner nur 60% arbeiten.
          Schlagen Sie das für die Pandemie-Zeiten vor oder auch für die Zeiten danach? Aber….wie Sie selbst anmerkten, das läuft dann wieder auf diese Richtung hinaus, dass Kinder ein Privatvergnügen sind und die Wohlhabenden unter uns können es sich leisten, für ihre Kinder da zu sein und die Geringverdiener eben nicht. Kinder sollten aber eben KEIN Privatvergnügen sein.
          Und dann kommen auch noch die Frauenrechte ins Spiel: in wie weit würden die Männer da wirklich mitziehen? Soviel ich weiss sind es im Moment ja Frauen, die sich wiedermal beruflich hinten anstellen.

          Der Staat, das sind ja wir. Das Dorf, das die Kinder mit aufzieht ist uns abhanden gekommen. Ich finde wir müssen nun den Staat so gestalten, dass wir uns ein neues, ANDERES Dorf für unsere Kinder schaffen. Und ich glaube es ist der falsche Weg, wenn die gehobene Mittelschicht ihr eigenes Süppchen kocht und die, die nicht so viel Glück hatten bleiben auf der Strecke.
          Aber wir müssen es viel, viel besser machen, d.h.: wir müssten viel, viel mehr Geld dafür hinblättern (vor allem diejenigen, die am meisten von der kollektiv (=staatlich) geschaffenen Infrastruktur profitieren). Können wir das nicht hinbekommen, dass wir den Kindern die Hinterhöfe, die Waldstücke und AUCH die ewige Mama am Herd irgendwie (zumindest zu einem Grossteil) ersetzen? Das wir den Kindern Raum in anderer Form (z.B. ausgedehnten Abenteuerspielplätzen) geben? Und auch mehr Beziehung in anderer Form (z.B. dass Lehrer eine andere und grössere Rolle spielen als klassische Lehrer? Und dass Väter sich bedeutend mehr einbringen und so den Frauen ermöglichen ohne schlechtes Gewissen und Stress ebenfalls berufliche Erfüllung zu suchen? Und das Eltern, die gerne selbst die Kinderbetreuung übernehmen wollen unterstützt und eingebunden werden)?

    • KerstinD

      Vielen Dank für diese treffenden Worte!

      Meine Kinder sind noch klein. Mein Großer ist schwerbehindert. Meine Mittlere geht in den Kindergarten. Und die Kleine ist ein Säugling.

      Weil der Große schwerbehindert ist (seelisch, kann keine Gefahren einschätzen, sozial-emotional ist er nur der Kleinsten voraus) muss ich die jüngeren beiden mit ihm zusammen „einsperren“. Ich kann nicht mit den Dreien zusammen zum Spielplatz oder irgendwo draußen andere Kinder treffen. Für meine Mittlere ist das ein schwerer Schlag.

      Freiheit wird es für meine Kinder erst wieder geben, wenn die Durchimpfungsrate groß genug ist. Und das macht mich unendlich traurig.

  • Friedo Pagel

    Vielen Dank für diesen außerordentlich trefflichen Kommentar.

  • Elisabeth

    Wer will findet Wege, wer nicht will Gründe….ich denke die Batur ist nach wie vor unsere große Chance diese Osndenie für uns und unsere Kinder (über-) lebbar zu machen. Allerdings nur dort wo es wirklich auch dir Möglichkeit dazu gibt. Wenn in Großstädten Spielplätze polizeilich überwacht werden, oder der Weg zu einem Stück Natur so weit und gefährlich ist, dass Kinder diesen eben nicht alleine bewältigen können, wird es schwer.
    Ich habe das große Glück in einer Sackgassen-Spielstrase zu leben. Die ersten Kinder sind ca. 08.00 Uhr auf der Straße, die letzten gehen 21.30 Uhr. Es wird Fahrrad gefahren, Fußball gespielt, die Hunde werden gemeinsam im Kinderpulk ausgeführt. Die Mütter reichen den Teenie-Mädchen ihre Babys um mal eben die Küche aufzuräumen. Normales Leben irgendwie, nur hskt alles nach draußen verlagert. Aber mir ist bewusst, dass wir hier in unserem Mikrokosmos sehr privilegiert sind.
    Mein großes Kind war seit Monaten nicht mehr im Kindergarten. Er träumt schon davon, dass wenn er in die Schule kommt ich seine Lehrerin sein darf. Er wünscht sich das. Ich mir jetzt nicht so…😂
    Weiter lernen, da stehe ich 100% dahinter. Dad alte Schul- und Kita-Modell abschaffen und gegen ein neues ersetzen, welches Kinder wirklich bildet anstatt zu beschulen.100% dafür.
    Und mehr Impfungen. Bitte, mehr und schneller.

  • Ina

    Mir geht es ähnlich wie der Leserin der Zuschrift im Artikel: meine Kinder (Waldorfkindergarten und Waldorfschule) erlebe ich in der Pandemie mit weniger Zeit- und Strukturstress als deutlich entspannter. Beide besuchen die Betreuungseinrichtungen eher unfreiwillig. Deshalb schätze ich Ihren differenzierten Blick der pandemischen Auswirkungen auf die Lebensrealitäten von Familien sehr, Herr Renz-Polster. Natürlich gehören auch wir als Familie einem privilegierten Teil der Gesellschaft an. Wir sind zum Glück noch vor Ausbruch der Pandemie ins ländliche Umfeld mit ausreichend Großelternunterstützung gezogen und können als Eltern beide z.t. im Home-Office arbeiten. Ich als Bildungswissenschaftlerin finde es schade, dass die Frage nach dem WIE eine Betreuung/Bildung in Schule und Kita gestaltet sein soll, kaum mehr gestellt wird. Wo wir doch wissen dass das gegenwärtige WIE für eine gesunde, bestärkende Entwicklung deutliche Mängel aufweist, auch im scheinbar heilen Waldorfkosmos. Hier, in dieser Waldorfwelt, erlebe ich große Unsicherheit vor allem bei verschwörungsideologischen Erwachsenen, die es nicht schaffen, ihre Unsicherheiten von den Kindern und aus der Schule fern zu halten. Diese Unsicherheiten und Ängste übertragen sich dann auch auf Kinder und führen zu großen Konflikten…
    Jedenfalls vielen Dank Herr Renz-Polster für ihre tollen Artikel, viele Grüße aus Weingarten.

    • Susann Schleicher

      Ich muss Ihnen recht geben, das Draußen sein, die Natur mit allen Facetten kennenlernen und spüren, das ist sehr wichtig und wird leider in den „normalen Kitas oder auch Schulen“ nicht vermittelt. Ich selbst arbeite gerade in einem Stadtkindergarten im Rahmen meines Anerkennungsjahres als Erzieherin. Was man da alles falsch machen kann, ohje…
      Da wird so gut wie überhaupt nicht Natur vermittelt, weil z.B. die Erzieher nur iiiii und ähhhh rufen, wenn man den Kindern nur mal echte Tiere zeigt oder auf die Hand nimmt. Ich dagegen liebe es, greifbar zu machen und Wertschätzung und dabei kindliches Wissen zu vermitteln. Auch das Aussengelände besteht fast nur aus Sand, eng ohne Bäume, nichts zum Klettern und die großen 5-6 jährigen drehen fast durch, weil es keinerlei Möglichkeiten gibt. Man muss sich echt viel einfallen lassen, um etwas anders zu machen. Und wenn man andere Ideen hat, ist es auch nicht erwünscht. So geht es mir z.B. mit 50 Jahren, die sich beruflich noch einmal verändert hat. Man ist ganz oft eine Konkurrenz, versaut die Preise, wenn man viel mit den Kindern mitmacht, weil mir das einfach Spaß macht. Ich selbst bin mit Natur aufgewachsen, da unsere Eltern immer sehr naturverbunden waren. Man kannte jeden Vogel, Baum, Blume usw.
      Diesen Genuss lernen viele Kinder gar nicht mehr kennen, da es ihre Eltern auch nie kennengelernt haben. Das ist traurig….Und ich muss sagen, mein Mann und ich haben mit unseren 2 Mädels (16 und 21) auch viel unternommen. Draußen schlafen unterm Sternenhimmel, auf einer Alm in Südtirol übernachten mit einfachen Mitteln und ohne großen technischen Hilfsmittel, zelten usw. ……Die Liste ist lang. Tja und wenn ich mir dann die Eltern auch so anschaue, oft superängstlich, die Kinder überbehütet, kaum
      Luft zum Atmen lassend, dann ist es schwer, andere Wege zu vermitteln. Und wenn, geht dies nur behutsam und freundlich, nicht arrogant eingreifend, denn es sind ja nicht die eigenen Kinder. Aber ich finde es wichtig, wieder andere Wege zu gehen.

  • Caroline Keeling

    Ja UND ich finde wir müssen auch zusammen Lösungen für die Kinder finden, die (aus welchen Gründen auch immer) keinen unmittelbaren Zugang zur Natur mehr haben.

    Ich denke da an grosse „Abenteuer“ Spielplätze mit Brettern, Steinen und alten Autoreifen, nach der britischen Landschaftsarchitektin Marjorie Allen (in diesem Video gezeigt):

    https://www.youtube.com/watch?v=lztEnBFN5zU

    Vielleicht können wir in manchen Gegenden nicht mehr zurück in die Vergangenheit, als die Kinder noch viele ungenutze Plätze zum rumwuseln hatten, aber vielleicht können wir hochwertige Alternativen entwickeln?

    —————–

    Reintroducing AdventureInto Children’s OutdoorPlay Environments (Marianne B. Staempfli, University of Waterloo)

    https://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1177/0013916508315000?casa_token=NdD1JI5dwWcAAAAA:2iFzPTnIDZd8-S8Vn_pamHgGToC0QnLb2354AUMCub2s6KQCsAqXIIwe3A4fD1JcTkIjw-k-rA_7vQ

    Abstract: Over the last decade, awareness about the changing nature of children’s play has gradually increased, leading to some concerns that outdoor play, particularly unstructured outdoor play, is rapidly declining. (…) As suggested in this article, adventure playgrounds are a specific type of outdoor play environments that have the potential to offer an abundance of developmental opportunities for children to grow emotionally, socially, and physically.

  • Peter Menke

    Die Vorschläge sind gut und nett, aber leider auch etwas an der Realität vorbei:
    1. Ich habe meine Frau gefragt, warum sie nicht mehr mit den Kita Kindern nach draußen gehen.
    Antwort: auch draußen muss das Personal Masken tragen – also keine Erleichterung.
    2. Ich weiß nicht, wie sich der Leserbriefschreiber das mit dem „strengen Lockdown“ so vorstellt. Die Freundin meiner Tochter hat Ausgangsverbot, obwohl wir noch keinen Lockdown haben. Wenn alle munter miteinander spielen dürfen, können sie auch zur Schule oder zum Sportverein.

  • Sophie

    Da fällt mir gleich ein Waldorfkindergarten aus Berlin-Kreuzberg ein, der tatsächlich im Zuge der Pandemie nach umdraußen gezogen ist. Jeden Tag, bei jedem Wetter, mitten in der großen Stadt.

  • Hanna

    Ja raus. Mein Sohn 4,5 hat in diesen Ferien das Pfeil und Bogenschießen gelernt und baut sich Steinschleudern und meine Tochter 6 schnitzt. Sie klettern auf Bäume, laufen im noch zu kalten April barfuß und es fehlt ihnen nichts. Meine Tochter hätte gerne Schwimmen gelernt im letzen Winter. Ging nicht. Dafür spielt sie jetzt Schach.
    Und auch die Kitas haben teilweise viel richtig gemacht.
    Unsere Kinder werden morgens in den hof abgegeben und nachmittags draußen abgeholt.
    Nur essen nehmen sie drinnen ein.
    Ich bin dankbar und priveligiert.
    Wir konnten im ersten Lockdown im Wald Bäume pflanzen und jetzt wieder. Uns geht es gut. Nur die Bäume, die machen mir Sorgen.

  • Caroline Keeling

    Die Pandemie mag zwar den Kindern aus Familien in den Speckgürteln oder auf dem Land mehr Zeit zum spielen in der Natur verschafft haben, aber die Kinder die keinen Garten oder ein für sie nutzbares Gelände unmittelbar vor der Haustür haben hat es dafür umso härter getroffen.

    Hier nochmal ein interessanter Link zu den „Abenteuerspielplätzen“ (das sind eingezäunte und von Personal betreute Spielplätze, die Kindern zumindest ähnliche Erfahrungen ermöglichen sollen wie sie in der freien Natur möglich sind).

    Adventure Playgrounds: an introduction Author : Shier, Harry, 1984

    https://researchrepository.ucd.ie/bitstream/10197/12055/2/Shier-AdventurePlaygrounds.pdf

    Ich finde das wäre ein tolle Möglichkeit für diejenigen Familien, die keinen Zugang zur Natur mehr haben (besonders im urbanen Raum, vor Allem in den Gegenden mit vielen unterprivilegierten Familien).
    Es gibt schon einige in Deutschland (z.B. München: https://asp-hasenbergl.de/) aber ich finde es könnten noch viel mehr sein!

    Diese Broschüre ist auf englisch, kann aber mit einem kostenlosen Übersetzer https://www.deepl.com/translator ins Deutsche übersetzt werden:

    Das Abenteuerspiel gibt es wahrscheinlich schon so lange, wie es Kinder gibt. Lange Zeit, als das Leben der Erwachsenen noch einfacher war als heute, konnten Kinder an der Gesellschaft der Erwachsenen teilhaben. Manchmal muss dies gut für sie gewesen sein, manchmal schlecht. Als das Leben der Erwachsenen komplexer wurde und sich die Einstellungen änderten, wurden Kinder allmählich verdrängt, aber es gab immer noch offene Räume, Ecken und Winkel, die von den Erwachsenen nicht genutzt wurden und die Kinder für ihre Erkundungen und ihr abenteuerliches Spiel übernehmen konnten. In diesem Jahrhundert begannen jedoch die moderne Planung, die moderne Industrie und die moderne Landwirtschaft, all den übrig gebliebenen Platz zu beanspruchen, und so begannen einige Planer und Bauherren, spezielle Vorkehrungen für das Spiel der Kinder zu treffen. Diese Einrichtungen – traditionelle Spielplätze, Spielwiesen und sogar Spielstraßen – boten eine begrenzte Auswahl an Spielaktivitäten und wenig Gelegenheit für Kinder, ihre eigene Welt zu erforschen, zu experimentieren oder zu erschaffen.
    (…)
    Der gesamte Raum wird von Erwachsenen in Anspruch genommen und auf die eine oder andere Weise genutzt, so dass kein Platz mehr für kleine Experimente oder Interventionen von Kindern bleibt. Nirgendwo können Kinder bauen, graben, Wände bemalen oder Feuer machen, ohne die Bedürfnisse der Erwachsenenwelt zu stören und damit als asozial und als Störenfriede abgestempelt zu werden. Oft gibt es nicht einmal einen Raum, in dem sich Kinder sozial versammeln können, um sich und andere in der Entwicklung sozialer Beziehungen auszuprobieren, ohne zu stören, wenn sie nicht den vorgegebenen Normen der Erwachsenen entsprechen. Es gibt nur sehr wenige Orte außerhalb der Familie, an denen sie mit Erwachsenen in einem freundlichen, vertrauensvollen sozialen Kontext in Beziehung treten und etwas über sie lernen können. Am wichtigsten ist vielleicht, dass es keinen Ort gibt den Kinder ihr Eigen nennen können.
    …..

  • Susanne

    MHH es kommt halt immer auf die Situation der Familie an. Wenn es so geht wie in dem Brief, ist es schön.
    Ich höre öfter anderes:
    – Kinder, die ohne Kindergarten Deutsch verlernen.
    – eine Mutter, die gerade ihr drittes Kind geboren hat (Gebärmutter-OP danach) durfte die „großen“ nur 3 Tage in die Notbetreuung bringen. Da der Mann arbeiten muss, hatte sie dann neben dem neugeborenen Baby auch beide Geschwisterkinder zu Hause zu betreuen, trotz ärztlicher Anweisungen, viel zu liegen und möglichst nicht zu heben. Das ist einfach in hohem Maße frauenfeindlich!
    – Jugendliche am Gymnasium, die vermehrt Suizidgedanken äußern. Eine Schülerin meines Mannes hat dazu noch eine extreme Essstörung entwickelt, ist mittlerweile so schwach, dass sie keine Treppe mehr raufkommt, im Krankenhaus liegt und zwischen Leben und Tod schwebt.

    • Herbert Renz-Polster

      Danke, ich glaube es ist nicht so einfach, weil Schulöffnungen/Schließungen ja oft nicht die einzigen Maßnahmen sind, die jeweils eingeführt oder geändert werden. Zudem hängen an den Schulschliessungen teilweise auch Effekte, die sich evtl. auch anders erreichen liessen (man kann z.B. homo-office durch die Vordertür erreichen, indem man Unternehmen dazu verpflichtet, man kann es auch durch die Hintertür erreichen, dass man Schulen schliesst und die Eltern somit indirekt ins home-office bringt). Andere Erhebungen haben diesen Effekt nicht gesehen, etwa eine andere Studie aus Italien:
      https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.12.16.20248134v2:
      „The delay between the different school opening dates in the different Italian regions and the increase in the regional Covid19 reproduction number Rt was not uniform. Reciprocally, school closures in two regions where they were implemented before other measures did not affect the rate of Rt decline.“
      Ich will damit nicht sagen, dass ich die Antwort auf die Schul-Frage unter jetzigen Umständen kenne, ich will nur zu bedenken geben, dass antipandemische Maßnahmen eine Abwägung sind, und wir bei den Schulen möglicherweise das Transmissionsverhinderungspotenzial noch nicht voll ausgeschöpft haben (Stichwort z.B.: Draussenunterricht.
      Danke
      HRP

      • René

        ‚homo-office durch die Vordertür erreichen‘ – da musst‘ ich kurz lachen. Danke dafür.

        Ansonsten: wie immer, ganz Ihrer Meinung.

        Re’homo sapiens ist sooo 1900er’né

        PS: Tschuldigung für’s nitpicken

  • ama

    Peter Frank @PeterFr89977258 auf Twitter:

    „12h
    WICHTIG
    Große italienische Studie zeigt signifikante Änderung im Infektionsgeschehen binnen 28 Tagen nach Öffnung der Schulen.“

    Kitas und Schulen MÜSSEN geschlossen werden. Die Kliniken sind bereits am Limit.

    Hier sind die statistischen Kurven: auf Twitter:
    DGBassani/status/1380653408076623872

    • ama

      Sorry, Ihre Antwort ist hier erst nach meinem Versuch ohne URLs aufgetaucht.

      Ein wichtiger Punkt ist übrigens, WANN die Studien gemacht wurden. Die neuen Virus-Varianten schlagen wesentlich härter zu als die ersten.

    • Johannes P

      Hmmm, nicht überzeugend. Das ist eine Auswahl an Regionen wo die Schulöffnungen innerhalb von 28 Tagen 3. Welle waren (frei nach der Methode: Daten die nicht zu meiner Hypothese passen, filter ich raus). Man sieht einfach wie die verschiedenen Regionen von der 3. Welle getroffen werden. Fast bei jeder Region ziemlich genau um den 30. September rum. Der Zeitpunkt der Schulöffnunen scheint keinen Einfluss auf die Welle zu haben (also wenn die Schulen später geöffnet wurden, kam die Welle nicht später). Die Grafiken unterstreichen eher dass Schulöffnungen wenig Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben.

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