Kommentar27. August 2019

So eine bist Du also!

Ist die Kita gut für mein Kind?

So eine also bist Du? Ich habe den Beitrag gerade auf Zeit online gelesen. Eine erfrischende Lektüre.

Hinten im Artikel der Hinweis: Um die Anonymität der Autorin zu schützen, haben wir ein Pseudonym verwendet. Ihr Name ist der Redaktion bekannt.

Hmm. Dabei geht es in dem Artikel nicht etwa um eine private Offenbarung. Ich habe meinen Mann geschlagen. Oder meinen Hund vergiftet.

Nein. Die Autorin hat ihr einjähriges Kind nicht in die Krippe gegeben!

Obwohl sie alleinerziehend ist.

Was soll man dazu sagen? Wohl dass das Thema ziemlich emotional aufgeladen ist. Das sieht man dann auch in den über 1000 Kommentaren – einmal volle Zustimmung, dann wieder wird die Gute gefedert und geteert (überhaupt ist das Niveau der Kommentare erschreckend – viel Vorwürfe, viel Wut, viel einfach-mal-was-sagen).

Ich wollte nun dann doch auch was dazu sagen. Und zwar eher aus der Kinder-Perspektive: Was für eine Betreuung passt für das kleine Kind? Und was sagt die Wissenschaft dazu?

Crashkurs Krippendebatte – was sagt die Wissenschaft?

Die Ausgangssituation ist eigentlich leicht verständlich. Und doch so komplex, dass sie eines nahelegt: Eine pauschale Antwort auf die Frage: sind Krippen gut oder schlecht für Kinder? gibt es nicht. Noch viel weniger gibt es eine Antwort auf die Frage: Ist der Besuch einer Krippe für mein Kind die richtige Option? Dafür sind die Lebensumstände und Persönlichkeiten der Familien, Eltern und Kinder einfach zu unterschiedlich: Manche Familien kommen ohne ein zusätzliches Einkommen gut über die Runden, andere nicht, manche haben viele helfende Hände in Reichweite, bei anderen sind Oma und Opa die ganze Zeit auf Kreuzfahrt. Manche finden das Leben mit einem kleinen Kind wunderbar, manche so la la, andere sind täglich überfordert. Manche haben ein Draufgängerkind, manche eine kleine Mimose. Manche wollen die Krippe nur ein paar Stunden nutzen, andere möglichst lange. Manche leben in der Krippen-Wüste, andere zufällig in der Nähe dieser wunderbaren Einrichtung, in die doch auch die Carla geht, und schon wenn ich da reinkomme fühle ich mich wohl. Manche haben einen Partner, manche sind alleinerziehend. Manche müssen für das Zuhausebleiben einen „kommt-nie-wieder“-Job sausen lassen, andere haben einen Job, der auf sie warten kann (wieder andere einen, den sie hassen). Manche können sich nichts anderes als Teilzeit vorstellen, andere nichts anderes als Vollzeit. Manche können mit Kind nebenher zuhause arbeiten, für andere ist das undenkbar…

Also jetzt höre ich da lieber auf, obwohl noch viel auf die Liste zu bringen wäre. Ich will damit nur sagen: die EINE Antwort, was wohl die richtige Entscheidung für mich wäre, die gibt es nicht. Schlagt euch also weiter die Argumente um die Ohren. Aber seid nett zueinander.

Ziemlich geradlinig ist dagegen, was die Wissenschaft zur Krippenfrage gesichert sagen kann:

  • Wenn die Krippen gut sind und sie nicht zu früh und nur moderat genutzt werden schaden sie dem Kind nicht.
  • Wenn ein Kind aus einer sozial belasteten Familie eine Krippe besucht, dann kann das Kind davon profitieren wenn die Krippe gut ist.

Was die Wissenschaft nicht pauschal sagen kann ist:

  • … dass Kinder aus normalen Verhältnissen in Krippen generell in ihrer Entwicklung besser vorankommen als wenn sie in den ersten 3 Jahren zuhause betreut würden. Sie kann diese Aussage deshalb nicht treffen, weil Auswertungen zeigen, dass die Ergebnisse des Krippenbesuchs letzten Endes dann doch wieder zum allergrößten Teil vom Familienumfeld abhängen. Sie kann sie auch deshalb nicht treffen, weil gerade die positiven Effekte der Fremdbetreuung (in manchen Studien zeigen „gut“ fremdbetreute Kinder etwa sprachliche Vorteile) entweder nur vorübergehend zu beobachten sind oder so gering sind, dass sie nicht sicher auf die Betreuungsverhältnisse zurückzuführen sind.

Was die Wissenschaft dagegen sicher sagen kann ist:

  • … dass der eindeutig stärkste Einfluss auf den Entwicklungsverlauf des Kindes aus der Familie kommt, und
  • … dass der Besuch einer Krippe mit Risiken verbunden sein kann, nämlich dann, wenn die Krippen schlecht sind, die Betreuungsverhältnisse häufig wechseln und/oder Krippen sehr früh und sehr lange Stunden genutzt werden.

Also: Wie sich „Fremdbetreuung“ auswirkt hängt von den Familien ab, aber auch von der Qualität der Krippenbetreuung, von deren Dauer und ihrem Beginn. Und sie hängt vom Kind ab.

Und noch was zum Kleingedruckten: Wie sich die Fremdbetreuung im Einzelfall auswirkt, dazu kann die Wissenschaft rein gar nichts  sagen, sie wertet ja sehr große Datensätze aus, da landen dann sehr unterschiedliche Szenarien in einem Topf.

Das wäre für mich ein passabler Beginn um die Krippenfrage einmal vom Kind aus zu betrachten. Anschliessend würde ich dann gerne das real existierende Angebot unter die Lupe nehmen. Ich stütze mich dabei auf meine Arbeit für mein vor kurzem erschienenes Buch „Erziehung prägt Gesinnung„, in dem ich auch das Krippen-Thema unter die Lupe nehme (über weite Strecken zitiere ich daraus).

Erstens. Bindung kommt vor Bildung

Krippenpädagogik ist eine hoch komplexe Angelegenheit. Sie muss sich nämlich einem grundsätzlichen Problem der kindlichen Entwicklung stellen: Kleine Kinder stürmen bei ihrer Entwicklung nicht einfach drauf los. Vielmehr brauchen sie Rückenwind und einigen Proviant: Wenn sich kleine Kinder nicht wohl fühlen, können sie sich der Welt nicht zuwenden, sie verschließen sich. Sie sind mit ihrem Stress beschäftigt. Nur wenn sie wache, neugierige Augen haben, fangen sie an, ihre Umwelt zu erforschen. Wache, neugierige Augen haben sie aber nur, wenn sie sich sicher und gut aufgehoben fühlen. Ohne diesen emotionalen Haftgrund bleibt auch das beste Angebot der „frühen Bildung“ nicht hängen. Deshalb ist der Flaschenhals der Bildung eben nicht einfach das Bildungsangebot – alle Lehrerinnen und Erzieherinnen dieser Erde können ein Lied davon singen –, sondern die innere Fähigkeit des Kindes zur Bildungsaufnahme. Gestresste Kinder lernen nicht, so einfach und brutal ist die Formel. Solche Kinder sind wie mit Teflon überzogen – selbst das ausgefeilteste Angebot perlt an ihnen ab.

Das ist der Grund, warum sich gute Krippen nicht durch ihr Angebot an Programmen, Materialien oder Spielgelegenheiten auszeichnen, sondern durch ihre Fähigkeit, dem kleinen Kind emotionale Sicherheit zu vermitteln: Ich bekomme Unterstützung wenn ich in Not gerate, ich bin nicht ausgeliefert. Die Großen beachten meine Bedürfnisse und ich darf mich im Spiel verwirklichen. Das ist die Grundlage – ich kann vertrauen, ich bin sicher, ich gehöre dazu.

Dieses Primat der Bindungssicherheit begründet auch eine bis heute bestehende Gemeinheit: Diese Grundlagen entstehen vor allem außerhalb der Bildungseinrichtungen. Und dort vor allem in der Familie. In diesem ersten Bindungsnetz legt das Kind seine inneren Vorräte an, und die sind gleichzeitig auch der Haftgrund für Bildung: was bleibt hängen, was perlt ab? Kein Wunder bestätigt jedes Ergebnis der Bildungsforschung die Rolle der Familie: Das Elternhaus ist der entscheidende Chancenvermittler (und -vernichter). Wer mit guten Bildungsvoraussetzungen in die Kita kommt, wird diese mit guten Bildungsvoraussetzungen für die Schule verlassen – und wiederum aus Letzterer mit guten Bildungsvoraussetzungen für seine weitere Ausbildung oder sein Studium hervorgehen. Anders ausgedrückt: Bindung und Entwicklung kommen vor Bildung.

Zweitens: Das Bindungsangebot ist in vielen Krippen mager, in manchen nicht ausreichend

Es ist verständlich, dass die Politik die Krippenpädagogik häufig aus der Chancenperspektive betrachtet, sie hat nun einmal auch „familienferne“ Themen im Blick wie Fachkräfteangebot, Steigerung der Erwerbsquote bei Frauen, Rentenverläufe, Wirtschaftswachstum usw.

Ganz im Vordergrund der offiziellen Stellungnahmen steht das sozialkompensatorische Argument. Demnach bekommen kleine Kinder aus sozial schwachen Familien durch den Besuch einer Krippe Entwicklungsvorteile, durch die sie dann zu den Kindern aus besser gestellten Familien aufschließen können.

Zu dieser Hoffnung werde ich gleich etwas sagen,  zuerst aber würde ich das Krippenangebot gerne aus der Perspektive von „ganz normalen“ Eltern betrachten – solchen also ohne besondere soziale Last. Schließlich sind Krippen ja für die meisten Eltern keine Einrichtungen der Sozialarbeit und auch keine Kinder-Reha, mit der sie ihre familiären Probleme lösen wollen. Sie wollen Einrichtungen, die ihre Kinder auch dann auf ihrem Entwicklungsweg unterstützen, wenn sie, zum Beispiel: ganz normale Kinder sind. Aus diesem Grund würde ich mir übrigens auch wünschen, dass in Bezug auf die Krippen häufiger pädagogisch argumentiert wird statt sozialpädagogisch.

Dazu müssten wir folgerichtig dann noch einmal auf die Frage zurückkommen: Profitieren denn alle Kinder von der Krippenbetreuung? Also zum Beispiel auch solche, bei denen es mit der Fürsorge zu Hause einigermaßen klappt?

Ich habe die Antwort der Forschung schon skizziert, hier will ich sie trotzdem wiederholen, denn sie ist überraschend eindeutig, und zwar sowohl für die sozial belasteten als auch für die nicht belasteten Kinder. Sie lautet: Säuglinge und Kleinkinder, bei denen das soziale Bindegewebe zu Hause nicht kräftig genug ist, können vom Besuch in Einrichtungen profitieren, wenn dort besondere Anstrengungen für eine bindungsgerechte Begleitung geleistet werden. Das heißt, wenn sie in guten bis sehr guten Einrichtungen betreut werden.  Das aber sind Bedingungen, die es in Deutschland nach der sehr aufwändig gestalteten NUBBEK-Studie nur sehr selten gibt: bei den Krippen nur zu drei Prozent, in der Tagespflege zu fünf Prozent und in Kindergartengruppen zu sieben Prozent. Was es häufiger gibt, sind ungenügende Einrichtungen: »Eine unzureichende Qualität war in sieben Prozent der Tagespflegestellen, zehn Prozent der Kindergartengruppen und zwölf Prozent der Krippengruppen zu finden.« Für diese Einrichtungen (und möglicherweise auch für einen erheblichen Teil der sehr vielen Einrichtungen mit »mittlerer Qualität«) gilt das Umgekehrte: Die Kinder sind in diesen Einrichtungen Entwicklungsrisiken ausgesetzt – je früher sie dort hingehen, je länger sie dort hingehen, je öfter sie dort sind, umso deutlicher. Und die qualitativ bescheidenen Einrichtungen häufen sich ausgerechnet dort, wo Kinder am längsten in Einrichtungen betreut werden und wo besonders viele Familien vor sozialen Problemen stehen – nämlich in den östlichen Bundesländern.

So gemein es klingt, so ist es auch: Dort, wo der Bedarf am größten ist, können tatsächlich nur wenige Einrichtungen das liefern, was Kleinkinder für ihre Entwicklung zurecht erwarten: emotionale Sicherheit, fürsorgliche Behandlung, menschlichen Geleitschutz für die Erprobung der eigenen Kräfte. Das heisst nicht, dass es nicht auch wunderbare Krippen in Deutschland – und auch in den östlichen Bundesländern gibt. Und das heisst auch nicht, dass die allermeisten Erzieherinnen hierzulande nicht jeden Tag ihr Letztes geben. Aber mehr als eine Satt-und-sauber-Pädagogik ist bei den in vielen Krippen gegebenen Verhältnissen aus offensichtlichen Gründen gar nicht möglich.

Wenn wir also ehrlich sind, müssen wir uns in der Krippendiskussion mit einer lästigen Tatsache auseinander setzen: die Krippenbetreuung funktioniert dann, wenn die Kleinen in Einrichtungen gehen, die es in Deutschland gar nicht so häufig gibt, an manchen Orten sogar überhaupt nicht. Oder, um es der gebotenen Deutlichkeit wegen noch einmal anders auszudrücken: Entwicklungsvorteile durch den Besuch einer Krippe stellen sich für die Kinder nicht automatisch, sondern nur unter bestimmten Bedingungen ein. Wenn es in den Einrichtungen gut läuft, dann profitieren diejenigen Kinder, bei denen es zu Hause nicht so gut läuft. Leider läuft es aber nur in einer Minderzahl der Einrichtungen wirklich gut.

Die Qualität der Krippenbetreuung ist nach meinem Eindruck in den letzten Jahren eher gesunken, die neueren Stellenschlüsselberechnungen hin oder her. Neuere, die NUBBEK-Studie ergänzende Daten gibt es derzeit nicht. Dafür fasst die auf Umfragen unter Kita-Leitungskräften beruhende Studie des Deutschen Kita-Leitungskongresses (DKLK) von 2019 ihre Ergebnisse so zusammen „Über 90% der Befragten geben an, in den letzten zwölf Monaten teilweise mit erheblicher Personalunterdeckung gearbeitet zu haben. (….) Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass Personalknappheit in fast jeder Kindertageseinrichtung zumindest zeitweise zu Situationen führt, in denen selbst die Minimalanforderungen an die Aufsichtsführung kaum erfüllt sind. Eine individuelle Förderung ist angesichts dieser Situation fast nicht denkbar. (…)

Wie bitte? Eine individuelle Förderung ist unter den gegebenen Umständen fast nicht denkbar? Warum, um auf den Artikel in Zeit online zurückzukommen, muss sich dann eine Mutter rechtfertigen, wenn sie ihr Kind nicht mit einem Jahr in eine Krippe geben will? Vielleicht ist ihr ja an dem gelegen, was in vielen Krippen nach Auskunft von dort arbeitenden Fachpersonen „fast nicht denkbar ist“ – die individuelle Förderung ihres Kindes nämlich?

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Drittens: Warum steht dann trotzdem in der Krippendiskussion die Chancenperspektive im Vordergrund?

Dies dürfte mit einem ganzen Blumenstrauß von Gründen – und mit ein paar Missverständnissen zusammenhängen.

  • Zum einen sind viele Eltern einfach einmal froh, wenn sie „einen Platz“ gefunden haben. Da holt man zuerst einmal Luft und sucht nicht gleich nach Problemen.
  • Zum zweiten finden die tatsächlichen Arbeitsbedingungen in Krippen in der Diskussion selten Erwähnung. Vielen Eltern ist auch nicht bewusst, wie deutlich auch in der Pädagogik zwischen brutto und netto unterschieden werden muss – also zwischen den Zahlen auf dem Papier und dem was bei den Kindern ankommt. Die offiziellen Stellenschlüssel sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich festgelegt, aber in der gelebten Wirklichkeit werden die von allen Experten auf diesem Fachgebiet vorgeschlagenen Schlüssel praktisch nirgends erreicht, die etwa von einer Betreuungsperson für drei bis vier Krippenkinder ausgehen. Der Süden Deutschlands (Bayern und Ba-Wü) aber auch Bremen sind deutlich besser versorgt als die östlichen Bundesländer. In Sachsen etwa (wie in den meisten anderen neuen Bundesländern auch) soll sich laut Gesetz eine erwachsene Person um fünf bis sechs der ganz kleinen Kinder (Säuglinge, Einjährige und Zweijährige) kümmern. Also um Kinder, die alle irgendwie gefüttert, gewickelt, getragen, getröstet, geschoßhockt, in den Schlaf begleitet, gewaschen, gezahnputzt, gewertschätzt, geschützt, geliebt und bei Spiel und Ausflügen begleitet werden wollen. Die Zahl gilt aber nur für das Papier. Denn mit eingerechnet sind da auch die Erzieherinnen, die gerade krank sind (das sind wegen der erheblichen Arbeitsbelastung nicht wenige), die auf Fortbildung sind, die Urlaub haben, oder deren Stellen gerade nicht besetzt werden können (das sind immer mehr, schon jetzt muss in der Elementarpädagogik mit Leihkräften aus östlichen EU-Staaten gearbeitet werden).
    In der Realität liegt der Betreuungsschlüssel deshalb bei eins zu neun (neun Kindern je Betreuungsperson). Und da ist das Leitungspersonal mit eingerechnet, dessen Arbeit sich vor allem um Dokumentation, Verwaltung, Hygiene, pädagogische Konzepte, Elternkommunikation, Personalplanung und so weiter dreht (dieser Teil wird, in Ost und West gleichermaßen, von Jahr zu Jahr wichtiger, man kann bald sagen: Unser Nachwuchs wird zunehmend gut dokumentiert, statt gut betreut). Kein Wunder, dass selbst die Aufsichtsbehörden zu diesen »gesetzlichen Schlüsseln« sagen: »Aufgrund des knapp bemessenen Personalschlüssels« könne dieser durchaus von der »erlebten Betreuungssituation abweichen«. Leider finden Kinder ihren Trost und ihre Entwicklungsanreize doch eher in der erlebten Situation als im Gesetzestext.
  • Wer den Mut hat die Realität auszusprechen würde also in Bezug auf sehr viele Krippen dieses Landes von Fürsorgenotstand sprechen. Mich wundert, dass dieses Wort noch immer starke Abwehr hervorruft. Mich wundert es deshalb, weil der Notstand so offensichtlich ist. Stellen wir uns einmal vor eine Mutter würde Sechslinge gebären. Nicht auszudenken! Wie soll sie das schaffen? Die Nachbarschaft würde zusammenstehen und sich Gedanken machen, wer wann babysittet, beim Wickeln und Füttern hilft, in den Schlaf begleitet, mal einen Ausflug mit einem oder zwei der Kleinen macht (bitte nicht mehr als zwei, das wäre zu anstrengend). Und vielleicht auch mal mit ihnen spielt, vorliest oder oder oder. Nur: das macht in sehr vielen Krippen Deutschlands eine einzige Person.
  • Dabei (ich wiederhole mich) gehört die Krippenpädagogik zu den allerschwierigsten Feldern der entwicklungsbegleitenden Pädagogik von Kindern. Das hat damit zu tun, dass die vom kleinen Kind geforderte Beziehungskonstanz und feinfühlige Entwicklungsbegleitung sich schwer mit langen Öffnungszeiten, Personalwechsel, Schichtsystemen und gestresstem Personal verträgt – die aber allesamt in Einrichtungen unumgänglich sind (es ist auch dem hohen Stressniveau, aber auch den teilweise überraschend autoritären Führungsstrukturen geschuldet, dass nur die wenigsten Erzieherinnen ihren Beruf dauerhaft ausüben). Das wird in der Debatte nicht genug gewürdigt.
  • Die Chancenperspektive überwiegt aber auch aus ökonomischen Gründen. Tatsächlich fällt auf, dass das Versprechen der »frühen Bildung« unserer Gesellschaft just in dem Moment eingefallen ist, wo Mütter zur heißen Ware auf dem Arbeitsmarkt geworden sind (in den östlichen Bundesländern war das Versprechen schon früher aktuell, und zwar ebenfalls aus ökonomischen Gründen). Kurz: Wir finden die Krippenbetreuung vielleicht einfach auch deshalb so gut, weil unser Erwachsenenprogramm anders gar nicht zu schaffen wäre. Wie so manches andere auch.
  • Dass die institutionelle Betreuung so sehr aus der Chancenperspektive diskutiert wird, hat aber auch mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen zu tun, unter den Erwachsenen sind die Verhältnisse nun einmal klar geregelt sind: Die familienfreundlichen Unternehmen sind ein Fall für die Sonntagsreden, die unternehmensfreundlichen Familien dagegen ein Fall für die Realität. Und unternehmensfreundlich ist eine Familie tatsächlich nur, wenn sie ihre Fürsorgepflichten delegiert.
  • Zudem tauchen in der Krippendiskussion auch deshalb eher selten kritische Stimmen auf, weil sich fast jede politische Richtung irgendwie mit dem Programm identifizieren kann: die Grünen überzeugt das Argument der weiblichen Emanzipation (wobei ich anmerken will, dass viele Mütter nicht deshalb einen Zusatzjob an der Tankstelle annehmen um sich zu emanzipieren sondern eher um sich vielleicht einen Urlaub mit ihrem Kind leisten zu können). Die Roten sind vom Argument der Sozialkompensation überzeugt (auf das bin ich schon eingegangen). Die Gelben freuen sich über die weiblichen Fachkräfte in der Wirtschaft (mit Männern verglichen noch immer ein vergleichsweise günstiges Angebot). Und die Schwarzen sagen auch hier zähneknirschend ja, weil sie die gesellschaftliche Realität wieder einmal längst überholt hat. Nur die neuen Blauen sind kritisch – und bringen dann diejenigen, die die Risikoperspektive der Krippenbetreuung in den Vordergrund rücken noch mehr in die Defensive.
  • Auch eine wunderbare Entwicklung hat die Nachfrage nach Fremdbetreuung kleiner Kinder angekurbelt, und sie ist für mich ein echter Grund für die Betrachtung der Krippen aus der Chancenperspektive: Die Bildungskarrieren der Frauen haben sich in den letzten Jahren deutlich geändert und an die der Männer angepasst. Mütter haben damit deutlich mehr Optionen und Alternativen zur Vollzeit-Mutterschaft. Die stärkere Beteiligung der Väter an der Erziehung tut ein übriges für eine größere Vielfalt der Optionen.
  • Dass manche Eltern glauben, ihre Kinder würden spätestens ab dem 1. Geburtstag zuhause verkümmern, hat aber auch mit einem Missverständnis zu tun. Das kleine Kind bräuchte jetzt Spielkameraden, sonst würde es sozial nicht vorankommen. Das aber ist aus entwicklungspsychologischer Perspektive nicht korrekt: das kleine Kind erfährt Schutz, Sicherheit, Geborgenheit und Trost primär von zugewandten, ihm vertrauten Erwachsenen. Andere Kinder können das nicht leisten. Die emotionale Welt des kleinen Kindes ist auf eine dyadische Begleitung und Regulation durch bedeutsame, feinfühlige Erwachsene angelegt, deren Qualität steht für seine Entwicklung im Vordergrund. Oder, wie ich es der Autorin besagten Artikels gegenüber gesagt habe: „In den ersten beiden Jahren steht für alle Kinder das Du im Vordergrund, die Kinder brauchen das, um sich selbst gut kennenzulernen, wir Großen brauchen es, um unsere Kinder kennenzulernen. Im dritten Jahr geht es für die Kinder auf die Reise zum Wir. Jetzt werden die anderen Kinder wichtig, und wie! Manche brechen zu ihrem sozialen Abenteuer zögerlich auf, man darf sie dann nicht zwingen, andere schneller, die darf man nicht stoppen. Und beide brauchen weiterhin das vertraute Du mit Menschen, denen sie bedeutsam sind und die gut mit Kindern umgehen können. Das können auch vertraut gewordene Fremde sein und natürlich auch pädagogisches Fachpersonal.“

Reinen Wein einschenken

Und mehr kann ich zur Krippenfrage eigentlich auch gar nicht sagen. Ich würde im Sinne der Kinder empfehlen, dass wir uns in dieser Debatte häufiger reinen Wein einschenken:

  • Für die Eingleisung der kindlichen Entwicklung zählt nach wie vor ganz entscheidend das primäre Bindungsnetz des Kindes in der Familie. Alles andere sind allenfalls Ergänzungsangebote, wir vergessen das manchmal.
  • Das in Deutschland gegebene Ergänzungsangebot ist insgesamt dürftig. Einfach über die bei Kleinkindern erreichte hohe »Bildungsbeteiligung« zu jubeln halte ich für fahrlässig. Wir sollten auch über die Qualität des Angebots und dessen sinnvoller Nutzung diskutieren (ob überhaupt, ab wann, wie lange, wie intensiv, usw.)
  • Gute Krippen und Kindertagespflege können ein wertvolles Angebot zur zusätzlichen Betreuung kleiner Kinder sein, aber sie sind weder ein Muss noch funktionieren sie einfach aus sich heraus, etwa weil dort Profis arbeiten. Nein, eine Kita MUSS im wahrsten Sinn des Worts für das Kind auch eine „Heimat“ sein (ich habe geschildert, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit die Rechnung für das Kind aufgeht).

Weil die Bedingungen zahlreich sind würde ich für mehr Gelassenheit und Flexibilität plädieren. Viele Familien verzichten auf das Krippen-Angebot: was ist daran das Problem? Andere finden eine tolle Krippe mit tollem Personal, und machen die Erfahrung, dass ihr Kind dort gedeiht: was ist daran das Problem? Wieder andere sehen ihr Kind bei einer Tagesmutter bzw. – vater besser aufgehoben: was ist das Problem (das Problem ist, dass die Kindertagespflege politisch und regulatorisch eher benachteiligt ist und sich wegen vielerlei Auflagen oft nicht realisieren lässt). Wieder andere finden nur eine so-la-la-Krippe und geben ihr Kind deshalb nur so kurz wie möglich in deren Obhut. Oder fangen erst später damit an. Was soll man sonst machen?  Wieder andere haben keine andere Wahl und müssen nutzen, was im Angebot ist. Und dann sind da noch die Kinder: Manche Kinder tun sich mit der Betreuung durch andere leichter, manche schwerer – auch das gilt es zu bedenken. Also alles spricht für eines: jede(r) von uns muss diesen Parcours für sich jonglieren. Ja, man darf so eine sein. Oder so eine.

Deshalb wäre mein Wunsch eindeutig der, denn er würde allen helfen: dass das Angebot endlich besser wird.

Leider sehe ich das derzeit nur auf dem Papier. An der Realität stört mich vor allem die abnehmende Flexibilität – in vielen Krippen können etwa Halbtagsangebote gar nicht mehr gebucht werden. In anderen muss das Kind zu einer bestimmten Uhrzeit morgens gebracht werden, sonst  ist die Pforte geschlossen. Was soll das denn?? Ich finde DAS sollte die Politik aufs Tapet rufen, denn junge Familien haben auch so schon Stress genug. Und nach dem Gesagten kann man sich wirklich nicht dafür einsetzen, aus dem Krippenangebot unter der Hand ein Zwangsangebot zu machen. Man müsste sich vielmehr dafür einsetzen, dass das Angebot bedarfsgerecht genutzt werden kann, und zwar auch im Bereich der Kindertagespflege. Und man müsste sich dafür einsetzen, dass sich neben der politischen Perspektive (je mehr Krippenbesucher desto besser) auch eine entwicklungspsychologische Perspektive bei den Eltern durchsetzt: Krippen sind KANN-Angebote, manche taugen besser als andere, manche taugen nur bei kluger Nutzung, manche schaden. Wie der oder die einzelne das Angebot nutzt, muss jede(r) dann selber entscheiden.

Aber dafür, dass das Angebot an tauglichen Krippen größer wird, dafür können wir alle eintreten. Und deshalb zum Schluss noch einmal ein Zitat aus meinem Buch „Erziehung prägt Gesinnung„:

Nicht zögern, nicht zagen!

Ja, ich weiß, das klingt radikal. Aber wäre es nicht an der Zeit für mehr Ehrlichkeit und Selbstkritik? Nein, niemand muss sich dafür entschuldigen, dass er seine Kinder in die Krippen, Kitas und Schulen schickt, die nun einmal im Angebot sind – wir wären ohne dieses Angebot ja komplett aufgeschmissen. Nur: Dann müssen wir als Gesellschaft alles daransetzen (und das heißt ganz konkret: Geld ausgeben und uns endlich auf unsere Fürsorgepflichten besinnen), damit es dort so gut es geht um die Bedürfnisse der Kinder geht und nicht um die Hoffnungen und Ausflüchte der Erwachsenen.

Das gilt auch für die Kindergärten: Sie schießen in immer moderneren, immer größeren Einheiten am Stadtrand aus dem Boden. Oft genug sind das in Beton gegossene Zeugnisse, dass wir auf die Mitsprache der Kinder im Grunde pfeifen. Drinnen ist die Ressourcenbasis zum Zerreißen gespannt. Nirgendwo als im Bereich der Kinderbetreuung müssen so viele Menschen ihren Beruf wegen Überlastung aufgeben. Oder schlicht deshalb, weil sie damit finanziell nicht über die Runden kommen. In Krankenhäusern müssen ganze Stationen geschlossen werden, weil Personal fehlt – wo es um die Gesundheit geht, will sich niemand etwas vorwerfen lassen. Aber wenn bei der Kinderbetreuung das Personal fehlt, läuft alles trotzdem weiter. Und das im Angesicht einer Vielzahl von Herausforderungen, deren pädagogische Reichweite uns erst allmählich klar wird – von der Inklusion behinderter Kinder über die Integration von Flüchtlingskindern bis zur Begleitung verhaltensauffälliger Kinder.

Wenn dieses Land nicht so unendlich reich wäre, könnte man es bei einem resignierten Achselzucken belassen. Aber in diesem Land bekamen etwa hundert Kinder in den letzten Jahren Erbschaften im Wert von dreißig Milliarden Euro geschenkt – und zwar steuerfrei. Durch den Immobilienboom der letzten Dekade wanderten fast 2 Billionen Euro anstrengungslos in die Taschen der reichsten 10 Prozent der Bevölkerung – so viel betragen die Staatsschulden Deutschlands insgesamt.  Wir als Gesellschaft haben einen materiellen Lebensstandard erreicht, von dem die Generationen vor uns nicht einmal träumen konnten. Wir leben in einem Überfluss, der bis zu den Sternen reicht. Und trotzdem schaffen wir es nicht, die Fürsorge für diejenigen zu leisten, die nun einmal schwach und abhängig sind?

Eindeutig. Uns fehlt es an Klarheit. Und an Mut.

Der Autor: Dr. Herbert Renz-Polster, geb. 1960, beschäftigt sich als Kinderarzt und Wissenschaftler seit langem mit der kindlichen Entwicklung. Forschungstätigkeit im Bereich Kinderheilkunde, Prävention und Gesundheitsförderung zunächst in den USA, dann am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Bekannt durch mehrere Sachbücher, u.a. „Kinder verstehen - born to be wild!" und „Wie Kinder heute wachsen". Er hat 4 Kinder und lebt mit seiner Frau in der Nähe von Ravensburg.

21 Kommentare

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  • Lenina

    Wow.
    Auf den Punkt gebracht.
    Mit der absolut richtigen Ausgewogenheit von Wut,Wissen und Mut
    Endlich muss ich nicht mehr alleine vor mich hin schwafeln und ungläubige Blicke ernten,wenn ich sage,dass ich in diesem System nicht mehr arbeiten kann und will und alles daran setze dass meine Kinder ihm nicht ausgesetzt sind. (Die gehen in einen freien kindergarten ohne Brimborium wo das Kind,seine Bedürfnisse und Gefühle an erster Stelle steht. Und wenn der 1jährige eine halbe Stunde im Gras Halme streichen will,dann kann er das. Der einzige Ort,dem ich meine Kinder anvertraue.)

    • Josy

      Super Text! Unser Sohn ist 2 und auch noch zuhause. Da wir erst mit 4 Jahren einen Platz in einem Freien Kiga bekommen haben, der eine Pädagogik verfolgt die wir auch leben, bleibt er das eben auch 4 Jahre.
      Es ist nicht die bequemste und nicht die günstigste Wahl, aber die Richtige für unser Kind.
      Ob wir dafür Verständnis bekommen?
      Kein Stück.
      Ist uns aber einfach egal.

  • Mairi

    Ich stimme voll und ganz zu und ich kenne beide Seiten: Ich war lange alleinerziehend und bin Erzieherin.
    Die Qualitätsdebatte hängt in meinen Augen viel zu sehr an den Zahlen. Feinfühlige Betreuung ist unglaublich rar.
    Der Druck der Eltern, Sachwissen an die Kinder zu vermitteln hat in den letzten 10 Jahren unglaublich zugenommen.
    Dazu, woher das kommt, war mir das Buch “ Die Kindheit ist unantastbar “ eine echte Erleuchtung.
    Aber zum schließen der Pforte am Morgen möchte ich noch folgendes sagen:
    Tut eine Einichtung das nicht, kommen den ganzen Morgen Kinder mit Eltern, die in der Regel Zeit und Aufmerksam einer Betreuungsperson binden. D. h. die wenigsten Eltern kommen leise herein, suchen sich jemanden aus der das Kind gut abholen kann und übergeben es ruhig mit den notwendigen Infos für den Tag.
    Viele Eltern achten überhaupt nicht darauf, was in der Gruppe gerade geschieht. Ob zum Beispiel gerade ein Begrüßungskreis statt findet, gesungen wird oder was auch immer. Dann kann man den ganzen Morgen eine Erzieherin nur dafür abstellen das Rede-
    und Aufmerksamkeitsbedürfnis mancher Eltern zu befriedigen. Das bedeutet dann noch weniger Zeit für die Kinder.
    Ja, man kann das mit vielen Eltern klären doch meine Erfahrung ist leider, dass es immer einen Teil gibt, der nicht über den Tellerrand der eigenen Bedürfnisse hinaus schauen kann. Vielleicht weil sie aus ihrer Kindheit heraus noch bedürftig sind.

  • Elfie

    Danke, für Ihre offenen, informativen und klaren Worte. Ich bin (ehemalige) Krippenerzieherin, hatte mehrere Krippen aufgebaut und geleitet und bin nun am Ende meiner Kräfte und meines Lateins. Meiner Meinung nach ist eine wirklich gute und ganzheitliche Betreuung und Förderung – ich würde es eher als „Begleitung“ bezeichnen, bei Kindern bis 3 Jahren – zur Zeit , unter den gegebenen Umständen kaum möglich. Zuwenig und zu schlecht ausgebildetes Personal, zu viele Kinder für eine Betreuungsperson … ich stimme Ihren Erkenntnissen voll zu .. machen es unmöglich, wirklich adäquat zu arbeiten. Einige Zeit dachte ich, meine Vorstellungen von guter Krippenleitung wären überzogen, doch nun fühle ich mich durch Ihre Worte in meinem Gefühl und meinen Erfahrungen und Beobachtungen bestätigt. Danke !! Auch habe ich wahrgenommen, dass viele Kinder von Ihren Eltern eher als „Ding“ erlebt / behandelt werden. Die Beziehungsfähigkeit der Menschen nimmt ab. Man lässt sich auf die Bedürfnisse dieser kleinen Wesen nicht ein. Somit werden die elterlichen Verpflichtungen auf die Krippe übertragen, was nicht stimmig ist. Vom fachlichen her, sehe ich die Erfordernisse in der Krippe eher auf der Ebene der Heilpädagogik: nicht vom Förderbedarf her, sondern vom fachlichen Know How. Das heisst für mich auch, dass Kinderpflegerinnen in der Krippe nichts zu suchen haben, weil ihre Ausbildung nicht ausreichend ist. Auch fehlt mir zunehmend „das Herz“. Um diesen Beruf aus zu üben muss man eine gehörige Fähigkeit zur Selbstreflexion und Liebesfähigkeit mitbringen.

    • Krissi

      In der Krippe meines Sohnes arbeiten einige KInderpflegerinnen und auch Praktikanten. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass diese weniger geeignet sind, die Kinder zu betreuen. Im Gegenteil, ich finde eher, dass das „Herz“, wie sie sagen, ausschlaggebend ist. Ist es denn wirklich so wichtig, dass alle Mitarbeiter*innen als Erzieher*innen ausgebildet sind? Reicht es nicht, eine oder zwei zu haben, die das fachliche Know How über die Entwicklung kleiner Kinder haben und an den rest weitergeben? Ich finde menschliche Werte wie Empathie und Liebesfähigkeit viel wichtiger. Und die haben eben auch nicht-ausgebildete Leute.
      Wie in dem Beitrag beschrieben, sehe ich es auch so, dass ein „Bildungsauftrag“ in Krippen ja eigentlich noch gar nicht vorhanden ist, sondern es vor allem um Rückhalt und Fürsorge geht. Und den erfährt mein Sohn von allen Mitarbeiter*innen dort.

  • Friederike

    Tausend Dank für diesen Artikel! Da steht alles wichtige drin und ich wünsche mir so sehr, die Politik möge auch endlich aufwachen. Wir leben in einem reichen Land und doch mangelt es an allem, was man eben nicht mit Geld kaufen kann. Vor allem in Bezug auf Familien und Kinder. Es macht mich unendlich traurig.

  • Widmerin

    Spannend, dass in Deutschland ein solcher Druck besteht, das Kind in die Krippe zu geben. In der Schweiz ist es genau andersrum. Gerade von älteren Frauen musste ich mir was anhören, dass ich mein Kind nach unbezahlt verlängertem Mutterschaftsurlaub (der bezahlte dauert bei uns ja lediglich 14 Wochen) mit fünfeinhalb Monaten für zwei Tage in die Krippe gegeben habe. Gesucht hatte ich diese bereits, als ich noch schwanger war. Und ich war entsetzt, wie viele schlechte Krippen es gibt: Mit Bettchen vollgestopfte Schlafkämmerchen, nüchterne Ess- und Spielzimmer mit viel Plastikspielzeug und lieblos bemahlten Wänden, die Ansicht, dass ein Kind während der Eingewöhnung schon am ersten Tag gewisse Zeit alleine in der Krippe verbringen soll…

    Ich hatte Glück. Wenige Fussminuten von meiner Arbeitsstelle entfernt fand ich eine Kindertagesstätte, in der ich mich so wohl gefühlt habe, dass ich beim ersten Kennenlerntermin am liebsten gar nicht mehr nach Hause gegangen wäre. Und beim Eintritt meines Sohnes hatte ich erneut Glück: Ich bin mit einem Kind gesegnet, das den Betrieb liebt, der dort in dieser Gruppe von 8 Kleinkindern mit den in Spitzenzeiten 5 Betreuern herrscht. Wie wir das dann machen, wenn er eingeschult wird, mag ich mir noch gar nicht überlegen – denn unser Wohnort ist halt ein bisschen entfernt. Aber das dauert ja zum Glück noch einige unbeschwerte Jahre und wir werden sicherlich auch dieses Problem lösen können.

    Wir fühlen uns mit dieser Lösung (2 Tage Mama, 2 Tage Kita, 1 Tag Papa) alle sehr wohl und das merkt man Tag für Tag an einem vergnügten, interessierten Kind mit viel Energie, das überall genauso sein darf wie es eben ist. Ich komme aus einer Familie von Pädagogen und bin immer wieder verblüfft, welche Liebe und Fürsorge den Kindern in unserer Kita zuteil wird. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass Betreuung genau so abläuft. Und es macht mich traurig, dass es anscheinend keine Selbstverständlichkeit ist.

  • Christin

    Ich fühle mich nun endlich wieder in meinem Standpunkt gestärkt. Gerade wurde meine 2-jährige Tochter in eine Krippe eingewöhnt, die ich qualitativ als „so la la“ bis ungenügend bezeichnen möchte. Das Angebot an Einrichtungen in der Umgebung (im Berliner Umland) ist dürftig. In den vergangenen drei Monaten war ich zerrissen zw. „Ich muss wieder arbeiten“ und ich kann mein Kind da nicht lassen. Sie tut sich schwer, aber diese Probleme, die ich dort so klar sehe (und irgendwie kein anderer) sind struktureller Ursache (Personalmangel, Schichtsystem usw. – alles was Sie beschrieben). Nur, was kann ich dagegen tun? Alle anderen sind wohl froh, einen Platz zu haben. Ich möchte vor allem, dass es meiner Tochter gut geht. Was kann ich alleine konkret tun? Die Erzieher darauf hinweisen, was in meinen Augen falsch läuft? Ich finde das unerträglich mit anzusehen und leide auch darunter, dass offensichtliche Schwierigkeiten meines Kindes dann darauf geschoben werden, dass sie so „eigenwillig“ ist und vor allem, dass andere Eltern sowas hinnehmen und sehr oft deutlich gegen ihr Gefühl handeln. Haben Sie Ideen?

    • Tanja Norman

      Ich habe mein Kind wieder rausgenommen :-),das ist heute 12 Jahre her….wir leben seitdem Kindergartenfrei,die beste Entscheidung die ich getroffen habe 🙂
      Meine drei Kinder sind fast 6 fast 12 und fast 14 Jahre.

  • Katrin

    Können wir bitte „ausserfamiliäre Betreuung“ statt „Fremdbetreuung“ als Wort nutzen, unsere Kinder sahen die Tagesmutter jeden Tag und haben eine enge Bindung.

  • elke

    vielen Dank „besser“ geht nicht

    und der Schlußsatz:
    „Eindeutig. Uns fehlt es an Klarheit. Und an Mut.“
    ist für alles wichtig

    Mut zu uns selbst
    Mut zum (vermeintlichen) Risiko
    Mut zum Leben
    Mut Konventionen in Frage zu stellen
    uvm

    wir sind Individuen und keine Massenware
    und spätestens in Krisensituationen zeigt sich,
    ob wir uns gefunden haben

  • M. Kindler

    Sie sprechen mir in allem aus dem Herzen, in der Krippendebatte auf vielerlei achten, achtsam sein: besonders auf die Bedürfnisse und auf das Wohl der Kinder!

    Nur einen Punkt verstehe ich nicht ganz: „Nur die neuen Blauen sind kritisch – und bringen dann diejenigen, die die Risikoperspektive der Krippenbetreuung in den Vordergrund rücken noch mehr in die Defensive.“ Dazu möchte ich anmerken: Die ’neuen Blauen‘ sind GEGEN ALLES kritisch, haben aber kein eigenes besseres Programm, vor allem sind sie gegen Europa!, pauschal gegen die Fremden, für Gewalt an den Grenzen: sie WOLLTEN sogar auf Kinder an der griechischen Grenze schießen. – Bei einer Würdigung der Blauen sollten wir den ganzen anderen Schlamassel mit bedenken. Dies nur als kleine Ergänzung.
    Sonst tausend Dank für Ihren Beitrag!

  • Tanja Norman

    Ich bin seit 2004 zuhause,habe drei Kinder.
    Wir leben ohne Kindergarten und die Leute sind Fassungslos!
    Andere Frauen denken,als Mutter und Hausfrau,fällt einem die Decke auf den Kopf und man habe keine Aufgabe???
    Doch,die Kinder!Man kann es einfach so machen wie ich:
    Morgens Sachen packen,raus mit den Kindern bis spät Abends/nachts und im Winterhalbjahr eben nur mehrere Stunden.Da fällt einem nichts auf den Kopf 😉
    Als Mutter und Hausfrau ohne Erwerbstätigkeit,schreibt mir niemand vor,das ich 24 Stunden zuhause sitzen muss und isoliert leben muss.
    Oder nur Kostenpflichtige Orte wie Vereine,Kaffees etc…aufsuchen kann.Man kann herrlich kreativ sein,Leute kennen lernen OHNE einen Cent Geld auszugeben!
    Kreativ sein,das Leben lieben und die Kinder entwickeln sich prächtig 🙂
    Das man immer Geld und Aktion und Angebote braucht ist wohl ein Phänomen der Neuzeit…der Moderne.

    • Vaddern

      Aha. Und was sagt der Elternteil dazu, der die Kinder kaum sieht, weil das Geld für’s Essen und die Unterkunft ja auch irgendwo herkommen muss?

      Wenn man die Wahl dieses nicht ganz billigen Lebenstils so treffen konnte, ist das ja gut und schön, aber selbst dann stellt sich noch die Frage, ob die Entscheidung auch wirklich einvernehmlich war.

      Außerdem käme auch nicht jede Mutter damit zurecht, tagtäglich ihre Kinder zu bespaßen, selbst wenn sie zu Hause wäre – vor allem dann nicht, wenn gerade frischer Nachwuchs eingetrudelt ist und keine Omas oder Opas etc. mal eben zum Aufpassen rangezogen werden können.

      Was in dieser Debatte immer gern vergessen wird, ist die Tatsache, dass Kitas nicht nur den Arbeitgebern dienlich sind, sondern vor allem auch die Eltern selbst entlasten können und damit schließlich auch das Verhältnis zu den Kindern entspannter wird. Das setzt natürlich vorraus, das die Kita nicht allzu große Probleme hat.
      Und man sollte auch nicht vergessen, dass man den Erziehern und Erzieherinnen gerne auch mit etwas Vertrauen und Dankbarkeit begegnen sollte. Ständiges Verbessern und Nörgeln hat bisher den wenigsten Kindern geholfen.

      • Tanja Norman

        Da muss ich Dich enttäuschen 🙂 ich kann nur zuhause bleiben weil ich auf ALLES verzichte,was für andere normal ist.
        Kinderbetreuung, Friseur, Ausgehen, Stadtbummel, Essen gehen, PKW, Urlaub, reisen, Shoppen Hobbys und Vereine Kosmetik, Eigenheim, Küchenmaschinen, Wäschetrockner,mehr wie einen winzigen TV für 5 Personen und ein gebrauchten Computer haben wir nicht etc…
        Nein,ich habe leider keine Verwandtschaft,keine Eltern mehr,seit meinem 18. Lebensjahr bin ich komplett alleine auf mich gestellt.
        Ich habe eine 10 Jährige Ehe hinter mir,habe mich getrennt und war auch Alleinerziehend und lebe seit 7 Jahren mit dem Stiefpapa meiner beiden grossen und meiner kleinsten zusammen. Der leibliche Vater,mein ex Mann liebt es, das ich für die Kinder immer da bin,er hatte wie ich so eine Mama,die immer da war und mit den Kindern ganz viel unternommen hat.
        Dafür bin ich meiner verstorbenen Mama unendlich dankbar und das wollte ich meinen Kindern weitergeben!
        Mein jetziger Mann,seit 7 Jahren an meiner Seite, hat sich danach gesehnt als Kind.Er findet es wunderbar und findet es auch sehr schön,als Mann für Frau und Kinder finanziell sorgen zu können und bewundert mich um meine Geduld und fürsorgliche Begabung 🙂 <3 Er sieht das ja auch,das viele Frauen da garkeine Geduld und Lust mehr darauf haben, für Kinder auf alles zu verzichten und sich nur zu kümmern.
        Wir verzichten ja sogar aus mehreren Gründen auf den Kindergarten und Fremdbetreuung generell.
        Ich bin unglaublich froh,das sowohl mein Ex Ehemann wie auch mein jetziger Mann da total hinter mir stehen,das zuerst die Kinder kommen und die Mama zuhause bleiben soll.
        Aber Du hast Recht,das kann nicht jede/r und viele wollen einen bestimmten Lebenstil haben und nicht auf alles verzichten.Es gibt auch Männer die meinen,das sie nicht alleine für das fianzielle sorgen möchten und meinen,Kinder selbst zu betreuen,wäre nichts.
        Das wären keine Männer für mich 🙂
        Alleinerziehend war ich nur ein halbes Jahr.Ich bin übrigens auch noch Stiefmutter von 4 mittlerweile Erwachsenen Stiefkindern 🙂
        Zwei meiner Kinder haben eine Behinderung und Pflegestufen,eines wurde sogar von mir Beschult,weil es nicht fähig war eine Schule zu besuchen.

      • Tanja Norman

        Darf ich fragen,was daran teuer ist,mit Kindern den ganzen Tag in der Natur zu sein????
        Und Abends und Nachts oder Morgens den Haushalt zu machen????
        Es ist ANSTRENGEND aber es kostet KEINEN Cent mit den Kindern zu Fuss acht bis 14 Stunden draussen zu sein.

      • Tanja Norman

        Wir haben nicht mal eine Nachbarliche oder Freundschaftliche Kinderbetreuung.
        Auf meine Kinder haben all die Jahre nur 10 Stunden!!!!!In Notfällen aufgepasst.Mehr nicht!
        Meine Kinder waren/sind übrigens in Vereinen/Hobbys wir machen als Wildcamper Urlaub mit unserem Zelt auf dem Grundstück von Freunden,schlafen im Wald das macht den Kindern riesigen Spass.
        Meine Kinder können auch Technische Geräte haben etc….das sparen bezieht sich auf uns Erwachsene 🙂

        Andere müssen nicht so leben 🙂 aber wir auch nicht so wie andere 😉

  • Tanja Wagner

    Danke! Ich bin Mutter (8.5 J und 10 Monate), Tagesmutter und starte demnächst meine Ausbildung zur Erzieherin.
    Ich möchte etwas zur Qualität beitragen und werde versuchen mich vehement gegen Dokumentation zu wehren aber dafür Zeit für die Kinder zu haben!
    Unser Kleiner bleibt mit Papa zu Hause, auch wenn wir eine wirklich liebevolle Tagesmutter gefunden haben.

  • Lea

    Vielen, vielen Dank für diesen Artikel.
    Einiges, was in diesem Artikel steht, habe ich bereits gewusst und auch schon geahnt, aber bei den meisten Gedanken habe ich einfach gedacht: „Genauso ist es! Wieso habe ich darüber noch nie nachgedacht? Wieso ist mir das noch nie aufgefallen?“
    z.B. Was sollen „Bildungsangebote“ in der Krippe sein?
    Das klingt, als ob (Kinder)pflege und liebevolle Begleitung und Beschoßhockung (ein toller Begriff, der mir Einiges klar macht) nichts wert sind, nein es muss natürlich „Bildung“ sein.
    Über autoritäre Strukturen in Kitas habe ich noch nie nachgedacht, aber es stimmt. danke für dieses Augenöffnen.

  • bille

    Guten Tag.
    3 Wochen ist der Artikel alt. Ich muss zugeben, als ich ihn zuerst gelesen habe, hat er mich gestresst… irgendwie geärgert… warum? Weil er mein Bauchgefühl in so vieler Hinsicht untermauert hat.
    Ich war nämlich gerade dabei, meinen 1jährigen einzugewöhnen. Und nichts hat gepasst, nicht der Schlüssel von 2 zu 15, nicht der Umgang mit den Kindern, vor allem nicht das Bild vom Kind, dass da immer sichtbarer wurde. Dabei wollte ich so sehr, dass es klappt, die Einrichtung hat doch so einen guten Ruf und die Kinder profitieren doch so von der Kita, sagen alle… Und ich hoffte ein bisschen, dieser Artikel würde das bestätigen und in die altbekannte Kerbe von den ewig klammernden Müttern schlagen.
    Lange Rede kurzer Sinn: wir sind nicht mehr in der Kita. Nicht wegen Ihres Artikels, sondern wegen den Gegebenheiten der Einrichtung. Aber Sie verlangen von uns Eltern den Mut, hinzusehen. Und das war goldrichtig. Dankeschön.

  • Marie

    Ein weiterer Aspekt neben dem politischen Willen die Frauen in Beschäftigung zu holen aus wirtschaftlichen Interessen ist die Abschaffung des nachehelichen Unterhaltes im Jahr 2008. Wenn man beispielsweise mit drei Kindern jeweils drei Jahre zu Hause bleibt, ist man jobmäßig in den meisten Fällen ziemlich abgeschrieben. Kommt es dann zur Scheidung, landet man als zu Hause gebliebenes Elternteil schneller am Existenzminimum als man sich umgucken kann. Da braucht es schon sehr viel Vertrauen in die Beziehung, dass man dieses Risiko auf sich nimmt.

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