Artikel7. Februar 2018

Auf der Suche nach einem »artgerechten« Entwicklungsrahmen

Betrachtet man das »Dorf«, in dem Eltern heute leben, so fühlt man sich an eine Folge aus dem Comic Asterix und Obelix erinnert. Da läuft mitten durch das hübsche Dorf − ein großer Graben. Und der »macht es unmöglich, von der einen Hälfte in die andere hinüberzuwechseln«, wie es in dem Comic heißt.

Tatsächlich sind Eltern in praktisch allen wichtigen Fragen zum Leben mit Kindern geteilter Meinung. Und das geht gleich nach der Geburt los:

… Wie viel Nähe braucht so ein kleiner Mensch? Ganz viel − sagen die einen. Das schafft Urvertrauen und Sicherheit für das ganze Leben. Pass nur auf! − sagen die andern. Das Kleine könnte »verwöhnt« und damit für sein ganzes Leben geschwächt werden.

… Wenn es ums Schlafen geht, stehen die Eltern wieder an dem tiefen Graben. Nimm das Kleine doch einfach zu Dir ins Bett − sagen die einen. Die anderen beharren auf das Gegenteil: es soll im eigenen Bett schlafen. Da wird es bestimmt früher selbstständig!

Und so geht es durch die ganze Kindheit.

Wie lange soll gestillt werden? Nach welchem »Schema« beigefüttert werden? Was tun bei den Zornanfällen − sind die harmlos, oder geht es da jetzt um die Machtfrage? Und wie ist das dann erst in der Pubertät − machen die Kinder jetzt gegen die Großen mobil?

Und dann kommt noch die Frage nach der richtigen Förderung dazu. Welche Programme muss man dem Kind bieten, damit es seine Talente optimal entfaltet? Reicht es denn nicht, wenn das Kind einfach spielt?

Kurz, während in der Gesellschaft viel von Freiheit geredet wird, herrscht in der Erziehung eine Diktatur der Angst: Was, wenn ich mein Kind nach der falschen Methode erziehe?

Der befreiende Blick zurück

Ich glaube, dass Eltern in diesem Spannungsfeld besser klar kommen, wenn sie nicht nur in die Zukunft blicken (das tun sie automatisch, und zurecht), sondern auch dorthin, wo die Kinder her kommen.

Denn so frisch und neu unsere Kinder geboren werden, sie tragen doch eine Geschichte in sich − eine lange Geschichte. Wie sich Kinder entwickeln hat sich in der Menschheitsgeschichte eingeschliffen, von Generation zu Generation. Das Muster, nach dem sie groß werden, ist eine Antwort auf die Her­aus­for­derungen, vor denen die Kinder immer wieder gestanden sind. Das ist das Prinzip der Evolution. Unsere Kinder sind auf ihren Entwicklungsweg vorbereitet.

Das ist auch für unser modernes Leben relevant (das ist Thema meines Buches Kinder verstehen). Kinder brauchen heute das gleiche Maß an Bewegung, um gesund zu bleiben, wie vor Tausenden von Jahren. Sie brauchen dieselben Zutaten, um ihr Urvertrauen auszubilden, und sie entwickeln ihre Empathie, ihre soziale Kompetenz und ihr »Rückgrat« nicht anders als Kinder früherer Generationen. Das hat ihnen immer wieder aufs Neue geholfen, mit ihrer Umwelt klar zu kommen und erfolgreich groß zu werden.

Eindeutig: Was die Kinder da auf ihrem Weg durch die Menschheitsgeschichte angesammelt haben, sind Stärken, nicht Mankos, Defekte oder Betriebsstörungen. Und das gilt selbst für Dinge, die wir nicht auf Anhieb verstehen, wie etwa die berüchtigte Trotzphase!

Dieser Blick auf die Herkunft der Kinder führt uns wieder in das »Dorf« der Eltern. Denn Kinder brauchen einen geeigneten, auf die Erfordernisse ihrer Entwicklung ausgerichteten Rahmen. Nur so kommen sie mit den in ihnen angelegten Stärken auch an. Ich belege diesen Rahmen bewusst (und auch in bewusst provokativer Weise) mit dem Begriff der »artgerechten Umwelt«.

Dieser Beitrag beruht auf dem Buch des Kinderarztes und Wissenschaftlers Dr. Herbert Renz-Polster: „Kinder verstehen. Born to be wild - wie die Evolution unsere Kinder prägt". Es beschreibt die Entwicklung der Kinder aus dem Blickwinkel der evolutionären Verhaltensforschung.
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