»Auf die Flügel kommt es an!«
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Kommentar25. Januar 2026

Lieder gegen den Hass

Was hier folgt ist ein gleichzeitig politischer und persönlicher Beitrag. Ich habe ihn vor zwei Jahren schon einmal gepostet. Ich mache das noch einmal, und zwar mit Blick auf die aktuellen Vorgänge in den USA. Denn wenn uns derzeit eines klar werden muss, dann das: Es kommt jetzt auch auf Europa an. Dass wir uns unserer Schätze und Stärken besinnen. Und dazu gehört, dass wir uns auch der Geschichte der europäischen Vereinigung entsinnen. Ich erzähle sie hier aus einer musikalischen Perspektive. Ich finde das passt, denn wir vergessen leicht, wie persönlich dieses abstrakte Thema "Europa" eigentlich ist. Ja, dass dieses Europa eigentlich auf einen riesigen Strom von Lebenserfahrungen gegründet ist, hier erzähle ich ein paar Tropfen davon. Wie sehr ich hoffe, dass dieser Strom trägt!

Das folgende Video zeigt die große Trauerzeremonie, mit der Simone Veil, die Grande Dame der französischen Nachkriegsdemokratie, im Jahr 2018 ins Pantheon überführt wurde. Ich werde dazu weiter unten noch etwas sagen, schaut euch vielleicht jetzt einfach die Bilder an.

Die Schülerinnen und Schüler tragen pantomimisch ein in Frankreich sehr bekanntes Lied vor, „nuit et brouillard“ (Nacht und Nebel).

Es erinnert an die Opfer des Holocausts und die dort erlebte Brutalität, in vielen ehrlichen Bildern.

Es ist 1963 erschienen, ist also schon „sehr alt“. Und doch enthält es eine sehr aktuelle, persönliche Warnung des Komponisten:

Diese Worte sagt man heut,
die sind wert keinen Deut.
Ich soll nur Lieder singen,
die aus Liebe erklingen.
Und Blut schnell trocken wird,
wenn es Geschichte wird,
und dass es nichts mehr bringt,
wenn meine Gitarre erklingt.

Geschrieben hat das Lied Jean Ferrat, Kind eines jüdischen Vaters russischer Abstammmung, der im Konzentrationslager Auschwitz ermordet worden war. Jean wurde von Widerstandskämpfern vor den Nazis versteckt. Er wurde zu einem der prägendsten Chansonniers der Nachkriegszeit (zu der z.B. auch Edith Piaf, Maxime le Forestier, George Moustaki usw. gehörten). Jean Ferrat schrieb mein Lieblingslied: „La montagne“. Er hat auch die Gedichte von Louis Aragon wunderbar vertont. Und wie gesagt, Jean Ferrat hat auch „nuit et brouillard“ geschrieben, das ich zu Beginn schon vorgestellt habe.

Und Blut schnell trocken wird, wenn es Geschichte wird

Wie recht er hatte, dass Blut schnell trocken wird, wenn es Geschichte wird. Ich habe den Geschichtslehrer Björn Höcke zum Beispiel noch nie über das Blut der im Holocaust Ermordeten reden hören.

Ich will aber hier auf den Anfang dieses Textes zurückkommen, auf die große Trauerzeremonie, mit der Simone Veil ins Pantheon überführt wurde. Simone Veil hat als Gesundheitsministerin Frankreichs nicht nur das nach ihr benannte Gesetz zur Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs durchgesetzt, sie hatte sich auch zeitlebens für ein offenes und gemeinsames Europa stark gemacht. Von 1979 bis 1982 war sie Präsidentin des Europäischen Parlaments (und ist deshalb auf der einen oder anderen 2-Euro-Münze zu sehen).

Warum wurde ausgerechnet Jean Ferrat´s Lied für die Beisetzungsfeierlichkeit ausgesucht? Auch das hat einen Grund, den ich heute ganz bewusst nennen will: Simone Veil war Shoah-Überlebende. Zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester war sie 1944 von den Nazis ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert worden. Ihre Mutter starb direkt nach dem „Todesmarsch“ nach Bergen-Belsen. Simone und ihre Schwester Madeleine überlebten. Sie wurden am 15. April 1945 von britischen Streitkräften befreit.

Als Europa zusammenwuchs

So eine lange, alte Geschichte, werden manche jetzt vielleicht sagen.

Es ist eine Geschichte aus einer Epoche, in der Europa zusammengewachsen ist.

Wir sollten sie feiern, weil sie Versöhnung und Frieden gebracht hat.

Vielleicht finde ich es deshalb so eindrücklich, mit welcher Würde Simone Veil damals auf ihrem letzten Weg gefeiert wurde.

In einer bewussten Geste der Erinnerung, in Teilen auch vorgetragen von Kindern und Jugendlichen.

Und nichts, wirklich nichts, hätte dabei besser passen können als Jean Ferrat´s „nuit et brouillard“.

Und hört auch auf die Stille bei dieser Feier.

Sie klingt wie eine große Verbeugung.

Sie ist auch eine Verbeugung vor einem gemeinsamen Europa. Das sich jetzt erneut gegen Tyrannei zur Wehr setzen muss. Schaut sie euch gerne noch mal an:

 

2 Kommentare

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  • Julia Bubenheim

    Vielen Dank lieber Herbert!
    Du begleitest meinen Weg mit Kindern schon viele Jahre. Dein rororo Taschenbuch über Fahrrad fahren mit Kindern hat uns damals animiert uns selbst mit den ersten zwei unserer drei Kinder aufzumachen. Der älteste, damals knapp 3 Jahre, ist jetzt 33….😊 und hat jetzt 3 Kinder.
    Deine Bücher machen Mut und Zuversicht. Sie sind sichere Begleiter im Erziehungsdschungel.
    Genauso empfinde ich auch diesen, Deinen so wertvollen Beitrag zu Europa! Hab vielen Dank dafür! Herzlichst Julia

  • Martin Andler

    Schönes Blogpost Herbert ! Diese Version von Nacht un Nebel is wirklich wunderschön.
    Am Staatbegrabnis von Simone Veil in 2017 wurde die Französiche Version von “Wir sind die Moorsoldaten” gesungen. https://www.dailymotion.com/video/x5skq0p