Kommentar12. Januar 2024

Kein Schiff wird kommen

Dieser Beitrag ist ein sehr persönlicher. Ich will mit ihm dazu einladen einmal das Weltgeschehen durch die Augen der Kinder und Jugendlichen zu betrachten.

Kinder entwickeln irgendwann ab der mittleren Kindheit einen eigenen Blick auf die Welt. Wo vorher vieles einfach Sache der Erwachsenen war, geht jetzt ein Fenster zur Welt auf: Wie läuft das hier? Was passiert um mich herum? Wo läuft das alles hin? Was ist meine eigene Rolle in dem Ganzen? Kurz, Kinder und Jugendliche denken über ihre Rolle in der Gesellschaft nach, was sie dort wohl erwartet, und sie entwickeln eine „Haltung“ dazu: was ist gut, und was ist böse, was ist richtig, was ist falsch, wo stehe ich in diesem Treiben? Sie bewerten sozusagen die Welt, in der sie gelandet sind und leiten daraus eine Art Grundgefühl des Lebens ab. Das kann aus einer inneren Gegenwehr bestehen: Nein, wir so nicht leben! – Man denke etwa an die Emanzipationsbewegungen der auslaufenden 1960er ff Jahre, Generation Woodstock usw. Oder es kann aus einem Erschrecken bestehen, gepaart mit einem: aber wir können das schaffen! Denn wir haben neue Ideale und wir haben Kraft und Grund zu Optimismus – das wäre etwa das Lebensgefühl, das ich als Jugendlicher hatte, Zeit des zugespitzten Ost-West-Konflikts und auch der aufkeimenden Ökologie-Bewegung: wir werden die Erde retten!

Und heute? Ich glaube, wir machen uns die Not unserer Kinder und Jugendlichen nicht deutlich genug. Was sie mit dem Blick auf die Welt heute innerlich erleben. Welche lähmende Auswegslosigkeit. Sie sind ja nicht blind, und sehen, dass das Klima kippt. Sie wissen, dass die Erwachsenen zu spät begonnen haben, diesen Tanker umzulenken. Sie zweifeln vielleicht, ob da überhaupt jemand am Steuer ist. Dann die Pandemie und die darin erlebte Ohnmacht. Schliesslich der Krieg in Europa, die Bilder von Tod und Verwüstung. Und kein Ausweg. Auch bei der Flüchtlingskrise: nach welchem moralischen Kompass wäre das denn zu lösen?

Und schliesslich der Terroranschlag der Hamas. Selbst für Erwachsene, die die Bilder anschauen: traumatisch. Kinder und Jugendliche leben noch viel tiefer mit den Bildern, die sie auf TikToK etc. ja geradezu umspülen. Dann die Reaktion der schwer getroffenen israelischen Gesellschaft, wieder: alles unlösbar. Ich will es klar sagen: Wer das erleben muss, was Israel erlebt hat, hat wahrscheinlich keine Wahl als den blanken Hass. Mit allem was dazu gehört, Rache und so. Wäre ich Israeli, ich wäre in diesem Strudel bestimmt voll mit dabei, ja, bestimmt.

Aber darum geht es mir hier gar nicht. Ich will beim Blick der Kinder und Jugendlichen bleiben, die dieses tägliche Inferno miterleben, in tausenden von Bildern. Woran würden sie sich festhalten können? Woran würden sie auch ihren moralischen Kompass eichen können? Ich sage es ganz klar: an einem Grundfundament an Menschlichkeit. Dass da vielleicht Helfer sind. Dass da jemand die Unschuldigen schützt. Dass da inmitten allen Untergangs und aller Zerstörung Ärzte und Krankenschwestern ihr Möglichstes tun. Dass Hungernde Essen bekommen.

Dass *trotz* Krieg und Zerstörung irgendwo ein Licht brennt, ein Licht der Menschlichkeit. Vielleicht kann man das nicht von den Opfern erwarten, sie sind voller Hass und damit auch moralisch gelähmt, siehe oben. Aber vielleicht könnte man es von der internationalen Gemeinschaft erwarten? Auch von den Freunden Israels. Wer blind ist vor Wut kann nur durch sehende Freunde gerettet werden. Wo ist dieses Licht?

Ich weiss, dass es nicht so einfach ist, aber in mir entsteht immer, wenn ich an die Zerstörungen von Gaza denke, dieses Sehnsuchtsbild: es möge doch jemand kommen und den Flüchtenden Zeltstädte aufbauen damit sie den letzten Funken an Hoffnung nicht verlieren. Es möge ein Lazarettschiff an der Küste anlegen und die Krankenhäuser der Stadt entlasten, so wie damals in NewYork am Höhepunkt der Pandemie. Dorthin könnte man die Verwundeten bringen. Ich sehe das bewusst auch durch die Augen der Kinder – sie sind konkret – sie fragen ihre Eltern, was man *machen* kann. Sie wollen Helfer sein, sie wollen Retter sein, sie wollen nicht Elend sehen ohne einen einzigen kleinen Blick auf Rettendes werfen zu können. Denn Krieg ist das eine, Krieg ist nachvollziehbar. Ausbleibende Hilfe ist der letzte Schritt in die tiefe Nacht.

Wo ist dieses Schiff? Wo der Plan gegen die entstehende Hungersnot? Wo die Zeltstädte des Roten Halbmonds, wo die klaren Worte? Noch einmal: es geht hier nicht um den Krieg, er ist ein Automatismus nach dem, was geschehen ist. Es geht um ein TROTZDEM, das wir alle, und unsere Kinder ganz zuallererst, so dringend gebraucht hätten. Wie gut wäre es, wenn wir ihnen wenigstens in dieser von der Hamas über die Welt gebrachten Hölle eine Hoffnung geben könnten, eine Orientierung: Da sind trotz allem Menschen, die in dieser Hölle das ganz Banale, Menschliche tun: die Kranke und Verletzte versorgen, die Hungernde satt machen und die Unschuldige schützen. Das wäre ein *Vorbild*, etwas Konstruktives, für Kinder so entscheidend. Denn die wirklich schlimmen Bilder, die werden noch kommen.

Kein Schiff wird kommen – das ist ein Blick auf eine entstellte Welt. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, dass unsere Kinder davon verschont geblieben wären.

Der Autor: Dr. med. Herbert Renz-Polster, geb. 1960, beschäftigt sich als Kinderarzt und Wissenschaftler seit langem mit der kindlichen Entwicklung und Gesundheit. Demnächst erscheint sein Buch "Mit Herz und Klarheit – Wie Erziehung heute gelingt und was eine gute Kindheit ausmacht"
Mehr Infos

16 Kommentare

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass bestimmte Kommentare erst manuell freigeschaltet werden müssen (z. B. wenn Sie einen Link teilen).

  • Estherinho@gmail.com

    Was für ein berührender Artikel. Vielen Dank dafür! Wir müssen alle viel mehr gegenhalten und kämpfen, vor allem für unsere Kinder, damit doch noch ein Schiff kommt.

    • Christoph

      “Gegenhalten”?…..”kämpfen”?……”vor allem für UNSERE…..”?

      Hmm, das hört sich irgendwie komisch an für mich….

      • Estherinho@gmail.com

        Gegenhalten gegen den Hass und den Populismus, der immer größer wird, die Unsolidarität. Kämpfen für mehr Menschlichkeit. Das ist die Botschaft, die ich herauslese.

  • Eine Kollegin, nicht pädiatrisch

    Das würde ich gerne als Titelgeschichte einer großen Zeitung lesen, am besten international.
    Dass sich möglichst viele diesem Blick öffnen könnten in den Zeiten vom Polarisierungen, Spannungen, hochgekochten Emotionen.
    So bewegend geschrieben.
    Tausend Dank.

    • Carmen Kommer

      Ich fände es auch klasse, wenn ein solcher Artikel in eine große Tageszeitung kommt. Jetzt haben wir Erwachsenen noch die Möglichkeit, den Klimawandel einzudämmen und schlimmstes zu verhindern. Ein solcher Artikel würde noch mal dazu motivieren, entsprechend zu handeln.

      Lieber Herr Dr. Rentz-Polster, ganz herzlichen Dank für diesen wertvollen Beitrag!
      Sie sind eine bekannte Größe. Tageszeitungen haben ein Interesse daran, unterschiedliche Perspektiven wiederzugeben. Dazu sollte auch die Perspektive der Kinder/Jugendlichen zählen. Es wäre super, wenn Sie einer großen Tageszeitung einen Beitrag anbieten könnten. Als Autorenbeitrag, d.h. als Beitrag, der Ihre Einschätzung widerspiegelt, hat er denke ich sehr gute Chancen, veröffentlicht zu werden.

  • Kerstin Krebs

    … statt des Schiffes, das eben NICHT kommt, kommen wir, die wir relativieren und verdrängen. Ich habe als Jugendliche Eltern gehabt, die mir statt Halt zu geben, erklärten, ich sei dumm, ich hätte keine Ahnung, die Schule würde fahrlässig über Hungernde in Afrika berichten, die selbst Schuld wären an ihrem Schicksal. Ich hatte genau die Eltern, die, wie es heute leider immer mehr Erwachsene tun, sich Empathie abklemmten (falls sie je welche gekannt hatten) und mir noch eine Trachtprügel verpassten, als ich es wagte, von meiner Angst vor einem nuklearen Chaos zu sprechen… mein Schiff kam 30 Jahre später in Form einer langjährigen Psychoanalyse. Was hätte ich damals für ein von Ihnen beschriebenes Schiff gegeben! Wie sehr schmerzt es heute zu sehen, wie unsere Gesellschaft erneut verroht. Ihre Zuversicht, lieber Herr Renz-Polster, Ihre Artikel sind so ein Licht! Tragen wir es in die Welt – wir sind viele!

  • Monika K.

    “Wer blind ist vor Wut kann nur durch sehende Freunde gerettet werden.” Gott sei Dank gibt es Annalena Baerbock, Robert Habeck, teilweise auch Bundeskanzler Scholz, die mit der Gabe der Unterscheidung an der Seite Israels stehen, aber einen klaren Kompass vorgeben, beim Reden mit Israel und allen Akteuren. Ich meine damit die Pflicht, Zivilisten zu verschonen, Hilfsgüter schneller herein zu lassen, die Krankenhäuser samt Personal leben zu lassen, mit diesem Kompass Wege zu finden, die Hamas gezielter an die Oberfläche zu bringen, was ja ansatzweise auch gelingt. Wir brauchen Wunder auf dieser geschundenen Erde.

  • Matthias Epperlein-Trümner

    Vielen Dank für die mutigen Worte,die nicht Partei nehmen für eine der Parteien (in Partei steht das trennende und der Teil des Ganzen im Wortstamm) und sich argumentativ auf eine moralische Seite stellen. Die ganz auf die Seite des unschuldigen Blicks und des offenen Gefühls die Sicht und den Blick der Kinder benennen. Auch meinen und deinen … Wir relativieren vielleicht als Erwachsene, unser Versuche des Denkens sind Versuche des Begreifens. Darunter steckt sber genau der in dem Beitrag beschriebene Blick .
    Was ist der Silberszreif am Horizont?
    Den als Erwachsener ehrlich zu sehen, ohne Puderzucker über die Ratlosigkeit zu streuen … nicht leicht …. ganz ganz wichtig.

  • Joseph Kuhn

    Notwendige Worte.

  • Elisabeth

    Vielen Dank für den berührenden Beitrag.

    Ich tue mir selber jeden Tag schwer, nicht der Verzweiflung anheim zu fallen wenn ich an das denke, was mein Kind eines Tages erwarten wird. Wenn sie nicht mehr vier ist und das alles verstehen lernt.

    Ich würde mir sehr wünschen, dass dann noch Menschen da sind, die die Welt nicht nur dort sehen, wo sie von ihrem Haus bis zu ihrem SUV gehen.

  • Alexandra

    Vielen Dank für den berührenden Artikel. Ich möchte ein Buch empfehlen, das jenseits von Optimismus und Pessimismus uns vielfältig anregen kann, Mut macht trotz dem klaren, ehrlichen Blick auf die Wirklichkeit: Bewusstseinskultur von Thomas Metzinger. Wir brauchen eine radikale, neue Bewusstseinskultur, die, vorgelebt, auch die Kinder erreicht und sie ein inneres kraftvolles Werkzeug entwickeln können um mit/ in der Gegenwart leben zu können..

    • Carmen Kommer

      Vielen herzlichen Dank für den Tipp! Das Buch werde ich mir anschauen.

  • Rebecca Wiczorek

    Ein wichtiger Beitrag. Ich wünschte es gäbe mehr Menschen, die das aussprechen. Allen voran unsere Regierung. Wie Sie sehr richtig sagen, braucht es in der Dunkelheit einen Freund der einem sagt, wenn man vom Weg abkommt. Natürlich ist es möglich an der Seite Israels zu stehen und gleichzeitig eine Abwendung der sich zuspitzenden humanitären Katastrophe im Gazastreifen zu fordern.
    Ich hoffe sehr, dass Ihre Prophezeiung nicht eintreten wird, auch wenn ich weiß, es ist ein naiver Wunsch.
    Aus falsch verstandenem Pflichtgefühl wegen eines verheerenden Unrechts in der Vergangenheit, das Deutschland zu verantworten hat, läuft es derzeit Gefahr ein weiteres Unrecht nicht zu verhindern und macht sich damit mitschuldig.

  • Nicole L.

    Vielen Dank für den tollen Beitrag, der mir ganz klar zeigt, dass wir bei uns anfangen müssen, Licht in die Welt zu setzen! Menschlichkeit beginnt bei jedem von uns selbst. -Im Großen wie im Kleinen!

  • Madlen

    Lieber Herbert Renz-Polster,
    ich empfehle Ihnen und Ihrer Familie und allen anderen Familien sehr das Buch ‘Am Ende ist alles gut’ von Christina von Dreien. ❤️

  • L. Bergmann

    Lieber Renz-Polster! Ihr verzweifelt klingender Beitrag ist, finde ich, ein wenig unfair. Es gibt ja das Schiff! Oder besser: die vielen kleinen Schiffe, die kommen, die kommen wollen, die aber abgeblockt werden, gelegentlich auch beschossen, gebombt und vernichtet werden, von denen trotzdem etliche das Ufer erreichen und trotzig ihre Rettungsarbeit tun, Kranke und Verwundete versorgen, ein wenig Brot und Wasser bringen. Die könnten doch das Licht sein, das auch von den Kindern und Jugendlichen in dieser Gaza-Dunkelheit wahrgenommen werden könnte. Oder?
    Aber in dem übermittelten Bild von der Zerstörung kommen diese Schiffe so gut wie garnicht vor. Gelegentlich eine Statistik über die – um im Bild zu bleiben – Zahl der versenkten Rettungsschiffe …
    Dass hier hunderte von Menschen unterschiedlichster Herkunft ihr Leben auf`s Spiel setzen, und – egal unter welcher FLagge – mitten im Armageddon den Wimpel der Menschlichkeit hochhalten, ist zumindest ein wenig tröstlich, aber vor allem ein Appell, selbst mal Segel zu setzen.

Kommentar verfassen