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Erziehung prägt Gesinnung: 12 Thesen

»Wer den autoritären Populismus verstehen will, muss dorthin schauen, wo aus kleinen Menschen große Menschen werden – auf die Kindheit.«

Herbert Renz-Polster

  1. Unsere politischen Überzeugungen sind von unseren Kindheitserfahrungen nicht zu trennen: Erziehung prägt Gesinnung.

  2. Wer rechte Tendenzen verstehen will, muss deshalb auf die Kindheiten der politischen Akteure und ihrer Anhänger blicken.

  3. Das heisst nicht, dass soziale, ökonomische oder kulturelle Deutungsansätze belanglos wären – für sich allein aber können sie das Phänomen Rechtspopulismus nicht erklären. Erst der Faktor Erziehung schließt die Deutungslücke.

  4. Die allermeisten Anhänger rechtspopulistischer Parteien sind weder sozial abgehängt noch von ihrem Bildungsstand her benachteiligt. Vielmehr handelt es sich bei ihnen überraschend häufig um gut situierte Mittelstandsbürger, die in den immer gleichen äußeren Situationen auffällig werden.

  5. Diese Situationen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Ängste um den Verlust von sozialer Anerkennung und Sicherheit auslösen können. Diese Ängste wurzeln tief in Kindheitserfahrungen .

  6. Tages- und zeitaktuelle Auslöser solcher Ängste sind vor allem gesellschaftliche Entwicklungen, welche die eigene Identität, bisherige Bedeutung und soziale Dominanz in Frage stellen. Beispiele sind die zunehmende Anerkennung vormaliger Randgruppen oder der Zuzug von Fremden. Im Zuge der Globalisierung und gesellschaftlichen Liberalisierung der letzten Dekaden haben diese Auslöser an Biss gewonnen.

  7. Ohne den Blick auf die unterschiedliche, historisch geformte Erziehungspraxis von Kindern in Ost- und Westdeutschland lässt sich der Erfolg der AfD in den neuen Bundesländern nicht erklären. Ebensowenig lässt sich das im Vergleich zu (West)deutschland massive Rechtsautoritarismus Problem Frankreichs ohne die Kenntnis der jeweiligen Kinderstuben verstehen. Von der Spaltung der USA in zwei politische Lager ganz zu schweigen.

  8. Die rechtspopulistische Haltung kann als lebenslang nachwirkende Sozialisationskrise verstanden werden: Erwachsene mit rechtspopulistischen Haltungen haben häufig verunsichernde Kindheiten erlebt, in denen sie eigene, innere Stärke nur schwer aufbauen konnten. Permanente Überforderungserfahrungen begründen eine lebenslange Abhängigkeit von äußerer Stärke und Autorität.

  9. Rechtsautoritäre empfinden deshalb alles als bedrohlich, was dieses Koordinatensystem infrage stellt – seien es Eliten, die Presse oder andersdenkende Minderheiten.

  10. Menschen, die in ihrer Kindheit ein tragfähiges Netz von emotionaler Sicherheit und Wertschätzung aufbauen konnten, sind auf solche Veränderungen und die damit verbundenen Stresserfahrungen besser vorbereitet. Wer sich von Anfang an als bedingungslos wertvoll und geliebt erfährt, ist widerstandsfähiger gegenüber der Verunsicherung, die der kulturelle Wandel oder die Andersartigkeit anderer mit sich bringt.

  11. Wer jedoch als Kind seine eigene Stimme und innere Sicherheit NICHT hat finden können, wird sein Heil in der „alten Ordnung“, in der Zugehörigkeit zu einer als überlegen fantasierten Gruppe und der Abwertung anderer suchen. Diese Suche wird nun zur neuen Selbstvergewisserung.

  12. Soll es in einer Gesellschaft menschlich zugehen, ist es unser aller Verantwortung, für eine menschliche Kindheit zu sorgen. Die Erfüllung der grundlegenden Entwicklungsbedürfnisse nach Sicherheit und Anerkennung sorgt dafür, dass Kinder mutig und offen in die Welt treten – und der autoritären Unterwerfung widerstehen können.

5 Kommentare

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  • Cabral

    Stimmt. Ich kann den meisten Punkten zustimmen, gerade was Sein und Bewusstsein angeht. Eine gute Kindheit, wenig Brüche, ein glückliches Leben im Kreis der Eltern und von Freunden kann ich auch als Yanomani Indianer am Amazonas leben. Was aber, wenn Horden weisser Goldschürfer dort eindringen. Sie werden sich dann bedroht fühlen, trotz glücklicher Kindheit und für ihr Dasein kämpfen. Es gibt nunmal Angst vor Veränderung, die in sozial weniger betuchten Räumen Reflexe erzeugt.
    Auch gibt es den Linkspopulismus, siehe Russland, oder mein geliebtes Venezuela. Menschen haben doch sehr divergierende Meinungen. Miteinander Reden soll ja helfen.
    Unsere Regierungen haben zu viel in wirtschaftlichen Kategorien gedacht. Gab es vor 1989 z. B. in Rostock noch Kultur, zum Teil in Regie der Werften für Jugendliche, gab es danach nichts mehr, es wurde abgewickelt. Dort entstand dieser Frust, den wir Heute zu spüren bekommen.
    Sehr gut finde ich, in aller guten Ruhe und aller Sachlichkeit die Dinge zu beleuchten, statt in Talkshow Diskursen die Dinge oberflächlich abzuhandeln. Jess Jochimsen (Author) hat ganz ähnliche Gedanken. Wir sind ja nicht allein auf der Welt, aber dieser kulturelle Rollback macht schon auch Angst. Es gibt diese Wellen, wie im Privaten auch in der Historie. F. Fukuyama war gerade in der SZ zu lesen, seine Ansichten sind beispielhaft.
    Ich habe mir alles von ihnen angesehen und wundere mich gerade, warum ichnoch nichts von ihnen wahrgenommen hatte. Doch ich ahne es, sie waren noch nie Gast beim PRECHT auf 3Sat. Das sollten sie nachholen.

  • Dr. Philipp Bornschlegl

    Lieber Kollege Polster,
    immer noch in Tanzania (nur noch 2 Monate), verfolge ich gespannt ihren Blog und bin froh, dass das Doku-Thema nun erschöpft ist. Als ich über Ihr neues Buch erfuhr, erinnerte ich mich direkt an Ihren Beitrag über Chemnitz / Erfurt vor einigen Monaten – war das der Auslöser für das neue Buch?

    Nun zu ihren Thesen:
    generell stimme ich dem Zusammenhang zu, dass eine verunsicherte Kindheit lebenslange „Sozialisationskrisen“ verursachen kann. Ich möchte nur in aller Deutlichkeit warnen vor dem Etablieren dieses so linearen Kausal-Zusammenhangs, den Sie hier hypothetisieren. Aus folgenden Gründen:

    – Simplifizierung der Debatte. Klar, wenn alles aus der Kindheit kommen soll, kann das schnell als Totschlag-Argument verwendet werden.

    – Verschiebung der Debatte I externe Faktoren: Kindheit liegt bei jetzt Erwachsenen in der Vergangenheit, ist also unveränderbar. Sicherlich kann man als Transfer versuchen, die jetzige Kindheit zu verbessern, als primäre Prävention quasi. Aber für die jetzt stattfindende Debatte mit den jetzt aktiven Akteuren ist das zu einfach. Und es werden so viele Aspekte nicht berücksichtigt (vielleicht bin ich in meiner anderen Welt hier in Tansania da auch etwas übersensibilisiert durch den Kontrast): was ist denn mit der „Selfie-Kultur“, dem „Ich kaufe also bin ich“, der FOMO-Kultur der sozialen Medien (Fear of Missing Out), der ständigen Selbstinszenierung? Ich muss da immer mehr an Postman denken, der da ja schon in den 80ern erste Ideen gesät hatte: unserer modernen Gesellschaft fehlt doch der Raum für eine Reflexion über das Sein und das Wollen und den Sinn, ganz unabhängig davon, was in der Kindheit passiert ist.

    – Verschiebung der Debatte II – Umgang mit Rechts: was bedeuten diese Thesen für den Umgang mit „den Rechten“? Dass wir sagen, sorry, blöde Kindheit, Schade? Verlieren wir nicht so auch den Diskurs, der sich auf Fakten und Aufklärung stützen sollte, und genau diese diffusen Ängste entschärfen und für mehr Miteinander kämpfen?

    Ach ja, was ist denn mit Eltern rechter Kinder? Die Schuldfrage scheint ja geklärt sein, dann müssen sie eben mit dem Ergebnis ihrer „schlechten Erziehung“ leben? Die Eltern des Schützen von Christchurch sind also quasi mitschuldig?

    Am Ende muss ich sagen, ich weiß auch nicht. Als Aufruf für eine bessere Kindheit sind die Thesen wichtig und notwendig! Aber bei mir bleibt das Gefühl, dass manche Aspekte hier missbraucht werden können.

    Beste Grüße aus Lindi,
    Dr. Philipp Bornschlegl

    • Herbert Renz-Polster

      Lieber Kollege, Danke!
      Also hierzulande ist die „Elternschule“-Debatte schon wichtig – denn: daran wird unser Menschenbild ja dann konkret ausgehandelt…
      Aber zu Ihrem Punkt und Sorge („dieses so linearen Kausal-Zusammenhangs, den Sie hier hypothetisieren“): ich gebe mir in meinem Buch große Mühe zu zeigen, dass es diese Linearität eben nicht gibt. Das ist mir wichtig: wir tanzen nicht an den Schnüren unseres primären Bindungssystems – und doch prägt es uns. Danke, alles Gute nach Tansania, HRP

    • Dr. med. L.

      natürlich kann ich HRP selbst nichts hinzufügen.
      Zu dem letzten Punkt, die „Eltern rechter Kinder“: HRP betont (siehe insbesondere in „Die Kindheit ist unantastbar“), dass die Eltern doch oft ihre Erziehungs-Agenda nicht selbst schreiben können oder dürfen…
      Sondern dass sie häufig zum unwissentlichen Handlanger der Mächtigen in Politik und Wirtschaft werden, wenn sie ihr Kind doch nur, oft wider die eigenen Elterninstinkte „zu einem guten Mitglied der Gesellschaft machen wollen“ – wozu je nach Dekade „Selbstregulationsförderung“, Schreien lassen, Körperstrafe oder Schlimmeres gehört. Schlechtes tut man ja häufig mit den besten Absichten und einem nachfolgenden „Wir wussten es damals nicht besser“.
      (Natürlich wird auch HRP betonen, dass es hirnorganische oder psychiatrische (Psycho-)Pathologien gibt, die auch trotz der liebevollsten (Pflege-)Eltern-Kind-Beziehung weiterhin schwer zu beherrschen sind und somit ggf. auch in kriminelle Biografien münden können – zB bei sämtlichen Spielarten des fetalen Alkoholsyndroms, der meines Wissens häufigsten Ursache geistiger Behinderung in Deutschland).

      Und wie heißt es so schön „es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“ – aktive Aufarbeitung der Kindheit und entsprechende positive Weltbilderweiterung ist möglich, setzt aber intensive Reflexionsarbeit voraus und ist somit leider nicht allzu vielen möglich…

  • Marccuse

    Jeder Nazi ist das Ergebnis seines Lebensweges und Bezugssystems – ob in Münster oder im Erzgebirge.

    Ich halte es sozialpsychologisch durchaus für möglich, dass ahnendes „Wissen“ innerhalb der Wahlkabine instinktiv gegenüber „irrationaler Bewunderung“ für die am lautesten Brüllenden zurückweicht!

    Ich vermute, unter diesen Wählern sind vor allem: Einsame, Unsichere, Identitätsschwache, Ängstliche, Hoffnungslose, Zukurzgekommene, Betrogene, Autoritätshörige, Kleingeister, Neider, Besserwisser, entthronte Machos …
    Seit Jahrzehnten regierende Familien-, Finanz- und Bildungspolitiker nehmen solche scheiternden Lebenswege billigend in Kauf. Pädagogen, Schüler, Auszubildende und Eltern müssen die Gleichgültigkeit der Herrschenden und Wirtschaftsoligarchen ausbaden.
    AfD will daran nichts ändern, sondern sucht lediglich Sündenböcke / Feindbilder in nichtgenehmen Bevölkerungsgruppen.

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