Artikel10. März 2019

Erziehung prägt Gesinnung: 12 Thesen

»Wer den autoritären Populismus verstehen will, muss dorthin schauen, wo aus kleinen Menschen große Menschen werden – auf die Kindheit.«

Herbert Renz-Polster

  1. Unsere politischen Überzeugungen sind von unseren Kindheitserfahrungen nicht zu trennen: Erziehung prägt Gesinnung.

  2. Wer rechte Tendenzen verstehen will, muss deshalb auf die Kindheiten der politischen Akteure und ihrer Anhänger blicken.

  3. Das heisst nicht, dass soziale, ökonomische oder kulturelle Deutungsansätze belanglos wären – für sich allein aber können sie das Phänomen Rechtspopulismus nicht erklären. Erst der Faktor Erziehung schließt die Deutungslücke.

  4. Die allermeisten Anhänger rechtspopulistischer Parteien sind weder sozial abgehängt noch von ihrem Bildungsstand her benachteiligt. Vielmehr handelt es sich bei ihnen überraschend häufig um gut situierte Mittelstandsbürger, die in den immer gleichen äußeren Situationen auffällig werden.

  5. Diese Situationen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Ängste um den Verlust von sozialer Anerkennung und Sicherheit auslösen können. Diese Ängste wurzeln tief in Kindheitserfahrungen .

  6. Tages- und zeitaktuelle Auslöser solcher Ängste sind vor allem gesellschaftliche Entwicklungen, welche die eigene Identität, bisherige Bedeutung und soziale Dominanz in Frage stellen. Beispiele sind die zunehmende Anerkennung vormaliger Randgruppen oder der Zuzug von Fremden. Im Zuge der Globalisierung und gesellschaftlichen Liberalisierung der letzten Dekaden haben diese Auslöser an Biss gewonnen.

  7. Ohne den Blick auf die unterschiedliche, historisch geformte Erziehungspraxis von Kindern in Ost- und Westdeutschland lässt sich der Erfolg der AfD in den neuen Bundesländern nicht erklären. Ebensowenig lässt sich das im Vergleich zu (West)deutschland massive Rechtsautoritarismus Problem Frankreichs ohne die Kenntnis der jeweiligen Kinderstuben verstehen. Von der Spaltung der USA in zwei politische Lager ganz zu schweigen.

  8. Die rechtspopulistische Haltung kann als lebenslang nachwirkende Sozialisationskrise verstanden werden: Erwachsene mit rechtspopulistischen Haltungen haben häufig verunsichernde Kindheiten erlebt, in denen sie eigene, innere Stärke nur schwer aufbauen konnten. Permanente Überforderungserfahrungen begründen eine lebenslange Abhängigkeit von äußerer Stärke und Autorität.

  9. Rechtsautoritäre empfinden deshalb alles als bedrohlich, was dieses Koordinatensystem infrage stellt – seien es Eliten, die Presse oder andersdenkende Minderheiten.

  10. Menschen, die in ihrer Kindheit ein tragfähiges Netz von emotionaler Sicherheit und Wertschätzung aufbauen konnten, sind auf solche Veränderungen und die damit verbundenen Stresserfahrungen besser vorbereitet. Wer sich von Anfang an als bedingungslos wertvoll und geliebt erfährt, ist widerstandsfähiger gegenüber der Verunsicherung, die der kulturelle Wandel oder die Andersartigkeit anderer mit sich bringt.

  11. Wer jedoch als Kind seine eigene Stimme und innere Sicherheit NICHT hat finden können, wird sein Heil in der „alten Ordnung“, in der Zugehörigkeit zu einer als überlegen fantasierten Gruppe und der Abwertung anderer suchen. Diese Suche wird nun zur neuen Selbstvergewisserung.

  12. Soll es in einer Gesellschaft menschlich zugehen, ist es unser aller Verantwortung, für eine menschliche Kindheit zu sorgen. Die Erfüllung der grundlegenden Entwicklungsbedürfnisse nach Sicherheit und Anerkennung sorgt dafür, dass Kinder mutig und offen in die Welt treten – und der autoritären Unterwerfung widerstehen können.

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