Interview

Die Kindheit ist unantastbar: Interview

Auch in der Pädagogik geht es um Interessen

Zum Erscheinen von »Die Kindheit ist unantastbar« entstand dieses Interview. Es kann komplett ohne Nachfrage abgedruckt oder weitergegeben werden.

Sie plädieren dafür, dass Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern sollen. Das klingt, wie wenn ihnen jemand dieses Recht streitig machen würde?

Ja, um dieses Recht wird tatsächlich gerungen, und das nicht erst seit gestern. Denn an dem Tisch, an dem Eltern über Erziehung debattieren, haben schon immer auch andere Platz genommen. Auch solche, die mit Kindern eigentlich gar nichts zu tun haben. Beim Blick in die Geschichte erkennen wir das Muster ganz gut: in Erziehungsfragen haben immer auch diejenigen mitgeredet, denen es nicht um die Kinder selbst ging, sondern um deren spätere Funktionen – ob als Fabrikarbeiter, Soldaten, fruchtbare Mütter, Bewohner eines angeblich freien Raumes im Osten oder als sozialistische Normerfüller. Wie von Zauberhand ließen sich die meisten Eltern auf die Ansagen derer ein, die eben gerade in der Gesellschaft das Sagen hatten – selbst auf Ansagen, die uns heute peinlich sind und die wir empört als kinderfeindlich zurückweisen.

Aber heute informieren sich die Eltern doch, kennen die kindlichen Bedürfnisse, und gehen ganz individuell auf ihre Kinder ein!

… und doch landen die meisten Eltern dann wieder bei den gleichen Vorstellungen, was denn für ihr einzigartiges, individuelles Kind genau die richtige Förderung ist. Es gibt also auch heute so etwas wie einen geheimen Lehrplan, der uns einflüstert, was Kinder angeblich brauchen, um sich optimal zu entwickeln. Wie wir sie zu behandeln haben, damit sie für die Zukunft gut aufgestellt sind. Nehmen wir nur einmal die Frühpädagogik. In den Krippen und KiTas geht es heute ganz zentral um die „Frühe Bildung“ der Kleinen – und Eltern meinen mehrheitlich, dass Kinder genau das für ihre optimale Entfaltung brauchen. Aber woher wissen sie das? Wer hat das gesagt? Haben wir das getestet? Sind wir uns sicher? Haben wir die Kinder gefragt? Noch vor 25 Jahren hätten Eltern mit diesem Begriff gar nichts anfangen können, da dachten sie noch, in den Kindergärten ginge es um Spiel, Basteln, Spaß und Tralala. Heute dagegen steht das Spielen eher unter dem Verdacht, dass es die Kleinen vom Lernen abhält. An den KiTa-Türen prangen Zertifikate von Förder-Programmen. Ganz hoch im Kurs stehen dabei die, die angeblich den Verstand der Kinder schneller auf Zack bringen.

… was in einer Wissensgesellschaft ja vielleicht keine schlechte Idee ist!

Möglich, und doch sollten wir dann noch ein paar weitere Fragen stellen. Denn dass sie genau das Richtige für das Kind sind, haben ja alle pädagogischen Ansätze von sich behauptet – auch die, die uns heute den Schauer über den Rücken treiben. Auch dass wir uns einig sind, ist für mich noch lange nicht der Beweis, dass wir den Kindern etwas Gutes tun – wir waren uns ja oft schon auch über Unsinn einig. Nein, ich finde, wir müssen und dürfen da kritisch sein. Und sollten vor allem den Blick auf das Kind nicht vernachlässigen.

Schießen Sie los!

Da will ich als erstes das fragen: was ist eigentlich für ein Kind das Rüstzeug fürs Leben? Da geht es doch darum, dass die Kinder zu selbstsicheren, kompetenten Persönlichkeiten werden. Dazu müssen sie lernen, mit ihren Gefühlen und Impulsen klar zu kommen. Sie müssen lernen, sich in andere einzudenken und in der Gruppe zurecht zu kommen. Sie müssen innerlich stark, widerstandsfähig und
kreativ werden. Aber all diese Entwicklungsschritte kann man einem Kind nicht beibringen, auch nicht mit dem tollsten pädagogischen Programm. Diese Schätze müssen die Kinder selber heben. Ein echtes Dilemma also: Man kann Kinder nicht stark MACHEN, sie werden nur stark, wenn sie sich selbst bewähren können. Und das wollen sie ja auch, von morgens bis abends, von ganz klein auf! Aber sie stellen Bedingungen. Kinder werden nur dann mutig und bekommen große, neugierige Augen, wenn sie sich in ihren alltäglichen Beziehungen wohl fühlen. Wenn sie sich verlässlich angenommen, geschätzt und beachtet fühlen – das gilt für KiTas übrigens genauso wie im Elternhaus. Gestresste Kinder lernen nicht. Verunsicherte Kinder sind nicht mutig. Man muss sich also schon fragen, warum es ín der heutigen Frühpädagogik so viel um Förderprogramme, Bildungsanreize und Theorien geht, und so wenig um die Beziehungen von Mensch zu Mensch, und so wenig auch um die gemeinsame Gestaltung eines spannenden, kindgerechten Alltags.

Aber auch Förderprogramme können ja durchaus spannend und kindgerecht sein! Gerade die in vielen KiTas angebotenen naturwissenschaftlichen Experimente sind doch ein Plus für die Kleinen.

Ich bin da skeptisch. Denn naturwissenschaftliche Experimente laufen für Kinder doch den ganzen Tag. Man muss für Kinder schon eine ziemlich verarmte Kindheit organisieren, damit sie nicht von sich aus lernen, welche Gegenstände im Wasser schwimmen, und welche untergehen. Dazu brauchen sie keine „Bildungsinsel“ und auch keine speziellen Experimente. Was mir dabei aber vor allem gegen
Strich geht, ist das: Dass wir mit diesem Tanz um die „Frühe Bildung“ so tun, als bekämen Kinder das, was sie brauchen. Aber das stimmt eben nicht. Es hapert genau bei den wichtigsten Zutaten: bei den Beziehungen, und bei den Gelegenheiten zur Selbstbewährung. Reden wir denn in der Kindergartenpädagogik viel über die Beziehungen? Da lassen wir uns mit einem absoluten Notprogramm abspeisen, gerade in den Krippen. Und wo geht es denn um die kindlichen Entdeckungsräume? Die Aussengelände sind oft ein Jammer, aber keiner jammert darüber. Und wenn wir dann doch mal ein Feuer machen, dann bestimmt nicht, weil eine Kindheit ohne Lagerfeuer schwach und lauwarm ist, sondern damit die Kinder lernen, dass warme Luft nach oben steigt.

Dabei sind sich doch eigentlich alle politischen Kräfte einig, dass Kinder möglichst frühe Bildung brauchen!

Na gut, wenn wir uns so einig sind, dann können wir ja endlich mal darüber reden, was Frühe Bildung eigentlich ist. Aber da scheint doch manches schon als gesetzt zu gelten. Denn wenn man genauer hinschaut, so fällt auf, dass die heutige Frühpädagogik ganz stark von Programmen geprägt ist, die von großen Konzernen und ihren Stiftungen gerade aus den Technologie-Branchen entwickelt wurden. An
10 000 deutschen KiTas etwa wird das von Microsoft gesponsorte „Schlaumäuse“-Programm verwendet. Ein Tablet-Spiel, mit dessen Hilfe Kinder angeblich Schrift und Sprache besser erlernen können.

… klingt doch super!

… Wenn man denn bei Microsoft wirklich verstünde, wie Kinder sich die Sprach- und Schriftwelt aneignen. Diesen Programmen fehlt gerade das, was den Kleinen dabei am meisten hilft, nämlich der soziale und situative Kontext des Sprechens, der Bezug auf die persönliche Innenwelt, die Möglichkeit, Lernwege gemeinsam zu gestalten und mit Bedeutung aufzuladen. Das geht nur im Rahmen von Beziehungen! Aber darum geht es bei den „Schläumäusen“ nicht. Es geht darum, einen Produktnamen bei Kindern und Eltern zu platzieren.
Und auch das „Haus der kleinen Forscher“, der angebliche Cadillac unter den frühkindlichen Förderprogrammen, wurde nicht etwa auf Anregung von Erzieherinnen entwickelt, sondern basiert auf einer Idee der Unternehmensberatung McKinsey. Bis heute sitzen im Stiftungsrat vor allem die Vertreter von Stiftungen aus der Technologie-Branche, von Telekom bis SAP. Und die sitzen da bestimmt nicht,
weil sie besonders viel von Kindern verstehen, sondern weil sie in den Kindern die Fachkräfte der Zukunft sehen. Sie wollen Begeisterung für die naturwissenschaftlichen Fächer schaffen, damit ihnen später einmal genug Fachkräfte zur Verfügung stehen – so steht es ja auch in der Satzung des Hauses der kleinen Forscher. Das mag man alles „gemeinnützig“ nennen, aber man muss sich da ja nichts vormachen: warum diese Stiftungen vor den KiTas Schlange stehen und Geld in die Hand nehmen, dient zunächst einmal den eigenen Interessen.

Aber das heisst doch nicht, dass solche Programme nutzlos sind!

Das ist es ja gerade: es geht immer um den Nutzen. Aber für wen denn? Natürlich sind Kinder kooperativ, und lassen sich auch auf Experimente ein, in denen sie lernen, welche Gegenstände im Wasser schwimmen und welche untergehen. Aber wenn wir Kinder forschen lassen, damit sie später dann als Fachkräfte gut funktionieren, da stimmt für mich etwas nicht. Mir ist das als Pädagogik einfach zu billig – im Grunde ist das doch nur eine Art Rückwärtskonstruktion: Ausgangspunkt sind die Kompetenzen am Arbeitsplatz – daraus wird abgeleitet, was in der Schule gelehrt werden soll. Und der Kindergarten gilt dann als Vorbereitung auf die Schule – dort soll das geübt werden, was im
Klassenzimmer gefragt sein wird. Kein Wunder dass dem Spielen heute fast schon der Ruch der Geschäftsschädigung anhängt. Und die Krippen? Die dienen wiederum der Vorbereitung auf den Kindergarten… Damit wird aber im Grunde das, was am Kind verwertbar ist, zum Kern der Pädagogik geadelt. Die Förderung setzt da nicht am Kind an, sondern an der späteren Leistung, die es im globalisierten Wettbewerb einmal erbringen soll.

… aber der ist nun einmal Realität.

Ja, ganz gewiss. Mit all seinen Zwängen. Die Wirtschaftsbosse sorgen sich, dass ihnen eines Tages, wie sie sich ausdrücken, „nicht mehr genügend Humankapital zur Verfügung steht, um den produktiven Einsatz des Sachkapitals zu ermöglichen.“ Und die Eltern sorgen sich, ihre Kinder könnten bei dieser beständigen Beschleunigung nicht mithalten. Und doch halte ich es für falsch, wenn wir die Angst zur Grundlage der Pädagogik machen, und nun schon die Kindheit zu einer Strecke zu machen, auf der die Kinder sich für den Job warm laufen. Wissen wir denn, wie die Welt in 20, 25 Jahren aussieht? Und wie geht es uns denn selber mit dieser beständigen Beschleunigung? Ja, wir müssen funktionieren. Gleichzeitig wächst die Zahl der Ausgebrannten. Schon einen Gedanken wert, ob wir mit diesem wirtschaftlichen Beschleunigungsmodell wirklich auf das richtige Pferd setzen – und wer wirklich davon profitiert. Wir sollten innehalten, bevor wir jetzt diesen Druck an die Kinder weitergeben. Ich bin nicht gegen Bildung, und auch nicht gegen eine gute Vorbereitung auf die Arbeitswelt. Aber man kann auch heute das Pferd nicht von hinten aufzäumen. Kinder müssen zuerst ihr Lebensfundament aufbauen. Damit sind sie gerüstet, egal was kommt. Darin liegt für mich das Interesse des Kindes. Sie brauchen dazu eine Kindheit, die diesen Namen auch verdient.

Dieser Beitrag beruht auf dem Buch des Kinderarztes und Wissenschaftlers Dr. Herbert Renz-Polster: „Die Kindheit ist unantastbar". Er stellt in dem Buch die Ansagen der Kita- und Schul-Pädagogik auf den Prüfstand. Geht es dabei wirklich darum, was die Kinder brauchen – oder darum, für was sie einmal gebraucht werden?
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