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Was ist eine „gute Mutter“?

Wir hatten eine schöne Diskussion auf @kinderverstehen.de zum Thema: was ist eine „gute Mutter“? – ausgelöst von einer LeserInnenzuschrift die das so anstieß:
„Vielleicht müssen wir mal weg von diesem „gute Mutter“. Was soll das denn überhaupt sein? Da hat doch jeder eine andere Interpretation. Was genau ist eine gute Mutter? Frage ich mich schon seit Jahren.“
Genau, wie gut, wenn wir da wegkommen von den Gütesiegeln, denn für jede(n) ist “gut” etwas anderes, weil jeder von woanders startet, jedem sich eine andere Aufgabe stellt (je nach Lebenssituation und Kind zum Beispiel), und jede(r) von uns dann “gut” handelt, wenn er oder sie das in seiner Lage “möglichst Richtige” tut. Und das kann etwas komplett anderes sein als für andere Eltern. “Gute” Erziehung ist ein Phantom, das mit dem echten Leben nichts zu tun hat.
Der Druck der „guten Erziehung“ geht aber noch tiefer, darauf weist die Soziologin Désirée Waterstradt in ihrem Aufsatz „Sozialisation oder Zivilisierung der Eltern?“ hin.
Nämlich, dass auch die Eltern irgendwie „erzogen“ werden, nämlich von der Gesellschaft in der sie leben. Frau Waterstradt weist in ihrem Beitrag insbesondere auf die Rolle der Scham hin. Sie geht davon aus, dass jede Gesellschaft dem Kind eine bestimmte Rolle und Position zuweist – und davon dann einen Kanon von Do´s und Don´ts ableitet, der vor allem den Eltern präsentiert wird. Abweichungen von diesem „guten“ Kanon rufen dann in den Eltern Versagens- und Schuldgefühle hervor – Scham eben. Sie weist auch darauf hin, dass die Scham im Grunde ein Sozialisationsinstrument ist, mit dem soziale Normen durchgesetzt werden. Die Beschämung und Selbstbeschämung der Eltern ist im Grunde die Art, wie die Eltern von der Gesellschaft erzogen werden.
Viel von ihrer Argumentation, die sich auf Norbert Elias bezieht, ist arg theoretisch, aber im Grunde hat sie Recht – auch Eltern werden erzogen, bestraft, belohnt, je nachdem ob sie das gerade herrschende Sozialisationsideal erfüllen oder nicht. Als Beispiel nimmt sie das Kind, das im Supermarkt einen Zornanfall hat. Früher wurde das Kind für sein ungebührliches Verhalten beschämt – heute schämen sich die Eltern für ihr Kind.
Zugrunde liegt natürlich ein sehr tiefer Prozess der familiären Identitätsbildung und Rollenverteilung (der wieder auf gesellschaftlichen Wandlungsprozessen beruht – das Kind früher sollte nützlich sein und sich dem „Haus“, also dem ökonomischen Multigenerationenprojekt unterordnen bzw. da nahtlos einfügen. Heute ist das Kind von Pflichten freigestellt, seine Aufgabe ist Repräsentant und Symbol der Zukunft zu sein, in der es die individuell von den Eltern erarbeiteten Schätze und Privilegien, ihr standing weiterträgt. Für diese Rolle wird es in seiner Kindheit qualifiziert, und das bringt es auch in eine Rolle der „Macht“ den Eltern gegenüber (früher war seine Rolle von Ohnmacht gekennzeichnet). Nach ihrer Interpretation sind damit gerade die Familien in der Mitte der Gesellschaft in eine Position der Dienerschaft dem Kind gegenüber geraten.
In diese Position werden sie durch die herrschenden schambewehrten Ideale in Verbindung mit der allgegenwärtigen Überforderung und Versagenserfahrungen geradezu gedrängt:
„Elternschaftsideale und reale Bedingungen der Elternschaft klaffen erheblich auseinander. Deutlich wird Menschen dies erst, wenn sie selbst Eltern und von nun an zu Gefangenen und Dienern der beschämend überfordernden Ideale werden. Eltern stehen dann unter einem enormen Zeit-, Organisations-, Leistungs- und Erfolgsdruck…“
und landen praktisch immer in einer Beziehungs- und Identitätskrise. So weit Désirée Waterstradt, zu deren Werk es einiges zu ergänzen gäbe, aber das vielleicht ein ander Mal, ich finde das ist jetzt schon genug zu verdauen, oder?
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Quellen









La Celestina
Interessanter Dreh. So hatte ich darüber noch nicht nachgedacht. Für mich ist die aktuelle Kindheit eher etwas, dass sinnentleert wurde. Kinder haben keine Aufgabe mehr, mit der sie sinnvoll Teil der Gemeinschaft sein können.
Damit habe ich mir immer die Nostalgie erklärt, mit der in der Presse gerne über “traditionelle”, “indigene” oder irgendwie ander exotisieret Kindheiten geschrieben wird: das Kind läuft einfach so mit und lernt das Handwerk. Mit Blick auf die tatsächliche Auswirkung auf die Gesundheit von Kindern, wäre ich vorsichtig, dies zu positiv zu sehen. Aber immerhin ist es sinnvoll, die Lamas zu hüten, die jüngeren Geschwister zu versorgen oder als Schuhputzer zum Lebensunterhalt und zur Subsistenz beizutragen.
Kinder in Deutschland haben zu funktionieren. Das bringt sie eigentlich in eine Position dauernder Ohnmacht, wenn sie es (warum auch immer) nicht tun. Sie müssen ja nur “brav” sein und “präsentabel” – was auch immer die Erwachsenen damit meinen mögen.
Aber es stimmt schon, das bringt sie auch in eine (ungewollte) Machtstellung gegenüber den Eltern, wo diese von der Gesellschaft “bestraft” werden, wo doch nichts mehr von ihnen gefordert wird, als ruhige und angepasste Kinder.
Das erklärt vielleicht auch die Renaissance (vielleicht war sie auch nie weg) der “Oppositionellen Verhaltensstörung”. Schließlich gehört sie zu den Diagnosen, die nicht nur das Verhalten des Kindes unabhängig von seinen Motiven patologisieren (einen Grund für Verweigerung kann es nicht geben!) sondern auch die Verantwortung dafür weiterhin den Eltern zuschreibt (ungesundes psychosoziales Umfeld).
Was eine Last diese sinnlose Macht über die eigene Familie. Aber es rechtfertigt natürlich auch unser Narrativ, dass es ja jede:r leicht haben könnte, wenn er/sie nur wollte. Denn die Macht über das eigene Verhalten (Kinder) und das ihrer Kinder (Eltern), wird ja als gegeben angesehen.