Kommentar28. Mai 2021

Neues vom Impfgipfel: Jetzt die Kinder impfen !? (Teil 2)

Wie wir im Teil 1 zur Impffrage gesehen haben, ist die Antwort gar nicht so einfach: was hat mein Kind davon, wenn ich es impfen lasse? Es bleibt eine Abwägungsfrage mit mehreren Unbekannten. In diesem zweiten Teil geht es mit den Abwägungen weiter. Wie steht es mit den anderen Hoffnungen, die derzeit an die Impfung von Kindern geknüpft werden?

Wir erleben gerade eine interessante Diskussion. Die Bundesrepublik Deutschland unterhält eine am RKI angesiedelte Ständige Impfkommision (STIKO) mit dem gesetzlichen Auftrag, die zugelassenen, also auf dem Markt verfügbaren Impfstoffe einer wissenschaftlichen Bewertung zu unterziehen. Nämlich ob, inwieweit und für welche Bevölkerungsgruppe deren Einsatz empfehlenswert sei. Es dürfte gute Gründe geben, warum der Gesetzgeber diese recht komplexe Aufgabe einem  medizinischen Expertengremium übertragen hat – und nicht etwa dem Bundesgesundheitsminister (derzeit ein Bankkaufmann) oder den Ministerpräsidenten der Länder.

Druck auf die STIKO

Nun gibt es seit mehreren Wochen einen anschwellenden Chor von PolitikerInnen, die für eben diese Aufgabenverteilung wenig Verständnis zu haben scheinen, und sich irritiert darüber zeigen, dass die STIKO bisher noch keine Empfehlung für die Impfung von Kindern gegen SARS-CoV-2 ausgesprochen habe. Offenbar soll die medizinische Indikation für Impfungen durch eine politische Indikation ergänzt werden: weil wir Politiker das für richtig halten, sollen die Kinder möglichst bald geimpft werden.

Zum Teil wird dann darauf verwiesen, dass eine „Zulassung“ durch die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) für Jugendliche ja demnächst vorliege (die EMA will ihre Entscheidung zur Erweiterung der Zulassung des Biontech/Pfizer Impfstoffes für 12 bis 15-Jährige am 28.5. bekannt geben; nach allem was bisher bekannt ist wird sie positiv ausfallen). Nur: „Zulassung“ und eine Empfehlung für den Einsatz des zugelassenen Medikaments sind zwei paar Stiefel – auch Ministerpräsidenten sollten den Unterschied kennen. Die EMA entscheidet aufgrund anzunehmender Wirksamkeit und bis dato anzunehmender Sicherheit (weil bis dato nur begrenzte Informationen zur Sicherheit vorliegen, hat sie den SARS-CoV-2 Impfstoffen bisher zudem nur eine  Zulassung „unter besonderen Bedingungen“ erteilt).

Zulassung ist kein Selbstläufer

Damit ist aber noch lange nicht entschieden, ob der Einsatz eines zugelassenen Medikaments auch Sinn macht. Acetylsalicylsäure („Aspirin“) etwa ist ein längst für den Vertrieb zugelassenes Medikament, ob, in welcher Dosierung und für wen es dann zum Beispiel zur Prävention von Herzinfarkten taugt, ist ganz andere, separat zu beantwortende Frage. Für Impfstoffe wurde die Beantwortung dieser Anwendungsfrage an die Ständigen Impfkommision des RKI (STIKO) delegiert. Der Astra-Zeneca Impfstoff etwa hat von der EMA bis heute eine uneingeschränkte vorläufige Zulassung ab 16 Jahren. Die STIKO jedoch empfiehlt  den Impfstoff von AstraZeneca inzwischen nur für über 60-Jährige. Und hat gute Gründe dafür (nämlich die zwar sehr seltenen, aber eben doch höheren Komplikationsrisiken bei den Jüngeren).

Die Entscheidungen der STIKO haben in Deutschland übrigens auch praktische und juristische Konsequenzen: Mögliche schädigende Nebenwirkungen einer Impfung werden nur dann nach dem sozialen Entschädigungsrecht des Bundesversorgungsgesetzes geregelt, wenn eine Impfung „öffentlich empfohlen“ ist. Und für die öffentliche Empfehlung ist weder die EMA noch Jens Spahn verantwortlich – sondern die STIKO. („Wer durch eine öffentlich empfohlene Schutzimpfung einen Impfschaden erlitten hat, erhält auf Antrag Versorgung nach dem Bundesversorgungsgesetz“ (aus dem Infektionsschutzgesetz).

Mir wird deshalb ehrlich gesagt etwas mulmig zumute, wenn Jens Spahn nun versucht, das Votum der STIKO so tief zu hängen wie möglich. Das sei „eine wichtige Stimme“ – EINE Stimme eben, aber eben nur „eine Empfehlung“. Die Impfung sei dann eine Sache zwischen den Eltern und den KinderärztInnen. Hmm, wenn das mal nicht Schule macht.

 

Die Argumente für die Kinder-Impfungen

Aber zurück zu den Begründungen der Kinderimpfungen: Zu hören sind immer wieder die gleichen Argumente, die ich bereits im ersten Teil dieses Impf-Beitrags aufgelistet habe:

  • 1) Die Impfungen schützen die Kinder vor einer Covid-Erkrankung und vor den damit manchmal verbundenen Begleit- und Folgeschäden. Dieses Argument war das Thema meines letzten Beitrags.
  • 2) Die Impfungen schützen insbesondere vulnerable und chronisch kranke Kinder, die schlechter mit einer Covid-Erkrankung zurechtkommen und deren Grunderkrankung durch eine SARS-CoV-2 Infektion verschlimmert werden könnte.
  • 3) Durch die Impfung von Kindern können ihre Kontaktpersonen vor einer Ansteckung geschützt werden. Weil das Übertragungsrisiko nun kleiner ist, stellen die Kinder insbesondere eine geringere Gefahr für ihre LehrerInnen, ErzieherInnen, Eltern und Großeltern dar.
  • 4) Durch die Impfung könnten die Kinder nun wieder besser und vollständiger am sozialen Leben teilnehmen. Sie können dadurch insbesondere wieder in die Schule gehen und ihr Recht auf Bildung wahrnehmen („Das Recht auf Bildung mit Kita- und Schulbesuch kann im Winter 2021/2022 nur mit einer rechtzeitigen COVID-19-Impfung gesichert werden“, so formuliert es ein vom Deutschen Ärztetag am 4.5.2021 angenommener Leitantrag).
  • 5) Von den Impfungen profitieren nicht nur die Kinder, sondern auch die Familien („Die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe erlangen Familien mit Kindern nur mit geimpften Kindern zurück“, heisst es in dem besagten Leitantrag). Impfungen, so könnte dieses Argument zusammengefasst werden, schützen nicht nur die Kinder sondern auch die Familien und deren soziale Möglichkeiten.
  • 6) Durch die Impfungen der Kinder erfährt die Epidemie möglicherweise eine Bremse: die Infektionszahlen gehen rascher zurück, der R(t) Wert sinkt schneller, die Epidemie kann damit besser und punktgenauer bekämpft werden, und die Gesellschaft schneller zur Normalität zurückkehren – wovon unter anderem auch die Kinder profitieren.
  • 7) Oft wird dann auch die „Herdenimmunität“ angeführt: Wenn nun auch die Kinder geimpft werden, ist eine mögliche Herdenimmunität (Populationsimmunität, also ein weitgehender Schutz der gesamten Gemeinschaft vor einer weiteren epidemischen Ausbreitung von SARS-CoV-2) rascher und leichter zu erreichen. Es könnte sogar sein, dass dieses Ziel ohne die Impfung von Kindern und Jugendlichen gar nicht erreichbar ist und die Gesamtbevölkerung damit weiterhin für eine epidemische Ausbreitung von SARS-CoV-2 empfänglich ist. Der Deutsche Ärztetag formuliert es so: „Ca. 14 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 16 Jahre und können mit den derzeit verfügbaren COVID-19-Impfstoffen nicht geimpft werden. Um in unserem Land eine Herdenimmunität gegen die SARS-CoV-2-Pandemie zu erreichen, muss diese Lücke unbedingt geschlossen werden.“

Sind die Hoffnungen begründet?

Schauen wir uns die Argumente einmal nacheinander an. Wie wir sehen werden, hängt auch hier die Bewertung von Annahmen ab, die teilweise noch immer wissenschaftlich umstritten sind.

Argument 2

Die Impfungen schützen insbesondere vulnerable und chronisch kranke Kinder, die schlechter mit einer Covid-Erkrankung zurechtkommen und deren Grunderkrankung durch eine SARS-CoV-2 Infektion verschlimmert werden könnte.

Dieses Argument ist nachvollziehbar. Allerdings hat sich bisher gezeigt, dass die allermeisten chronisch kranken Kinder – anders als viele chronisch kranke Erwachsene – überraschend wenig Probleme mit einer SARS-CoV2 Infektion haben. Dies spräche dafür, einen SARS-CoV-2 Impfstoff (so er sich für Kinder als sicher und verträglich erweist) als Indikationsimpfung zuzulassen und die Entscheidungen im Einzelfall den jeweiligen Spezialisten (etwa für Herzkrankheiten bei Kindern, für Leukämie, für Mukoviszidose und so weiter) zu überlassen.

Argument 3

Durch die Impfung von Kindern können ihre Kontaktpersonen vor einer Ansteckung geschützt werden. Weil das Übertragungsrisiko nun kleiner ist, stellen die Kinder insbesondere eine geringere Gefahr für ihre LehrerInnen, ErzieherInnen, Eltern und Großeltern dar.

Dieses Argument ist für mich schlecht nachvollziehbar. Zumindest liegt eine sinnvolle Alternative auf der Hand, und sie wird derzeit bereits in großen Schritten umgesetzt – nämlich die Impfung der Erwachsenen. Sind die LehrerInnen ud Großeltern geimpft, so entfällt ja tatsächlich das Gefahrenargument  (was die Gefahr angeht, die Kinder für andere Kinder darstellen, verweise ich auf meinen letzten Beitrag).

Argument 4

Durch die Impfung könnten die Kinder nun wieder besser und vollständiger am sozialen Leben teilnehmen. Sie können dadurch insbesondere wieder in die Schule gehen und ihr Recht auf Bildung wahrnehmen („Das Recht auf Bildung mit Kita- und Schulbesuch kann im Winter 2021/2022 nur mit einer rechtzeitigen COVID-19-Impfung gesichert werden“, so formuliert es ein vom Deutschen Ärztetag am 4.5.2021 angenommener Leitantrag).

Dieses Argument erscheint mir wenig plausibel. Denn es geht von einem Missverständnis aus. Ihr Recht auf Bildung haben die Kinder in Wirklichkeit aufgrund einer politischen Einschätzung verloren, nach der die Pandemie ohne die Schliessung der Schulen und Kitas aus dem Ruder gelaufen wäre. Aus dieser Einschätzung folgt aber NICHT, dass ein sicherer Schulbetrieb nur mit geimpften Kindern möglich wäre. Denn zum einen könnte die Einschätzung, dass offene Schulen in einer Pandemie keine verantwortliche Option seien, auch falsch gewesen sein (unser Nachbarland, die Schweiz, zum Beispiel, ist dieser Meinung; auch andere Länder haben zumindest einem großen Teil der Kinder ihr Recht auf Bildung auch in der Pandemie gesichert, auch wenn eine endgültige Bewertung dieser Strategie noch aussteht).

Zum anderen könnten sich offene Schulen inzwischen ja völlig anders auf die Entwicklung der Pandemie auswirken – schließlich operieren wir heute unter völlig anderen epidemiologischen und technischen Bedingungen. Zuletzt wurde sogar modelliert, dass die Rückkehr zum Präsenzunterricht einen positiven Effekt auf den Pandemieverlauf haben dürfte – dies wird zum Beispiel aufgrund einer gründlichen Analyse von einem Münchner Forschungsteam angenommen.

Ich will damit ganz klar das sagen: die Behauptung, das Recht auf Bildung sei irgendwie mit einer Impfempfehlung  für die Schüler verbunden, ist weder logisch noch in irgendeiner Weise bewiesen. Die Pauschalität der Aussage wundert mich, und noch mehr wundert mich, dass entsprechende Behauptungen auf einem Ärztetag gemacht werden. (Rein logisch gedacht liesse sich – nur um der Phantasie auf die Sprünge zu helfen – das Recht der Kinder auf Bildung zum Beispiel auch durch entsprechende Impfungen des pädagogischen Personals sehr effektiv sichern).

Argument 5

Von den Impfungen profitieren nicht nur die Kinder, sondern auch die Familien („Die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe erlangen Familien mit Kindern nur mit geimpften Kindern zurück“, heisst es in dem besagten Leitantrag). Impfungen, so könnte dieses Argument zusammengefasst werden, schützen nicht nur die Kinder sondern auch die Familien und deren soziale Möglichkeiten.

Können Familien wirklich nur mit geimpften Kindern „gleichberechtigt“ am gesellschaftlichen Leben teilhaben? Das käme auf weitere Einflüsse an, vor allem auf die Entscheidungen der Gesellschaft, also auf politische Entscheidungen. Tatsächlich sind es ja eigentlich die politischen Entscheidungsträger, die Rechte definieren, verteilen und gesetzlich regeln. Für die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe von Familien mit Kindern zu sorgen ist deshalb primär die Aufgabe der Politik, nicht der Impfzentren.

Allerdings ist bei dieser Frage zu bedenken, dass sich eine Ungleichheit der Rechte auch außerhalb der Reichweite der Politik einstellen könnte – etwa wenn Fluggesellschaften, andere Länder, Freizeitparks oder welche Einheiten auch immer die Teilnahme von Impfbescheinigungen abhängig machen. Ich sehe es als eine vordringliche Aufgabe der Politik an, eine solche „kalte“ Impfpflicht zu verhindern.

Sie hat nämlich in meinen Augen keine faktische Grundlage – es gibt für mich keinen Hinweis, dass in der nach-pandemischen Phase, in die wir nun eintreten, der Bevölkerungsschutz davon abhängen sollte, dass die Kinder gegen SARS-CoV-2 geimpft sind. Und ich stütze mich hier nicht nur auf die Erfahrungen Israels, das nun seine Corona-Abteilungen auflöst und zum ersten Mal seit 10 Monaten keinen Covid-Todesfall mehr zu beklagen hat – ohne auch nur mit den Impfungen von Kindern und Jugendlichen begonnen zu haben. Tatsächlich scheint die Euphorie für die Impfung von Kindern gerade in Israel rasch zu verfliegen. Nein, für diese Aussage stütze ich mich insbesondere auf das, was von Epidemiologen zum weiteren Verlauf der Pandemie, zu einer möglichen „Herdenimmunität“ und zur Rolle der Kinder vorausgesagt wird.

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Und das ist wieder ein großes Thema, das ganz eng verbunden ist mit einer alten Frage: Welche Rolle spielen die Kinder und Jugendlichen wirklich im Corona-Infektionsgeschehen? Und weil es hierzu ganz neue Ergebnisse gibt, geht es dazu demnächst im Teil 3 meiner Impfserie auf diesem Blog weiter.

Zu diesem Beitrag will ich gerne auf mein Buch „Gesundheit für Kinder" hinweisen: "Kinderkrankheiten verhüten, erkennen, behandeln". Es hat sich im deutschsprachigen Raum als DAS umfassende Nachschlagewerk zur Kindergesundheit etabliert.
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26 Kommentare

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  • Simone Bäumler

    Lieber Herr Renz-Polster, vielen Dank für diese Einschätzung. Da ich Kinderärztin bin und seit gestern von impfwütigen Eltern, die die Impfung für Ihre Kinder wollen, hilft mir Ihr Beitrag sehr dabei nochmals sehr sorgsam aufzuklären.
    MfG Simone Bäumler

  • Thomas Knoche

    Neulich sagte Drosten im ZDF, das Risiko für Kinder an PIMS zu erkranken betrage 1:1000. Das ist schon ein großes Risiko und spricht für eine Impfung. Immerhin gibt es ein ähnliche hohes Risiko bei Masern, bei Masern gibt es sogar eine Impfpflicht.

    • H. Schmitt

      Nur weil Herr Drosten dieser Meinung ist, heißt es noch lange nicht, dass es andere Experten oder die Stiko ähnlich sehen. Auch die Stiko arbeitet wissenschaftlich und wertet Studien und Daten aus und was Herr Drosten sagt, vermutet oder wie er Daten interpretiert, muss noch lange nicht für andere Fachleute stimmen. Die Stiko wird die Daten sorgsam prüfen und genau abwägen, das ist ihre Aufgabe und nicht die von Herrn Drosten.

      • Thomas Knoche

        Naja, der sagt das ja nicht, weil es ihm gerade so einfällt. Er hat sich natürlich auf Studien bezogen.

    • Herbert Renz-Polster

      Das Risiko für PIMS ist stark abhängig von ethnischen und sozialen Faktoren und deshalb in jedem Land ein anderes (etwa zwei Drittel der PIMS Fälle in multiethnischen Populationen wir GB oder USA betreffen blacks or hispanics). In Deutschland wurden in den letzten 12 Monaten 325 PIMS Fälle gemeldet (für den Zeitraum davor liegen keine Daten vor). Nimmt man an, dass etwa 1 Million der 14 Millionen Kinder und Jugendlichen eine SARS-CoV-2 Infektion durchgemacht haben, dann lägen wir grob auf den Pandemieverlauf hochgerechnet bei 0,5 pro 1000 Infektionen.
      Es ist eine Frage der Abwägung: wenn wir 2000 Kinder impfen müssen, um einen PIMS Fall zu verhindern, dann sollte der Impfstoff die üblichen Kriterien an Sicherheit erfüllen (zumal die Kinder aller Voraussicht nach z.B. jährliche Auffrischimpfungen bräuchten – die 2000 Kinder bekommen dann ja jeweils ca ein Dutzend Impfungen). Die Daten zur Sicherheit gegenüber auch seltenen Ereignissen sind bisher noch nicht da, deshalb wartet die STIKO ab. Das finde ich vernünftig.
      Apropos: Gegen PIMS könnte in nicht allzu langer Zeit auch eine medikamentöse Therapie vorliegen: https://www.jci.org/articles/view/149633
      Meine eigene Sorge gilt eher den Long-Covid-Verläufen bei Kindern. Wir müssen hier unbedingt eine Datenbasis bekommen.

  • Jan-Peter Brodersen

    Den Zahlen des RKI nach Hagen wir in der Altersgruppe 0-19 ganze 20 Todesfälle. Diese hatten zumeist schwere Ko-Morbiditaeten. Da ist es m.E. medizinischer Unsinn, in dieser Altersgruppe überhaupt eine Corona Impfung in Betracht zu ziehen.

    • Thomas Theisen

      Das werden Sie anders sehen, wenn eines von diesen 20 Todesfällen, ihr Kind ist. Und wen interessiert es eigentlich, was sie für medizinischen Unsinn halten?
      Es ist schon verblüffend, dass man an der ersten Sätzen des Verfassers erkennen kann, welche Intention er verfolgt. Nach drei Sätzen war schon klar, zu welchem Ergebnis er kommt. Alle Argumente für die Impfung sind logisch und nachzuvollziehen, wenn man sich nur einmal kurz mit einem möglichen Verlust eines geliebten Menschen befasst, der verhindert werden könnte, insbesondere bei Kindern. Erstaunlich ist auch die Argumentation, dass pro Studien stets nie ausgereift sind oder man das Ergebnis nur annehmen kann aber keine Sicherheit bietet, Contra Studien aber mit dem Zusatz gründlich versehen werden… 😉 Jeder kann und soll es m. E. weiterhin selbst entscheiden ob er sich impfen lässt oder nicht. Die geführten Diskussionen vieler Menschen, Experte hin oder her, dienen fast ausschließlich der Selbstbereicherung, so wie der Hinweis am Ende zum Erwerb des Buches des Verfassers. Wir haben installierte Gremien, die beraten und/oder zusätzlich beraten werden, möglicherweise sogar gedrängt, aber viele andere die dagegen argumentieren folgen auch nur inneren Drängen, die uns nicht offenbart werden. Wie die ganze Querdenkerszene! Da müssen eine ganze Reihe Leute nicht mehr arbeiten nach der Pandemie 😉

      • H. Schmitt

        Entscheidend ist doch, dass eine ausreichende Datenbasis vorliegt und auch die Möglichkeit, langfristige Wirkungen der Impfung erkennen zu können und dafür braucht es nun einmal Zeit. Die Politik wollte den zweiten Schritt vor den ersten gehen und daher gibt es jetzt diese traurige und hitzige Debatte. Die Stiko hat nur einen Auftrag und da geht es nicht um Politik sondern darum, die körperliche Unversehrtheit von Kindern durch eine Impfung zu beurteilen und ob die Risiken im Vergleich zum Nutzen im Verhältnis stehen.

        Wir befinden uns in einem laufenden Erkenntnisprozess. Wie die Empfehlung bei Astrazeneca zeigt. Hier sind Menschen an der Impfung gestorben, was nun zu einer Änderung der Empfehlung führte. Was bedeutet, dass vorher gesunde Menschen ihr Leben durch die Impfung verloren haben. An dieser Stelle die Augen zu verschließen, hätte im schlimmsten Fall fatale Folgen und daher muss bei Kindern, die insgesamt ein viel geringeres Risiko an schweren Verläufen durch Covid-19 haben, genausten mögliche Erkenntnisse gewonnen werden, wie ihr Körper mit der Impfung zurecht kommt.

        Ich bin also sehr dankbar, dass die Stiko so verantwortungsvoll und sorgsam wie nur möglich Daten bewertet und sich nicht politisch unter Druck setzen läßt. Es ist schon zum Schaudern, wenn Politiker von Enttäuschungen sprechen, nur weil die Stiko ihnen nicht die Empfehlung auf Knopfdruck liefert, die sie sich wünschen. Gerade in diesem Zeiten ist es wichtig, rationale Entscheidungen zu treffen.

        Eines muss doch klar sein, dass es Risiken durch Impfungen geben kann und erst wenn diese durch Daten/Studien eindeutig sind und der Vergleich möglich ist, ob der Nutzen dennoch überwiegt, kann eine Entscheidung getroffen werden.

        Es steht so viel auf dem Spiel, nämlich im schlimmsten Fall das Leben und die Gesundheit von Kindern. Daher wünsche ich mir, dass wir die Stiko in Ruhe und ohne Bedrängnis ihre wichtige Arbeit machen lassen, damit sie die richtige Empfehlung für das Wohl der Kinder treffen können.

    • Herbert Renz-Polster

      Es muss immer auch die Morbidität berücksichtigt werden. Wir Kinderärzte impfen auch gegen Krankheiten, an denen praktisch kein Kind verstirbt (Bsp: Rotaviren, FSME, HPV, auch Windpocken…).
      Impfungen sind wichtige Mittel um Krankheiten zu verhindern. Nur kommt es immer auch Abwägungen ab: wie viele Kinder muss ich impfen um welches Ziel zu erreichen?
      Danke

  • Familienfreund

    Vielen dank für diesen ausgewogenen Artikel.

    Bei den etablierten Parteien finde ich leider kaum solch nüchternes abwägen.

    Die familienfreundliche ÖDP schafft es, m. E. nach, noch am besten sich im Sinne des Kindeswohls zu positionieren. Sie schreibt:

    „Die bisher veröffentlichten und noch nicht abgeschlossenen Studien zeigen jedoch auf, dass die schweren und schwersten Nebenwirkungen bis jetzt vor allem jüngere Menschen treffen.

    Bislang begonnene Impfstoffstudien an Kindern und Jugendlichen haben viel zu wenige Studienteilnehmer, die noch nicht lang genug beobachtet werden konnten. Sie können die hohen Anforderungen an die Sicherheit der Impfstoffe für Kinder und Jugendliche nicht erfüllen.“

    Quelle: https://www.oedp.de/aktuelles/pressemitteilungen/newsdetails/news/corona-impfung-fuer-kinder-und-jugendliche-oedp-fu

  • Anne Drews

    Vielen Dank!

  • Caroline Keeling

    Wie ist das eigentlich, zieht die STIKO bei ihrer Beurteilung den globalen Bedarf an Impfstoff in Betracht, oder läuft das streng national? Wie bei dieser Veröffentlichung des EBM-Netzwerks (https://www.ebm-netzwerk.de/de/veroeffentlichungen/pdf/stn-impfen-kinder-20210519.pdf ) schon bemerkt, so könnte dersselbe Impfstoff, der jetzt eventuell an deutsche (verhältnismässig wenig gefährdete Kinder) verimpft wird in Ländern mit schlechterer Gesundheitsversorgung viel mehr Menschen (=auch Kindern) das Leben retten.

    • Herbert Renz-Polster

      Meines Wissens nach hat die STIKO diesen Auftrag nicht. Lg
      HRP

      • Caroline Keeling

        Danke…Tedros Adhanom Ghebreyesus von der WHO hat die reichen Nationen gebeten ihre Kinder und Jugendliche nicht zu impfen und stattdessen den Impfstoff an COVAX (eine Initiative, die einen weltweit gleichmäßigen und gerechten Zugang zu COVID-19-Impfstoffen gewährleisten will) zu spenden. In vielen ärmeren Ländern ist noch nicht mal das Personal im Gesundheitswesen vollständig geimpft (https://www.who.int/director-general/speeches/detail/director-general-s-opening-remarks-at-the-media-briefing-on-covid-19-14-may-2021). SARS-Cov2 hat uns beeindruckend demonstriert, dass wir eine epidemiologische Einheit sind und es wird vermutet, dass die ungleiche Verteilung von Impfstoff dazu führen könnte, dass langlebige Brutstätten für Virusmutanten erhalten bleiben:

        « Slow uptake of Covid-19 vaccines in developing countries could create problems for the rest of the world. Epidemiologists believe that failure to vaccinate much of the developing world could leave a large reservoir of the coronavirus circulating, giving it the chance to mutate and possibly spill over to developed countries. »
        WallstreetJournal April 20, 2021 https://www.wsj.com/articles/why-covid-19-vaccination-in-poorer-nations-has-slowed-posing-global-risks-11618826934

        Das und die moralische Bankrotterklärung scheint die deutsche Regierung aber nicht sonderlich umzutreiben…

      • Caroline Keeling

        https://www.deutschland.de/en/topic/politics/germany-supports-covax-2-billion-euros-for-vaccine

        Sieht aus als wäre Deutschland einer der grössten Geldgeber für das COVAX Program (immerhin). Aber Impfstoff gibt es keinen. Für mich sieht es aus, als versuche ein reicher Staat sein Gewissen „reinzukaufen“.

        Ein Beitrag dazu vom Deutschlandfunk (April).
        https://www.deutschlandfunkkultur.de/impfplattform-covax-die-reichen-laender-zuerst.979.de.html?dram:article_id=495055

        „Einige Länder beeilen sich, ihre gesamte Bevölkerung zu impfen, während andere gar nichts haben. Das mag kurzfristig ein Gefühl von Sicherheit erzeugen, aber das Gefühl trügt. Denn wenn anderswo auf der Welt die Übertragungen weitergehen, nimmt die Zahl der Mutationen zu. Und je mehr es davon gibt, desto wahrscheinlicher ist, dass manche davon gegen die Impfungen immun sind.(…)“

        • Caroline Keeling

          „Pandemie hält durch Ungleichheit an“ Stand: 02.06.2021 04:18 Uhr

          Früher Dosen abgeben

          Außerdem appelliert die Weltgesundheitsorganisation an Länder, die ihr Gesundheitspersonal, Alte und Vorerkrankte schon durchgeimpft haben, etwas von ihren Dosen abzugeben. Eigentlich sei genug für alle da, meint WHO-Chef Ghebreyesus: „Die Zahl der weltweit verteilten Dosen wäre ausreichend gewesen, um alle Mitarbeiter im Gesundheitsbereich und alle älteren Menschen zu impfen, wenn sie gerecht verteilt worden wären.“
          Afrika steht bei der Verteilung hintenan, sagt der Chef der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus:

          „Die Impfkrise zeigt eine skandalöse Ungleichheit und führt dazu, dass die Pandemie anhält. Mehr als 75 Prozent aller Impfungen sind bisher in gerade einmal zehn Ländern verteilt worden. Es gibt keinen Weg, das diplomatisch zu sagen. Eine kleine Gruppe von Ländern, die fast alle Impfstoffe aufkaufen, bestimmt das Schicksal der restlichen Welt.“

          https://www.tagesschau.de/ausland/afrika/afrika-impfstoff-impfungen-101.html

  • Marissa

    Vielen vielen Dank für den Beitrag!Mich würde interessieren, ob es dem Kind schadet, wenn man sich als Stillende impfen lässt?Herzliche Grüße!

  • Joseph Kuhn

    Eine kleine Korrekturanmerkung: Die sog. „öffentliche Impfempfehlung“ als Grundlage des Entschädigungsanspruchs nach Versorgungsrecht erfolgt nicht durch die STIKO, sondern durch die Länder. Sie orientieren sich dabei in der Regel, aber nicht immer, an den STIKO-Empfehlungen (die wiederum unmittelbare Folgewirkungen für die Kostenerstattung durch die GKV haben).

    Ansonsten wird hier ja mit allen Mitteln Spannung aufgebaut: Cliffhanger am Ende zur nächsten Folge. Chapeau! 😉

    • Herbert Renz-Polster

      Danke für den Hinweis!
      HRP

  • Caroline Keeling

    Mensch, ich kann mich gar nicht mehr abregen! Und ich hoffe nur zu sehr, die ganzen deutschen , vor Empathie triefenden anti-Masken Kinderschützer sind da bei mir. Denn während in deutschen Regierungskreisen jetzt schon über die Impfung der Kinder sinniert wird und man sich gönnerhaft damit brüstet wieviel Geld man an COVAX gespendet hat (https://www.deutschland.de/de/topic/politik/deutschland-unterstuetzt-covax-2-milliarden-euro-fuer-impfstoff), so sind hunderte Kinder in Indien durch SARS-CoV-2 zu Waisen geworden (https://indianexpress.com/article/india/in-deluge-of-covid-numbers-one-stands-out-577-children-orphaned-in-second-wave-of-pandemic-7330279/ ). Ich schäme mich für mein Heimatland, dass es nicht den Kopf aus seinem Hintern zieht und mal ein bisschen in die Welt schaut! Wie gut wir es hier in Europa haben! Schön, dass Deutschland Geld spendet, das ist natürlich wichtig, aber bei allen Lorbeeren, es kann es sich auch leisten. Impfstoff hat es es dagegen noch nicht an COVAX abgegeben, stattdessen diskutiert man darüber die Kinder, die nur sehr geringem Risiko ausgesetzt sind in grossem Massstab zu impfen..

    Und ja, ich habe auch ein Kind, 4 Jahre alt, mit einem vermuteten Immundefekt (er hatte vor einem Jahr einen Hirn-Abzess). Aber im Gegensatz zu vielen anderen Eltern und Kindern in anderen Teilen der Welt haben wir Zugang zu Gesundheitsversorgung, ein Teil der Bevölkerung ist schon geimpft, gute Basishygiene, Tests und die Möglichkeit zu Social Distancing. Mir und meinem Kind kann in der Not geholfen werden (auch wenn mir bewusst ist, dass das keine Garantie auf Überleben bedeutet), woanders müssen Menschen hilflos zuschauen wie ihre Liebsten ohne ausreichende ärztliche Hilfe dem Virus erliegen.

  • Caroline Keeling

    Ein wie ich finde interessantes Interview in englischer Sprache mit Allyson Pollock, Public health Professor, Newcastle University.

    Liebe Grüsse!

    Interview heute auf france24 (https://www.youtube.com/watch?v=JZHjY4fCdwE&list=PLCUKIeZnrIUkh8TuvqH-uEdE5JHZWtk7x) ab Minute 6:37
    Und ein kleines Transkript:

    Reporter: »Let me ask you about the situation in British schools: (…) should the UK now be focusing on vaccinating children?

    Pollock: The risk-benefit ratio is not yet in favor of vaccinating children. Children have a very low risk in fact (…). There is no evidence of long-covid-harm apart from a very small number of cases (…) this is the one disease that actually children can afford to get. We need to look further down the line (..). The key thing is to vaccinate the people who really need to be vaccinated, which is older people(…). There is no case at the moment for vaccinating children. The risk-benefit-ratio doesn’t support it.

    Reporter: You are talking about vaccine inequity here. The UK government has said they are preparing for vaccinating Teenager, but are you suggesting that actually instead of doing that, that vaccines allocated to children should be dispatched to other countries with a far greater need?

    Pollock: Absolutely, absolutely (…) its monstrous that we are thinking about vaccinating children and young people when we don’t know about the long term harms 20 or 30 years down the road. We don’t have the studies, its emergency use authorization. And if anything these vaccinations should be going internationally!

  • Susann

    Herzlichen Dank! Ich bin immer wieder sehr dankbar für die kritischen (in beide Richtungen) und sachlichen Auseinandersetzungen! Viele liebe Grüße aus Neuseeland, Susann

  • Caroline Keeling

    Das Nationale Ethikkomitee Frankreichs kritisiert die geplanten Impfungen gegen SARS-CoV2 bei Jungendlichen und Kindern unter 12 Jahren:

    https://www.rfi.fr/en/france/20210609-french-ethics-committee-questions-rollout-of-covid-vaccine-to-adolescents

    https://www.ccne-ethique.fr/sites/default/files/enjeux_ethiques_relatifs_a_la_vaccination_covid_08.06.21_0.pdf

    Hier ein Auszug ( „approximative“ Übersetzung):

    « Bisher hat das Nationale Ethikkomitee (CCNE) festgestellt, dass die Impfung von Kindern unter 12 Jahren ethisch oder wissenschaftlich nicht vertretbar ist, vor allem weil es keine Studien gibt, die die Sicherheit von Impfstoffen gegen Covid-19 in dieser Bevölkerungsgruppe bewerten, und kein Land derzeit die Entscheidung getroffen hat, seine jungen Kinder zu impfen.

    Der individuelle Nutzen einer Infektion bei Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahren ist bei fehlender Komorbidität sehr gering und scheint nicht auszureichen, um eine Immunisierung zu rechtfertigen. Die FDA, die HAS und die Europäische Arzneimittelagentur haben den Impfstoff von Pfizer für die Altersgruppe der 12-16-Jährigen zugelassen (20). Die American Academy of Pediatrics hat nun die Impfung bei Jugendlichen empfohlen, weil in einer einzigen Studie keine schwerwiegenden unerwünschten Wirkungen aufgetreten sind und weil die Daten denen bei jungen Erwachsenen ähneln.
    Wie bei den Erwachsenen kann das Potenzial für spätere oder sehr seltene Nebenwirkungen nur durch Pharmakovigilanzdaten durch die tatsächliche Impfung von mehreren Millionen Jugendlichen hinaus bekannt sein. Daher scheint eine spezifische Pharmakovigilanz-Beobachtung für Jugendliche (einschließlich der 17- bis 18-Jährigen) für den CCNE unerlässlich.

    Ist es ethisch vertretbar, Jugendliche um einen Beitrag zu bitten, um einen kollektiven Nutzen zu erreichen, wenn man weiß, dass dieser für sie zwar relevant ist, aber andere Maßnahmen zum selben Ziel führen könnten? »

  • H. Schmitt

    Dann wäre die flächendeckende Impfung von Kindern zu diesem Zeitpunkt ein Experiment, welches im schlimmsten Fall auch zum Tod von Kindern führen könnte. Wir sehen derzeit, dass die Impfung auch bei jüngeren und gesunden Menschen zu Thrombosen etc. führen können. Ich persönlich finde, dieses Risiko bei Kindern einzugehen, ist nicht vertretbar. Jeglicher möglicher Schaden ist insbesondere bei Kindern abzuwehren.

    Es sollte jedem klar sein, was hier auf dem Spiel steht.

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