Kommentar13. Juli 2019

Elternschule – Vorsicht Hass

Nach der Ausstrahlung des Fernsehfilms „Elternschule“ sind in der Presse einige interessante Kommentare erschienen. Darunter ein kritischer Blick auf die Rolle der Filmemacher, eine neue Stellungnahme aus medizinethischer Sicht sowie – nun also doch – eine unabhängige Hintergrundrecherche zu den Gelsenkirchener Erfolgsgeschichten durch den medizinischen Recherche-Blog medwatch.

Natürlich waren auch wieder die bereits vom Kinofilm her bekannten Nacherzählungen zu lesen, etwa in der FAZ. Denjenigen, die in dem Film Gewalt gegen Kinder zu sehen glauben, bescheinigt man dort „eine brutalistische Weltsicht“. Evangelisch.de, das Portal der Evangelischen Kirche in Deutschland, fasst zusammen, „nach welchem strategischen Muster Kinder ihre Eltern in den chronischen Stress treiben“ und „wie erschreckend gut kleine Kinder ihre Erzeuger im Griff haben.“ Der Film sei deshalb „gerade für junge oder werdende Eltern empfehlenswert“.  Mehr als du glaubst – vielleicht nicht umsonst das Motto dieser Webseite.

Gnadenloser Journalismus

Ein Kommentar aber sticht heraus. Und zwar der Kommentar eines vom Deutschlandfunk beauftragten Journalisten. Er wütet und tobt – und zwar nicht gegen die Kritiker des Films (das wäre geläufig), sondern gegen die in dem Film zu sehenden Kinder. Die bezeichnet der Autor konsequent als „Heulsusen“.

Mehr noch: als „durchgeknallte Heulsusen“. Ich bin sprachlos, wie sich ein Journalist so entblößen kann: Kranke Kinder, denen das Leid ins Gesicht geschrieben steht, sind nun „durchgeknallte Heulsusen“. Zarah, das Flüchtlingskind mit dem vorsichtigen Gang – eine „durchgeknallte Heulsuse“? Der endlos traurige Junge mit der Sonde in der Nase – eine „durchgeknallte Heulsuse“? Ein Kind, das eine Herzoperation und Monate auf Intensivstationen hinter sich hat? Wo so viel Negatives über Kinder berichtet wird, kann man sich anscheinend alles leisten.

Wirklich alles, denn die „Heulsusen“ sind erst der Anfang. „Entschuldigung“, fährt der Autor fort, „aber die Nahaufnahmen der wutverzerrten Kindergesichter in Zeitlupe sind Hingucker“. Die Gesichter von kranken Kindern als die besondere Attraktion eines Fernsehfilms?

Und dann kommen die Eltern dran: „Lasche Eltern“, lautet seine Diagnose. „Endlich mal“ zeigt diesen Versagern jemand, wie richtige Erziehung geht.

Durchgeknallte Heulsusen, Eltern, die zu „lasch“ sind um durchzugreifen – was ist da nur los? Das erklärt der Journalist dann selber:  Die „durchgeknallten Heulsusen“, die dort zu sehen sind, „erpressen ihre Eltern mit dicken Kullertränen.“ Die kleinen Kinder sind in Wirklichkeit nämlich ausgefuchste Strategen, die ihre Eltern weich kochen. Der Journalist übernimmt also kritiklos, was die Helden dieses Films über Kinder zu sagen wissen: Kinder, die ihre Eltern mit ihrem Egoismus über den Tisch ziehen. Denen es „scheißegal“ ist, wie es ihren Eltern geht. Ja, die nicht einmal gesund werden wollen, wenn man ihnen Zuwendung gibt – weil sie sonst ihre Macht über die Eltern verlieren.

Wutverzerrte Kindergesichter als Hingucker. Lasche Eltern. Durchgeknallte Heulsusen. Damit ist genau das eingetreten, was diejenigen befürchtet haben, die diesen Film als untauglich für die abendliche Ausstrahlung im Fernsehen erachten: Dass sich die Zuschauer von dem negativen Bild, das dort von Kindern gezeichnet wird, anstecken lassen. Und sich nun auf Kosten der Kinder stärken und mit Autorität versorgen. Mit einer aus einem irritierenden Film geliehenen Pseudo-Autorität.

Ich finde das zum Heulen und kann nur hoffen, dass solche Berichte nicht „Elternschule“ machen.

 

[Anmerkung: meine Kritik an dem Film selber ist diesem Beitrag zu entnehmen]

 

Der Autor: Dr. Herbert Renz-Polster, geb. 1960, beschäftigt sich als Kinderarzt und Wissenschaftler seit langem mit der kindlichen Entwicklung. Forschungstätigkeit im Bereich Kinderheilkunde, Prävention und Gesundheitsförderung zunächst in den USA, dann am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Bekannt durch mehrere Sachbücher, u.a. „Kinder verstehen - born to be wild!" und „Wie Kinder heute wachsen". Er hat 4 Kinder und lebt mit seiner Frau in der Nähe von Ravensburg.

24 Kommentare

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass bestimmte Kommentare erst manuell freigeschaltet werden müssen (z. B. wenn Sie einen Link teilen).

  • Franzeska

    Bin ganz Ihrer Meinung! Es macht mich sehr traurig, wenn so über kranke Kinder berichtet wird. Empathie wäre angebracht, keine verbale Gewalt gegen die Kleinen und unschuldigen. Ich frage mich immer, wie unreflektiert jemand sein kann, der sowas berichtet. Ein Armutszeugnis.
    Psychische Probleme/tiefe Traumata lassen sich nicht Härte behandeln. Insbesondere bei so kleinen Menschen- das sollte jeder wissen, der sich berufen sieht über so ein sensibles Thema zu schreiben. Es tut echt weh so was zu lesen und es kommt die Frage auf in welchem Jahrhundert diese Menschen eigentlich leben? Ich dachte solche Ansichten gehören der Vergangenheit an.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Franzeska

  • Thea

    Hallo.
    Mich verängstigt und belastet Alles rund dieses Thema. Es treibt mir immer wieder Tränen in die Augen. Meine persönliche Schutzmauer ist, gerade durch dieses Thema, so dick geworden, dass ich unser SPZ, unsere evangelische Fremdbetreuung und sowie sämtliche Psychologen in Frage stelle. Jede noch so kleine Äußerung von Dritten hinterfrage ich. Ich habe nur noch Angst, dass sich die ssZeiten im Umgang mit „nicht normalen“ wiederholt. Ich habe Angst zu sagen, mein Kind hat Defizite usw. Ich habe nur noch Angst vor dieser Grausamkeit.

    • Sabrina Barbara Müller

      ich glaube angst ist immer ein schlechter Begleiter, aber letztendlich ist es gut als Mutter immer wieder zu hinterfragen! Ich studiere Psychologie und bin Mutter und wirklich – mein Studium hat mir bisher nulllllll geholfen , wenn ich Unstimmigkeiten mit den Kids hatte. Und wenn man dann an jemand gerät, der alt gestrickt ist, sitzt das Kind alleine im Zimmer und weint. (nur so als BSP). Hinterfragen ist gut!!!! Was brauche ich, was braucht mein Kind? Nachlesen, ganz ganz viel!!! und auf den Bauch hören.

  • Julia R.

    Unglaublich wie Niveau los mache Journalisten schreiben…. wo hat dieser Mensch Seine Ausbildung absolviert…? In der Gosse….?

  • Teresa

    Ich danke Ihnen für Ihren unermüdlichen Einsatz gegen und der Aufklärung über diesen Film.
    Es ist so wichtig, dass diese Kinder Fürsprecher haben!

  • Dagmar Beier

    Zitat :“Und, Entschuldigung, die Nahaufnahmen der wutverzerrten Kindergesichter in Zeitlupe sind Hingucker. Fünftens. Wie überhaupt die Ästhetik des ganzen Filmes“
    Der Kommentar von Mathias Finger zeigt nochmal besonders auf , wie problematisch der Film ist. Für die öffentliche Darstellung der“ therapeutischen“ Interventionen in der psychosomatischen Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen reichte die Zustimmung der Eltern aus.
    So werden die Kinder Objekte von Voyeurismus , der sich in solchen abwertenden Kommentaren wiederfindet.
    Ich frage mich , wie viele sadistische Bedürfnisse diverser Voyeure beim Anschauen des Filmes befriedigt werden.

  • Susanne

    Wir (mein Mann und ich)haben den Film jetzt fast ganz durchgeschafft und sind wütend und frustriert. Wie soll ein Kind in einer solchen Umgebung gesund werden? Wieso sollte es in einem kahlen Raum auf einer Matratze sitzen, neben einer absolut emotionlosen und freudlosen Schwester? Diese Szenen, in denen die Kinder zum Essen gezwungen werden und mit Gewalt von ihren Eltern getrennt, ganz allein unter dem Waschbecken heulend, bis sie einschlafen, ganz zu schweigen. Der Film ist wirklich ein schreckliches Zeugnis unserer Welt! Dann sagt der Arzt wieder etwas, bei dem man denkt, das stimmt ja auch irgendwie (z. B. das freies Spiel für ein Kind wichtig ist) – und dann wird das Kind in einem kahlen Raum mit hässlichem Spielzeug ohne Natur und Schönheit um sich herum gezeigt… während um es herum die anderen Kinder verzweifelt schreien – das ist doch unwürdig!
    Und dann am Schluss die Frage, warum das Mädchen denn wohl kein Gemüse isst, wenn der Vater auch Gemüse verweigert – erstaunlich?! Da Kinder ja aus der Nachahmung lernen..
    Ich bin sehr froh, dass Sie so viel Einsatz gezeigt haben, gegen ihn vorzugehen und ihre Bekanntheit dafür nutzen, dies zu tun. Ich danke ihnen dafür!

    Der arme Kleine mit Neurodermitis.. Cortison hat er schon bekommen, eine Ernährungsumstellung aber nicht. Ihm wird doch tatsächlich vorgeworfen, er kratze sich mit Absicht blutig!

  • Sarah

    Ich bin gerade aufgestanden um den Morgen einmal ausnahmsweise ohne meinen Sohn gemeinsam zu beginnen, weil er noch schläft. Das kommt nicht oft vor und ich wollte mit einem Kaffee gemütlich starten, um dann mit meinem Kleinen in den Vormittag zu kuscheln. Leider vergeht mir jede Lust auf Gemütlichkeit beim Lesen dieser Aussagen von Journalisten und sogar der Kirche. Ich bin geschockt, sprachlos und unendlich traurig. Mir kommen die Tränen und ich gehe jetzt wieder leise ins Bett, um mich an meinen Sohn zu kuscheln, der bestimmt mal ein Tyrann wird, weil er mit 2,5 noch in unserem Bett schläft, isst wann er Hunger hat und getröstet wird, wenn er traurig oder wütend ist.

  • Pippi Lotta

    Mich würde doch sehr interessieren, wer dieser unabhängige Journalist beim Deutschlandfunk ist. Was hat er denn sonst so bislang geschrieben? Ist Entwicklung von Kindern, Psychologie, Elternschaft sein Spezialgebiet? Fuer mich klingt das nach Product-placement“, oder auch gekaufter Meinungsmache. Es gibt doch ganz ganz dolles Interesses daran, dass die Kritiker des Filmes ja nicht überhand bekommen. Denn aus dem Film ist ja bekannt, es gibt nur zwei Wege, entweder rechtsrum oder linksrum, weiss oder schwarz, gewinnen oder verlieren, und davon ist doch auch die Sicht der Filmemacher auf die Kritiker geprägt. Die Filmemacher und Akteure des Filmes vertragen Kritik nicht. Deswegen nehmen sie alle Mittel in Kauf, um gegen die Kritik vorzugehen. So hart und schonungslos, wie sie es an den Kindern vollziehen.
    Pippi Lotta

  • Klara

    Ich glaube – hoffe! – dass diejenigen Eltern, die diese Methoden für richtig erachten, eh schon längst nach diesen Methoden ihre Kinder erzogen haben und der Film somit nicht allzu viel kaputt machen kann. Allerdings hätte ich mir eine Ausstrahlung zur Primetime mit einer vernünftigen und kritischen Diskussion gewünscht, in der diese Eltern, vielleicht doch noch davon überzeugt werden hätten können, dass das der falsche Weg ist.

    Dieses verstörende Bild von Kindern macht mich einfach nur unfassbar traurig, wenn ich sehe, dass mein 1,5 jähriges Töchterchen mir ihr Lieblingsessen hinhält, weil ich total geschafft bin und sie mich damit trösten und mich wieder fröhlich stimmen möchte. Ja wirklich, ganz schlimme manipulative Egoisten diese Kinder!

  • Welli

    Ich habe den Eindruck, dass so manchem hilflosen Schrei der Überforderung dieser Film und die entsprechenden Kommentare gerade gelegen kommen. Das ist gefährlich.

  • M.A.

    Das ist wirklich spannend, wie heftig sich da wieder ein Journalist über die „Empörungswelle“ empört. Ich erinnere mich an einen wirklich schlecht recherchierten Zeit-Artikel, dessen Autorin sich ziemlich in Rage schrieb. Und Filmemacher, die sich vor „Horror-Shitstorms“ und „Knochenbrechern“ aus „Hinterhöfen des Internets“ fürchten… Aber uns wird ständig vorgehalten, wir seien zu emotional.

  • Monika

    Ein schlimmer Film!! Ich konnte keine Kind-gerechte Scene entdecken. Eine Mutter, die ihr Kind ausziehen soll, folgt sofort dem ‚Befehl‘ des Arztes und zieht es in rücksichtsloser Hastigkeit aus. Natürlich schreit das Kind dann. – Kinder haben ihr eigenes Tempo! Nach Maria Montessori zeigen einem die Kinder, welches Entwicklungsfenster jetzt ‚dran‘ ist. Liebevoll auf die Kinder eingehen, ist die Lösung für alles. Schon mit einem halben Jahr verstehen die Kinder, was man verbal und mit ‚Sprechmelodie‘ meint. Mit Liebe-vollem Umgang kooperieren die Kinder. Meine Erfahrung als Kinderfrau ist: Wenn man den Kindern die BEDÜRFNISSE erfüllt (Hunger, Durst, warme oder passende Kleidung, trockene Hose….), nicht alle Wünsche und die schon gar nicht sofort, kooperieren sie in allem, was man sinnvoller Weise von ihnen möchte.
    Großen Dank an Dr. Renz-Polster für seine hervor-ragende Elternschule, die beste Orientierung anbietet!

    • Monika

      Ja, wie Dr. Renz-Polster sagt: Tierversuche hätten vorher angemeldet und genehmigt werden müssen. Dieser Film ist schlimmer als TierQUÄLEREI, alles entgegen jeder Pädagogik! Das muss verboten und bestraft werden!! – Wie kann man das veranlassen? Das ist wohl eine Lebens-Aufgabe, buchstäblich.
      Trennung z.B. muss angebahnt werden: „Gleich gehe ich Brot einkaufen, und du kannst einfach weiter spielen.“ Dann freundlich herzlich sich verabschieden, und zügig wieder kommen, anfangs nur kleine Trennungszeiten usw, oder wie bei der Eingewöhnung in die Krippe: Erst mal im Nachbarzimmer sich bereit halten.
      Schlafen: Schlaflieder beruhigen wirklich! Nach meiner Erfahrung schlafen die Kinder nach 2 Schlafliedern ein. Oder auch über den Rücken streicheln, Hand auf die strampelnden Beinchen legen, all das beruhigt. Gleichmäßige Geräusche durch den Türspalt sind beruhigend.
      Überhaupt: Mit SINGEN geht alles viel leichter und fröhlicher! Auch singend: „Aufräumen.“ einüben als Ritual, vorher gibt es kein Mittagessen – das funktioniert.

      • Veronika Rampold

        Dass man mit diesen Methoden auch die Eltern quält und ihren normalen Instinkten, zu helfen und zu fürsorgen, entfremdet, sollte nicht vergessen werden. So „geschulte“ Mütter würden sich anderthalb Jahrzehnte später die Tränen verkneifen, wenn ihr Sohn zum Militär muß… und fiele er im Krieg, würden sie ihre Trauer mit Stolz tragen wie ein schwarzes Abendkleid. Hail Hinkel!

  • Tanja

    Kinder lieben und brauchen ihre Eltern.
    Von Kindern zu schreiben das sie ihre Eltern benutzen hintergehen erpressen das kleine Kinder Heulsusen sind und das Gewalt an Kindern endlich mal richtige Erziehung wäre,das ist so furchtbar,das mir dazu nicht viel einfällt.

    Einfach nur traurig und ekelhaft,Danke das sie dagegen schreiben!

  • Andreas

    Ich fand den Film ja schon sehr schlimm – da waren die Eltern für mich einfach verzweifelt und nahmen das an, was ihnen ein „Arzt“ vorgegeben hat – und das Personal dort ein isolierter Kreis an Personen die diese fragwürde Praktiken ausüben. Aber noch schlimmer finde ich die Diskussion in den Medien. Es ist mir so unverständlich, dass hier eine Verrohung in der Erziehung Zuspruch erfährt und keine öffentliche Gegenmeinung positioniert wird. Die Methoden sind ja aus der Vorkriegszeit! Aber das passt leider zum aktuellen gesellschaftlichen Diskurs.

    Grüße
    Andreas

  • Dagmar

    Alles soll NORMAL sein und den Regeln entsprechen. Unglaublich wie den Kindern in diesem Film das Rückgrat gebrochen wird. Die grundlegenden Bedürfnisse der Kinder werden mit Füßen getreten.
    Steht nicht im Grundgesetz: Die Würde des Menschen ist unantastbar?
    Es ist ein grausamer Film.
    Niemals dürfen Kinder so behandelt werden!
    Wir brauchen dringend mehr Querköpfe auf unserer Welt, damit es für viele Menschen nicht mehr wichtig ist Normal zu sein und den Regeln zu entsprechen.

    • Monika

      Ja, „im Grundgesetz steht: DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR.“ ! – Wenn Eltern ihre Kinder so misshandeln wie Arzt und Schwestern in dieser Klinik, wird ihnen das Kind abgenommen und in die Obhut des Jugendamtes gegeben.
      Eine Scene geht mir auch nicht aus dem Kopf, beim ‚Trennungstraining‘: Der Junge verbirgt sich unter dem Waschbecken, klammert sich an sein eigenes Hosenbein – sucht Halt!! – und schreit in sich hinein, schreit und schreit – und niemand hört ihn. Es ist unerträglich, grausamst, da aus irrsinniger bewusster Überzeugung gequält wird.

  • Peter

    Hallo,
    ich würde hier gern mal der einhelligen Meinung etwas entgegen setzen. Zu meinem Hintergrund, ich habe in 2 Kinderpsychiatrien gearbeitet und arbeite auch beruflich in dem Feld der Psychotherapie.
    Was hier bei der ganzen Diskussion aus meiner Sicht außer Acht gelassen wird ist, dass die dort gezeigten Eltern schon mehrere Behandlungsverfahren ohne ausreichenden Erfolg absolviert haben und ein enormer Leidensdruck bei den Eltern und bei den Kindern entstanden ist. Es sind bei den Kindern enorme Entwicklungsstörungen zu sehen, welche auf ein ungünstiges Verhalten der Eltern zurück zu führen ist. Dies zu verändern bedarf einer hohen Leistung der Eltern und der Kinder. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass dieser Veränderungsprozess sehr schwer zu generieren ist, bei einem solchen Schweregrad der Erkrankung. Wie es die eine Mutter in dem Film sehr deutlich gesagt hat, ist diese Klinik die letzte Hoffnung bevor das Kind in ein Heim abgegeben wird. Kurz um, bei der Kritik dieses Films wird aus meiner Sicht vergessen, dass die psychotherapeutischen und psychiatrischen Mittel eine begrenzte Wirkung haben und dass alle Kinder denen mit dieser Methode geholfen werden kann dafür sehr dankbar sind. Was wollen Sie dem Kind sagen, dass ins Heim muss, weil alle anderen therapeutischen Verfahren versagt haben?
    Jeder Monat in dem ein Kind unter solch schwierigen Bedingungen leben muss, prägt das Kind auf eine immer tiefer gehende Weise.

    • Herbert Renz-Polster

      Danke für Ihren kritischen Blick! Aber Sie stützen sich in Ihrer Argumentation auf Prämissen, die Sie m.E. nicht ausreichend berücksichtigen:
      Sie gehen davon aus, dass die Therapie in G. erfolgreich ist und deshalb gut. Das führt aber nicht weiter. Stimmt es, dass, das die Behandlung in G „erfolgreich“ ist? Das wird behauptet, einsehbare und wissenschaftlich belastbare Daten dazu gibt es aber nicht. Und wenn ich die einzelnen Fälle des Films betrachte, so habe ich begründbare Zweifel. Ist Zarah jetzt eine gute Esserein geworden? Und wenn ja, zu welchem Preis? (Hatte sie überhaupt eine „Essstörung“ – das was ich von ihr weiß reicht zum Beispiel aus meiner Sicht für die Diagnose nicht aus). Ist das Kind in der Mützchen-Arie in ihrer Entwicklung wirklich weiter gekommen, weil sie gelernt hat sich dem Überlegenen, Mächtigeren zu beugen? Jedenfalls fiel mir beim Abschiedsgespräch mit Herrn Langer auf, dass sie den Blickkontakt meidet, dass sie sich die ganze Zeit auf die Lippe beisst und dass sie die Behandlung zusammenfasst: sie habe gelernt zu „hören“. Und schlafen die Kinder auch langfristig so „gut“ wie dann in dem Film in Szene gesetzt? Mir zum Beispiel fällt in der Szene, in der der kleine Junge nach „erfolgreichem“ Schlaftraining zum ersten Mal wieder von seiner Mutter ins Bett gebracht wird die schier greifbare emotionale Wand auf: das Kind liegt da ohne wirklich in Kontakt mit der Mutter zu stehen. Und auch das ist doch eine wichtige Frage; Was haben die „kranken“ Kinder sonst noch in diesen Wochen gelernt, das ihren Weg vielleicht später belastet? Was haben die belasteten Eltern wirklich gelernt (außer, wer der Boss ist und wie Kinder durch Überlegenheit geführt werden – dieses Führungsprinzip hat allerdings viele Haken, ich gehe darauf in meinem letzten Beitrag zur Elternschule ein).
      Sie stützen sich – auch in anderen „pro Elternschule“ Kommentaren gerne genommen – auf die Mutter, die ihr Kind ins Heim geben will (die hätte ich als Filmemacher auch vorne hin gestellt) – aber da müssen bei Ihnen mit Erfahrung im Therapie-System die Fragen doch erst los gehen: Hatte sie wirklich zuhause die Unterstützung, die es für solche Familienprobleme braucht? Wirklich – das volle und das richtige Programm? Sie nehmen das an, und übernehmen einfach den Narrativ des Films: hierher kommen nur die härtesten der Härtefälle bei denen sonst nichts wirkt. Das stimmt nicht. Dorthin kommen auch Kinder, deren Kinderarzt etwa die Klinik empfiehlt. Dahin kommen auch Kinder, deren Eltern über die Flyer des AuK auf die Klinik stoßen und dann ihren Kinderarzt um eine Überweisung bitten. Dorthin kommen auch Kinder, die in der (von Dr. Lion und D. Langer geführten) Schreisprechstunde am SPZ als auffällig diagnostiziert werden, und und und. Und natürlich kann man auf die Erfolgsgeschichten verweisen, die von der Klinik auf ihrer Webseite ausgeschmückt werden, dem gegenüber stehen Erfahrungen von Eltern die davon überzeugt sind, dass ihren Kindern in Gelsenkirchen schweres seelisches Leid angetan wurde. Auf all dies Punkte (mit Quellenbelegen) gehe ich in meinem Beitrag ein. Wer heilt hat Recht, das wollen Sie der Kritik entgegenstellen. Nur leider ist es nicht ganz so einfach: Heilung haben auch Verfahren für sich in Anspruch genommen, die wir dann mit einem Seufzer der Erleichterung auf den Müllberg der Medizingeschichte gekippt haben. Und erscheint Ihnen nicht seltsam, was alles mit dem gezeigten Verfahren „geheilt“ werden kann – von Asthma bis Aggressionsstörungen? Von Hautentzündungen bis Schlafprobleme? Hmm, dann wäre das im Film zu sehende sozusagen eine Universalheilung, die überall recht hat?
      Und auch das gilt es doch zu berücksichtigen: „Heilung“ hat eine kurzfristige und eine langfristige Dimension – gerade bei seelischen Problemen oder auch bei Entwicklungsproblemen von Kindern. Ja, in ihrem Verhalten „geheilte“ Kinder sind vielleicht in ihrer Entwiclung keinen Millimeter weiter gekommen. Sie sind vielleicht sogar durch die „Heilung“ zurückgeworfen worden. So kompliziert ist Therapie.
      Kurz: in der Medizin und Psychologie hat manchmal selbst wer „heilt“ verdammt Unrecht.
      HRP

  • Jenny

    Lieber Herr Renz-Polster,
    was kann ich als Mutter denn nur tun um die Menschen wach zu rütteln? Ich fühle mich so hilf- und nutzlos. Ich würde so gerne etwas tun und weiß nicht was.
    Das kann doch nicht sein, dass bei der Flüchtlingspolitik der halbe Mob „Lügenpresse“ keift und wenn es um Kinder und Babys geht schauen so viel Menschen weg oder klatschen noch Beifall für diesen Bullsh**** den diese Personen von sich lassen.
    „Durchgeknallte Heulsusen“? Ernsthaft jetzt? Was das denn für ein Mensch, der sowas über kranke verzweifelte Kinder schreibt? Und was sind das für Menschen beim Deutschlandfunk, die der Meinung sind, dass man diese fast hetzenden Wort auch noch veröffentlich kann? Mir wird es Angst und Bange wenn ich an die vielen hilflosen Kinder da draußen denken, die jeden Tag auf’s Neue von ihrem Umfeld traumatisiert werden.
    Was kann man denn nur tun????

  • Anika Klaverkamp

    Guten Abend,
    ich finde es erschreckend, dass so ein Film ohne jegliches Kommentar oder eine Diskussionsrunde im Deutschen Fernsehn ausgestrahlt wird. Noch erschreckender, wie wenig Vertrauen wir anscheinend in unsere Kinder haben und welch schlechtes Bild. Die gezeigten Eltern-Kind-Beziehungen sind offensichtlich krank. Dazu gehören also nicht nur die Kinder, sondern vor allem auch die Eltern. Eltern, die stark, verantwortungsbewusst für ihre Kinder einstehen sollten und das nicht mehr können, weil schon so viel kaputt ist. Wie verzweifelt, verunsichert und hilflos müssen sie sein, dass sie diese Art der „Therapie“ in Betracht ziehen. Wo finden sie Hilfe? An wen können sie sich wenden? Welche seriösen und evidenzbasierten Therapien gibt es? Aufklärung und Unterstützung sind so wichtig, sodass diese Klinik hoffentlich bald keine Patienten mehr hat und den Eltern und vor allem den Kindern viel früher geholfen werden kann.
    Gruß Anika

  • Hessam Kordian

    Eine anschließende Diskussionsrunde und Einordnung des Gezeigten wäre wünschenswert gewesen, um bestimmte Vorgehensweisen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten.

Kommentar verfassen