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Väter – wozu braucht es die?

Die Rolle des Vaters aus evolutionsbiologischer Sicht

Der Neue Vater, der sich direkt um seine kleinen Kinder kümmert, ist in den Medien recht häufig anzutreffen, auf der freien Wildbahn allerdings eher scheu - mit Besserungstendenzen. Aber welche Rollen sind überhaupt im Angebot?

Lassen Sie mich als Homo-sapiens-Vater mit dem Blick auf die uralten Bedingungen des Vater-Seins beginnen – der Umweg wird sich lohnen, auch für das Familienleben 2.0. Schauen wir die Väter also einmal durch die Linse der evolutionären Verhaltensforschung an.

Zumindest für das Tierreich sieht das Klischee ja so aus: die Väter profilieren sich bei der Zeugung, die Mutter dagegen bei der Pflege des Nachwuchses. Ganz grob trifft dieses Klischee auch zu. Allerdings eben nicht immer. Bei etwa 10% der Vogel-Arten und bei immerhin 3% der Säugetiere spielen auch die Väter eine direkte, mit-versorgende Rolle bei der Aufzucht des Nachwuchses. Bei ein paar wenigen Tierarten, wie etwa bei den Marmosett-Affen, sind die Väter in der direkten Pflege sogar führend. Bei vielen Arten, in denen Väter bei der Aufzucht mitmachen, sind zusätzlich noch andere Gruppenmitglieder in die Versorgung der Kleinen eingespannt, etwa bei den Wölfen oder bei den Elephanten – nur durch ein solches Gemeinschaftswerk kann bei diesen Arten der Nachwuchs das bekommen, was er für seine Entwicklung benötigt. Diese Gruppe der als „kooperative Brüter“ bezeichneten Gruppe wird vom Mensch angeführt – sein Nachwuchs ist stärker auf Mit-Verpfleger angewiesen als der jeder anderen Art.

Das kooperative Erziehungsmodell

Woran das liegt? Der Mensch hat im gesamten Tierreich den „aufwändigsten“ Nachwuchs. Verglichen mit den anderen Säugetieren wird ihm im Grunde ein glorifizierter Fetus geboren – ganze drei Viertel seines Gehirnwachstums muss das neu geborene Menschlein noch außerhalb des Mutterleibs abwickeln (diese „physiologische Unreife“ hat natürlich einen guten Grund: nie und nimmer würde nämlich das XXL-Gehirn, auf das wir Menschen unsere ganze Lebenshoffnung setzen, durch das XXS-Becken passen, auf das wir als Zweibeiner beschränkt sind). Beim Menschen schmerzt deshalb nicht nur die Geburt (ja, sie schmerzt, denn natürlich quetscht die Natur das Kind mit seinem großen Köpfchen auf den allerletzten Drücker ans Licht der Welt). Sondern da schmerzt auch die Pflege: Während ein Fohlen gleich nach der Geburt losrennt, kann ein Menschenjunges noch nicht einmal aus eigener Kraft den Kopf heben, es bleibt noch viele Monate ein echter Pflegefall. Und der kann sich noch nicht einmal selbst festhalten wie etwa ein Schimpansenjunges, nein – es nimmt immer zwei Hände in Beschlag, ob zum Tragen, zum Stillen, zum Beruhigen.

Damit aber nicht genug: längst bevor der kleine Mensch für sich selber sorgen kann, rundet sich garantiert wieder der Bauch der Mutter – auch das ein evolutionärer Sonderweg der menschlichen Art: noch während das erste Kind komplett auf Versorgung angewiesen ist, wird ja schon das nächste Kind auf die Reise geschickt! Kein anderer Menschenaffe ist in dieser Hinsicht so blöd wie Homo sapiens (Schimpansen, Gorillas und Co. sorgen für EIN Kind so lange, bis dieses selbst für sich sorgen kann – dann kommt das nächste).

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Ist da noch eine Gemeinheit zu berichten? Ja. Menschenjunge brauchen länger als jede andere Art um selbstständig zu werden. Bis sie alleine für sich sorgen können, vergeht ein ganzes Viertel ihres Lebens.

Das Grund-Axiom der menschlichen Art lautet deshalb: Kinder können nur gedeihen, wenn möglichst viele Helfer mitziehen. Da heißt es dann im wahrsten Sinn des Wortes: catch as catch can! Bei diesem Arrangement übernehmen die Kleinen übrigens selbst eine wichtige Rolle: sobald sie die Holperstrecke der ersten Monate hinter sich haben, ziehen sie mit ihrem auch als „Kindchenschema“ bekannten Attraktivitäts-Programm potentielle Helfer mit Macht in das Pflegenetz: Omas, Tanten, andere Frauen, Freunde, ältere Kinder, Geschwister, Freunde…

Und bestimmt auch die Väter! Wer könnte den Kulleraugen, dem gerundeten Köpfchen, der hohen Stirn, dem Stupsnäschen und der zarten Haut widerstehen?

Die Rolle der Väter im kooperativen Brutmodell

Schauen wir uns die Väter also genauer an. Da fallen aus Sicht der evolutionären Verhaltensforschung vor allem zwei Dinge auf:

  • Erstens hat ihr Engagement (wie das der anderen Helfer auch) zwei Seiten: es kann direkt sein (also hands-on am Kind) oder eben indirekt (etwa indem der Unterhalt der Mutter oder des Kindes mit getragen, erleichtert oder unterstützt wird). Tatsächlich tragen Väter in vielen Gesellschaften unabhängig von ihrer direkten Nähe zum Kind zur Entwicklung ihrer Kinder bei, und sei es „nur“ durch Schutz, materielle Mitversorgung, Transfer von Status und anderem sozialem Kapital, oder generell durch die Stärkung des sozialen Bindegewebes rund um das Kind. Jedenfalls sind die Statistiken eindeutig: Kindern mit Vätern geht es im Schnitt besser, auch dort wo die Väter den Kindern nicht unbedingt die Windeln wechseln.

  • Zweitens ist die Hilfe der Väter sehr variabel, und zwar sowohl ihr direkter als auch ihr indirekter Beitrag – und das gilt selbst für die „ursprünglichen“, also vom Jagen und Sammeln lebenden Kulturen. So sind bei den Aka im Kongo die Väter an immerhin 22% der direkten Interaktionen mit dem Säugling beteiligt. Bei den Agta auf den Philippinen dagegen nur 4%. Wie viel Väter sich „direkt“ einbringen, hat zum einen mit der Art des „Broterwerbs“ zu tun. Großwildjagd in kargen Regionen etwa bedeutet für einen Vater oft viele Tage Abwesenheit vom Camp. Zum anderen spielt aber auch das Geschlecht der Kinder und deren Entwicklungsstand eine Rolle. So spielen etwa Väter bei den Kung in der Kalahari nur relativ wenig mit Säuglingen (übrigens gleich viel mit Mädchen und Jungen), verbringen aber dann wieder viel Zeit mit den (männlichen) Jugendlichen, wenn diese sich der Jagdgruppe anschließen. In der mittleren Kindheit sind Kinder in ursprünglichen Kulturen dagegen eher untereinander beschäftigt als mit Erwachsenen, aber das ist ein anderes Thema.

Welches Arrangement besser ist, die direkte oder die indirekte Unterstützung der Kinder? Das kommt – wie so oft – auf die Umstände an. Einen gut gestimmten, kompetenten Vater um sich zu haben ist natürlich ein Plus. Aber wie ist das mit einem weniger geneigten Vaterexemplar? Denken wir einmal an die Nachkriegszeit zurück. Vielleicht war damals der entscheidende Beitrag der teilweise ja schwer traumatisieren und zudem oft extrem autoritär aufgeladenen Väter der, dass sie sich bald schon an die Wirtschaftswunderfront verabschiedet haben – direkt am Kind also im zweiten Glied gestanden haben?

Von dads und cads…

Und noch ein Einfluss auf die direkte Pflegeleistung des Vaters wäre zu nennen – auch wenn er nicht zu den Lieblingsthemen des aufgeklärten Menschenfreundes gehört: Männern stehen in Bezug auf die Versorgung ihres Nachwuchses mehr Optionen offen als Frauen. Frauen nämlich können in ihrem Leben nur wenige Male ein Kind bekommen – da liegt es nahe, so viel in dessen Versorgung zu stecken wie nur möglich. Tatsächlich lassen Mütter ihre Kinder nur in Extremsituationen (wie etwa bei psychischer Erkrankung oder sozialer Deprivation) im Stich. Anders sieht das bei den Männern aus – ihnen steht neben der „Qualitäts“- auch eine Quantitäts-Strategie offen, die dann so aussieht: es mit dem Pflegebeitrag nicht so genau zu nehmen und stattdessen mehr Kinder zu zeugen (Evolutionsbiologen bezeichnen letzteres als cad-Strategie und stellen diese der dad-Strategie gegenüber – cad heißt in etwa Flegel oder Lümmel…). Das heißt: Die einen sind sorgende Väter (manche sogar treu sorgende Väter), die anderen sorgen sich mehr um sich selbst und ihre neuen Eroberungen …

Tatsächlich neigen Männer abhängig von ihrer Persönlichkeit, ihren sozialen Ressourcen und insbesondere ihrer Beziehung zur Mutter eher zu der einen oder anderen Strategie. Väter, die ihre Partnerin begehren und in die Beziehung zu ihr investieren wollen, sorgen sogar auch in Patchwork-Familien gut für nicht-leibliche Kinder (was Evolutionsbiologen dann auch als „Werbeaufwand“ bezeichnen). Eine wunderbare Synthese dieser beiden Strategien ist in manchen Gebieten Mittel- und Südamerikas zu beobachten – dort wird angenommen, dass ein Kind aus dem Samen all der Männer entsteht, mit denen die Mutter während der Schwangerschaft Verkehr hatte – diese sozusagen per Beischlaf motivierten „sozialen Väter“ unterstützen das Kind dann tatsächlich auf seinem Entwicklungsweg.

Für vielerlei Rollen gerüstet

Fassen wir kurz zusammen: Die Mutter hat wenig Wahlmöglichkeiten, ob sie eine Mutterschaft übernimmt, Väter aber durchaus. Trotzdem sind Männer bei der kooperativ brütenden Art Homo sapiens für das Gedeihen der Kinder elementar wichtig. Biologisch sind sie für eine Vielzahl von direkten und indirekten Vater-Rollen gerüstet, inklusive der direkt versorgenden und betreuenden Rolle am Kind. Nicht einmal das Testosteron taugt da als Ausrede – wenn Männer nämlich mit einer werdenden Mutter zusammenleben, fällt ihr Testosteronspiegel prompt um etwa ein Drittel ab. Zudem steigt ihr Oxytocinspiegel an, sobald sie sich selbst um ein Baby kümmern. Männer haben vielleicht nicht immer die gleichen Startbedingungen, was die Entwicklung von Fürsorglichkeit angeht, aber sie haben das gleiche Potenzial. Die Natur meint es gut mit den Vätern!

Tatsächlich kann die Begegnungsformel in etwa so beschrieben werden: Je mehr Nähe und Verabtwortung Väter im Alltag  übernehmen, desto „mütterlicher“ werden sie. Schon für die Jäger-Sammlergruppe konnte der Ethnologe Barry Hewlett am Beispiel der Aka zeigen, dass es die direkte Fürsorge ist, die Väter zu fürsorglichen Vätern werden lässt. Er beschreibt, dass die Väter in der Jagdsaison bei langen Märschen ihre kleinen Kinder tragen, und dabei eine enge Beziehung entwickeln. Sein Kollege Michael Lamb, Psychologe an der University of Cambridge, geht sogar so weit, dass er die Rolle, die Vater und Mutter jeweils spielen, für viel einflussreicher hält als das Geschlecht. So übernimmt ein Vater, der hauptsächlich für die Betreuung des Kindes verantwortlich ist, auch das traditionell eher „mütterliche“ Verhaltensmuster, also einen von Empathie geleiteten, eher tröstenden Erziehungsstil. Das dem Kind eher entferntere andere Elternteil zeigt dann eher den spielerischen, körperlicheren  „väterlichen Stil“ – unabhängig vom Geschlecht. Wissenschaftler konnten sogar zeigen, dass die Fähigkeit, das eigene Baby an seinem Schreien zu erkennen – traditionell als mütterliche Kompetenz verstanden – nicht vom Geschlecht der Eltern abhängt. Sondern davon, wie viel Zeit sie mit dem Nachwuchs verbringen. Die „mütterlichen Instinkte“ haben wohl so wenig ein Geschlecht wie die Seele nach Ansicht der Philosophen der Aufklärung eines hat.

Anders ausgedrückt: Männer sind „disponiert“, ihren Nachwuchs gut und feinfühlig zu versorgen. Diese Disposition ist womöglich nicht ganz so zwingend wie die der Mutter und von Mann zu Mann möglicherweise stärker variabel als von Frau zu Frau. Auch haben Väter einen Startnachteil – schließlich müssen sie eine Bindung zum Kind erst aufbauen, während Mütter die Beziehung, die sie in der Schwangerschaft aufgebaut haben, fortführen können. Aber Männer können den Job lernen.

Ob sie das dann auch tun, d.h. ob sie ihre Disposition zur direkten Versorgung des Kindes nutzen, hängt von mehreren Dingen ab: ob sie als direkte Versorger vorgesehen sind (etwa weil die Eltern sich die beruflichen Aufgaben teilen), aber auch ob sie „ran dürfen“. Das „dürfen“ ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen: Weil den Männern öfter die Vorerfahrung fehlt läuft der alltägliche Umgang mit dem Baby vielleicht am Anfang nicht gleich perfekt – gut, wenn die Mutter das nicht nutzt um ihre bessere „Leistung“ herauszustellen (dieses so genannte „gatekeeping“ ist in Paarbeziehungen auch in anderen Domainen gut bekannt, dann gerne auch mit umgekehrter Rollenverteilung: der Mann fährt zum Beispiel öfter Auto, also fühlt er sich berechtigt bei jedem Ruckeln des Autos zu stöhnen, wenn einmal seine Frau fährt – was diese wiederum unter Strom setzt und ihr Lernen ausbremst…). Welche Rolle Väter übernehmen hängt aber auch vom herrschenden kulturellen Leitbild, und damit dem herrschenden Menschenbild ab: was ist ein Mann? Was ist eine Frau? Was ein Kind? Welche Rolle und welchen „Wert“ haben sie? Noch vor wenigen Generationen galt ein kinderwagen-schiebender Mann als ein testosteronverarmtes Mangelwesen, heute fühlen sich nur noch wirklich verarmte Männer so, wie etwa ein Donald Trump, der von seiner Vaterrolle erzählt, dass es ja wohl ein Witz sei von ihm zu verlangen, dass er ein Baby „down fifth Avenue“ schiebt (gleichzeitig nimmt er von seinen Kindern an, dass sie ihn „kein bisschen mehr leiben würden, auch wenn er 10 mal mehr Zeit mit ihnen verbracht hätte“, er glaubt also, so wie viele autoritäre Väter, an eine Vaterschaft qua Amt: ich bin Vater, weil ich bei der Zeugung dabei war.)

Vergleicht man Lebenswege der letzten Generationen, so fällt tatsächlich auf, wie viel die Vaterrolle mit der Machtverteilung und der daraus abgeleiteten Definition der Geschlechterrollen zu tun hat: Je gleichwürdiger die Beziehungen zwischen Mann und Frau, desto eher nehmen Männer auch eine direkte Beziehung zu ihren Kindern auf. Dieses Muster lässt sich sogar in dem für sein besonders rigides Rollenverständnis bekannten deutschen Kaiserreich erkennen. Wie etwa die Lektüre von Briefen und Schriften aus der Wandervogel-Bewegung oder der damals begründeten Reformpädagogik zeigen, waren die Vorstellungen vom Umgang mit Kindern und der konkreten Rolle des Vaters auch damals sehr unterschiedlich. Auch in dem auf ein extrem distanziertes Vaterbild festgelegten Nazi-Deutschland gab es immer (das zeigen etwa Briefwechsel vieler Widerstandskämpfer) auch ein alternatives männliches Rollenverständnis im Bezug auf Frauen und Kinder, beides geht ja meist Hand in Hand.

Im Auge des kulturellen Sturms

Und damit wären wir bei den Vätern hier und heute. Da fällt als erstes auf: Sie nutzen die Breite ihrer „Vaterschafts-Optionen“ und die Breite des zugrunde liegenden Menschenbildes voll und ganz – es gibt im multikulturellen Deutschland praktisch jede nur denkbare Vorstellung davon, was ein Vater tun oder lassen soll (und es gibt zumindest statistische Hinweise, dass neben den dads auch heute eine erkleckliche Menge an cads am Werke ist).

Trotz dieser Vielfalt scheinen sich die Medien vor allem auf einen – angeblich „neuen“ – Typus von Vater eingeschworen zu haben, den „neuen Vater“ (wohl ein Ableger des „neuen Mannes“, der uns schon ein bis zwei Jahrzehnte davor die Tränen in die Augen getrieben hat). Den Vater also, der sowohl seine Partnerin tatkräftig und möglichst paritätisch unterstützt als auch dem Kind ein präsenter, liebevoller Vater ist (wie neu dieser Mann wirklich ist, sei angesichts der weiter oben beschriebenen Zusammenhänge – und vor allem dem Blick auf die Jäger- und Sammlerkulturen – hier einmal dahingestellt).

Dass nicht alles so gut läuft, wie die Medien-Folklore es suggeriert, zeigen aber die Statistiken. Schon mit der Rollenaufteilung scheint es nicht so richtig klappen zu wollen – selbst im Vorreiterland USA übernehmen Frauen nach wie vor doppelt so viel an Haushaltspflichten wie ihre Männer. Unmittelbar mit den Kindern verbringen die Mütter sogar fünf mal mehr Zeit als die Väter. Auch treten die Männer im Schnitt am Arbeitsplatz nicht etwa kürzer, wenn sie kleine Kinder haben, sondern arbeiten länger und machen mehr Überstunden.

Vor allem aber scheint etwas an dem gerne gezeichneten Bild vom Super-Vater, der gleichzeitig ein Super-Partner ist, nicht zu stimmen. In allen Befragungen sinkt die Zufriedenheit mit der Beziehung kräftig ab, sobald das erste Kind geboren ist. Auch sind die Trennungs- und Scheidungsraten gerade in jungen Familien mit kleinen Kindern weitaus höher als das in einer angeblich neuen Beziehungskultur zwischen Vater, Mutter und Kind zu erwarten wäre. In den USA trennen sich zwei Drittel der Paare bevor ihre Kinder 10 sind. Auch hierzulande müssen sich neue Mütter zumindest in den Großstädten statistisch weniger darauf einstellen, dass sie einmal mit einem „neuen Vater“ zusammenleben, sondern darauf, dass sie ihr Kind alleine erziehen. Der neue Trend heißt in Wirklichkeit nicht „neue Beziehungskultur in Familien“ – sondern deren immer weitere Belastung und Fragmentierung.

Neue Konfliktfelder

Wir sollten die Diskussion um die Väter deshalb wieder näher an die Originaltöne aus der Familien-Szene bringen. Denn weder stimmt das putzige Klischee, dass ein Vater allein schon deshalb ein Supervater ist, weil er seine Vätermonate nimmt. Noch stimmt das Klischee des seine vielen Rollen wunderbar ausfüllenden Mannes. Im Gegenteil – in den Familien herrschen echte Konflikte. Für den Vater und für die Mutter und für das Kind.

Bei der Bestandsaufnahme der Familie 2.0. fallen vor allem zwei Konfliktfelder auf, die, wie ich meine, jeder kennen sollte, der mit jungen Familien arbeitet und mit ihnen nach Wegen suchen will auf denen sich die Beteiligten dann wirklich „neu“ begegnen können (soweit das eben geht). Sie beeinflussen mit, wie unterstützend der Vater etwa im Bezug auf das Stillen sein kann oder wie er konkret für psychische Entlastung insbesondere am Lebensanfang sorgen kann.

Das Romantik Dilemma

Nach der Folklore ist das Leben in der Familie ganz einfach: man sorgt als Paar gut füreinander und man sorgt gemeinsam gut für das Kind. In Wirklichkeit aber treten dabei erhebliche Konflikte und Spannungen auf. Sie erklären, warum gerade junge Paare mit Kindern nicht selten in Partnerschaftskrisen landen (die dem eigentlichen Geschäftzweck der Familie ja eigentlich Hohn sprechen). Tatsächlich nämlich gründen sich Familien nach dem westlichen Beziehungsmodell auf einen Stoff, der von Natur aus flüchtig ist, nämlich auf die romantische Liebe (dies scheint ein kultureller Sonderweg hoch individualisierter Gesellschaften zu sein, der natürlich seine Gründe hat – aber das hier nur am Rande). Nun ist die Familiengründung nach dem „romantischen Modell“ in den letzten ein bis zwei Generationen nicht leichter geworden – auch deshalb nicht, weil die individuelle Sebstständigkeit und Unabhängigkeit stärker in den Vordergrund gerückt ist – mit allem Zeit- und Energiebedarf, der dazu gehört. Zudem werden Partnerschaften heute stärker nach dem Modell der sozialen Ähnlichkeit geschlossen, das heißt es finden eher Partner mit ähnlichen Karrierewegen und -vorstellungen zusammen (das noch vor einer Generation häufiger anzutreffende Modell Chef-heiratet-Sekretärin oder Erzieherin-heiratet-Arzt ist nach Auskunft das Paarforschung weitaus seltener geworden).

Die Geburt eines Kindes verhält sich zu diesem Modell wie der Reißnagel zum Luftballon – ein Kind ist weder das richtige Rezept für romantische Erfüllung noch für die Erfahrung von Selbstwirksamkeit (und für die Selbstbespiegelung schon gar nicht – ich füge das deshalb an, weil manche Soziologen von einem heute höheren Narzissmus unter jungen Eltern ausgehen, allerdings wird dem von anderen Soziologen widersprochen; auffällig ist aber schon, dass nach der rheingold-Studie von 2010 unter Frauen die Sorge vor dem Verlust der eigenen Attraktivität im Mutterbild führend ist). Das jetzt Eltern gewordene Paar erwartet zunächst einmal eher eine narzisstische und romantische Kränkung. Letztere betrifft vor allem den Vater – für ihn kann es sehr wohl eine Belastung sein, dass die Partnerin nun in einen weiteren Menschen „verliebt“ ist und darin Erfüllung findet – zumal die ganzen bisher zur Liebesbeziehung gehörenden Rituale und Bestärkungen, vom regelmäßigen Sex bis zur gemeinsam verbrachten Zeit, ja jetzt tatsächlich Mangelware sind. Und das meist nicht in gegenseitigem Einvernehmen, und meist länger als „geplant“. Zwar gibt es keine rheingold-Studie zur Situation der Männer, aber sie würden ihr Vaterbild heute womöglich gar nicht so selten so beschreiben: man(n) sitzt gierig im Trockenen, während der Nachwuchs gestillt, gestreichelt und gepflegt wird und sehnt sich vor allem: nach gutem Sex.

In dieser spannungsgeladenen Dreiecksbeziehung etablieren sich dann nur allzu schnell Teufelkreise: vielleicht zieht sich der Mann (womöglich entgegen seiner Wünsche oder Ideale) stärker auf seine indirekte Versorgerrolle zurück, zum Beispiel weil er so seinem eigenen Bild von väterlicher Tüchtigkeit am ehesten entsprechen kann – er macht Überstunden, baut an seiner Karriere oder an einem Haus. Oder er sucht romantische Erfüllung außerhalb der Beziehung (dass das so selten nicht ist, zeigt die Scheidungsstatistik, nach der gerade junge Familien stark von Trennungen betroffen sind).

Oder aber es gelingt dem Paar die „Verdreianglung“ (Triangulierung) aufzuheben. Etwa indem der Vater Schritt für Schritt eine für ihn „belohnende“ Beziehung und Bindung zum Baby bzw. Kind entwickelt (dass das heute nicht unbedingt einfacher ist, werden wir gleich noch sehen). Oder indem das Paar eine gemeinsame Lebensvision entwickelt, die sich zusammen mit dem Baby verfolgen lässt (etwa eine Schweizer Alm betreiben oder das Familiengeld nutzen und mit dem Baby auf Reisen gehen) – in einem geteilten Alltag sind nun einmal auch gemeinsame Belohnungen enthalten.

Gerne empfohlen wird auch, dass sich das Paar Hilfe organisiert, um als Paar zu überleben. Der gemeinsame Kinoabend kann ja tatsächlich Brücken bauen und vielleicht sogar die eine oder andere Ehe retten. Übertreiben aber sollte man die Erste Hilfe auch wieder nicht – ein Paar, das nur bei „wegorganisiertem“ Kind wirklich miteinander glücklich sein kann, hat es im echten Familienleben dann halt doch langfristig schwer. Jedenfalls funktionieren in diesem Dreieck langfristig vor allem die Lösungen, die nicht hartnäckig auf Kosten von einem der drei Beteiligten – zumal des Schwächsten – gehen.

Andere Paare begegnen dem „Dreiecks“-Problem, indem sie das Dreieck zu einem Vieleck werden lassen, etwa indem sie sich mit Großeltern, Freunden, anderen Eltern oder gar in Lebensgemeinschaften zusammentun, wo sich allein durch die vielfältigere Aufteilung der Belastung eine Rollenentlastung ergibt. Und immer gilt: kein Weg kann für alle der richtige sein, aber jede Familie hat mit dem Problem zu tun und muss das Dreiecks-Dilemma irgendwie bei den Hörnern packen.

Nie gut genug

Das zweite Dilemma rund um das Bild vom „neuen Vater“ ist das: es schafft praktisch nicht einzulösende Ansprüche. Seit sich in den hoch produktiven Gesellschaften nämlich die Zuschreibung der Geschlechterrollen lockert, hat sowohl die Mutter als auch der Vater mit dem Alleskönner-Dilemma zu kämpfen – und dieser Drache ist tückisch. Da steht nicht weniger an als die Quadratur des Kreises – man muss sozialen und beruflichen Erfolg haben, ein guter Partner sein und gleichzeitig ein guter Vater (oder eine gute Mutter). Und gleichzeitig auch noch jung, frisch und attraktiv bleiben. Ein Mann sollte gleichzeitig ein echt „weiblicher“ Typ sein (wenn er dabei auch noch gut verdient: auch nicht schlecht), die Frau dagegen auch ihren „Mann“ stehen … Jedenfalls, Emanzipation hin oder her, was wie eine Befreiung aussieht, schafft im Alltag oft genug eine Diktatur: wie soll ein Mensch dieses extrem überlastete (Selbst-)Bild von Mann oder Frau je ausfüllen? Wer ALLES von sich und seinem Partner erwartet, kann nur verlieren – dabei wäre mancher Vater ein besserer Vater, wenn er sich mehr auf seine indirekte Rolle besänne, ein anderer dagegen dadurch, dass er im Haushalt mehr Dampf macht.

Dazu kommen dann noch die moralischen Vorstellungen der Gesellschaft. Früher war es die arbeitende Mutter, der das Rabenmutter-Stigma angeheftet wurde. Heute muss sich eine Mutter oft den Vorwurf anhören, sie sei ja wohl von vorgestern, wenn sie nach einem Jahr „Babypause“ nicht wieder arbeitet und ihr Kind weiter zuhause betreut. Auch hier schimmern nun einmal immer auch die Definitionen derer durch, die in der Gesellschaft das Sagen haben. Jedenfalls ist schon auffällig, dass heute eine Frau ausgerechnet dann als „emanzipiert“ gilt, wenn sie genau die Rolle einnimmt, die die Wirtschaft gerade braucht. Mal sehen, welche Stöckchen man der Frau in der Zukunft hinhalten wird, wenn wieder neue Emanzipationsziele ausgerufen werden.

Richtig brutal wird die Situation dadurch, dass dem neuen Rollenmodell in den meisten gesellschaftlichen Bereichen ein längst nicht mehr passendes Arbeitsmodell entgegensteht, das insbesondere durch wenig Flexibilität in den Arbeitszeiten und der Unmöglichkeit einer Kinderbetreuung am Arbeitsplatz gekennzeichnet ist. Natürlich sind Vätermonate wichtig. Aber was aus Sicht eines kooperativen Brüters vor allem gebraucht wird, ist mehr Zeit gerade in den ersten Lebensmonaten, wo hier und heute das Versorgungsnetz in den Familien ja besonders dünn ist. Gerade jetzt, wo die Kinder ihre „physiologische Unreife“ aufholen müssen und ihre emotionale Regulation im entspannten Wechselspiel mit ihren Bindungspersonen erlernen müssen – gerade JETZT braucht es die Väter. Gerade JETZT braucht es die Möglichkeit, dass BEIDE Eltern mit anpacken können. Das frühkindliche Lernen, von dem so viel die Rede ist, die Förderung der kindlichen Entwicklung, läuft nun einmal über nichts anderes als über BEZIEHUNGEN. Und die brauchen Raum, Ruhe und Freiheit von Stress. Da ist es ein schwacher Trost, dass der Vater vielleicht in einem Jahr seine Vater-Monate nehmen kann. Wichtiger wäre es, wenn er seine Vaterzeit auf die ganze, besonders stressige Anfangszeit verteilen könnte.

Eltern als pädagogisches Animierpersonal

Als letztes aber will ich das Dilemma ansprechen, in das sich die Eltern selber bringen, allein schon durch ihre eigene Beschreibung des „Arbeitsplatzes Eltern“. Eltern sehen sich immer mehr in der Rolle von Trainern, Entwicklungsförderern und Animateuren – aber nicht mehr als Eltern. Dass sie ihren Kindern eine Beziehung anbieten ist nicht genug, nein, sie müssen die Entwicklung ihrer Kinder organisieren, coachen und managen. Diese Rolle macht aus der Familie einen Dampfdrucktopf aus Anforderungen und sie ist nur auf Kosten der wichtigsten Ressource überhaupt zu schaffen, die wir im Leben – und im Leben mit Kindern sowieso – haben. Nämlich echter, authentischer BEZIEHUNG. Die Rolle als Coach ist eine ungebührliche Belastung für Eltern – nicht nur weil sie extrem zeitintensiv ist, sondern auch weil sie eine Intentionalität, Manipulation und ein Gefälle in die Beziehung zum Kind bringt, das wir eigentlich längst hinter uns geglaubt haben. Kein Wunder, dass die besonders eifrigen Förder-Milieus dann wieder bei den alten Rollenklischees landet: der Mann schafft die Kohle rein, die Mutter coacht die Kinder… – der Prenzlauer Berg lässt grüßen (zumindest dessen Klischee).

Es gibt kein Rezept

Damit zurück zum Vater. Ja, es gibt ihn, den neuen Vater, aber wie die neue Frau auch, steht er gewaltig unter Druck. Welchen Weg er für sich als Vater sieht, ob er sich in einem „neuen“ oder eher „alten“ Muster einbringt, hängt viel mit seiner Sozialisation zusammen, mit seinem Menschenbild und seinen eigenen „Beziehungserfahrungen“. Auf jeden Fall ist seine Art der Vaterschaft eine persönliche, eigene Sache – sie ist SEINE Sache als Mann und keine Sache für den Rezeptblock der Gesellschaft.

Eine andere Sache aber ist der gesellschaftliche Rahmen, in dem sich Vaterschaft und Vaterschaftsideale entfalten können. Und da sehe ich die Gesellschaft und die Wirtschaft in der Pflicht. Die Wirtschaft redet ohne Unterlass von Familienförderung, von den sinkenden Kinderzahlen (hinter denen sie die ausbleibenden Facharbeiterbewerbungen der Zukunft sieht). Aber dann, bitte schön, gilt es auch die Bedingungen zu schaffen, dass Familien gut für ihre Kinder sorgen können – der Ruf nach Krippen ist da zu billig, am Lebensanfang ist das kein Ausweg (das real existierende Angebot ist nun einmal wie es ist). Da muss Flexibilität her, Zeit für die Väter, damit sie das tun können, was ihre evolutionäre Aufgabe schon immer war: ihren Kindern und Partnerinnen den Rücken zu stärken. Wenn die Gesellschaft es nicht schafft, von ihrer Wirtschaft mehr Freiheit für die Väter zu bekommen, dann wird das Experiment des „neuen Vaters“ nämlich irgendwann sowieso beendet. Und zwar mangels Teilnehmer – es wird einfach immer weniger Familien geben, die unter diesen Bedingungen Kinder bekommen. Nicht weil sie das nicht wollen, sondern weil sie das – wir sind bei Homo sapiens und nicht beim Pferd – nicht KÖNNEN.

 

Der Autor: Dr. Herbert Renz-Polster, geb. 1960, beschäftigt sich als Kinderarzt und Wissenschaftler seit langem mit der kindlichen Entwicklung. Forschungstätigkeit im Bereich Kinderheilkunde, Prävention und Gesundheitsförderung zunächst in den USA, dann am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Bekannt durch mehrere Sachbücher, u.a. „Kinder verstehen - born to be wild!" und „Wie Kinder heute wachsen". Er hat 4 Kinder und lebt mit seiner Frau in der Nähe von Ravensburg.

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