Hintergrund

Der plattgelegene Hinterkopf bei Säuglingen

Die wissenschafltiche Arbeit dahinter

Jeder fünfte, ansonsten gesunde und normal entwickelte Säugling fällt hierzulande durch einen abgeplatteten Hinterkopf auf, von Kinderärzten auch als Plagiocephalie oder Brachycephalie bezeichnet. Diese Veränderung der Kopfform entwickelt sich in aller Regel in den ersten Lebensmonaten, und zwar durch die gleichförmige Einwirkung der Schwerkraft auf die relativ weichen Schädelknochen des Säuglings (angeborene, durch Frühgeburt oder durch bestimmte Krankheiten bedingte Formen, wie etwa ein zu früher Verschluss der Schädelnähte, sind sehr selten und werden in diesem Beitrag nicht berücksichtigt).

Eine Erklärung der Ursache lässt dann meist nicht lange auf sich warten: dass diese Fälle in den letzten 20 Jahren zugenommen hätten, läge daran, dass Babys heute zur Vorbeugung des Plötzlichen Kindstods auf dem Rücken schliefen (tatsächlich empfehlen Kinderärzte weltweit ja seit Beginn der 1990er Jahre die Rückenlage). Die abgeplatteten Hinterköpfe seien sozusagen eine Begleiterscheinung der „richtigen“ Schlafposition. Der Preis sozusagen, den manche Babys dafür zahlen, dass sie sicher schlafen.

Wissenschaftlich nicht haltbar

Diese Argumentation überzeugt nicht. Dass sie auch wissenschaftlich nicht haltbar ist, haben wir vor Kurzem in einer systematischen Übersichtsarbeit in Archives of Diseases in Childhood gezeigt (hier eine frei zugängliche Kopie der Arbeit).

Erst recht aber zeigt die Argumentation ihre Schwächen, wenn man sie aus evolutionsbiologischer und kulturvergleichender Sicht bewertet.

Wir haben diese Argumentation in einer weiteren Veröffentllichung im Fachblatt Evolution, Medicine & Pubic Health dargelegt (erscheint demnächst, hier eine Vorabveröffentlichung).

Eine Kurzzusammenfassung auf deutsch geht in etwa so:

Erstens: die Abplattung des Hinterkopfs läuft dem „Kindchenschema“ zuwider, das sich eigentlich gerade in der Zeit ausbildet, in der heute die Deformierung der Babyköpfe ihr Maximum erreicht, nämlich im 4., 5. Lebensmonat. Unter „Kindchenschema“ werden die Signale verstanden, die ein Baby als niedlich und zuwendungsbedürftig erscheinen lässt: die Kulleraugen, die hohe Stirn, das Stupsnäschen, das fliehende Kinn, und eben – der gerundete Hinterkopf. Dass sich dieses Reizschema zur Mitte des ersten Lebensjahres entwickelt, hat damit zu tun, dass das Baby jetzt für weitere Versorger außer der Mutter attraktiv werden soll – es kann jetzt ja beigefüttert werden, d.h. die Versorgungslast auf mehr Schultern als nur die der stillenden Mutter verteilt werden. Gut also, wenn das Baby jetzt dick aufträgt. (Und dass das dem Baby einen handfesten Vorteil bringt – mehr Aufmerksamkeit und bessere Behandlung – lässt sich tatsächlich zeigen, un das selbst unter heutigen Verhältnissen).

Zweitens: Die Plagiocephalie ist in manchen Kulturen und auch Elternschaftskulturen hierzulande, die ihre Babys ebenfalls auf dem Rücken zum Schlafen legen, praktisch unbekannt. Man muss auf einem La Leche Liga Kongress lange suchen, bis man ein Baby mit plattem Kopf entdeckt, dasselbe gilt für viele traditionelle afrikanische Kulturen.
Die Epidemie scheint also nicht einfach ein Kollateralschaden der Rückenlagerung zu sein. Etwas zweites muss dazu kommen.

… etwa der Art der Ernährung. Unsere Übersichtarbeit hat zum Beispiel gezeigt, dass mit der Flasche gefütterte Babys häufiger einen abgeplatteten Hinterkopf haben – insbesondere dann, wenn sie nicht auf dem Arm gefüttert werden, sondern im Liegen.

… etwa die Art des Babytransports. Autositz, Trageschale oder auch der Transport im Kinderwagen belasten den Kopf an immer der gleichen Stelle (unglücklicherweise trägt hierzu auch ein mechanischer Teufelskreis bei: sobald eine Abplattung des Schädels einmal vorliegt, wird das Baby diese Seite automatisch bevorzugen – der Babyschädel ist relativ schwer und lässt sich nicht so einfach im Schlaf beliebig positionieren). Ganz anders beim Tragen eines Babys: die Kopfposition variiert, ein immer gleichförmiger Druck, etwa auf den Hinterkopf, lässt sich kaum über längere Zeit aufbauen.

… und die Art des Schlafens. Schläft ein gestilltes Baby im Nahbereich seiner Mutter, so hat es nicht nur einen weitaus aktiveren Schlaf (weniger Tiefschlafphasen mit starker Muskelentspannung, zumindest in den ersten Monaten), es wird zudem von der Mutter intuitiv häufig umpositioniert (und zwar in eine „stillbereite“ Position, also Rücken- oder Seitenlage). Ein lange anhaltender Druck auf die immer gleiche Stelle des Schädels ist bei Babys im Elternbett gar nicht möglich.

Die Epidemie der lagerungsbedingten Plagiocephalie ist deshalb nicht einfach „die Folge der Rückenlage“. Für sich allein löst die Rückenlage keine Schädelabplattung aus. Da müssen weitere Einflüsse hinzutreten. Erst diese machen die Rückenlage beim ansonsten gesunden und normal entwickelten Kind zum Ausgangspunkt ungünstiger Einflüsse. Der kindliche Schädel scheint evolutionär nicht auf die Erfindung von Kinderwagen, Maxi-Cosi und eigenem Kinderbett vorbereitet zu sein.