FAQ

Sind Kinder von Natur aus „schlechte“ Esser?

Ja und nein. Ganz klar ist, dass Kinder mit einer Vorliebe für Süßes geboren werden. Die Vorliebe war unter den knappen Lebensbedingungen der menschlichen Evolutionsgeschichte auch extrem sinnvoll − süße Nahrungsmittel sind nun einmal wichtige, leicht verdauliche Kalorienspender. Heute ist der »süße Zahn« dagegen zum Problem geworden: Derselbe Trick, der Kinder früher zu den reifen Beeren lenkte, sorgt heute dafür, dass sie hellauf begeistert sind von all dem Müll und Sondermüll, der in den Regalen im Supermarkt liegt.
Aus Sicht der Evolution ist auch klar, dass Kinder von Natur aus nur wenig Vorliebe für Gemüse mitbringen (wir sind darauf in einer anderen Frage eingegangen. Kinder lieben also Süßes, meiden aber Brokkoli und Co − insofern sind Kinder von Natur aus nicht gerade das, was sich heutige Eltern unter einem »guten Esser« vorstellen.

Andererseits sind Kinder von Natur aus mit einem »Gegenprogramm« ausgestattet. Sie haben nämlich schon immer lernen müssen, irgendwann das Nahrungsangebot vor Ort möglichst komplett zu nutzen − das war ein Gebot des Überlebens. Nur indem sie ihre Geschmacksvorlieben mit dem lokalen Angebot zur Deckung bringen, können Menschen schließlich sowohl in der gemüsefreien Arktis als auch in den vitaminreichen Tropen überleben! Kein Wunder, dass Kinder ab der späteren Kindheit das vor Ort angebotene Nahrungsangebot auch tatsächlich voll ausnutzen − das können gegrillte Vogelspinnen sein, oder in Lehm gebackene Kartoffeln (oder sogar Brokkoli).
Und wie lernen Kinder, schließlich doch zu vernünftigen Essern zu werden? Sie lernen es vor allem durch Vorbilder und durch Gewöhnung. So zeigen Experimente ganz klar, dass kleine Kinder, die ein Nahrungsmittel zunächst ablehnen, dieses dann doch annehmen, wenn es ihnen an aufeinanderfolgenden Tagen noch acht bis zehn weitere Male angeboten wird. Kinder essen also bestimmte Nahrungsmittel nicht deshalb, weil sie ihnen schmecken, sondern sie schmecken ihnen, weil sie immer wieder davon essen! (Wie dieses soziale Lernen genau abläuft, beschreibt Kapitel 1 von »Kinder verstehen« im Detail.)