Kommentar23. März 2018

5000 km ohne Plan

Lese gerade auf ntv von einem jungen Mann, der 5000 km ohne Plan durch die Welt wandert und trampt und das fast ohne Geld. All das, was man eben auch als verrückt bezeichnen kann. Aber ganz schön stark auch! Man muss sich auf sich verlassen können, mit den Leuten klar kommen, kreativ sein und all das. Man kann dabei auf die bekannte Schnauze fallen (und das ist dann ja wohl auch passiert, siehe: Typhuserkrankung, so was ist mehr als ein kleines Sätzle, wie das in dem Text erscheint). Nein, das muss sich echt nicht jede(r) reintun. Aber trotzdem finde ich es toll.

Keine Ahnung woher dieser Mensch das hat. Vielleicht ist ein Draufgänger-Gen in ihm gelandet. Womöglich hatte er auch eine Kindheit, in der auch nicht alles „nach Plan“ verlief.

Ich habe jedenfalls ein bisschen recherchiert. Und das hier gefunden:

Der Kleine da vorne drauf, eindeutig, das ist der 5000-km-Wanderer. Das Photo stammt aus der Toskana. Die (zumindest nach heutigen Standards) jungen Eltern haben eine Alpenüberquerung hinter sich und sie haben vor, sich durch das ganze südliche Europa zu quälen und dann hinter den damaligen eisernen Vorhang zu schauen. Dann die Karpaten hoch, Bulgarien, Rumänien, dann wieder in die alte Bundesrepublik. War auch Zeit, inzwischen war nämlich im Fahrtwind ein Geschwisterchen für den Blondschopf ausgebrütet worden. 😉

Nein, man kann das auch blöd finden. Riskant und gefährlich (wenigstens betreibt die Frau ein bisschen „Schwangerschaftsvorsorge“, indem sie einem guten medizinischen Rat folgt: jung und fit sollst du sein… ;-). Und ja, man macht so was wirklich nur, wenn man jung ist. Und einen Helm sollte der Kleine schon auf dem Kopf haben! Und es gibt hunderte, genauso spannende Alternativen. Eine Kindheit im Zirkuszelt stelle ich mir zum Beispiel rasend spannend vor. Obwohl, in echt ist sie bestimmt anders, kann traurig sein, und lähmend. So wie auch so eine Fahrradreise blöd sein kann, weil zum Beispiel Wollen, Wünschen und Tun einfach nicht zusammenpassen wollen. Oder weil die Augen nicht so wirklich leuchten, zu viel Anspannung, zu wenig Lass-mal-gut-sein (das gab es auf dieser Reise bestimmt auch). Ja, vielleicht hätte ein anderes Kind da vorne so eine Reisezeit als Stress abgespeichert – ein Ding der Eltern, in das man eben reingequetscht wird. Während zuhause die Freunde tolle Sachen machen. Wirklich, man muss für solche Reisen gewiss nicht auf dem Fahrrad sitzen. Kinder finden ja selbst in einer Hochhaus-Siedlung ein Schlupfloch in das „eigensinnige Eigene“. Und auch bei uns sahen die „Reisen“ mit den unterschiedlichen Kindern sehr unterschiedlich aus. Könnte ich heute sagen, welche „richtiger“, spannender und lebendiger gewesen wäre?

Aber egal, was einem persönlich und tagesaktuell so liegt:  ohne dieses „eigensinnige Eigene“ gibt es keine Reise. Kein Sich-Aufmachen. Da gibt es immer nur: hinterherradeln. Hinterherlernen. Dem Plan folgen eben.

Und genau das will ich damit sagen: ich wünsche den Kindern, dass für sie nicht alles „nach Plan“ passiert. Dass ihre Eltern „ihr Ding“ nicht vergessen. Danke, Simon, für die Erinnerung.

4 Kommentare

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  • Caroline

    Sehr geehrter Herbert Renz-Polster,

    danke für diesen Beitrag. Der Gedanke, dass auch Kinder aus „herkömmlicheren“ Familien sich selbst die auf sie abgestimmte Dosis Abenteuer beschaffen können stimmt mich tröstlich. Allerdings schaue ich mit zunehmender Skepsis in die Zukunft, was den Raum und insbesondere die Zeit für diese Abenteuer angeht. Ich würde an dieser Stelle gerne ein Zitat von Hartmut Rosa aus der Frankfurter Rundschau vom 25.12.2017 anbringen: „Seit 20 Jahren wiederholen wir das Mantra, dass wir mehr Wettbewerb brauchen. Dabei sind wir nicht nur die Nutznießer, sondern vor allem auch diejenigen, die den Preis dafür bezahlen müssen. Denn mehr Wettbewerb bedeutet weniger Zeit und größere Steigerungszwänge. Es ist nicht sinnvoll, dass jede Schule, jedes Krankenhaus und jede Abteilung auch noch untereinander im Wettbewerb stehen. Wir müssen kollektiv die Angst aus dem Spiel nehmen…()“. Ich hoffe also für unsere Kinder auf eine Zukunft, die weniger Wettberwerb und mehr Mut zur Planlosigkeit mit sich bringt.

    Mit freundlichen Grüssen!

    PS: Es würde mich sehr interessieren, ob eine englische Ausgabe von „Kinder verstehen“ in Aussicht ist.

  • Sonja

    Cooler Sohn, Herr Renz-Polster, bzw. coole Kinder (sofern ich das beurteilen kann).
    Habe den Artikel über die Reise über Ihren Sohn gelesen und lese sowieso gerne von so abenteuerlustigen Menschen.
    Ich habe mir ihr erstes Buch zur Geburt meines ersten Sohnes vor 10 Jahren schenken lassen…oder war es der zweite? (Mittlerweile habe ich drei 😄).
    Egal-ein Kompliment an Sie: Schon damals habe ich beim Lesen gedacht: was für ein cooler Typ! (Das 3.“cool“…)

    Ihr Stil ist wirklich unterhaltsam, wissensfördernd, undogmatisch, selbstironisch und führt zu mehr Gelassenheit auf Seiten des Lesers (was die Elternszene sicher nach wie vor gut gebrauchen kann).
    Vor allem entspannt es sehr, wenn Sie aus ihrem eigenen Familien-und Erziehungsleben berichten, mit allem Drum und Dran, was es eben so mitsich bringt.
    Weiter so.

    Herzliche Grüße, Sonja