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Beratungsfrage26. Juni 2024

Unsere Tochter (5J) lügt

Unsere Tochter ist schon 5 – und lügt manchmal wie gedruckt! Und das nicht nur, wenn sie etwas falsch gemacht hat (etwa Schokolade aus der Familientruhe nascht), sondern auch bei Dingen, wo sie keine Konsequenzen befürchten muss. Etwa, wenn wir sie vor dem Essen fragen, ob sie die Hände gewaschen hat. Auch da lügt sie, obwohl wir sie dann lediglich noch mal ins Bad schicken würden. Oder es heißt: „das hab ich schon gemacht“. Wir sind dann natürlich enttäuscht und sagen ihr, dass das nicht okay ist, und manchmal endet das dann schon in Tränen. Wie können wir ihr helfen, ehrlicher zu werden?

Wo es um die Moral der Kinder geht, kommen wir rasch in Stress. Denn wir alle wollen natürlich ehrliche, verantwortliche, hilfsbereite (und so weiter) Kinder. Und das dann gerne schon sehr früh – da sollen dann schon 2 oder 3-Jährige ihre tollsten Spielsachen mit einem Lächeln im Gesicht mit fremden Kindern teilen – wo wir selber allenfalls ein „geht’s noch“ rausbringen würden, wenn jemand unseren Autoschlüssel oder gar unser Handy abgreifen wollte.

Aber zum Lügen. Es ist ein ziemlich langer Weg zur Ehrlichkeit, und wir sind kaum jemals am Ziel.

Da sind nämlich 5 wichtige Hindernisse zur Ehrlichkeit.

1

Erstens: Falsches als Falsches erkennen

Als erstes braucht es die Fähigkeit überhaupt verstehen und nachvollziehen zu können, dass man etwas „Falsches“ macht oder gemacht hat (etwa keine Schokolade aus dem Versteck naschen). Das verstehen Kinder oft schon früh – schon ein zweijähriges Kind lernt schnell an den Reaktionen seiner Bindungspersonen, was die sozialen Regeln sind (etwa: man schlägt nicht sein Baby-Brüderchen, man darf nicht an den Blumen rumzupfen, und so weiter). Nur, diese Erkenntnis ist noch nicht mit einem schlechten Gewissen beladen – es gibt deshalb noch keine „innere Bremse“. Denn dazu braucht es etwas Weiteres: nämlich innerlich nachempfinden zu können, was dieses Verhalten für den Geschädigten bedeutet – erst dann entsteht sozusagen ein „inneres“ Verbot.

2

Die zweite Voraussetzung zu „echter“ Ehrlichkeit ist also: mitempfinden können: ouups, da wir ja jemand geschädigt und ist: traurig, enttäuscht, mittellos, ausgegrenzt und so weiter!

Dieser Schritt hin zum „echten“ Mitempfinden-Können passiert erst allmählich ab drei oder vier Jahren. Jetzt bauen die Kinder ihr soziales Verständnis und „Theorie des Geistes“ auf und lernen allmählich, den anderen Menschen in den Kopf (und ins Herz) zu blicken: aha, ich darf das nicht tun, weil dann jemand anderes traurig sein wird – das ist tatsächlich höhere Gefühls-Mathematik! Und erst wenn die sitzt, wird ein Kind sich innerlich schlecht fühlen, wenn es „falsch“ gehandelt wird.

Je abstrakter die Zusammenhänge, desto später schlägt das Gewissen an. Mein Zwillingsbruder und ich zum Beispiel hatten noch in der 2. Klasse der Grundschule überhaupt kein Problem damit, meinem Vater Geld aus der Geldbörse zu klauen, damit wir mit unseren Freunden am Kiosk Süßigkeiten kaufen konnten. Da war ja Geld, und danach war auch wieder Geld da, und wo ist das Problem (wir waren womöglich moralische Spätzünder).

3

Das hartnäckigste Hindernis zur Ehrlichkeit aber sind: deren Kosten!

Wer auf eine Lüge verzichtet, muss die Konsequenzen tragen. Etwa: Abwertung („das hätte ich von Dir ja NIE gedacht“). Oder Beschämung. Oder Ausgrenzung. Oder Liebesentzug. Oder Beziehungsabbruch. Oder Schläge. Oder oder oder. Sind diese „Kosten“ hoch, wird sich ein Kind zweimal überlegen ob es nicht lieber die Unwahrheit sagt. Anders ausgedrückt:

Es wird umso mehr gelogen, je höher die Kosten der Wahrheit sind.

Das gilt übrigens für Jung und Alt gleichermaßen. Nirgends lügen Kinder mehr als in Familien, in denen Lügen bestraft werden – je härter die Strafen, desto unehrlicher werden sie sein. Auch bei den Erwachsenen: Bedeutet ein Seitensprung das Ende der Welt, wird eher vertuscht als wenn die Welt zumindest in ihren Fugen bleibt. Und so weiter.

4

Da ist aber etwas Viertes: Ehrlichkeit ist anstrengend. Man muss ja dann etwas tun – etwa die Hände waschen gehen. Oder das Zimmer aufräumen. Kein Wunder zeigt die Forschung, dass Menschen in Experimenten morgens moralischer handeln als abends, wenn sie k.o. sind (sie sind auch strenger und unnachgiebiger wenn sie hungrig sind 😉)

Und eben deshalb nimmt man eher eine Abkürzung und zieht die Karte Unehrlichkeit, wenn man den Sinn einer Regel nicht kennt. Oder nicht akzeptiert. Hände waschen vor dem Essen etwa ist für ein Kind sicher keine Regel für das es innerlich brennt (es „brennt“ dafür, wenn ein anderes Kind im Spiel betrügt oder petzt). Dasselbe bei uns Erwachsenen: erscheint uns eine Geschwindigkeitsbegrenzung sinnlos, dann bremsen wir nur, wenn ein Blitzer droht, oder?

5

Und etwas fünftes ist eben auch menschlich: wir wollen Frieden habe. Unsere Ruhe. Und die tut manchmal auch dem Betrogenen gut. Wir ziehen dann die Karte „soziale Lüge“: lügen, um andere zu schonen und zu schützen. Oder um das Miteinander nicht zu belasten. Da heisst es dann: „Ich habe morgen abend keine Zeit“ statt: „Ich will da nicht mit Dir ins Kino, weil ich lieber mit meinem Freund Hugo eine Serie gucken will.“ Ehrlichkeit schafft eben auch Konflikte und Unehrlichkeit vermeidet manche Kränkung.

Und die Auskunft „ich habe die Hände schon gewaschen“?

Nett lächeln. „Ich vergesse das manchmal auch, lass sie uns kurz noch mal an der Spüle waschen.“ Und weiter geht´s im Leben.

"Mit Herz und Klarheit – Wie Erziehung heute gelingt und was eine gute Kindheit ausmacht" ist soeben erschienen. Dieses Buch ist ein Wegweiser für eine erfüllende und gelingende bedürfnisorientierte Familienzeit.
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9 Kommentare

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  • Sarah

    Vielen Dank für die tolle Zusammenfassung

  • Sielu

    Ich habe eine Frage: hier steht sinngemäß, dass echte Ehrlichkeit nichts möglich sei ohne die Fähigkeit sich in andere hineinzuversetzen. Ich habe ein autistisches Kind (und zwei neurotypische) und würde es daher anders beschreiben. Die Fähigkeit zur sozialen Lüge ist davon abhängig, ob ein Kind sich in ein anderes versetzen kann (hier im Text ist ja auch erwähnt, auf Deutsch, Theorie des Geistes). Auch die Fähigkeit zu lügen geht einem autistischen Kind zumeist ab. Dafür ist es ehrlich – und deswegen stoße ich mich daran, dass „echte“ Ehrlichkeit als Ausdruck auf diese Art mit der Theory of Mind verknüpft wird. Das würde dann ja bedeuten, dass Kinder, die das nicht können, „unecht“ ehrlich sind??

    • Kiki D

      Danke, genau mein Gedanke!

      • La Celestina

        Vielleicht wäre “absichtsvolle Ehrlichkeit” die bessere Formulierung. Denn in der Tat braucht es ja Empfänglichkeit für soziale Signale, um absichtsvoll nicht die (ganze) Wahrheit zu sagen oder eben wirklich ehrlich zu sein, unabhängig von den sozialen Kosten.

        Und diese Schlüssel haben auch neurotypische Kinder altersabhängig (noch) nicht immer zur Verfügung. Genau wie wir Erwachsenen greifen sie zudem manchmal einfach daneben. Auch weil wir alle ja abhängig von unserem Temperament Theorien über die Motive anderer entwickeln.

      • Herbert Renz-Polster

        Ja, das stimmt. Eine Frage der Wertung/Betrachtungswinkel – so gewendet könnte man tatsächlich ja auch sagen, die Fähigkeit der Perspektivübernahme sei die Voraussetzung für Manipulation. Und so ist es ja auch. Danke!

  • Friedo Pagel

    Eine feste Meinung zu diesem Thema habe ich nicht, aber einige Mosaiksteinchen an mir selbst, die ich gerade etwas vergeblich versuche, hier einzufügen.
    Ich bin 73 und wurde als Kind von meiner Mutter und von meinem Vater genau einmal in meinem Leben geschlagen. Mit 4 hatte ich mit einer Schere meine Haare geschnitten und meiner Mutter auf ihre Frage “Wer war das?” den Namen des unbeliebtesten Kindes im Dorf genannt. Auf dem Wege dorthin steckten ihr andere Kinder, dass das eine Lüge ist und ich es selbst gewesen bin. Da drehte meine Mutter um und ich bekam ein paar Klapse auf den Hintern. Mit 7 hatte ich in der 2. Klasse bei meinem Vater (=Schulleiter) Unterricht in Sport, Zeichnen und Singen. Beim Singen machte ich einmal nur den Mund auf und zu, sang aber nicht mit, und er stand hinter mir. Und patsch, habe ich eine Ohrfeige bekommen. Ein drittes Ereignis, auch etwa in dem Alter, was vielleicht noch wichtiger ist: Ich hatte mich über irgendetwas (Verbot?) von meinem Vater sehr geärgert, worauf ich den Klavierstimmschlüssel genommen und an den Saiten unseres Flügel (Grotrian-Steinweg) herumgeschraubt habe. Der Flügel war dadurch so verstimmt, dass mein Vater es nicht selbst nachstimmen konnte und ein Klavierbauer zum Stimmen kommen musste. Das war bestimmt nicht billig und mein Vater war sehr sparsam. – Aber: Ich wurde nie auf diese Geschichte angesprochen, musste nicht lügen, nichts abstreiten, nichts zugeben, nicht rechtfertigen. Meine Angst davor reichte meinen Eltern. Ich war ihnen offenbar wichtiger als der Flügel und das Geld.
    Im späteren Leben habe ich eigentlich nie gelogen. Lügen war mir einfach ein Graus. Und wenn jemand von mir verlangte oder erbat “sozial zu lügen”, habe ich mich extrem unwohl gefühlt und versucht, einer solchen Situation aus dem Wege zu gehen.
    Aber diese Wünsche zum “sozialen Lügen” kamen stets von Menschen, denen die Harmonie des Augenblicks in jeder Hinsicht wichtiger war als Ehrlichkeit. Aber warum? Mein Eindruck ist, das war bei jenen immer nur ein Teilaspekt von großer Stressanfälligkeit in sozialen Situationen, begleitet auch von Schwierigkeiten, anderen zu Vertrauen. Mit ständigem Hadern über Vergangenes und ständigen Sorgen um die Zukunft. Mein Eindruck ist: Ein in der Kindheit nicht erworbenes Urvertrauen kann ein großes Handicap für die Lebensqualität im gesamten weiteren Leben sein.
    Mein Appell wäre daher, sich nicht zu sehr an den Details aufzuhängen, sondern versuchen, den Selbstwert des Kindes zu stärken. Ein starkes Ich braucht nicht zu lügen sondern kann auch zu seinen Fehlern stehen. Und die machen wir alle. Wir sind schließlich alle nur Menschen.
    Aber wie gesagt, ich habe eigentlich keine Ahnung von dem Thema, nur so ein Gefühl.

    • Eva

      danke fur diese antwort!!

    • Herbert Renz-Polster

      Wie schön, denn ja, von welcher Seite wir es auch betrachten: Menschen brauchen ein Gefühl von innerem Wert als Anker in allen Stürmen, ob sozial oder moralisch. Danke!

  • Jale

    Vielen Dank für diese umfassende, unterhaltsam geschriebene, entlastende, schöne Antwort! Ich finde es so toll, wie HRP so vermeintlich banale Alltagsfragen für einen deep dive in die Kindesentwicklung nutzen kann, fast schon philosophisch.
    Ich wünsche mir die Dienstags-Sprechstunde als Buch 🙂

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