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Beratungsfrage23. Januar 2024

Meine Kinder, achtsam erzogen, spucken mich an.

Mein Sohn ist gerade 5, meine Tochter wird bald 3. Wir haben schon seit längerem ein Problem mit Grenzüberschreitungen. Vor allem abends kommt es dazu, dass ein Miteinander kaum möglich ist und jede Bitte zu Schlagen, Spucken, Treten und dem Verletzen unserer Katzen (Treten, die Stufen runterwerfen...) führt. Bitten und Sprechen bringen nichts, da wird es oft noch schlimmer.

Wir pflegen einen respektvollen Umgang miteinander, ich begleite die Kinder im Familienbett in den Schlaf, wir strafen nicht sondern versuchen zu erklären, zu reflektieren und gemeinsame Lösungen zu finden.

Ich habe das dringende Bedürfnis die Katzen, aber auch mich selbst, zu schützen. Ohne meine Kinder dabei bloßzustellen, zu drohen oder Strafen zu verhängen.

Ich danke Dir für Deine Offenheit und wie toll, dass Du jetzt den Punkt erreicht hast nach Hilfe zu fragen! Denn Euch allen geht es ja nicht gut, Deine Kinder eingeschlossen.

Und nein, Du musst jetzt nicht drohen oder Strafen verhängen (Danke dafür!). Du musst du selbst sein. Kein Fragezeichen (Diskutieren, Kommentieren, Betteln, langes Rumtexten), kein Ausrufezeichen (Beschämen, Bestrafen, Drohen), sondern ein Punkt: Ich bin diejenige, die hier den Laden am Laufen hält. Ich bin diejenige, die Euch Kinder versorgt und schützt. Und auch die Tiere, die bei uns leben. Ich bin die Hüterin unseres Lebens als Familie. WIR GEHEN SO NICHT MITEINANDER UM.

Und ja, ich weiß: du hast alles versucht, im besten Willen. Trotzdem will ich das an erste Stelle rücken: Wenn du wirklich an diese Haltung glaubst, wenn du wirklich ganz sicher bist, dass nur dieser Weg ein guter Weg ist, werden Deine Kinder dich überhaupt erst wahrnehmen. Und ihr werdet nach und nach den Prozess umkehren, der sich bei Euch eingeschliffen hat. Der sich eingeschliffen hat, weil Kinder mit unglaublich wachen Antennen nach Orientierung suchen: Was ist okay, was nicht? Wie geht man hier miteinander um? Diese Orientierung bekommen die Kinder durch die ganz normalen, menschlichen Reaktionen ihres Gegenübers: so ist es gut, so nicht. So passt es zum Familienleben, so nicht. So kann ich es selbst als Mama schaffen – und so nicht. Etwa, weil es über meine Grenzen geht, oder mich gar verletzt. Diese Signale speichern die Kinder ab und bauen daraus ihren Kompass.

Denn: Wie können Deine Kinder dich und das ganze Projekt Familie überhaupt wahrnehmen, wenn da keine Klarheit war? Wenn da keine Reaktion eines MENSCHEN war, der sagt, was ist. Wenn da keine Grenze ist, an der Deine Kinder dich auch spüren IN DEINEM RECHT: Lass gut sein, so machen wir das nicht. So geht niemand mit mir um. Auch ihr Kinder nicht.

Du wirst fragen: was genau kann ich jetzt machen? Dieses Fragezeichen ist nicht der Punkt. Der Punkt bist Du. Du musst Dir klar werden, warum es sich eingeschliffen hat, dass bei Euch Deine Kinder Euer Schiff lenken – und verzweifelt auf der Brücke stehen, weil sie komplett überfordert sind. Das hat nichts damit zu tun, dass ihr Euch in Achtsamkeit und Respekt begegnen wollt, glaub mir. Achtsamkeit bedeutet auch, den Respekt zu erkennen, den man selber verdient.

Ohne Deine Geschichte zu kennen will ich in paar Gründe nennen, warum das Familienleben manchmal seinen „guten Kern“ verliert. Manchmal sind es die äußeren Umstände: die Kinder sind chronisch gestresst, weil es in ihrer Welt nicht gut läuft, ich glaube das hast Du auf dem Schirm (und wie oft kommt ja unsere eigene Überforderung noch dazu).

Manchmal sind es auch unsere eigenen Verletzungen in unserer Herkunftsfamilie, aus denen heraus wir „alles anders und alles besser“ machen wollen – und mit „besser“ verbinden wir dann vielleicht, dass wir auf ein Nein unseren Kindern gegenüber verzichten. Nur – und das weißt du aus anderen Beziehungen auch: Beziehungen leben davon, dass ein Ja dort gesprochen wird wo es hingehört, und ein Nein ebenfalls dort wo es hingehört. In einem „guten“ Ton und ohne Verletzungsabsicht, aber schon verständlich und klar.

Ein weiteres Thema, das mir immer wieder begegnet, ist, dass sich Eltern im Grunde vor ihren Kindern schuldig fühlen. Oft beginnt das schon ganz früh. Man will so gerne den Kleinen alles geben, und dann klappt es im echten Leben oft nicht so gut. Und man leidet mit seinem Kind mit, das vielleicht als Säugling oft weint und dann später vielleicht auch oft zornig ist. Man sieht seine Elternaufgabe dann vor allem darin, das Kind zu trösten, dafür zu sorgen, dass alles rasch wieder gut wird, dass „mein Kind glücklich ist und mir zeigt, dass es mich liebt – wo ich ihm doch so vieles nicht geben kann und mir so vieles nicht gelingt“. Nur, das ist keine Basis um Eltern zu sein, im Gegenteil: es ist der Beginn eines Teufelskreises mit einem faulen Kern: ich muss alles tun, damit mein Kind mich liebt. Nein – Dein Kind liebt dich, Punkt. Und auf dieser Basis sorgst du für ein möglichst gutes Miteinander – für Dein Kind, für dich, für Deine Familie. Das ist unser Job als Eltern.

Und auch das ist mir wichtig: ich schreibe das nicht um Dir einen Vorwurf zu machen. Was sich in Familien entwickelt, folgt keiner Planung, das ist einfach da – aus dem besten Willen heraus. Halte Dir das zugute und sage Dir trotzdem: jetzt gilt es umzulernen.

Trotzdem noch ein Wort zum Konkreten. Ich würde Dir vorschlagen, dass du dich als erstes an Dein großes Kind wendest, er ist groß genug dafür und er setzt seinem Geschwisterkind gegenüber den Ton. Du kannst ihm in aller Ruhe in einem konfliktfreien Moment erklären, dass ihr so die Abende nicht verbringen könnt. Du fragst ihn Direkt, was ihm Kummer bereitet und was er ändern will. Daraus könnt ihr einen gemeinsamen Plan entwickeln. Und der ist wichtig. Denn mit ihrem schlechten Verhalten zeigen Dir Deine Kinder ja nicht, dass sie dich nicht brauchen oder lieben. Sie zeigen Dir, dass sie in Not sind. Und dagegen hilft Verbundenheit. Echte Verbundenheit, nicht: ich-mache-alles-für-Euch-und-lasse-alles-mit-mir-machen.

Du erklärst Deinem Kind auch, dass die Katze bei Euch ihr Zuhause hat und sie bei Euch keine Schläge bekommen wird, so wie auch die Kinder keine bekommen. Und dass du sie schützen wirst. Und du wirst ihm auch erklären, dass du auch dich selbst schützen wirst.

Und was, wenn Deine Kinder das nicht schaffen? Du signalisiert dann in absoluter Klarheit ein STOPP. Und wenn es bedeutet, dass das Vorlesen jetzt entfällt. Dann ist das so. Keine Lust zu haben eine Geschichte vorzulesen, wenn Dein Kind dich bespuckt, ist keine Strafe, sondern eine Direkte menschliche Reaktion. Und du wirst Dir selbst dabei dringend sagen müssen, dass Deine abgrenzende Reaktion den Kindern gegenüber in Ordnung geht. Du wirst dich nicht auf ein „Jetzt bin ich wieder schuld, dass meine Kinder traurig sind, weil ich die Geschichte nicht fertig vorgelesen habe“ einlassen. Denn du bist nicht schuld. Trotzdem wirst du Deinen Kindern nicht grollen, sondern wirst dich mit ihnen versöhnen, spätestens bevor für Euch das Schlaf kommt – das ist für alle Menschen wichtig, wir dürfen keinen Groll mit in unsere Träume nehmen. Kurz, Du sorgst dafür, dass ihr zu einer Familie werdet, in der die Kinder wachsen dürfen, weil du sie mit Herz und Klarheit begleitest.

Herz und Klarheit, mein Stich- und Hinweiswort auf mein neues Buch, in dem ich meine „Philosopie“ darlege, wie Familie gelingen kann. Hier kann man es vorbestllen, es erscheint am 29.2.2024:

* Ohne Signatur oder Widmung

 

Und noch etwas Wichtiges: das „führende“ Kind in diesem Fall ist 5. Viele Fälle von Aggression, zu denen wir gefragt werden (Haare ziehen, schucken, beissen), gehen von kleinen Kindern aus (U3). Sie erfordern eine andere, direkt ko-regulatorische Antwort. Dazu in anderen „Fällen“ mehr.

 

Unter anderem um solche Erziehungsfragen dreht sich mein neues Buch: "Mit Herz und Klarheit - Wie Erziehung heute gelingt und was eine gute Kindheit ausmacht". Es erscheint Ende Februar.
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7 Kommentare

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  • Monika K.

    Sehr gute Antwort von Dr. Herbert Renz-Polster! Mir fällt noch ein Zitat ein von Maria Montessori: “Die Freiheit des Einzelnen endet da, wo die Freiheit des Anderen beginnt.”
    Kinder akzeptieren Grenzen. Sie wollen wissen, wo sind die Grenzen. Sie brauchen die Grenzen, so wie wir die Leitplanken in Serpentinen brauchen. Und Kinder lernen mit: Logischen Konsequenzen: Wenn Kinder etwas verschütten, sollen sie es auch selbst aufwischen (ggfs mit Hilfe).

  • Katharina

    Mir hat beim Thema Grenzen setzen geholfen mir klar zu machen: wenn ich meinen Kindern nicht deutlich zeige, wo meine Grenzen sind, was für mich geht und was nicht, dann lernen sie auch nicht ihre eigenen Grenzen gegenüber anderen zu setzen. Ein deutliches „Nein, stopp, das möchte ich nicht!“ hat nichts damit zu tun, nicht achtsam mit den Kindern zu sein. Sondern man lebt damit den Kindern eine Achtsamkeit für sich selbst vor.

    • Michael

      Das Problem ist aber, was machen, wenn ein klares Stop nur zu Lachen und Weitermachen führt?

      • Andy

        wenn einem jemand eine Regel klarmachen möchte, bzw eine Grenze setzt, und man dann lacht, bedeutet das zum Beispiel, man nimmt den anderen nicht ernst.
        Grund dafür kann sein , dass man gelernt hat, eine Grenzüberschreitung hat keine Konsequenzen.
        das Lachen kann auch Unsicherheit bedeuten. Man ist nicht sicher, wie Ernst man die Ansage nehmen muss und versucht die Unsicherheit zu überspielen.
        in beiden Fällen hilft es, wenn der Erwachsene eindeutiger wird.
        (zum Beispiel folgt auf eine nicht optionale Aufforderung nicht das Wort „Bitte“.
        Manchmal hilft es auch , Situationen mit sehr kurzen Satzen aufzulösen : z.B.: „das Spielzeug wird aufgehoben!“ und dann die Szene zu verlassen )
        Grenzen dürfen nicht nur theoretisch erklärt werden, man muss sie deutlich wahren.
        „Angekündigte“ Konsequenzen müsseumgesetzt werden.

      • Herbert Renz-Polster

        Wenn deine Sprache und dein Gesicht nicht ausreichen, dann signalisiert du durch dein Tun. Machst vielleicht ein Angebot, indem du dich auf den Boden setzt und sagst: wer bei mir sein will, setzt sich neben mich. Wo aber deine Grenze permanent überschritten wird, nimmst du dich aus der Situation heraus. So ruhig es geht. Gehst Bügeln oder die Küche machen, machst etwas für die Kinder Nachvollziehbares, für dich Entspannendes. Und wenn das Feuer dann ein bisschen runtergebrannt ist, verbindest ihr euch wieder. Wieder mit einem klaren Signal: wir kriegen das auf gute Art hin. Mit deiner neuen Haltung wird sich bei deinen Kindern eine neue Haltung entwickeln. Vielleicht nicht sofort, aber sie wird wachsen.

    • Katja Klink

      Ein sehr inspirierende Beitrag, aus dem wohl jede Mama oder jeder Papa etwas wertvolles für sich mitnehmen kann.

  • Welli

    Vielen Dank.

    Reife ist das Stichwort. Kinder akzeptieren Autorität, wenn sie auf verantwortungsvollem und reflektierten Handeln und innerer Überzeugung beruht.

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