Artikel1. Mai 2018

Raus mit Euch!

Kinder müssen spielen - gerne draußen!

Kinder verbringen ihre Kindheit oft mit ausgefeilten Programmen. Die sollen ihre Entwicklung fördern und sie auf ein gutes, erfolgreiches Leben vorbereiten. So zumindest die Theorie. Oft fehlt allerdings ein Element, das seit jeher ein reichhaltiger Entwicklungsraum für Kinder war: die Natur.

Kinder stehen in ihrer Entwicklung nämlich vor einem Problem. Die Persönlichkeit des Kindes bildet sich nicht, indem die Eltern oder die ErzieherInnen dem Kind etwas „beibringen“. Man kann ein Kind nicht darüber belehren, wie es innerlich stark wird. Auch Mitgefühl kann man einem Kind nicht vermitteln, und soziale Kompetenz lässt sich einem Kind selbst durch das pädagogisch wertvollste Programm nicht anerziehen. Genausowenig die Kreativität. Das Fundament der kindlichen Entwicklung beruht vielmehr auf Erfahrungslernen. Es besteht aus Erfahrungsschätzen, die die Kinder im Alltag heben müssen. Und zwar selbst, aus eigenem Antrieb und nach eigenem Plan.

Das Kind folgt dabei dem Pfad, auf dem alle Kinder dieser Erde stark werden: einem durch funktionierende Beziehungen abgesicherten Weg der Selbstbewährung.

Voraussetzugen des Erfahrungslernens

Man könnte es auch so beschreiben. Das Kind braucht für seine Entwicklung einen „vorbereiteten Rahmen“ – er besteht aus einer Welt, die das Kind als vertraut und sicher erleben kann: hier lebe ich mit Menschen, denen ich etwas bedeute, und die gut und verlässlich für mich sorgen. Hier komme ich nicht in Not. Er besteht aber auch aus der zweiten Zutat, die Kinder unbedingt brauchen: der Gelegenheit wirksam zu sein, sich Herausforderungen zu stellen, sich mit seinen Kräften an der Welt zu bewähren.

Auf dieses Grundbedürfnis hin ist insbesondere das frei gestaltete kindliche Spiel ausgerichtet, in dem Kinder in einem Prozess der Selbstorganisation all die Elemente „konstruieren“, die sie jetzt für den fortwährenden Aufbau ihrer Persönlichkeit brauchen: an ihren Entwicklungsstand angepasste Widerstände, an ihre Entwicklungsängste angepasste „Abenteuer“, an ihre sozialen Bedürfnisse angepasste Erfahrungen mit anderen Kindern. (Es ist in diesem Zusammenhang auch kein Zufall, dass die von Kindern am meisten geliebten Bücher eigentlich von der Selbst-Organisation in Kindergruppen handeln, von Pippi Langstrumpf bis zu den fünf Freunden.)

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Aus entwicklungspsychologischer Sicht scheint das selbst gestaltete Spiel dem Kind insbesondere zwei Grunderfahrungen zu ermöglichen: die Erfahrung von Stimmigkeit sowie lustvolles – und gleichzeitig höchst effektives – Lernen, Kribbel-Lernen nämlich. Schauen wir uns das einmal genauer an.

Die Erfahrung von Stimmigkeit als Geschäftszweck des Spiels

Kinder sind in eine „übermächtige“, ungeordnete Welt gestellt, der sie zunächst nichts entgegenzusetzen haben. Ihnen begegnen auf Schritt und Tritt Ängste, unbekannte Zusammenhänge, und natürlich: Fremdbestimmung. Sie durchleben Krisen und Unsicherheiten – vom Umzug bis zum Verlust des Teddybären. Wie können Kinder eine solche Welt „zähmen“, und sich als wertvoller, gestaltmächtiger Teil davon empfinden? Indem sie sie spielerisch ordnen. Tatsächlich kann das kindliche Spiel als eine „Konstruktion von Kohärenzerfahrungen“ verstanden werden (eine sehr gute Zusammenfassung zum kindlichen Spiel übrigens bei: Gabriele Pohl: Kindheit. Vom Wert des Spielens für die kindliche Entwicklung). Kinder organisieren ihr Spiel nämlich so, dass

  • die Welt verständlich und durchschaubar erscheint (hierzu werden z.B. äußere Eindrücke immer wieder nachgespielt und zu „stimmigen“ Geschichten verarbeitet)

  • die Aufgaben, die das Leben stellt, lösbar werden (hierzu zieht es das Kind genau zu solchen Erfahrungen, die es mit seinem jetzigen Entwicklungsstand „packen“ kann – dazu gleich mehr).

  • die eigene Anstrengung bedeutsam ist. Kinder spielen tatsächlich, als gehe es um nichts weniger als die Rettung der Welt – das was ich hier tue ist wichtig!

Diese drei Grunderfahrungen – das Gefühl von Verstehbarkeit, das Gefühl von Handhabbarkeit bzw. Bewältigbarkeit, und das Gefühl von Sinnhaftigkeit bzw. Bedeutsamkeit wurden Anton Antonovsky 1987 in seinem Buch „Unraveling the mysteries of health“ als Grundlage der seelischen Gesundheit und der Resilienz beschrieben. Im Spiel sorgen die Kinder also tatsächlich für eine Grundsicherung für das Leben. (Schwer zu verstehen, dass das freie Spiel inzwischen so wenig gilt, dass es in der Elementarpädagogik mutwillig von „Bildungsinitiativen“, Förderprogrammen und „Forscherstationen“ überwuchert wird).

Kribbel-Lernen

Betrachtet man das informelle, also nicht nach äußeren Zielvorgaben strukturierte kindliche Spiel, so scheint es die Kinder da geradezu magnetisch an einen Ort mit einem seltsamen Namen zu ziehen: der „Zone ihrer proximalen Entwicklung“. Dieser ursprünglich von dem russische Psychologen Lew Wygotski geprägte Begriff umschreibt nichts anderes als das: Kinder wollen in einer Art „Kribbelzone“ spielen. Dort also, wo sie das ausleben können, was sie gerade erst neu erlernt haben. Und wo sie gleichzeitig schon die Decke anheben können für den nächsten Entwicklungsschritt. Sie springen von einem Mäuerchen – und wenn sie das geschafft haben, dann war das „pipi-einfach“. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht suchen sie sich eine noch höhere Stelle. Dort spielt sich jetzt das Kribbeln ab, dort stehen sie jetzt im Spannungsfeld zwischen Lust und Angst. Diese Spannung durchzieht das ganze Kinderleben, es ist der eigentliche Treibsatz der kindlichen Entwicklung – und auch die Essenz dessen, was wir als „Abenteuer“ bezeichnen. Da begegnet das von Neulust und Entdeckerfreude getriebene Kind zum einen seinen Ängsten und seinen Grenzen – in körperlicher, emotionaler und sozialer Hinsicht. Zum anderen aber erntet es das, was es für seine Schritte ins Neuland dringend braucht: die üppige Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Daraus schöpft es nichts weniger als – Selbstbewusstsein. Kein Wunder, dass Kinder nach einem Spieltag richtig erschöpft sind.

Für diese spielerische Entwicklungsbewältigung suchen sich Kinder – wenn sie können – einen adäquaten, und das heisst möglichst wenig strukturierten und damit gestaltbaren Entdeckungs- und Gestaltungsraum. Gerne mit jüngeren und älteren Kindern (wir unterschätzen hartnäckig, wie viele Entwicklungsbrücken für Kinder durch das Spielen in altersgemischten Kindergruppen entstehen). Und gerne in der „freien“ (vielleicht nicht ohne Grund so benannte?) Natur.

Erfahrungsraum Natur

Vieles spricht dafür, dass gerade naturnahe, also möglichst wenig strukturierte Umwelten für Kinder in dieser Hinsicht besonders reichhaltig sind. Dort begegnen ihnen…

… unmittelbare Erfahrungen. Kinder suchen vom ersten Lebenstag an Erfahrungen, die ihnen „unter die Haut“ gehen. Und das ist zunächst einmal das, was sie unmittelbar über ihren Körper und ihre Sinne erfahren können. Kein Wunder sind sie von den Elementen kaum wegzubringen – Wasser, Erde, Luft und später auch Feuer sind sozusagen archaische, körperliche Welterfahrungen. In natürlichen Umwelten sind diese Erfahrungen eingebettet in eine perfekt an das kindliche Empfinden angepasst Reizkulisse. Da ist es einmal kalt, einmal warm, die Farben ändern sich… und doch herrscht da keine Überreizung, wie das drinnen nur allzu schnell der Fall ist.

… vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten. Kinder geben sich nicht mit vorgefertigten Lösungen zufrieden. Anders als so manches Kinderspielzeug (oder auch Spielgerät auf dem Spielplatz) bieten naturnahe Räume eher Eingriffs- und Erfahrungsmöglichlichkeiten in vielen Freiheitsgraden: für die Feinmotorik, für die Grobmotorik, für die Sinne, für das soziale Miteinander, für das kreative Ausprobieren. Tatsächlich fällt Kindern, wenn man sie fragt, was sie da draußen am meisten schätzen, als Erstes ein: dass sie da nach ihrem eigenen Plan spielen und entdecken können. Dass sie also, in „erwachsenen“ Worten, Freiheit erfahren. Diese lebendige Schatztruhe dort draußen scheint also mit einer Art Schloß versehen zu sein – sie öffnet sich den Kinder nur dann, wenn sie auf eigene Faust unterwegs sind, ob in einem Matschloch oder in einem dunklen, möglicherweise von Räubern bewohnten Waldstück.

… kindgerechte „Widerstände“. Kinder wollen sich als selbstwirksam erleben, nur so können sie Selbstkontrolle aufbauen. Und dazu suchen sie sich – an ihren Entwicklungsstand angepasste – Widerstände. Indem sie sich an Widerständen bewähren, begegnen sie sich selbst, ihren Ängsten, ihren Freuden, ihren sozialen Gefühlen auch – von Eifersucht bis Freundschaft. Ein natürliches Spielumfeld zeichnet sich dadurch aus, dass es „Widerstände“ in allen Abstufungen bereit hält – man denke nur an einen Wald, in dem es für jedes Kind auf jedem Entwicklungsstand eine Aufgabe, einen gerade noch zu tragenden Stein oder gerade noch zu erkletternden Ast gibt. Und anders als in einem „künstlichen“ Spielumfeld sind viele Widerstände unverhandelbar. Ein Kartenspiel kann man abbrechen, wenn man keine Lust mehr hat, aber der Weg von hier nach da wird dort draußen nicht kürzer, wenn man schon ein bisschen müde ist… All diese Erfahrungen an „Widerständen“ bringen nicht nur Spannung und Abenteuer ins Kinderleben, sie machen auch – in einem positiven Sinne – selbstbewusst, innerlich stark und widerstandsfähig.

… Verbundenheit. Wenn Kinder draußen spielen, bevorzugen sie vielfältig nutzbare Gelände mit Winkeln, Freiflächen und Rückzugsmöglichkeiten. Das hat einen Grund – solche Räume sind ideale Orte für mitmenschliche Begegnungen. Da kann man vertraulichen Austausch pflegen, da kann man toben, ein „Lager“ einrichten oder Behausungen anlegen, da kann man als „Stamm“ spielen, aber auch einmal nur beobachten und dabei hier vorbeischauen oder dort vorbeischauen. Alles Gelegenheiten, um sich mit den anderen Kindern nach dem eigenen Tempo zu verbinden, nicht umsonst ist ja die „Bande“ das Grundmotiv kindlichen Spielens. Aber da draußen ist viel mehr. Da sind auch Beziehungen zu Bäumen. Zu Pflanzen. Zu Tieren. Dingen. Orten. Zu immer wiederkehrenden Abläufen auch. Zu Stimmungen. Gerüchen. Zu Symbolen – ein Hügel mit besonders guter Sicht oder ein Hain ist für Kinder nun einmal nicht weniger als eine Kultstätte.

Nun wird dem einen oder anderen schon der Widerspruch auf den Lippen liegen: vieles davon lässt sich doch auch drinnen finden – etwa in einer Scheuer oder auf einer Bühne! Und das stimmt. Kinder begegnen den beschriebenen „Quellen der Entwicklung“ auch dort, wo sie drinnen auf eigene Faust spielen, und es geht mir auch gar nicht darum, das große Draussen gegen das Drinnen in Stellung zu bringen. Nur: nirgends sprudeln die Quellen so hochprozentig wie draußen, nirgends finden Kinder eine reichhaltigere Packung als in möglichst unstrukturierten, eben „natürlichen“ Umwelten – ob Wald, Wiese, Park, Garten oder naturnahmem Außengelände vor der KiTa. Eine Kindheit ohne reichhaltige Naturerfahrung muss aus Sicht des Kindes lauwarm bleiben.

Dieser Beitrag beruht auf dem Buch des Kinderarztes und Wissenschaftlers Dr. Herbert Renz-Polster: „Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum - ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Denken und Fühlen" (zusammen mit Prof. Gerald Hüther). Es beschreibt, wie und warum die Natur die Kinder in ihrer Entwicklung fördert und unterstützt.
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