Kommentar8. Oktober 2018

Einwurf: Der plattgelegene Hinterkopf ‐ ein kultureller Pflegefehler?

Jeder fünfte, ansonsten normal entwickelte Säugling fällt hierzulande durch einen abgeplatteten Hinterkopf auf. Das kommt von der Rückenlage, heißt es dann. Das Schlafen auf dem Rücken schützt das Kind ja bekanntlich vor dem Plötzlichen Kindstod. Und für diesen Schutz muss der Säugling also mit einem deformierten Kopf bezahlen? Kann Mutter Natur wirklich so gemein sein?

Seit Anfang der 1990er Jahre diagnostizieren Kinderärzte bei Säuglingen immer häufiger eine erworbene Abplattung des Schädels, die sie auch als Plagiocephalie oder Brachycephalie bezeichnen. Diese Abplattung entwickelt sich im Lauf der ersten Lebensmonate und rührt zumeist daher, dass die Schwerkraft zu einförmig auf die relativ weichen Schädelknochen des Säuglings einwirkt. Die Verformung des Hinterkopfs wird deshalb häufig als „lagerungsbedingt“ bezeichnet (andere Ursachen kommen auch vor, sind aber eher selten, wie etwa im Mutterleib erworbene Verformungen, ein zu früher Verschluss der Schädelnähte, Muskelprobleme oder Komplikationen bei frühgeborenen Kindern).

Eine weitere Erklärung lässt dann meist nicht lange auf sich warten: dass diese Fälle in den letzten 20 Jahren zugenommen hätten, läge daran, dass Babys heute zur Vorbeugung des Plötzlichen Kindstods auf dem Rücken schliefen. Die abgeplatteten Hinterköpfe seien sozusagen eine Begleiterscheinung der jetzt sicheren Schlafposition.

Nur – die Erklärung stimmt nicht.

Ich habe nämlich zusammen mit meiner Kollegin Prof. Freia de Bock die ganze Literatur zu diesem Thema in einer systematischen Übersichtsarbeit ausgewertet (hier  eine frei zugängliche Kopie der Arbeit). In der Hälfte der Studien zeigt sich ein Zusammenhang zwischen Plagiocephalie und der Rückenlage. In der anderen Hälfte: keiner.

Wir waren von dem Ergebnis nicht überrascht. Dass die Rückenlage für sich allein einen Plattkopf bedingt, das kann nämlich auch aus anderen Gründen gar nicht sein.

  • Erstens: Der schön gerundete Hinterkopf ist für die Entwicklung des Säuglings ein echtes Plus. Er gehört, zusammen mit den Kulleraugen, der hohen Stirn, dem Stupsnäschen und dem fliehenden Kinn zum so genannten Kindchenschema. Letzteres bildet sich eigentlich gerade in der Zeit aus, in der heute die Deformierung der Babyköpfe ihr Maximum erreicht, nämlich im 4., 5. Lebensmonat. (Dass sich dieses Reizschema gerade zur Mitte des ersten Lebensjahres entwickelt, hat damit zu tun, dass das Baby jetzt für weitere Versorger außer der Mutter attraktiv werden soll – es kann jetzt ja beigefüttert werden, d.h. die Versorgungslast auf mehr Schultern als nur die der stillenden Mutter verteilt werden. Gut also, wenn das Baby jetzt dick aufträgt.)
  • Zweitens: Die Plagiocephalie ist in manchen Kulturen und Subkulturen, die ihre Babys ebenfalls auf dem Rücken zum Schlafen legen, praktisch unbekannt. Man muss auf einem La Leche Liga Kongress lange suchen, bis man ein Baby mit plattem Kopf entdeckt, dasselbe gilt für viele traditionelle afrikanische Kulturen.

Die Argumentation, dass der abgeplattete Hinterkopf einfach eine Folge der Rückenlagerung sei, ist im Lichte der Evolutionstheorie also schlicht und einfach nicht plausibel: Warum sollte ein Baby an Attraktivität einbüßen, wenn seine Eltern für seine Sicherheit sorgen? (Wir haben diese Argumentation zuletzt ausführlich in einer weiteren Veröffentllichung im Fachblatt Evolution, Medicine & Pubic Health dargelegt).

Die Epidemie scheint also nicht einfach ein Kollateralschaden der Rückenlagerung zu sein. Etwas zweites muss dazu kommen.

  • … etwa die Art des Babytransports. Autositz, Trageschale oder auch der Transport im Kinderwagen belasten den Kopf an immer der gleichen Stelle (unglücklicherweise trägt hierzu auch ein mechanischer Teufelskreis bei: sobald eine Abplattung des Schädels einmal vorliegt, wird das Baby diese Seite automatisch bevorzugen – der Babyschädel ist relativ schwer und lässt sich nicht so einfach für den Schlaf beliebig positionieren). Ganz anders beim Tragen eines Babys: die Kopfposition variiert, ein immer gleichförmiger Druck, etwa auf den Hinterkopf, lässt sich kaum über längere Zeit aufbauen.
  • …oder die Art der Ernährung. Beim Stillen wird das Köpfchen des Babys schon deshalb immer wieder von einer anderen Richtung belastet, weil die Mutter zwei Brüste hat. Mit jedem Seitenwechsel ist auch ein Wechsel der Druckzone am Schädel verbunden. Anders bei der Fläschchenfütterung – da liegt das Baby eher während der ganzen Fütterung in derselben Position (manchmal sogar auf dem Rücken im Bettchen oder Maxi-Cosi, Fläschchen im Mund)
  • … und die Art des Schlafens. Schläft ein gestilltes Baby im Nahbereich seiner Mutter, so hat es nicht nur einen weitaus aktiveren Schlaf (weniger Tiefschlafphasen mit starker Muskelentspannung, zumindest in den ersten Monaten), es wird zudem von der Mutter intuitiv häufig umpositioniert (und zwar in eine „stillbereiten“ Position, also in Rücken- oder Seitenlage). Ein lange anhaltender Druck auf die immer gleiche Stelle des Schädels ist da praktisch ausgeschlossen.

Hinter der Epidemie der lagerungsbedingten Plagiocephalie steht deshalb in den meisten Fällen keine Krankheit. Sie ist vielmehr Hinweis auf das, was ich – bewusst provokant – als einen kulturellen Pflegefehler bezeichnen würde: der kindliche Schädel scheint schlichtweg nicht auf die Erfindung von Kinderwagen, Babyfläschchen, Maxi-Cosi und eigenem Kinderbett vorbereitet zu sein.

Dieser Beitrag beruht auf dem Buch des Kinderarztes und Wissenschaftlers Dr. Herbert Renz-Polster: „Kinder verstehen. Born to be wild - wie die Evolution unsere Kinder prägt". Es beschreibt die Entwicklung der Kinder aus dem Blickwinkel der evolutionären Verhaltensforschung.
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5 Kommentare

  • Ily

    Oder auch einfach zu weich gelagert, so dass das Baby den Kopf nicht hin und her drehen kann und damit keine gleichmäßige Belastung stattfindet. Schöner fester Untergrund statt dicke weiche Matratze wirken Wunder.

    • Unilein

      Halte ich für Quatsch, dass ausgerechnet die weiche Matratze den Kinderschädel besonders verformen soll …

      Die im Artikel angeführten Argumente klingen deutlich plausibler. Gerade der womöglich harte Kinderwagen, der ja auch über eventuell unebenen Boden fährt, trägt da bestimmt stark dazu bei …

      • Ily

        Ist aber kein Quatsch. Gerade die ganz jungen Säuglinge sind auf einer weichen Matratze kaum in der Lage, ihren Kopf ständig hin und her zu drehen und belasten daher ganz besonders den unmittelbaren Hinterkopf. Siehe dazu auch Bücher von Emmi Pikler oder Evelyn Podubrin-> freie Bewegungsentwicklung.

  • Dr. Philipp Bornschlegl

    Lieber Dr. Renz-Polster,
    vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag. Ich hatte in meiner Zeit in einer entsprechenden Fachambulanz wiederholt ähnliche Diskussionen mit vielen Eltern und es ist natürlich viel einfacher (und menschlicher), externe Faktoren für solche Entwicklungen verantwortlich zu machen und sich fremdgesteuert zu fühlen, als die eigenen Bequemlichkeiten zu hinterfragen.
    Leider wird es in der heutigen Zeit immer schwieriger, mit Eltern auf Augenhöhe eine konstruktive Aufklärung zu betreiben, da die Quellen unseriösen Wissens ins Unermessliche gestiegen sind und inzwischen auch die „Massenmedien“ nicht mehr zwischen subjektiven und objektiven Tatsachen unterscheiden können – ich denke hier vor allem an den erschreckenden Impf-Film ‚Eingeimpft‘. Aber ich schweife ab.
    Ein kleiner Kommentar noch: sie bringen in ihrem Text ein bisschen den Plagio- und den Brachyzephalus durcheinander, was glaube ich nach Lesen Ihrer Arbeit im Archive of Disease Childhood daran liegt, dass es diese Trennung im Anglizistischen nicht so gibt.
    Für mich erneut entscheidend ist das Fazit: Stillen und Tragen schützen!
    Mit freundlichen Grüßen aus Tansania,
    Dr. Philipp Bornschlegl

    • Wolf

      Rückenlage als sicherste Lage…hätte ich mich daran gehalten, wären mir zwei meiner drei Kinder im Säuglingsalter an ihrem eigenen Erbrochenen erstickt…denn trotz Bäuerchen neigten meine vollgestillten Kinder dazu sich in unregelmäßigen Abständen nach oben zu entleeren, weil ich wohl einfach zu viel Nahrung für sie produzierte…instinktiv ließ ich sie bei mir und die meiste Zeit in hochgelagerter Position im Tragetuch an mich gehockt schlafen, was mich auch zu einer gewissen förderlichen Ruhe zwang…das würde ich immer wieder so machen, auch ohne Speien..so fremdbestimmt man sich anfangs fühlt, umso mehr weiß ich diese Momente heute mit beginnender Pubertät zu schätzen..

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