Artikel3. Juni 2018

Einwurf: Der plattgelegene Hinterkopf ‐ ein kultureller Pflegefehler?

Jeder fünfte, ansonsten normal entwickelte Säugling fällt hierzulande durch einen abgeplatteten Hinterkopf auf, unter Kinderärzten auch als Plagiocephalie oder Brachycephalie bekannt. Die Abplattung rührt meist daher, dass die Schwerkraft zu einförmig auf die relativ weichen Schädelknochen des Säuglings einwirkt – sie wird deshalb häufig als „lagerungsbedingt“ bezeichnet (andere Ursachen, wie etwa ein zu früher Verschluss der Schädelnähte sind sehr selten).

Eine weitere Erklärung lässt dann meist nicht lange auf sich warten: dass diese Fälle in den letzten 20 Jahren zugenommen hätten, läge daran, dass Babys heute zur Vorbeugung der SIDS-Gefahr auf dem Rücken schliefen. Die abgeplatteten Hinterköpfe seien sozusagen eine Begleiterscheinung der jetzt sicheren Schlafposition.

Diese Argumentation überzeugt allerdings weder aus evolutionsbiologischer noch aus kulturvergleichender Sicht.

  • Erstens: die Abplattung des Hinterkopfs kann kein Teil der natürlichen Entwicklung sein, da sie dem „Kindchenschema“ zuwider läuft. Letzteres bildet sich eigentlich gerade in der Zeit aus, in der heute die Deformierung der Babyköpfe ihr Maximum erreicht, nämlich im 4., 5. Lebensmonat. (Unter „Kindchenschema“ werden die Signale verstanden, die ein Baby als niedlich und zuwendungsbedürftig erscheinen lässt: die Kulleraugen, die hohe Stirn, das Stupsnäschen, das fliehende Kinn, und eben – der gerundete Hinterkopf. Dass sich dieses Reizschema zur Mitte des ersten Lebensjahres entwickelt, hat damit zu tun, dass das Baby jetzt für weitere Versorger außer der Mutter attraktiv werden soll – es kann jetzt ja beigefüttert werden, d.h. die Versorgungslast auf mehr Schultern als nur die der stillenden Mutter verteilt werden. Gut also, wenn das Baby jetzt dick aufträgt.)
  • Zweitens: Die Plagiocephalie ist in manchen Kulturen und Subkulturen, die ihre Babys ebenfalls auf dem Rücken zum Schlafen legen, praktisch unbekannt. Man muss auf einem La Leche Liga Kongress lange suchen, bis man ein Baby mit plattem Kopf entdeckt, dasselbe gilt für viele traditionelle afrikanische Kulturen.

Die Epidemie scheint also nicht einfach ein Kollateralschaden der Rückenlagerung zu sein. Etwas zweites muss dazu kommen.

  • … etwa die Art des Babytransports. Autositz, Trageschale oder auch der Transport im Kinderwagen belasten den Kopf an immer der gleichen Stelle (unglücklicherweise trägt hierzu auch ein mechanischer Teufelskreis bei: sobald eine Abplattung des Schädels einmal vorliegt, wird das Baby diese Seite automatisch bevorzugen – der Babyschädel ist relativ schwer und lässt sich nicht so einfach für den Schlaf beliebig positionieren). Ganz anders beim Tragen eines Babys: die Kopfposition variiert, ein immer gleichförmiger Druck, etwa auf den Hinterkopf, lässt sich kaum über längere Zeit aufbauen.
  • … und die Art des Schlafens. Schläft ein gestilltes Baby im Nahbereich seiner Mutter, so hat es nicht nur einen weitaus aktiveren Schlaf (weniger Tiefschlafphasen mit starker Muskelentspannung, zumindest in den ersten Monaten), es wird zudem von der Mutter intuitiv häufig umpositioniert (und zwar in eine „stillbereite“ Position, also Rücken- oder Seitenlage). Ein lange anhaltender Druck auf die immer gleiche Stelle des Schädels ist da praktisch ausgeschlossen.

Ich halte die Epidemie der lagerungsbedingten Plagiocephalie deshalb für einen Hinweis auf einen kulturellen Pflegefehler. Der kindliche Schädel scheint schlichtweg nicht auf die Erfindung von Kinderwagen, Maxi-Cosi und eigenem Kinderbett vorbereitet zu sein.

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