Interview

Kinder verstehen: Interview

Das folgende Interview stammt aus dem Frühjahr 2009. In ihm erklärt der Autor, welche grundsätzlichen Gedanken dem Buch »Kinder verstehen« zugrunde liegen und wie das evolutionäre Konzept Eltern unterstützen kann.

Was ist das Besondere an Ihrem Buch?

Eltern haben es heute ganz schön schwer. Sie wissen sehr viel über den Umgang mit Kindern, aber in konkreten Fragen sind sie trotzdem oft unsicher. In meinem neuen Buch suche ich deshalb einen neuen Blickwinkel: warum entwickeln sich Kinder so wie sie sich entwickeln? Ich suche den Schlüssel für ihr Verhalten ganz bewusst in der Vergangenheit, genauer: in der Evolution. Denn die Evolution hat über Tausende von Jahren dafür gesorgt, dass kleine Menschen gut mit dem Leben zurechtkommen. Dieses Erbe wirkt auch heute noch.

Wie soll dieser Ansatz Eltern konkret helfen?

Eltern erleben das ja jeden Tag: ihre Kinder verhalten sich oft anders, als sie sich das wünschen. Die Kleinen wollen partout nicht einschlafen, kein Gemüse essen, dafür schreien sie stundenlang ohne erkennbaren Grund. Und von den Zornanfällen will ich gleich gar nicht anfangen. Es hat sich eingebürgert, all das als ein Defizit der Kinder zu sehen: Kinder sind eben noch nicht in der Lage, sich verständlich zu machen. Ihre Blasenfunktion ist noch »unreif«. Ihr Gehirn eine Baustelle. Oder sie tragen mit ihrem Verhalten irgendwelche Konflikte aus − mit sich, der Mutter oder ihrem Über-Ich. Immer ist das Kind schuld − oder aber die Eltern.

Eltern müssen also nicht immer gleich an sich selbst zweifeln?

Die Evolutionsforschung hat eine andere Antwort auf die Frage nach der »Schuld«. Sie sagt: Kinder entwickeln sich so, wie sie sich entwickeln, weil es einmal gut für ihr Überleben war. Ihr Verhalten war eine Stärke, kein Defekt. Hätten Kleinkinder früherer Jahrhunderte auf der Wiese wahllos grüne Blätter in den Mund gesteckt, hätten sie nicht lange überlebt. Kein Wunder, dass Kinder auch heute noch Gemüse skeptisch beäugen. Und dass kleine Kinder nicht so gerne alleine einschlafen, war früher fast schon eine Lebensversicherung: wer gerne alleine im Wald schlief war bald schon tot. Wer den »Sinn« hinter dem kindlichen Verhalten versteht, wird ihre Entwicklung gelassener begleiten können.

Liegt Ihrem Buch eine grundlegend andere Sichtweise zugrunde als den klassischen Ratgebern?

Ich finde viele heutige Ratgeber gut gelungen. Aber sie sehen das Kind manchmal als eine Art unreifen Erwachsenen. Da wünsche ich mir eindeutig mehr positives Denken! Statt nach dem zu suchen, was unseren Kindern fehlt, fragt »Kinder verstehen« nach den Vorteilen, die ein bestimmtes Verhalten bietet. Was bringt es dem Kind, so zu sein, wie es ist − und nicht anders? Also: Was hat das Kind davon, kein Gemüse zu essen? Was hat es davon, den Teller nicht leerzuessen? Was hat es vom Trotzen, was von dem Geschrei, wenn es alleine einschlafen soll? Kurz, dieses Buch nimmt an, dass Kinder gute und sinnvolle Gründe für ihr Verhalten haben. Das legt eine radikal andere Sicht der Entwicklung des Kindes nahe: Kindern fehlt es an nichts. Sie mögen unfertige Erwachsene sein − aber sie sind 100%ig dafür ausgerüstet, Kinder zu sein…

Lässt sich der Erziehungsalltag mit dem in diesem Buch ausgebreiteten Wissen besser bewältigen?

Das weiß ich ja auch als Vater: Wissen allein reicht nicht aus. Aber Verständnis kann einem schon den Rücken stärken. Wir Eltern haben ja immer unsere Ziele. Wir behandeln unsere Kinder so oder so DAMIT sie einmal das oder jenes tun oder lassen. Aber ich glaube, dass das nicht ausreicht. Wir müssen auch das WARUM verstehen: Was treibt unsere Kinder an? Was macht es ihnen manchmal heute so schwer? Und aus diesem Blickwinkel habe ich auch jedem Kapitel einen praktischen, auf den Erziehungsalltag zugeschnit-
tenen Teil beigefügt − konkrete Ratschläge, wie Eltern und Erzieher die »guten Gründe« des Kindes im täglichen Miteinander aufgreifen können.

Und Ihre Thesen sind wissenschaftlich untermauert?

Ich beschäftige mich seit Jahren damit, wie sich kindliche Entwicklung mit Hilfe der Evolutionsbiologie besser verstehen lässt. Für mein Buch habe ich hunderte von wissen-
schaftlichen Artikeln aus der Verhaltensforschung, der Entwicklungsforschung und der Evolutionsbiologie ausge-
wertet. Allein auf der Webseite zum Buch finden sich
über 500 Anmerkungen und Literaturverweise zum wissenschaftlichen Hintergrund meiner Erklärungen.

Warum sind so viele Eltern heute überhaupt so verunsichert?

Das ist eine gute Frage, denn eigentlich sollte man ja meinen, Erziehung würde uns sozusagen im Blut liegen. Aber so ist das nicht. Für viele von uns ist Eltern-Sein ein regelrechter Kaltstart. Denn selbst für den Umgang mit kleinen Kindern braucht es Erfahrung − und wo soll die denn heute herkommen? Jedenfalls stelle ich bei vielen jungen Familien fest, dass den Eltern der kleine Säugling ganz schön fremd ist und auch viel Angst macht. Gleichzeitig sehen sich heutige Eltern in einer ungeheuren Verantwortung: Sie wollen ihre Kinder optimal fördern,  damit sie in der Ellbogengesellschaft mithalten können.Und die ist nun einmal Realität! Und als sei das nicht genug, haben auch noch die großen Erziehungsleitbilder der letzten Generationen an Glanz verloren. Jeder, der heute Kinder bekommt, so scheint es mir, muss seine eigenen Antworten auf die alten Elternfragen nach dem Schlaf, dem Essen und dem Schreien der kleinen Kinder finden!

Aber gerade in diesem Bereich gibt es doch eine Menge guter Ratschläge auf dem Markt…

… und ich will die auch gar nicht anzweifeln. Nur ist es oft genug so, dass der Rat, der für das eine Kind passt, beim anderen gar nicht funktioniert. Deshalb ist mein Hauptanliegen eher das, dass Eltern ihre Kinder zuerst einmal verstehen: Was treibt sie an, was motiviert sie zu ihrem Tun und Lassen? Da helfen Rezepte oder bestimmte »Methoden« nicht weiter, sie gehen sozusagen am Kind vorbei.

Sie vermitteln also nicht eine neue Methode? Was ist dann das Ziel von »Kinder verstehen«?

Es geht mir um die Stärkung der Elternkompetenz durch die Vermittlung von wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen über die evolutionär vorgegebene Entwicklung von Kindern. Die Babys, die heute ihren sicheren Schlaf dem Leben in einem warmen, raubtiersicheren Kinderzimmer verdanken, sind ja mit den Babys identisch, die noch vor 10.000 Jahren nur in der körperlichen Nähe eines Erwachsenen wirklich sicher waren. Und daraus ergeben sich Probleme, an denen niemand »Schuld« hat − weder unsere Kinder noch wir Eltern. An manchen Stellen passen die Voreinstellungen unserer Kinder schlicht und einfach nicht mehr zu den veränderten Lebensbedingungen der modernen Welt! Und da hilft nur eines: dass wir Eltern immer wieder nach einem Kompromiss suchen, der die »Notwendigkeiten des Kindes« mit den Notwendigkeiten des modernen Lebens in Einklang bringt. Diese immer neu zu findende Passung wird in jeder Familie anders aussehen. »Kinder verstehen« kann helfen, dass diese Passung besser gelingt.

 

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