Kommentar12. September 2022

Die Ursache des Plötzlichen Kindstods gefunden?

Im Juni dieses Jahres erschien eine Studie, die ziemlich Wellen schlug. Die Ursache des Plötzlichen Kindstods sei gefunden! So hieß es in vielen Presse-Beiträgen. Nur: So einfach ist das nicht, leider. Und: Das Beispiel dieser Studie zeigt, was in der Kommunikation zwischen Wissenschaftler*innen und der Öffentlichkeit alles schieflaufen kann.

Die Ausgangslage: Im Juni 2022 erschien eine Studie zum Plötzlichen Kindstod mit dem Titel „Butyrylcholinesterase is a potential biomarker for Sudden Infant Death Syndrome“. Also: Butyrylcholinesterase ist ein möglicher Biomarker für Sudden Infant Death Syndrome.“ Biomarker, das sind messbare biologische Merkmale, denen damit auch ein Vorhersagewert zukommen kann. Tatsächlich schrieben die Autor*innen dazu das:

„This finding represents the possibility for the identification of infants at risk for SIDS infants prior to death.“

Also: mit ihrem Verfahren liessen sich vielleicht Babys bereits vor ihrem SIDS-Tod identifizieren!

Von da war es nur ein kleiner Schritt zu euphorischen Meldungen in der Presse, die oft den Tenor annahmen: Das Rätsel des Plötzlichen Kindstods sei gelöst, endlich!

Und natürlich griffen sie auch die Interpretation der Studienautoren auf: Man könne bestimmt bald schon die zukünftigen Opfer durch einen Test erkennen!

Mit beigetragen zu der großen Resonanz der Studie dürfte auch die damit zusammenhängende Geschichte gespielt haben – die Presse liebt (und lebt) schließlich von Geschichten! Die Erstautorin nämlich hat selbst ein Kind „an SIDS“ verloren.

Die Studie im Überblick

Jetzt aber zu der Studie selbst. Bisher ist die Ursache des Plötzlichen Kindstods unklar. Es sind lediglich Einflüsse bekannt, die dessen Wahrscheinlichkeit steigern können (etwa: mütterliches Zigarettenrauchen in der Schwangerschaft, Alkoholkonsum, Betten des Babys in Bauchlage, usw.) oder abschwächen können (etwa: Stillen). Hier eine ausführliche Übersicht zum Thema SIDS auf meinem Blog.

Zudem wird vermutet, dass vielleicht bestimmte ungünstige körperliche Anlagen ein Baby anfälliger gegenüber dem Plötzlichen Kindstod machen könnten. Hier wird schon seit längerem diskutiert, ob die von SIDS betroffenen Babys vielleicht weniger leicht aus dem Schlaf aufschrecken, wenn sie etwa in Luftnot geraten sind.

Die Forscher*innen dieser Studie setzten nun genau an dieser Überlegung an und gingen der Frage nach, ob sich vielleicht bei den durch SIDS verstorbenen Babys Hinweise auf eine solche gestörte Aufweckregulation nachweisen liesse. Dazu untersuchten sie 722 Blutproben (die wurden zuvor im Rahmen des Neugeborenen-Screening-Programms gewonnen) auf die Aktivität des Enzyms Butyrylcholinesterase (BChE). Letzteres Enzym ist für die Erregungsleitung im Gehirn wichtig und zwar insbesondere für die gute Funktion des unwillkürlichen (autonomen) Nervensystems, welches vor allem über den Hirnstamm reguliert wird. Die Forscher*innen verglichen nun die BChE-Spiegel in den Blutproben der an SIDS verstorben Säuglinge (das waren 67 Fälle) mit denen der überlebenden Säuglinge, wobei sie jeweils einem SIDS-„Fall“ 10 überlebende, zufällig ausgewählte Säuglinge zuordneten. Und stellten fest: Tatsächlich waren niedrige BChE-Spiegel (genauer, deren spezifische Aktivität) mit einem erhöhten SIDS-Risiko verbunden.

Nur, was heißt das?

Das Ergebnis ist tatsächlich interessant, weil es darauf hinweist, dass eine Fehlregulation des autonomen Nervensystems mit dem Plötzlichen Kindstod  zusammenhängen könnte. Allerdings reiht sich dieses Ergebnis ein in andere Studien, die einen ähnlichen Zusammenhang schon beschrieben haben. So liessen sich z.B. in neuropathologischen Studien bei an SIDS verstorbenen Kindern Defekte in genau den Regionen des Hirnstamms und Kleinhirns nachweisen, die für die autonome Steuerung zuständig sind. (Wobei natürlich unklar bleibt, ob die Fehlregulation des autonomen Nervensystems, auf welche diese Befunde hinweisen, ein anlagebedingtes – und deshalb womöglich nicht beeinflussbares – Phänomen ist. Oder ob diese Befunde bestimmte ungünstige intrauterine Einwirkungen widerspiegeln – etwa durch über Zigarettenrauch aufgenommene Toxine).

Und wie steht es mit der Hoffnung auf einen „Biomarker“? Hier enttäuscht die Studie. Denn zwar unterscheiden sich die gemessenen BChE-Werte zwischen den beiden Gruppen im Schnitt durchaus. Im Einzelfall allerdings streuen die Ergebnisse so stark, dass eine klare Trennung zwischen „normalen“ Werten und „mit späterem SIDS verbundenen“ Werten nicht möglich ist. Mit anderen Worten: Auch manche später an SIDS verstorbene Babys hatten normale Werte, während umgekehrt auch manche überlebende Babys erniedrigte Werte hatten. Auch war der Vorhersagewert eines niedrigen BChE-Wertes eher gering – in den Berechnungen der Forscher*innen war ein solcher erniedrigter Wert mit einem um etwa 66% erhöhten Risiko für SIDS verbunden. Nun mag dieser Wert mancher Leser*in vielleicht hoch erscheinen, muss aber in der Relation gesehen werden. So steigert etwa allein schon Rauchen in der Schwangerschaft das SIDS Risiko um etwa 400%. Auch bleibt das SIDS Risiko selbst bei einer relativen Erhöhung um 66% insgesamt immer noch klein – das Ausgangsrisiko für SIDS von hierzulande etwa 0,013 Prozent würde sich damit ja „nur“ auf 0,022 Prozent erhöhen. Ein einzelnes Baby hätte damit selbst mit diesem Risikomarker immer noch eine 99,98 prozentige Überlebenswahrscheinlichkeit (wir vergessen manchmal beim Plötzlichen Kindstod, dass es sich hier trotz aller berechtigter Angst um ein inzwischen seltenes Ereignis handelt).

Weitere Fragen offen

Zudem bleibt eine weitere Frage ungelöst: Sind die erniedrigten BChE -Spiegel wirklich Marker für den Plötzlichen Kindstod – oder zeigen sie lediglich andere, direktere Einflüsse an? Etwa eine vorgeburtliche Schädigung im Mutterleib (hier wären wir wieder zum Beispiel beim Rauchen in der Schwangerschaft, das ich deshalb sehr gerne erwähne, weil seine Bedeutung im Vergleich etwa zum aktuellen Rauchen stark unterschätzt wird). Und wenn sich die erniedrigten BChE-Spiegel tatsächlich als Marker für bestimmte Risikofaktoren herausstellten – wären dann nicht entsprechende Fragen nach diesen Einflüssen der kleinere Aufwand (wie etwa: haben Sie in der Schwangerschaft geraucht)? Selbst die Frage, ob das gemessene BChE wirklich mit dem im Gehirn wirksamen BChE korreliert, ist unklar – so enthält zum Beispiel auch Muttermilch (und womöglich auch Kolostrum) BChE, und ein niedrigerer BChE-Spiegel könnte vielleicht auch ein Marker für nicht-gestillte Kinder sein?

Von einem Screening Lichtjahre entfernt

Zum Ziel eines für Screeningzwecke verwendbaren Biomarkers sind wir also noch Lichtjahre entfernt. Dazu muss man wissen, dass ein Screeningtest eine heikle Gratwanderung zu vollbringen hat: Er muss die wirklichen Risikofälle zielgenau herausfiltern ohne die anderen Säuglinge fälschlicherweise zu Risikofällen zu erklären. Der Test hätte sonst selbst eine schädigende Wirkung, indem er unnötige Sorgen schürt. Zudem wäre unklar, wie mit einem positiven Resultat umzugehen wäre – es gibt bisher keine Methode um den Plötzlichen Kindstod zu verhindern, selbst Monitore haben sich als unwirksam erwiesen.

Wie gesagt: Wir sind unglaublich weit von dem Versprechen entfernt, das derzeit durch die Presselandschaft rauscht. Natürlich schade, aber eben auch ein Beispiel, wie leicht die Presse auf Wissenschaftsmeldungen hereinfällt, von denen sie einfach nichts versteht (das ist leider auch bei Long Covid der Fall, wo alle möglichen Propheten durch die Lande ziehen). Leider tragen – so auch im Falle der hier besprochenen SIDS-Studie – die Studienautor*innen selbst zu diesen Missverständnissen bei, indem sie überzogene Behauptungen über ihre Arbeiten in der Presse verbreiten.

Zum Thema SIDS wissen wir immerhin so viel (auch wenn das nicht immer so kommuniziert wird): SIDS ist an sich schon selten. Wenn SIDS aber passiert, dann betrifft er fast ausschließlich Säuglinge mit bestimmten, inzwischen klar definierten Risiken. Bei gestillten Säuglingen ohne vorgeburtliche Schädigungen und risikoarmem elterlichem Verhalten kommt SIDS praktisch nicht vor. (Ich werde dazu demnächst einen Blog-Beitrag schreiben, in dem ich auch über neuere spannende Erkenntnisse aus eigenen Arbeiten mit internationalen SIDS-Forscher*innen berichten werde.)

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Und noch etwas: Welcome back!

Zu guter Letzt: Welcome back! Ich habe eine Weile nichts mehr auf meinem Blog geschrieben. Das lag daran, dass ich jetzt lange Zeit einem anderen Thema gewidmet habe, das mich auch persönlich betrifft (Chronisches Fatigue Syndrom), und zu dem ich mit anderen im letzten Jahr mehrere  wissenschaftliche  Arbeiten publiziert habe und auch weiter die Forschung in diesem Feld begleite und kommentiere. Wer mir auf Twitter unter @RenzPolster folgt (das ist mein „Long Covid“ account) weiß, wovon ich rede. Ich werde aber, wie gesagt, nun wieder verstärkt über Themen der Kinderentwicklung und Kindergesundheit schreiben (auch auf Twitter, dann unter @kinderverstehen), denn daran hängt nach wie vor mein  ganzes Herz.

Und noch eine Nachricht will ich vermelden: Die komplett überarbeitete Neuausgabe von „Kinder verstehen“ ist soeben erschienen. Nach über 10 Jahren habe ich das ganze Buch aktualisiert und um das ergänzt, was zumindest mir neu auf diesem Planeten erscheint.

Dass da grad der Regenbogen rauskam als ich das Päckle vom Verlag ausgepackt habe, war wirklich Zufall.

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14 Kommentare

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  • Welli

    Ein schönes Bild lieber Dr. Renz-Polster. Vielen Dank auch für den Beitrag! Ich beschäftige mich mit dem Plötzlichen Kindstod (SIDS) seit elf Jahren und verfolge die Forschung, wobei es aus meiner Sicht keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse gibt. Aber eine neue Entwicklung ist, dass die Säuglingssterblichkeit im vergangenen Jahr im Vergleich zu den Vorjahren in Deutschland gestiegen ist, leider. Da wäre es natürlich interessant zu wissen, welche Todesursachen/Risikofaktoren zugenommen haben.

  • Friedo Pagel

    Eine Studie zu ME/CFS zusammen mit Frau Dr. Scheibenbogen. Gratulation!

    Was mich interessieren würde: Haben oder beabsichtigen Sie da auch so eine tolle Seite wie diese, um wissenschaftliche Ergebnisse Betroffenen und anderen am Thema interessierten näher zu bringen und sich mit ihnen auszutauschen?

    Warum ich frage? Ich selbst kenne solche Erschöpfung nicht, bin aber vor ca. 5 Jahren nahezu gleichzeitig mit jeweils einer Frau mit Burn Out (Frau damals 58) und einer mit ME/CFS (Frau, damals 35) konfrontiert worden. Die Symptombeschreibungen waren extrem ähnlich, bis auf einen markanten Unterschied: Sport (bei Burn Out hilfreich, bei ME/CFS absolut kontrainduziert).

    Auf Grund einer eigener Erkrankung (Morbus Meniere) war ich ziemlich vertraut mit „Behandlung“ durch Lifestyle-Veränderungen (https://www.diseasemaps.org/de/meniere/story/8519/).

    Leider wollten beide davon nichts wissen. Und man kann es ja nicht verordnen, dabei würde es vermutlich seine positive Wirkung einbüßen. Dennoch ein Thema, das mich immer wieder interessiert, zumal ähnlich wie beim Morbus Meniere oder bei Autoimmunerkrankungen wie ITP, die Verfügbarkeit von Cortisol dabei genauso eine entscheidende Rolle spielen könnte wie auch eine Reaktivierung von Herpes-Viren aus zeitlich weit zurückliegenden Infektionen, die in den Ganglien schlummern, um sich bei einem geschwächten Immunsystem wieder daraus hervorzuwagen.

    Sorry, an alle Mitleser hier. Ich weiß, es ist deplatziert und hat mit Kindern nichts zu tun. Aber ich habe zuerst gesucht, aber leider gar nichts gefunden. Und so ein Austausch wie hier kann m.E. Gold wert sein.

    • Herbert Renz-Polster

      Lieber Herr Pagel,
      nein, eine entsprechende Seite, das schaffe ich nicht, empfehle aber die sehr umfassenden Seiten der Dt. Ges. für ME/CFS, in deren ärztlichem Beirat ich bin:
      https://www.mecfs.de/
      Zu Depression/Burnout versus CFS:
      ME/CFS und Depression bzw. „Burn-out“ teilen die Kernsymptomatik von Fatigue und Schlafstörungen. Die Unterscheidung ist zur Vermeidung von Fehldiagnosen imperativ: (aus: https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s00108-022-01369-x.pdf)
      „Patient*innen mit Depression bzw. „Burn-out“ sind physisch leistungsfähig, leiden aber unter einer ausgeprägten Motivations- und Antriebsarmut. Patient*innen mit ME/CFS dagegen sind motiviert, aber physisch leistungsbeschränkt. Zudem müssen sich ME/CFS-Patient*innen an ihren „guten Tagen“ aktiv bremsen, um eine Exazerbation nach Anstrengung zu vermeiden.
      Patient*innen mit Depression bzw. „Burn-out“ geht es nach Sport in der Regel besser, der Zustand von Patient*innen mit ME/CFS dagegen wird durch Sport verschlechtert.“
      Eine Reaktivierung von Humanen Herpesviren, v.a. EBV, steht auch in der Diskussion von ME/CFS und LongCovid zentral. Danke!

  • Joseph Kuhn

    @ HRP:

    Danke für die gute Studienkriitik, sehr hilfreich.

    @ Welli:

    Dem Statistischen Bundesamt zufolge lag die Säuglingssterblichkeit 2021 mit 3,0 gestorbenen Säuglingen je 1.000 Lebendgeborenen so niedrig wie noch nie (2020: 3,1, 2019: 3,2, 2018: 3,2, 2017: 3,3 usw.).

    • Welli

      Vielen Dank für die Antwort!

  • LJB

    Tausend Dank für diese wie immer differenziert und spannend geschriebene Übersicht!
    Und Glückwunsch zu diesem wunderbaren Foto!

  • LJB

    und (ich oute mich mal als Kollegin) ich kann es gar nicht genug unterstützen, dass die verheerende Rolle des Rauchens in der Schwangerschaft in Ihrem Artikel nochmals betont wird! Danke!!!
    Mir dreht sich alles um, wenn ich das bei Schwangeren oder Jung-Eltern mitkriege und den Betroffenen ist wohl häufig gar nicht klar, wie sehr sie ihr Baby damit fürs Leben schädigen.
    (Natürlich, die betroffenen Eltern haben ihre Nöte und kriegen es oft nicht besser hin – aber wo sind die frühen (am besten pränatalen) niederschwelligen, nicht stigmatisierenden Hilfen? In Finnland ist glaube ich, der Erhalt der obligatorischen und begehrten Erstlingsbox an das Wahrnehmen der Vorsorgeuntersuchungen gekoppelt inkl Bluttest auf Nikotinfreiheit…)
    Jedenfalls: Weiter so, vielen Dank für den tollen Artikel und weiterhin alles Gute!!!

    • Herbert Renz-Polster

      Danke! … wobei man auch argumentieren könnte (und sollte, m.E.)
      – dass gerade für die Raucher*innen unter den Eltern der Kontakt zu (und die Zuwendung durch) das medizinische Versorgungssystem hilfreich wäre.
      – dass auch die Reduktion des Zigarettenkonsums unter manchen Umständen ein Ziel sein kann (SIDS-Risiko z.B. ist lineal assoziiert)
      – dass Hilfen zu smoking cessation vielleicht nur zugänglich werden, wenn es keine (wenn auch nur wahrgenommene „Bestrafung“ für Nikotinkonsum gibt.
      Es ist aber tatsächlich, wie so ift ein Gratwanderung zwischen Anreiz und Zugangsbeschränkung (für manche).

  • Daniela

    Ich schätze Sie sehr und lese gerne von Ihnen. Aber der Satz „bei gestillten Kindern ohne vorgeburtliche Schädigung im risikoarmen Elternhaus kommt SIDS praktisch nicht vor“ finde ich leider sehr problematisch. Ich arbeite mit Eltern, deren Kind in der Schwangerschaft, rund um die Geburt oder im ersten Lebensjahr verstorben ist. Sehr selten ist ein SIDS Fall in den ersten Lebensmonaten dabei, aber was sage ich den Eltern, wenn es eben doch vorkommt. Wenn sie ein lang gestilltes Baby liebevoll und gesund versorgt und umsorgt verloren haben. Kommt eigentlich nicht vor? Wie geht es den Eltern wohl, wenn sie Ihren Artikel lesen- wenn da ohnehin schon so viele Schuldgefühle sind und dann noch mal suggeriert wird, sie hätten etwas falsch gemacht in der Schwangerschaft oder nach der Geburt, sonst wäre das nicht passiert. Kommt nämlich eigentlich nicht vor. Doch kommt vor. Ganz ganz ganz selten- da stimme ich Ihnen zu- aber bitte bedenken Sie vielleicht in all der medizinischen und analytischen Ausdrucksweise, dass da eben trotz aller Seltenheit in Summe doch einige Menschen sind, die nicht geraucht und alles richtig gemacht haben und trotzdem… Danke.

    • Herbert Renz-Polster

      Sie haben Recht mit der Aussage: „Doch, kommt vor“ (also auch wenn alles stimmt und keine Belastungen vorliegen). Auch sind manche belastenden Faktoren gar nicht in der Hand der Eltern (etwa Risikoerhöhung bei Frühgeburtlichkeit, small for Date usw.). Das ist mir klar und es geht in dieser Aussage auch nicht um die Frage von Schuld oder Nicht-Schuld. Trotzdem ist es für viele Eltern wichtig zu wissen, unter welchen Umständen SIDS vorkommt und unter welchen er eben sehr sehr selten ist, diese Perspektive wird m.E. zu selten vermittelt. Trotzdem nehme ich mir Ihren Hinweis zu Herzen, das Risiko eines Missverständnisses ist tatsächlich gegeben. Danke

  • Katha

    Lieber Herr Dr. Renz-Polster,

    Vielen Dank, dass Sie „zurück“ sind 🙂

    Ich freue mich, dass Sie noch mehr zu SIDS schreiben wollen. Eine persönliche Bitte: könnten Sie auf den Risikofaktor „Bauchlage“ näher eingehen?

    Unser drittes Kind ist nun 6 Monate alt. Seit nun fast 2 Monaten dreht es sich nachts immer wieder in die Bauchlage. Wenn ich es bemerke, drehe ich sie zurück (schläft neben mir).

    Unsere anderen beiden Kinder schlafen auch bevorzugt in Bauchlage – allerdings haben die diese Position erst später für sich entdeckt, so dass ich mir keine Sorgen gemacht habe.

    Eine Freundin ist Ostheopatin und sie meinte, die Bauchlage sei zu unrecht so verteufelt. Ostheopaten hätten die Bauchlage sehr gern, weil Spannungen abgebaut würden. Sie sei auch sehr bequem, im Gegensatz zur Rückenlage.

    Sie sagte zudem, die Studie, die zu der Ablehnung der Bauchlage geführt hatte, sei schon sehr alt und dass die Rückenlage zu Unrecht als so wahnsinnig sicher eingestuft wird, weil eben auch Kinder in Rückenlage verstarben, nicht nur in Bauchlage. Leider wurden keine anderen Faktoren mit abgefragt, wie zum Beispiel das Rauchen. So könnte es auch sein, dass die Kombination „Rauchen + Bauchlage“ häufiger vorkam als „Rauchen + Rückenlage“.

    Ich wäre sehr dankbar, wenn Sie den Punkt näher betrachten könnten.

    Mein Eindruck ist tatsächlich, dass mein Baby den Bauch bevorzugt und am liebsten würde ich sie „ihr Ding“ machen lassen ohne Sorgen und schlechtes Gewissen.

    Vielen Dank.

    Viele Grüße,
    Katharina

    • Herbert Renz-Polster

      Danke, und ja, ich werde kommentieren. Sobald sich Säuglinge selber drehen können nimmt über die Hälfte die Bauchlage ein. Nur noch 10 – 15% der SIDS Fälle treten im zweiten Halbjahr (also ab 6 Monate) auf. Auch SIDS in Bauchlage kommt dann kaum mehr vor.
      Die Bauchlage ist in allen Studien mit einem erhöhten SIDS-Risiko verbunden (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15843394/ – ist zwar nur bis 2002, aber es geht so weiter 😉 – und bleibt auch dann als Risiko bestehen, wenn für Rauchen adjustiert wird.
      Es ist ein sehr komplexes Thema, wirklich.

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