Fachartikel30. März 2019

Erziehung zur Selbstständigkeit? (Fachartikel)

Wie lässt sich Selbstständigkeit fördern?

Können Kinder zur Selbstständigkeit erzogen werden? Die Entwicklungspsychologie weist auf ein Dilemma: die fundamentalen Kompetenzen der Entwicklung müssen vom Kind selbst aufgebaut werden. Wie gehen sie dabei vor?

Kinder stehen in ihrer Entwicklung vor gewaltigen Herausforderungen:

  • … sie müssen lernen, mit sich selbst klar zu kommen, also ihre Gefühlswelt kennen lernen und ihre Impulse und Emotionen in den Griff bekommen (Aufbau exekutiver Kontrolle)
  • … sie müssen aber auch lernen, mit anderen Menschen klar zu kommen und als Gruppe nach Regeln zu funktionieren (Aufbau sozialer Kompetenz). Als Voraussetzung hierzu müssen sie eine „Theorie des Geistes“ bilden, also lernen, sich in die Gedanken, Gefühle und Werte der anderen hinein zu versetzen und die Welt auch aus deren Perspektive zu sehen, zu begreifen und zu bewerten (und das nach und nach auch in moralischer Hinsicht).
  • …und sie müssen innere Stärke aufbauen – also eine Art Rückgrat, das ihnen hilft, bei Widerständen nicht gleich aufzugeben (Aufbau von Resilienz).
  • … und noch etwas weiteres, spezifisch Menschliches, steht auf der Agenda: die Kinder müssen lernen schöpferisch zu denken und zu handeln – also nicht nur kopieren, was schon da ist und was die anderen machen, sondern immer auch das Bestehende verändern und zu Neuem formen (Aufbau von Kreativität).

Diese Kompetenzen sind allesamt für die Entwicklung der Persönlichkeit unverhandelbar – ja, sie können geradezu als deren Grundlage und damit als Fundamentalkompetenzen der Entwicklung betrachtet werden. Sie sind gleichzeitig die Voraussetzungen für ein selbstständiges Leben (das – anders als der Begriff der „Selbst“-Ständigkeit suggeriert – ja nicht nur auf Eigenkompetenz, sondern immer auch auf sozialen Fähigkeiten beruht).

Nicht vermittelbar

Diese der Selbstständigkeit dienenden Entwicklungsgrundlagen haben einen gemeinsamen Nenner: sie können dem Kind nicht vermittelt werden. Man kann ein Kind nicht darüber belehren, wie es innerlich stark wird. Auch Mitgefühl kann man einem Kind nicht beibringen, und soziale Kompetenz lässt sich einem Kind selbst durch das pädagogisch wertvollste Programm nicht anerziehen. Genausowenig die Kreativität. Das Fundament der kindlichen Entwicklung beruht vielmehr auf Erfahrungslernen. Hier versagt – das zeigt die Geschichte der Erziehung deutlich – sowohl das autoritäre Lernmodell (Lernen entlang eines Machtgefälles vom Erwachsenen zum Kind) als auch das didaktische Modell (Lernen entlang eines Wissens- oder Kompetenzgefälles vom Erzieher zum Kind). Vielmehr beruht dieses Lernen auf einem Prozess der durch Beziehungen geleiteten Selbstorganisation.

Emotionale Sicherheit als Eintrittskarte

Was darunter zu verstehen ist, erschließt sich, wenn man die kindliche Entwicklung in ihren Grundzügen nachzeichnet. Da begegnet uns nämlich ein von den ersten Lebenstagen an auf Selbstwirksamkeit angelegtes Kind. Ein Kind also, das die physikalische Welt erforschen und auch die soziale Welt mitgestalten will. Dieser Explorations- oder Selbstwirksamkeitstrieb ist die Voraussetzung des kindlichen Lernens und hängt – das vergessen wir manchmal – direkt  mit dem frühkindlichen Bindungssystem zusammen. Das Explorationsverhalten wird nämlich nur dann aktiviert, wenn das Baby bzw. Kleinkind sich emotional sicher fühlt. Kinder, die sich nicht geschützt, wohl und – im Sinn des Wortes – beheimatet fühlen, sind der Welt ausgeliefert; sie gehen nicht auf Entdeckungstour, ihr Lernen lahmt.

Die kindliche Neu-, Lern- und Entdeckungslust setzt also funktionierende Beziehungen zu den Bezugspersonen voraus: ich sorge für Dich, ich bin für Dich da, wenn Du in Not kommst, ich biete Dir verlässlich Schutz. Diese nach der klassischen Bindungstheorie auch als „sichere Bindung“ bezeichnete Grunderfahrung bildet den entscheidenden Rahmen für das kindliche Erfahrungslernen: in diesem abgesicherten Resonanzraum legt das Kind durch die tägliche Begegnung mit der Welt aktiv und eigenmotiviert die Grundmuster seiner emotionalen und sozialen Entwicklung an. Tatsächlich kann in Vergleichsstudien gezeigt werden, dass sicher gebundene Säuglinge und Kleinkinder in allen Domainen Entwicklungsvorteile haben: beim Aufbau der „Theorie des Geistes“, bei der emotionalen Regulation, beim Aufbau der exekutiven Kontrolle (sicher gebundene Säuglinge können sich beispielsweise mit vier Jahren im Schnitt doppelt so lang konzentrieren als in unsicheren Beziehungen aufgewachsene Säuglinge), bei der Entwicklung sozialer Kompetenz und beim Zugewinn an Resilienz.

Der Zusammenhang von Bindungssicherheit und Explorations- bzw. Lernfähigkeit erklärt auch, weshalb sich Selbstständigkeit – anders als in der Laienpresse teilweise noch immer dargestellt – nicht dadurch einstellt, dass den Kindern schon früh Nähe und elterliche Hilfe bei der emotionalen Regulation entzogen wird, etwa beim – dann als „selbstständig“ bezeichneten – Einschlafen (Eine ausführliche, und wichtige Diskussion zum Thema Nähe und Selbstständigkeit ist hier zu finden).

Kinder brauchen Kinder

Dem Pfad der Selbstwirksamkeit folgt das Kind weiter, wenn es ab dem dritten Lebensjahr sein primäres Bindungssystem erweitert und sich jetzt auf die sozialen Erfahrungen mit anderen, nicht unmittelbar seinem Schutz und seiner Versorgung dienenden Menschen einlässt – insebsondere mit anderen Kindern. Tatsächlich ist die Kindheit aus humanethologischer, kulturvergleichender und auch historischer Sicht eine Entwicklungsstrecke, die Kinder zu weiten Teilen auf Augenhöhe mit anderen Kindern verbrachten. Auch aus der entwicklungspsychologischen Literatur spricht vieles dafür, dass Kinder ab dem späteren Kleinkindalter auch andere Kinder – und zwar auf unterschiedlichen Entwicklungsniveaus, also in einem gemischtaltrigen Kontext – brauchen, um sich als wirksam, gestaltmächtig, kreativ und kompetent zu erfahren, d.h. sich in körperlicher, emotionaler und sozialer Hinsicht weiter zu entwickeln.

Auf diese Erfahrungen hin ist insbesondere das frei gestaltete kindliche Spiel ausgerichtet, in dem Kinder in einem Prozess der Selbstorganisation all die Elemente „konstruieren“, die sie jetzt für den weiteren Aufbau ihrer Fundamentalkompetenzen brauchen: an ihren Entwicklungsstand angepasste Widerstände, an ihre Entwicklungsängste angepasste Angst-Lust-Erlebnisse (= „Abenteuer“), an ihre sozialen Bedürfnisse angepasste „Kinderbanden“. (Es ist in diesem Zusammenhang auch kein Zufall, dass die von Kindern am meisten geliebten Bücher eigentlich von der Selbst-Organisation in Kindergruppen handeln, von Pipi Langstrumpf über die Rote Zora bis zu den fünf Freunden.) Für diese spielerische Entwicklungsbewältigung suchen sich Kinder – wenn sie können – einen adäquaten, und das heisst möglichst wenig strukturierten und damit gestaltbaren Entdeckungs- und Gestaltungsraum, gerne auch die „freie“ (vielleicht nicht ohne Grund so benannte?) Natur.

Frühpädagogik im Dilemma

Während vom Kind aus betrachtet die Kindheit ab dem Kleinkindalter immer vom selbst gestalteten Spiel in informellen Kindergruppen geprägt war, hat die Pädagogik in den letzten 20 Jahren im Zuge der sich beschleunigenden ökonomischen Globalisierung eine grundsätzlich andere Bewertung vorgenommen. Ganz in den Mittelpunkt von Erziehung und Bildung sind die kognitiven Kompetenzen gerückt, deren Wertigkeit in einer stark arbeitsteiligen Gesellschaft deutlich zugenommen haben. Die Förderung dieses Ausschnitts der kindlichen Fähigkeiten dominiert jetzt den Kinderalltag in weit stärkerem Maß als in allen Generationen zuvor, gleichzeitig erscheint die Sozialisation immer stärker individualisiert und auf die Leistungen des Einzelnen ausgerichtet.

Entsprechend findet Kindheit heute häufig in einem an eng gefassten Leistungszielen ausgerichteten Raum und Rahmen statt, zumeist unter direkter Anleitung von Erwachsenen. Stark zurückgedrängt ist das Element der sozialen Selbst-Organisation und insbesondere das ungeleitete Spiel unter Kindern, deren eigene Kultur generell adultisiert erscheint: die Kinder sollen im Grunde wie kleine Erwachsene leben und lernen und orientieren sich auch tatsächlich immer früher an Körper- und Rollenbildern aus der Erwachsenenwelt.

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Dies scheint aus dem oben skizzierten Blick auf die kindliche Entwicklung problematisch. Denn auch heute sind Kinder für einen nach menschlichem Maßstab bemessenen „Lebenserfolg“ auf die Ausbildung ihrer fundamentalen Kompetenzen angewiesen. Ihre primäre Entwicklungsaufgabe ist und bleibt nun einmal die: das Beste aus den beständigen – und unvorhersehbaren – Veränderungen machen, die das menschliche Miteinander schon immer charakterisiert haben. Kompetenzen in einzelnen Domänen ohne Verankerung in einer gefestigten Persönlichkeit können zu hohen persönlichen Kosten an Lebensglück, Gesundheit und generellem Wohlergehen führen. Ebenso können gesellschaftliche Kosten anfallen – der oft von sozialer und emotionaler Verwahrlosung geprägte Zustand der „Eliten“ gerade in den am meisten auf Konkurrenz und individuelle Leistung ausgerichteten Bereichen der globalisierten Wirtschaft kann als Zeichen dafür gelten.

Erziehung zur Selbstständigkeit im Sinne der kindlichen Entwicklungsdynamik ist deshalb auch heute ein hoch relevantes Thema. Es wird dadurch kompliziert, dass der Aufbau der Fundamentalkompetenzen im Kern eine Agenda der Kindheit ist und in keinem späteren Lebensabschnitt nachgeholt werden kann.

Eine weitere Herausforderung ergibt sich dadurch – dies sollte dieser Artikel gezeigt haben -, dass es eine „Erziehung zur Selbstständigkeit“ im klassischen Sinn nicht gibt, weil sich die fundamentalen Lebenskompetenzen des Menschen in einem von Beziehungen geleiteten, aber im Grund auf Selbstorganisation beruhenden Systemprozess ausbilden.

Dieser Beitrag beruht auf dem Buch des Kinderarztes und Wissenschaftlers Dr. Herbert Renz-Polster: „Menschenkinder – Plädoyer für eine artgerechte Erziehung". Es stellt die vielen Behauptungen und Theorien über Kinder konsequent auf den Prüfstand.
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