Kommentar9. September 2020

Corona – die ausgebliebene Katastrophe

Warum die Pandemie in Entwicklungsländer anders verläuft als erwartet

Reden wir heute von dem sonst oft vergessenen Teil der Welt - den Enwicklungsländern. Was wurde ihnen nicht alles prophezeit! Von eine Katastrophe biblischen Ausmaßes war die Rede. Prof. Drosten sprach von "Szenen, die wir uns so heute nicht vorstellen können". Inzwischen aber hört man von  afrikanischen Intellektuellen das: "Die Europäer machen sich Sorgen um uns. Aber wir machen uns Sorgen um sie." Was ist passiert?


Rund um die Corona-Pandemie gibt es noch immer ein paar ungelöste Rätsel. Etwa die Frage, warum die Sterblichkeit an COVID-19 in den letzten Monaten so stark zurückgegangen ist. In Großbritannien etwa sank die Krankenhaussterblichkeit von April 2020 bis heute von 6 auf 1,5 %. Manche Krankenhäuser Italiens berichten gar von einem Rückgang der Sterblichkeit um das 12-fache. Geht dem Virus die Puste aus? (Die Antwort heißt Nein, dennoch ist die Entwicklung interessant).

Ein anderes Thema, das jetzt wieder häufiger aus der Rätsel-Kiste gezogen wird, ist das Thema „Herdenimmunität“:  Könnte das Prinzip nicht vielleicht doch funktionieren? (Die Antwort heißt: Es kommt auf den geografischen Standort an, die Frage ist interessant). Kurz, den Corona-Debatten geht der Stoff nicht aus (ich gehe auf diese Fragen im Detail in meinem zusammenfassenden eBook zur Corona-Pandemie ein).

Afrika in Not

„Der beste Ratschlag an Afrika ist, sich auf das Schlimmste vorzubereiten, und heute damit anzufangen.“

So vor wenigen Monaten der WHO-Generalsekretär Adhanom Ghebreyesus. Die Bill Gates Stiftung rechnete mit mehr als 10 Millionen Toten.

Schaut man allerdings heute auf die Entwicklungsländer, so ist die Sterblichkeit an COVID-19 dort sehr überschaubar – von wenigen urbanen Hotspots in Südafrika abgesehen.

Natürlich gibt es auch in Afrika Tote zu betrauern, aber von einem Massensterben kann nicht die Rede sein. Tatsächlich gehen die offiziellen Sterbedaten für Afrika derzeit von einer etwa 40 mal geringeren bevölkerungsbezogenen Sterblichkeit aus als in Europa. Nun muss man diesen Daten gewiss  mit einiger Skepsis begegnen. Dennoch lässt sich eines mit Sicherheit sagen: In praktisch allen afrikanischen Ländern ist der vorhergesagte Gesundheitsnotstand bisher ausgeblieben. Wenn Afrika tatsächlich von einem Massensterben geschüttelt würde, die Welt hätte inzwischen davon erfahren.

Noch bemerkenswerter ist die Situation, wenn man die unterschiedliche Ausgangslage der Entwicklungsländer betrachtet. Sie begegnen der Pandemie ja praktisch ohne nennenswerte intensivmedizinische Kapazitäten. Verfügten die Länder Afrikas über dieselben medizinischen Möglichkeiten wie die erste Welt, fiele der Vergleich sicherlich noch viel krasser aus.

Noch nicht angekommen?

Nun kann argumentiert werden, dass die COVID-Welle vielleicht noch gar nicht richtig in Afrika angekommen ist. Die verfügbaren Daten hierzu sind tatsächlich lückenhaft. Allerdings spricht vieles dafür, dass die Welle zumindest in vielen  urbanen Gebieten bereits ihr Maximum erreicht hat, und dies in ländlichen Gebieten innerhalb von wenigen Monaten tun wird. Im zu Nigeria gehörigen Niger sind insgesamt ein Viertel der Bevölkerung antikörper-positiv, hat eine SARS-CoV-2 Infektion also bereits durchgemacht (dabei liefern Seroprävalenzdaten aus methodischen Gründen eher eine Unterschätzung der tatsächlich vorhandenen Immunität). Derweil berichtet die WHO für Nigeria etwa 5 COVID-19-Tote pro Million Einwohner. Selbst wenn es zehn mal mehr wären, läge Nigeria damit noch bei einer 10 mal geringeren Sterblichkeit als etwa Großbritannien (wo allenfalls 6 bis 9% der Bevölkerung das Virus bereits durchgemacht haben).

Wenig effektive Gegenwehr

Was sich dagegen mit großer Sicherheit sagen lässt, ist, dass die gute Lage in Afrika eher wenig mit den dort ergriffenen Maßnahmen zu tun hat. Tatsächlich wurden in vielen afrikanischen Ländern schon frühzeitig Lockdowns angeordnet – meist mit landestypischer autoritärer Härte. Allerdings war die Effektivität der Maßnahmen eher bescheiden, weil nur ein kleiner Teil der Bevölkerung überhaupt die Möglichkeit hatte mehrere Tage ohne Einkommen und soziale Aktivität auszukommen. Zudem leben die Menschen kaum irgendwo dichter gedrängt als in Afrika, und nirgendwo haben die Generationen engeren Kontakt als auf diesem Kontinent. Soziale Distanzierungsmaßnahmen erreichen in Entwicklungsländern deshalb aus verständlichen Gründen kaum jemals die gesetzten gesundheitspolitischen Ziele – umso zuverlässiger lösen die Maßnahmen soziale Krisen aus, die große Teile der Bevölkerung existentiell gefährden. Es ist deshalb absehbar, dass in den armen Ländern mehr Menschen durch die Bekämpfung der Pandemie zu Schaden kommen als an der Pandemie selbst.

Noch krasser wird der Vergleich mit Blick auf die übrigen Gesundheitsprobleme, welche die armen Länder plagen. Allein an Tuberkulose lassen jedes Jahr 1,5 Millionen Menschen in den Entwicklungsländern ihr Leben. Auch die Masern fordern dort jedes Jahr 140 000 Menschenleben (die Zahl muss  inzwischen stark nach oben korrigiert werden – weil aufgrund der SARS-CoV-2 Epidemie die Impfprogramme nicht mehr effektiv durchgeführt werden konnten und können).

Ein Blick auf andere arme Länder

Überraschend glimpflich davon zu kommen scheint auch der indische Subkontinent. Und das trotz der inzwischen täglich gemeldeten „Rekordzahlen“ an Infektionen.

Zu diesen Zahlen will ich hier kurz etwas sagen: Es gehört für mich zu den ärgerlichsten Tatsachen rund um diese Pandemie, wie schlampig ein großer Teil der seriösen Presse die Meldezahlen zum Pandemieverlauf noch immer behandelt.  „Indien meldet weltweiten Rekord bei täglichen Neuinfektionen“ heisst es dann. Oder: „Die USA sind das am stärksten von der Corona-Pandemie betroffene Land weltweit“. Und dann werden allen Ernstes Grafiken und Tabellen präsentiert, in denen die aus den verschiedenen Ländern gemeldeten Todes- oder Infiziertenzahlen verglichen werden. Da stehen dann Zahlen nebeneinander aus Ländern wie Schweden (10 Millionen Einwohner), den USA (330 Millionen Einwohner)  und Indien (1,3 Milliarden Einwohner, also  130 mal mehr als Schweden). Man kann diese Vergleiche vielleicht als Statistik-Pornos bezeichnen, nicht aber als seriöse Berichterstattung.

Was passiert in Indien?

Schauen wir uns das derzeit in den Statistik-Pornos „führende“ Land Indien also einmal an. Auf dem Subkontinent mit seinen 1300 Millionen Einwohnern war der Lockdown zwar streng aber verständlicherweise kaum effizienter als die Lockdowns in Afrika. Trotzdem hält sich auch in Indien die Sterblichkeit auf einem weit niedrigeren Niveau als ursprünglich angenommen: Nach 5 Monaten Pandemie sind dort etwa 60  Menschen pro Million Einwohner an COVID-19 verstorben (Stand Mitte September 2020). Natürlich sind auch in Indien die offiziellen Zahlen mit Vorsicht zu geniessen. Aber selbst wenn es doppelt so viele Tote wären – dann wäre das immer noch eine um ein Vielfaches geringere Zahl als in Belgien oder Großbritannien (dort gibt es bisher etwa 700 Verstorbene pro Million Einwohner). Gleichzeitig zeigen aktuelle Daten, dass in manchen indischen Hotspots bereits ein Viertel der Bevölkerung die Infektion durchgemacht hat, in manchen städtischen Slums haben sogar fast 55 % bereits Antikörper gegen SARS-CoV-2 gebildet. Ähnliches gilt für manche ländlichen Regionen Indiens.

Nun heisst das nicht, dass Indien jetzt mit der Pandemie „durch“ ist. Tatsächlich liegt die Durchseuchung gerade in den reicheren städtischen Gebieten – also dort, wo auch in Indien eher ältere und vorerkrankte Menschen leben – deutlich niedriger (eine Studie aus Mumbai nennt für die reicheren Wohnbezirke eine Seroprävalenz von 16%). Auch in Indien wird die Sterblichkeit noch weiter ansteigen. Absehbar ist allerdings, dass sie die Standards der industrialisierten Welt bei weitem nicht erreichen wird (grob gemittelt liegt die Durchseuchung in der industrialisierten Welt insgesamt gegenwärtig bei weit unter 5%).

Das für Indien Gesagte dürfte ganz ähnlich auch für Pakistan gelten – auch dort sind die mit COVID-19 verbundenen Sterbezahlen undramatisch – und dass die Pandemie auch in Pakistan einen weiten Teil der Bevölkerung bereits erfasst hat, zeigen Verlaufs-Studien zur Dynamik der Pandemie: innerhalb von nur 2 Monaten (von April bis Juni 2020) nahm die Antikörperprävalenz in Karachi um das 40-fache zu! Inzwischen, das zeigen gleich mehrere Antikörper-Studien in Karachi, dürften dort bis zu  40 % antikörper-positiv sein. Ähnliches gilt für Bangladesh. Stellt man nun in Rechnung, dass Antikörperstudien die wirkliche Immunität gegenüber SARS-CoV-2 deutlich unterschätzen, weil insbesondere mild oder asymptomatisch infizierte Haushaltskontakte oft keine Antikörper entwickeln, aber dennoch eine spezifische T-Zell-Immunität aufbauen, dann kann man nur eines sagen: Zumindest in den urbanen Zentren des Subkontinents ist diese Pandemie schon weit fortgeschritten, an vielen Orten hat sie möglicherweise schon über ihren natürlichen Scheitelpunkt überschritten.

Für mich ist dieser Blick auf den indischen Subkontinent deshalb wichtig, weil zuletzt in Bezug auf Afrika in Frage gestellt wurde, ob die Seroprävalenzdaten dort überhaupt verlässlich seien, weil dort doch eigentlich gerade auf dem Land mehr COVID-19-Todesfälle zu erwarten seien („Dort werden die Leute ganz schön alt und die haben auch zum Teil gesundheitliche Probleme“). Nun verfügen Indien und Pakistan im Vergleich zu vielen afrikanischen Ländern über leistungsstarke universitäre Forschungseinrichtungen, nur: Sie kommen allerdings offenbar zu demselben Ergebnis wie ihre vielleicht tatsächlich eher mit Bordmitteln arbeitenden afrikanischen Kollegen: Die Pandemie ist in den Entwicklungsländern schon viel weiter vorangeschritten als in der „Ersten“ Welt. Und das bei sehr geringer Sterblichkeit.

Und in den Flüchtlingslagern, etwa in Griechenland? Da herrscht das gleiche Elend wie zuvor. Allerdings hat COVID-19 bisher nicht dazu beigetragen.

Ein Blick auf die Schwellenländer

Das Gesagte spricht dafür, dass die Pandemie in den ärmeren Ländern ganz anders verläuft als in den reicheren. Als Einwand dagegen könnte man nun auf Brasilien, Mexiko, Peru und Chile verweisen. Oder auf den Iran.

Die Liste der genannten Länder weist allerdings als erstes  auf ein Missverständnis: Bei diesen Ländern Ländern handelt es sich nicht um Entwicklungsländer, sondern um Schwellenländer. Tatsächlich verlief die SARS-CoV-2 Pandemie dort anders als in den Entwicklungsländern – aber auch anders als in den Industrieländern.

Nehmen wir Brasilien, derzeit eines der von der Pandemie stark betroffenen Länder. In den afrikanischen Ländern sind nur 2% der Bevölkerung älter als 65 Jahre, das mediane Alter liegt bei 19 Jahren. Zum Vergleich: das mediane Alter in Brasilien liegt bei 31 Jahren, 9,3 % der Bevölkerung sind über 65 Jahre alt (in Deutschland liegt das mediane Alter bei 46,5 Jahren, 21% der Bevölkerung sind über 65 Jahre alt). Der Anteil der Kinder unter 15 Jahren an der Bevölkerung liegt in Brasilien bei 25%, also im mittleren Bereich (zum Vergleich: in Afrika liegt der Kinderanteil bei 41% der Bevölkerung, in Deutschland bei ca. 13%). Kurz: die Schwellenländer befinden sich ebenfalls im demographischen Übergang, ihre Bevölkerung ist, wenn man so will, „mittelalt“.

Und die Sterblichkeit an COVID-19? Sie liegt in Brasilien tatsächlich in einem mittleren Bereich, zumindest wenn man die Zahlen zum Stand der Epidemie in Beziehung setzt (was man tun sollte, wenn man den Pandemieverlauf in verschiedenen Ländern vergleichen will). Stand heute (10.9.2020) hat Brasilien 600 COVID-19-Todesfällen pro Million Einwohner zu beklagen. Das mag zu den Ländern der „Ersten“ Welt vergleichbar erscheinen (zum Vergleich: Belgien: 800/Mio, GB 650/Mio, USA 580/Mio). Allerdings dürfte Brasilien eine insgesamt deutlich höhere Durchseuchung aufweisen als die genannten Vergleichsländer. Im stark betroffenen brasilianischen Bundesstaat Maranhão etwa haben nach jüngeren Daten um die 40% der Gesamtbevölkerung das Virus bereits durchgemacht. Für Manaus, einer Stadt im Amazonasbecken, wurde schon Ende Juni eine Seroprävalenz von über 50% gemessen.

Auch in manchen Küstengebieten Ecuadors (das teilweise schon früh und schwer von COVID-19 betroffen wurde) liegt die Durchseuchung inzwischen so hoch, dass die Sterbezahlen an SARS-CoV-2 auch ohne Beschränkungsmaßnahmen wieder rückläufig sind. Auch aus anderen lateinamerikanischen Ländern werden hohe Durchseuchungsquoten gemeldet – z.B. über 25% für das peruanische Lima. Zum Vergleich: die Rate an durchgemachten Infektionen liegt in Italien landesweit bei vielleicht 2 oder 3 Prozent, in Deutschland sind es wahrscheinlich sogar noch weniger.

Ähnliches gilt für den Iran. Die COVID-Sterblichkeit liegt dort derzeit bei etwa 275 pro Million Einwohner, also im weltweiten Vergleich in einem mittleren Bereich. Nun sind die Statistiken sicherlich nicht verlässlich, die Sterbeziffern dürften höher liegen. Dennoch lässt sich abschätzen, dass die Sterblichkeit bezogen auf die Durchseuchung wahrscheinlich längst nicht an die Zahlen aus Europa heranreichen wird, für den Iran lässt sich nämlich zumindest für die stärker betroffenen Gegenden eine Durchseuchungsrate von etwa 22% annehmen. In den ärmeren Gemeinden von Katar, in denen vor allem Arbeiter und Handwerker in engen Behausungen leben ist mit einer Durchseuchung von 60 bis 83% bereits Herdenimmunität erreicht.

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Fassen wir zusammen

Von SARS-CoV-2 ist bisher das bekannt:  Leichtes Spiel hat dieses Virus vor allem dort, wo viele alte Menschen, wenig junge Menschen, viele chronisch kranke Menschen, viele Übergewichtige und viele sozial ausgegrenzte Menschen leben – und in dieser Liga spielen nun einmal die „hochentwickelten“ Länder (wenn dort auch noch  politische Vollidioten das Sagen haben, sind sie sogar Tabellenführer). Die anderen Länder dagegen scheinen – ganz anders als bei der Influenza, die in Entwicklungsländern gerade die Kinder oft schwer betrifft  – unter der Pandemie weniger zu leiden, je ärmer desto weniger. Welche Einflüsse könnten diese Dynamik erklären?

Warum die Pandemie in den armen Ländern milder verläuft

Faktor Altersstruktur

Auffällig ist der Blick auf die Altersstruktur – das klang bereits an. Das mediane Alter der Gesamtbevölkerung Afrikas liegt bei ungefähr 19 Jahren (nur dort, wo das Virus auch in Afrika schwerer wütet, wie in den urbanen Gebieten des Schwellenlandes Südafrika,  liegt das mediane Alter deutlich höher). In Indien liegt das mediane Alter bei 27 Jahren, in Brasilien bei 31 Jahren, in den USA bei 36 Jahren – in Italien und Deutschland dagegen bei 48 Jahren. Und je mehr alte Menschen es in einer Bevölkerung gibt, das zeigen die Mortalitätsstatistiken eindeutig, desto häufiger treten sehr schwere und tödliche COVID-19-Verläufe auf.

Sagte ich „häufiger“? Wenn wir die Zahlen betrachten, ist selbst das eine Untertreibung: Das Risiko einer über 80-jährigen Person an COVID-19 zu versterben ist etwa 650 mal höher als das der 20 bis 40-Jährigen. Allein dieser simple Faktor könnte erklären, warum die Vorhersagen für die armen Länder so falsch waren (dabei war gerade dieser Teil der COVID-19-Geschichte von Anfang an recht gut beschrieben).

Aber auch der hohe Anteil an Kindern unter 15 Jahren ist auffällig. Deshalb hier noch einmal die Daten für die Anteile der Bevölkerung unter 15 Jahren:

  • Afrika: 41%
  • Indien: 28%
  • Brasilien: 25%
  • Italien und Deutschland: 13%.

Was die Kinder mit dem Pandemieverlauf zu tun haben? Zum einen drücken sie, natürlich, die Sterblichkeitsstatistik. Je mehr Kinder es in einer Bevölkerung gibt, desto mehr milde oder gar asymptomatische Verläufe sind nun einmal zu verzeichnen (hier eine Modellrechnung zu dieser Aussage für Indien, und hier eine neuere Analyse der Sterblichkeit für Französisch-Guayana, das „jüngste“ der französischen Departements).

Junge Menschen als „Deichwärter“

Eine insgesamt junge Bevölkerung könnte aber auch einen weiteren günstigen Einfluss auf den Verlauf der Epidemie haben. Jugendliche und junge Erwachsene gehören nämlich (anders als die kleineren Kinder) zu den sozial mobilsten und kontaktfreudigsten Bürgern – sie erkranken deshalb eher früher und häufiger. Das wiederum könnte dazu beitragen, dass die Epidemie sich zunächst zwar rasch ausbreitet, dann aber auch wieder schnell an Tempo verliert, weil die für das super spreading verantwortlichen sozial mobilen Mitglieder der Bevölkerung bereits frühzeitig immun sind. Und zwar möglicherweise bevor die besonders vulnerablen älteren Bevölkerungsgruppen im vollen Ausmaß betroffen sind. Tatsächlich lässt sich eine solche Bevorzugung der mittleren Altersgruppen etwa in Nigeria deutlich zeigen.

Faktor Vorerkrankungen

Dass bei der glimpflichen pandemischen Lage der Entwicklungsländer auch die in den Entwicklungsländern völlig andere Krankheitslast eine Rolle spielen könnte, lässt sich schon an dem hohen Sterblichkeitsrisiko ablesen, das von Zivilisationskrankheiten wie Adipositas, Diabetes mellitus, Bluthochdruck und anderen Herz-Kreislauferkrankungen  ausgeht. Diese Krankheiten sind in den Entwicklungsländern relativ selten, dafür dominieren dort chronische Infektionskrankheiten. Und manche von diesen könnten sogar das Abwehrsystem gegen Viren wie SARS-CoV-2 stärken (von Wurmerkrankungen etwa ist bekannt, dass sie für mildere Masernverläufe sorgen können, ähnliche unspezifische antivirale Effekte werden bestimmten Infektionserkrankungen, aber auch Lebendimpfungen wie etwa gegen Polio oder Tuberkulose zugeschrieben). Auch die generell stärkere Auseinandersetzung mit den „gutartigen“ Mikroben des Alltags könnte nach der „Hygiene-Hypothese“ das Abwehrsystem insgesamt stärken.

Wie entscheidend Vorerkrankungen als Erklärungsfaktor für die geringe COVID-Sterblichkeit in armen Ländern sein könnten, zeigt eine Modellrechnung, in der die zu erwartende Sterblichkeit in Brasilien mit der für Nigeria verglichen wird. In dieser Studie zeigt sich übrigens exemplarisch, wie wenig Schwellenländer mit Entwicklungsländern vergleichbar sind. Tatsächlich sind gerade die Faktoren Adipositas und Diabetes mellitus, die den Verlauf einer COVID-19-Erkrankung stark beeinflussen, in den schwerer betroffenen lateinamerikanischen Schwellenländern wie etwa Brasilien und Mexiko überraschend weit verbreitet – und zwar vor allem im mittleren Lebensalter.

Ein weiteres Rätsel – das Beispiel der Türkei

Die Faktoren Altersstruktur und Vorerkrankungen könnten vielleicht sogar ein weiteres Rätsel dieser Pandemie erklären. Und zwar eines, das die Liga der entwickelten Welt selbst betrifft.

Blicken wir nämlich einmal auf die Türkei. Auch der wurden schlimme Zeiten prophezeit – zumal der dortige Lockdown recht chaotisch verlief, zumindest wurde in diesem Tenor in der Presse berichtet (ich persönlich kenne allerdings kaum ein Land, in dem der Lockdown nicht chaotisch verlief). Auch in der Türkei lief COVID-19 bisher nämlich überraschend  mild:  mit 75 Fällen pro Million Einwohner liegt das Land bei der Sterblichkeit an COVID-19 bisher um den Faktor 10 unter Italien oder Belgien.

Dabei dürften die oft beengteren Wohnverhältnisse in der Türkei die Verbreitung des Virus eher befördert als behindert haben (leider liegen verlässliche Raten zur Durchseuchung in der Türkei nicht vor). Vielleicht spielt also auch hier die Altersstruktur der Bevölkerung eine entscheidende Rolle? Während in Deutschland und Italien nämlich nur 13% der Bevölkerung unter 15 Jahre alt ist, sind es in der Türkei fast doppelt so viele. Und die Zahl der über 65 Jährigen liegt in Italien und Deutschland bei 21% – in der Türkei dagegen bei nur 8,5 %.

Andere Einflüsse?

Nun könnten auch andere Einflüsse für Unterschiede in der Sterblichkeit sorgen, wie etwa das Klima, die Luftfeuchtigkeit, die Luftverschmutzung, das Ausmaß des Kontaktes zwischen der jungen und der alten Generation, und vielem mehr (ich gehe darauf in meinem eBook „Alles über Corona“ ein). Allerdings dürften diese Faktoren eine allenfalls geringe Rolle spielen. So ist etwa in Brasilien gerade der tropische Süden am stärksten betroffen.

Dass aber vielleicht dennoch ein weiterer Faktor eine wichtige Rolle spielen könnte, zeigen Beobachtungen, die im Lauf der Pandemie gemacht wurden. Eine Rolle bei der ungleichen Verteilung der Sterblichkeit könnten nämlich auch die Kontaktmuster spielen, also die typische Art, in der Ansteckungen während dieser Pandemie passieren.

Könnten die Ansteckungsmuster eine Rolle spielen?

Die vorherrschenden Ansteckungsmuster könnten auch eine andere Frage beantworten, die ja durchaus im Raum steht: Warum genau haben Gesellschaften mit vielen Kindern eine so deutlich geringere Sterblichkeit? Liegt das allein daran, dass dieser Teil der Bevölkerung nicht alt und eher gesund ist? Oder könnten Kinder darüber hinaus noch einen bremsenden Einfluss auf den Pandemieverlauf haben?

Willkommen bei einer spannenden Frage (ich bin ihr zusammen mit Kollegen schon vor einiger Zeit in einer wissenschaftlichen Arbeit nachgegangen). Dass Kinder durchaus einen bremsenden Einfluss haben könnten, lässt sich nämlich mit Blick auf die bisher berichteten Daten zum Pandemieverlauf tatsächlich vermuten. Sie legen nahe, dass der Verlauf einer SARS-CoV-2 Infektion – also wie schwer bzw. leicht die Infektion verläuft – nicht nur von den Vorerkrankungen, dem Alter und dem Zustand des Immunsystems des „Angesteckten“ abhängt. Vielmehr dürfte dabei auch die Menge der übertragenen Virenlast eine wichtige Rolle spielen.

Von anderen viralen Erkrankungen ist tatsächlich bekannt, dass die Krankheiten umso schwerer verlaufen je höher die „Ansteckungsdosis“ ausfällt. Das wird inzwischen auch für SARS-CoV-2 vermutet. So lässt sich zum Beispiel an Vergleichen von Schweizer Rekrutengruppen zeigen, dass dort, wo Mundschutz getragen und die Hygieneregeln eingehalten werden, deutlich mildere Verläufe zu beobachten sind als in den Gruppen wo diese Regeln nicht eingehalten wurden. Auch lässt sich zeigen, dass die zuhause im Familienkontext entstehenden Ansteckungen milder verlaufen als die in der Öffentlichkeit erworbenen Ansteckungen. Das könnte damit zu tun haben, dass dort draußen in der freien Wildbahn die Viren eher von kranken, und oft auch hustenden Menschen weitergegeben werden – wobei gleichzeitig bekannt ist, dass hustende sowie selbst schwerer Erkrankte deutlich höhere Virenmengen ausstoßen als nur mild Erkrankte oder gar nur asymptomatisch Infizierte.

Was hat das mit den Kindern zu tun?

Das hat mit den Kinder zweierlei zu tun.

  • Erstens gehören Kinder sehr viel häufiger zu den mild Erkrankten und zu den asymptomatisch Infizierten. Für beide Zustände lässt sich zeigen, dass dabei eher niedrigere Virenlasten weitergegeben werden. (Und zwar unabhängig davon, ob infizierte Kinder nun insgesamt mehr, weniger oder gleich viele Viren auf ihren Schleimhäuten tragen wie infizierte Erwachsene. Dieser hierzulande geradezu obsessiv diskutierte Laborbefund spiegelt die Ansteckungsfähigkeit von Kindern im echten Leben leider überhaupt nicht gut wieder.)
  • Zweitens aber führen die Kinder wieder zu dem oben beschriebenen Phänomen zurück: Ansteckungen, die zwischen Familienmitgliedern im Haushalt passieren, verlaufen insgesamt milder als die „dort draußen“ aufgelesenen Infektionen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass dort, wo Menschen regelmäßig und intensiv miteinander Kontakt haben die Ansteckungen eher in einer frühen Phase der Infektion stattfinden, in einer Phase also, in der die übertragene Virenlast noch vergleichsweise gering ist. Und welche Altersgruppe zeichnet sich durch die engsten und regelmäßigsten Kontakt mit anderen Familienmitgliedern aus? Genau – die Kinder, und zwar vor allem die jüngeren Kinder. Diese leben nun einmal am ausgeprägtesten innerhalb definierter, enger Kontaktnetze, ob in der Familie oder in der Kindergruppe. Die Wahrscheinlichkeit, dass die von ihnen ausgehenden Übertragungen in einem frühen statt einem symptomatischen Stadium der Infektion passieren, dürfte also recht hoch sein.

Konkret heisst das: Eine größere Zahl an Kindern in der Bevölkerung könnte durchaus dafür sorgen, dass die Epidemie insgesamt klinisch milder verläuft.

Genau das also, was wir in den Entwicklungsländern und anderen Ländern mit hoher Kinderzahl gerade bestaunen.

Nichts Neues zur Pandemie, wirklich?

Fassen wir das Gesagte zusammen. Zuletzt wurde behauptet, in den vergangenen zwei Monaten sei „keine einzige wirklich neue Erkenntnis“ in Sachen Corona-Pandemie hinzugekommen. Das stimmt nicht. Die Datenlage zum Pandemieverlauf in Entwicklungsländern ist inzwischen robust. Sie weist darauf hin, dass die Pandemie in den „jungen“ Gesellschaften dieser Erde grundsätzlich anders verläuft als in den „alten“ Ländern. Sie läuft damit anders als von den meisten Experten anfänglich erwartet. Meines Erachtens stellt dies die wichtigste neuere Erkenntnis zu dieser Pandemie dar.

Sie sollte unbedingt breit diskutiert werden, denn tatsächlich stellt sich jetzt die Frage, ob die von der WHO entwickelten Antworten auf die SARS-CoV-2 Pandemie in ihrer Pauschalität überhaupt zulässig sind. Jedenfalls zeichnet sich derzeit ab, dass ein großer Teil der Weltbevölkerung derzeit mehr unter den Pandemieplänen leidet als unter der Pandemie selbst.

Wirklich, was für eine Tragik. Da zieht eine Krise um die Erde, die vor allem den reichen, alten Teil der Welt bedroht und es mit dem sonst von allen erdenklichen Heimsuchungen geplagten globalen Süden eigentlich gut meint. Und wer leidet nun am meisten unter der Pandemie? Wieder diejenigen, die von der Hand in den Mund leben. 2 Milliarden Menschen dieser Erde sind Tagelöhner, die Internationale Arbeitsagentur ILO rechnet damit, dass ihre Einnahmen wegen der Pandemie um 82% zurückgehen werden. Betroffen seien vor allem Frauen und junge Menschen. Und die WHO geht davon aus, dass wegen ausgebliebener Medikamentenversorgung in den nächsten 5 Jahren in den Entwicklungsländern 1,4 Millionen Menschen allein an Tuberkulose sterben werden. In weiten Teilen Afrikas ist die Bekämpfung der Anopheles-Mücke pandemiebedingt ausgesetzt worden, die Folge dürften steigende Fallzahlen an Malaria sein. Ähnliches gilt für die fast ausgerottete Poliomyelitis („Polio“) – sie wird sich in vielen armen Ländern wieder ausbreiten.

Die Pflicht zu lernen, und zwar rasch

Wenn die beschriebenen Zusammenhänge eines zeigen, dann das: Wie wenig wir auf diese Pandemie vorbereitet waren. Und wie lange die Entscheidungsträger gebraucht haben, um in ihren Empfehlungen und Stellungnahmen das zu berücksichtigen, was eigentlich schon nach den ersten, „chinesischen“ Wochen der Pandemie klar hätte sein können: Die Sterblichkeit an diesem Virus steigt erst ab 60 nennenswert an, sie wird ab 70 bis 75 dramatisch. Warum sollten Länder, in denen 60-Jährige als hochbetagt gelten, die gleichen Maßnahmen ergreifen als solche, die zu einem großen Teil aus alten Menschen bestehen?

Und das Gesagte unterstreicht etwas weiteres: Wie wichtig es ist, diese Pandemie stets genau zu beobachten und laufend die eingehenden Daten, Meldungen und Studienergebnisse zu analysieren. Und die so gewonnen Erkenntnisse zu nutzen, um  zu einem immer besseren Umgang mit dieser Pandemie zu kommen. Denn dass Fehler passieren ist normal. Wie dringend wir daraus zu lernen haben, zeigt dieser Blick auf den „globalen Süden“.

 

(Ergänzung, 23.9.2020)

Inzwischen liegt eine sehr sorgfältige Studie aus Brasilien vor, an der wir, glaube ich, in Bezug auf das in diesem Beitrag angeschnittene Thema sehr viel lernen können.

In Manaus, einer brasilianischen Stadt mit fast 2 Millionen Einwohnern im Amazonasmecken mit einer relativ jungen und eher armen, in engen Behausungen lebenden Bevölkerung, wurde die Herdenimmunitätsschwelle schon im Juni erreicht (wie jung die Bevölkerung dort ist, zeigt der Vergleich: nur 6% der Bevölkerung von Manaus sind über 60 Jahre alt – in Deutschland liegt dieser Anteil fast 5 mal so hoch). Die Forscher rechnen auf der Basis von Antikörperbestimmungen mit einer kumulativen Durchseuchungsrate von etwa 66%. Während im Mai 2020 in dieser Stadt bis zu 79 Menschen pro Tag verstarben, waren es im September etwa 30 mal weniger, nämlich nur noch 2 bis 3 Todesfälle. Die infektionsbezogene Sterblichkeit (infection fatality ratio, IFR) lag in Manaus bezogen auf die gesamte Pandemie bei 0,28% – das heisst, einer von etwa 350 Einwohnern, die sich das Virus zuzogen, verstarben daran. (Ein guter Bericht über die Pandemie in Manaus kam übrigens zuletzt auf technologyreview.com.)

In Sao Paulo dagegen, einer reicheren, modernen Stadt mit vergleichweise älterer Bevölkerung, verlief die Epidemie dagegen anders – obwohl in Manaus und in Sao Paulo ab März 2020 dieselben Lockdown-Maßnahmen ergriffen wurden. Sie verlief langsamer – aber auch schwerer. Nach Blutspenderdaten waren dort im Juni etwa 14% der Bevölkerung infiziert, was einer infektionsbezogenen Sterblichkeit von 0,72% entspräche.

Also noch einmal: Diese Pandemie läuft je nach sozialen Randbedingungen und Bevölkerungsaufbau völlig unterschiedlich. Wenn Virologen das Gegenteil behaupten, und an ihren Prognosen eines ähnlichen Verlaufs der Pandemie in den Entwicklungsländern und in den Industriestaaten festhalten, dann kann ich darüber – bei allem Respekt – nur noch den Kopf schütteln.

 

(Ergänzung, 28.9.2020)

Und nun ist etwas Wichtiges passiert. Endlich berichtet jetzt auch die große Presse mit einem kritischen Blick auf die Entwicklungsländer. Etwa zu Indien:

„Am 24. März verhängte die Regierung von Premierminister Narendra Modi den härtesten Lockdown der Welt: praktisch eine Ausgangssperre für mehr als eine Milliarde Menschen, praktisch sofort. Gesundheitsexperten lobten Indien dafür, genau wie die WHO. Kaum ein halbes Jahr später jedoch sieht es so aus, als wäre dem Land genau das – nämlich sein strenges Vorgehen und der harte Lockdown – zum Verhängnis geworden.“

Und was gibt es Neues zu Afrika? Namhafte afrikanische Intellektuelle haben einen Brief an ihre Regierungen geschrieben, in dem sie genau das fordern, was der Blick auf die spezifischen Verhältnisse Afrikas nahe legt: Dass sie eben nicht wieder der Pfeife der Industrienationen hinterherlaufen, sondern eine eigene Antwort auf die Corona-Epidemie finden. Lesens- und bedenkenswert.

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35 Kommentare

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  • Silke

    Vielen Dank für Ihre Recherchen! Ich hoffe, diese finden an entscheidender Stelle Gehör!

    • Cornelia B.

      Sehr geehrter Herr Renz- Polster
      GANZ herzlichen Dank für diesen guten uns ausführlichen Bericht.
      Die Beschreibung „Statistik- Pornos“
      ist so unglaublich köstlich!
      Vielen Dank für alle Zeit und Mühe die Sie in die Recherche stecken.
      Das wird sicher von den meisten von uns unterschätzt!!
      Viele Grüße und Zeit genug für Schönes!
      😉

  • Stefan Wieczorek

    Spitze. Vielen Dank aus Spanien!!!

  • Welli

    Herzlichen Dank.

    Ihre sachliche Art relativiert und gibt Orientierung auf diesem komplexen Feld, wo teilweise widersprüchlich berichtet wird.

    Ich persönlich kann die Lage nicht einschätzen, empfinde manche Maßnahmen aber als Affenzirkus und bin froh, dass wir momentan auf Ameland weitgehend davon verschont sind.

  • Friedo Pagel

    Ja, das konnte man auch in Brasilien beobachten.

    Erst bestand die Befürchtung, die indigenen Völker könnten aussterben, wenn SARS-CoV-2 sie erreicht:
    https://weltkirche.katholisch.de/Aktuelles/20200403_Bischof_von_Obidos_ueber_Corona-Angst_am_Amazonas
    https://www.zeit.de/2020/22/indigene-voelker-coronavirus-amazonas-regenwald-latainamerika

    Deshalb hat man sie in den Busch geschickt. Was nichts half, denn Brandroder, Holzfäller und Goldsucher schleppten das Virus trotzdem ein.

    Und dann kam die große Überraschung:
    https://www.adveniat.de/informieren/aktuelles/corona-indigene-verlieren-kulturelles-gedaechtnis/
    Die indigenen Völker, die das SARS-CoV-2 Virus getroffen hatte, waren nicht etwa dezimiert, aber sie hatten keine Ältesten und keine Medizinmänner mehr. In einer Kultur ohne Schriftsprache ein durchaus herber Verlust.

    Unsere Hilfe ist weiter gefragt, vielleicht sogar mehr denn je:
    https://www.vaticannews.va/de/kirche/news/2020-09/corona-pandemie-dbk-corona-sonntag-kollekte-hilfsprojekte.html

    • Herbert Renz-Polster

      Ganz herzlichen Dank für die Hinweise!
      HRP

    • Cris

      Ja das ist auch meine Beobachtung hier in Brasilien. Die Indigenen Völker haben durch die Einschleppung der Krankheiten seit 500 Jahren zu leiden, Corona ist eine mehr. Sie hatten bereits Erfahrungen mit solchen Epedemien und haben sich rechtzeitig im Kollektiv isoliert, was aber durch die von aussen Kommenden teilweise trotzdem eingeschleppt wurde. Ich glaube knapp 100 Völker von insgesamt 305 indigenen Völkern in Brasilien sind bisher infiziert worden.
      Manaus hat im Übrigen nicht die gleichen konsequenten Massnahmen ergriffen, wie Sao Paulo, sondern eher verzögert, deshalb hat sich der Virus in Manaus wesentlich schneller ausgebreitet. Die medizinische Versorgung in Manaus ist weitaus schlechter als in Sao Paulo, weshalb viele keine medizinische Hilfe in Anspruch nehmen konnten, die dann teilweise verstarben.
      Die Kinder hier in Brasilien haben seit März keine Schule, nur Online Unterricht oder Stunden über das Fernsehprogramm. Viele Kinder die ich hier kenne nehmen das aber eher gelassen und als etwas gemeinsam Erlebtes.

  • Ricarda

    Vielen Dank für die endlich wirklich wissenschaftliche Berichterstattung. Mir geht es ähnlich und stelle mir täglich die gleichen Fragen zu den (in der Presse veröffentlichten) Statistiken, die Äpfel mit Birnen vergleichen.

    • Thomas

      Presseüberschriften sind tatsächlich oft bescheuert. Man soll halt nicht nur Überschriften lesen. Und die meisten der Statistiken lassen sich leicht umschalten auf „pro-Mio-Einwohner“.Es ist leicht, sich vernünftig zu informieren. Übrigens hat auch die Aussagekraft von „pro-soundsoviel..“ ihre Grenzen: San Marino hat danach die höchste Sterblichkeit von 1237 Toten pro Million. Bei einer Einwohnerzahl von 34000.
      Vielen Dank, Herr Renz-Polster für Ihren informativen Rundbrief.

  • Cornelia

    Könnte es nicht auch sein, dass die unterschiedlichen Auswirkungen von Sars-CoV-2 damit zusammen hängen, welche Art von Viren sonst so in der Bevölkerung zirkulieren? Also könnten z. B. die herkömmlichen humanen Coronaviren in Entwicklungsländern weiter verbreitet sein als bei uns (und z. B. bei uns weiter als in Spanien) und für eine schnellere Immunantwort sorgen?

    • Herbert Renz-Polster

      Danke. Dass Einflüsse aus dem Immunsystem eine Rolle spielen wird angenommen, tatsächlich werden z.B. Lebendimpfungen (wie etwa BCG, Masern, orale Polio) unspezifische, schützende Immuneffekte zugeschrieben. Dass die Erkältungs-Coronaviren eine Rolle spielen ist eine Hypothese, aber sie ist unsicher. (Eine Zusammenfassung des Stands der Diskussion hier: https://www.nature.com/articles/s41577-020-0389-z)
      Für Kinder zumindest scheint die Hypothese nicht zuzutreffen: https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.08.14.20173393v1
      Und vor ein paar Tagen erschien eine Studie, nach der eine vorherige Auseinandersetzung mit herkömmlichen Coronaviren sogar ein Risikofktor für schwere Verläufe sein könnte – weil das Immunsystem dann dasselbe „Gleis“ benutzt wie gegen die bekannten Coronaviren, und damit aber SARS-CoV-2 nicht stark genug bekämpft:
      https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.09.15.20188896v1
      Also die Frage ist komplett offen. Die Behauptung, wir hätten schon einen weitreichenden Bevölkerungsschutz wegen der Kreuzimmunität zu den gängigen Coronaviren ist – leider – nicht mehr als Folklore.
      Vielleicht wissen wir in ein paar Monaten mehr!

  • Listior

    Ein ausgesprochen erhellender Beitrag – und ein Grund mehr, seine Kinder noch lieber zu haben 😏
    Danke dafür! Bedauerlich, dass keine wirkliche öffentliche Debatte stattfindet, in die diese Beobachtungen und Erkenntnisse fruchtbar einfließen könnten.

    • Cornelia B.

      Ja!!!!!!!!

  • Robert

    Überraschend sind die Zahlen nicht.

    Im Gegenteil, sie wurden von denjenigen, die seit Februar sagen, dass COVID lediglich für Menschen gefährlich ist, die ausschließlich aufgrund moderner Medizin & hohem Medikamenteneinsatz noch am Leben sind, exakt so erwartet. In Entwicklungsländern ist der Anteil von noch lebenden 85 Jährigen mit 5 Vorerkrankungen eben sehr gering.

    • Friedo Pagel

      Der Ton, in dem Sie diese durchaus richtige Beobachtung schreiben, gefällt mir aber nicht. Das klingt ein wenig so, als würden an Covid-19 nur Menschen sterben, die ohnehin nur noch durch Maschinen am Leben gehalten werden.
      So ist es aber nicht. Untersuchungen auf Basis Lebenserwartungseinschätzungen von Versicherungen haben gezeigt, dass die Corona-Toten ca. 9 Jahre Lebenserwartung eingebüßt haben.
      Was Dr. Renz-Polster hier konstatiert, ist eigentlich nur die Bestätigung früher chinesischer Studien:
      1. Alter und Geschlecht (z.B 13% der über 80-jährigen versterben nach einer SARS-CoV-2 Infektion — nur 13% !!!)
      2. Vorerkrankungen, i.B. Adipositas, Diabetes, COPD
      3. Soziale Lebensverhältnisse (was in den Industrienationen durch die andere Struktur bei 1 und 2 ein ungleich größeres Gewicht hat)
      4. Viruslast (evtl. Viruslast bei Erstkontakt).
      Zu letzterem hört man fast nichts mehr. Denn das würde wohl bedeuten, dass die hohe Zahl Corona-Toter im medizinischen Personal (Italien, UK, USA) vor allem durch anfangs fehlende Schutzausrüstungen zustande gekommen sein könnte. Was, ähnlich wie bei den beiden Todesfällen nach jenem Eröffnungsevent in dem Ostfriesischen Scheunen-Restaurant sogar Strafprozesse nach sich ziehen könnte.

    • Herbert Renz-Polster

      @Robert, ich persönlich bin froh, dank moderner Medizin und hohem Medikamenteinsatz am Leben zu sein. Dasselbe gilt für meinen 30-jährigen Cousin.

      Dass COVID-19 lediglich für sehr alte und mehrfach vorerkrankte Menschen gefährlich sei ist faktisch falsch:
      https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/2770542?alert=article
      „Young adults age 18 to 34 years hospitalized with COVID-19 experienced substantial rates of adverse outcomes: 21% required intensive care, 10% required mechanical ventilation, and 2.7% died. This in-hospital mortality rate is lower than that reported for older adults with COVID-19, but approximately double that of young adults with acute myocardial infarction.“

  • Katie

    Vielen Dank für diesen differenzierten Artikel. Aber bedeutet das, dass die Maßnahmen in Deutschland leider in den Ausmaß notwendig sind, eben weil unsere Bevölkerung verhältnismäßig alt ist? Ich finde es schrecklich, dass medial der Eindruck entsteht, die Kinder müssten nun für den Schutz der Risikogruppe herhalten, frage mich aber, wie man den öffentlichen Diskurs von dieser Richtung abbringen kann.

    • Robert

      Dazu hatte Prof. Julian Nida-Rümelin im März einen guten Vorschlag. Er nannte es „Cocooning“ für die Risikogruppen oder solche Personen, die sich zu der Gruppe zählen. Alles auf freiwilliger Basis aber mit Unterstützung der restlichen Bevölkerung und staatlicher Stellen.

      Leider kam es aber anders. Unsere gegenwärtige Politik erläßt halt lieber allgemeingültige Verbote als sich konstruktiv der Problemlösung zu widmen. Letzteres ist antrengender und lässt sich medial nicht so „erfolgreich“ ausschlachten.

      Ich meine Schweiz, Schweden und einige asiatische Länder machen es besser. Kindergarten-, Schulschließungen, etc. gab es nicht. Aber dort gab es zuvor bereits einen besseren Zusammenhalt in der Gesellschaft.

      • Herbert Renz-Polster

        Es ist schwer zu sagen, ob die genannten Beispiele für weit reichende Vorwürfe taugen. Es zeigt sich immer mehr, dass die Menschen in unterschiedlichen Ländern als Reaktion auf die Gefahren der Pandemie in etwa gleich reagiert haben, egal ob die Maßnahmen verordnet waren oder freiwillig waren. Einfach weil Menschen ja auch nicht doof sind.
        Eine gute Analyse dazu hier:
        https://ideas.repec.org/p/upd/utmpwp/027.html

        Ja, daraus können wir vielleicht lernen, und das umso eher, je weniger wir das alles in pauschale Vorwürfe verpacken. Es ist ein komplexes Thema, das für pauschale Unterstellungen wenig taugt.

      • Nina

        @Robert
        Doch wir hier in der Schweiz hatten genau so einen Lockdown mit Schulschliessungen und Schliessungen von Geschäften, Restaurants, Hotels, Coiffeure usw.. Wirtschaftlich gesehen absolut katastrophal.

        Ich hoffe stark, dass es nicht zu einem zweiten Lockdown kommt, viele würden das nicht überleben.

  • Peter Menke

    Wäre die Konsequenz aus dem gesagten denn jetzt nicht in Schulen und Kitas
    die Corona Maßnahmen zu streichen und die Teenie Diskos wieder zu öffnen?
    Das alles ggf. regional testweise oder schrittweise und unter sorgfältiger Beobachtung?
    Grüße
    Peter Menke

    • Friedo Pagel

      Um das wirklich einschätzen zu können, bräuchten wir wohl die Handy-Bewegungsdaten auf Altersgruppen bezogen. Alles nicht so einfach.

    • Herbert Renz-Polster

      @Peter Menke: Das Problem dabei ist, dass es hierzulande (anders als in Afrika) von 85 Millionen Menschen in Deutschland 21 Millionen gibt, die besonders gegenüber SARS-CoV-2 verletzlich sind. Sie leben zumeist mitten unter uns. Sobald der Infektionsdruck ansteigt, ist es kaum mehr möglich sie effektiv zu schützen.

  • JayLow

    Porno-Statistiken trifft es auf den Punkt. Der Großteil der Medien haben die Politik mit Horror-Nachrichten vor sich her getrieben. Oft leider immer noch. Danke für die Objektivierung !

    • Sarandi

      Welche Medien denn? In den ÖR oder sonstigen Qualitätsmedien habe ich zumeist nur seriöse Berichterstattung erlebt. Schauen Sie doch die Mediatheken oder Ausgaben der vergangenen Monate mal durch. Und es wurde seit Februar auch immer wieder berichtet, dass der Virus kein Killervirus ist, außer für vorerkrankte, insbesondere ältere Menschen. Eigentlich ist es ein darwinistischer Virus, der anscheinend Populationen verjüngt.

  • Patrick Riebe

    Welche Rolle spielt Vitamin D? Dort, wo in der Bevölkerung ein niedriger Spiegel herrscht, gab es die meisten Probleme.

  • Karen

    Was mich wirklich interessiert – wie weiss der Virus wie alt jemand ist? Also – warum ist biologischer Alter so wichtig? Ein 60-jahriger in Nigeria hat oft ähnlichen Gesundheitszustand wie ein 80-jahriger in der Schweiz. Soll dann das Median Alter den Toten in Entwicklungs/Schwellenländer nicht niedriger sein? Oder liegt es eher daran dass gar nicht so viele Leute Vorerkrankungen haben, weil diese Vorerkrankungen direkt oder in Zusammenspiel mit anderen übertragbaren Krankheiten für sie schon früh tödlich enden? Also – nicht der Alter wichtig ist, aber allgemeiner Gesundheitszustand der Bevölkerung.

    • Herbert Renz-Polster

      Vieles spricht dafür, dass die ART der Vorerkrankungen eine Rolle spielen. Solche, die das Endothel (Innenauskleidung der Blutgefäße) mit betreffen sind für COVID-19 deutliche Risikofaktoren (z.B. Bluthoochdruck, schweres Übergewicht, Diabetes), weil COVID-19 in schwereren Verläufen eine generell Blutgefäßerkrankung ist.

  • Verstehen-wollender

    Die Sterblichkeit je Mio. Einwohner ist auf jeden Fall besser als je Land.

    Nach diesem Artikel denke ich aber, dass zum Vergleich der Länder auch dieser Vergleich aufgrund der unterschiedlichen Alterstruktur irreführend ist.

    Um die pure Sterblichkeit der Länder zu vergleichen müsste man die Sterblichkeit nicht je Mio Einwohner, sondern je Altersgruppe durchführen und z.B. die Sterblichkeit je 100.000 Einwohner > 60 Jahre angeben.

    • Herbert Renz-Polster

      Das wäre ideal, zusätzlich wären diese Daten dann noch auf den Stand der Epidemie, also die altersgruppenbezogene Durchseuchung zu beziehen 😉

  • Katja

    Das ist wohl der interessanteste Artikel zum Thema, den ich seit Längerem gelesen habe. Wie immer: ganz herzlichen Dank für Ihr Tun, lieber Herr Dr. Renz-Polster. Alles Gute für Sie.

  • Daniel Moser

    Sehr geehrte Herr Dr. Polster

    ich habe ein interessantes Video eines Kinderarztes zum Thema Masken bei Säuglingen, Kleinkindern und Kindern gesehen. Vorrangig geht es um das wiedereinatmen der Ausatemluft(Menge) im Verhältnis des gesammtwn eingeatmen Vollumens mit aufgeserzer Maske ( und des darunter befindlichen Luftraumes) und der dadurch bedingten Adrenalinazsschüttung im Körper und dessen Folgen. Was halten oder sagen Sie zu dieser Themarik ihres Kollegen?

    https://m.youtube.com/watch?feature=youtu.be&v=_BvKfTLpG6g

    • Herbert Renz-Polster

      Danke. Das ist eine sehr interessante Frage, und es ist richtig und wichtig es anzusprechen und zu untersuchen. Ich werde dazu separat Stellung beziehen, das lässt sich nicht in einem kurzen Satz beantworten. Lg
      HRP

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