Kommentar26. Mai 2019

Wer hat denn Angst vor der AfD? Mein Kommentar zur Europawahl

Als Kommentar zur Europawahl will ich hier einen Auszug aus meinem neuen Buch "Erziehung prägt Gesinnung" veröffentlichen. Und zwar das Kapitel, in dem ich mich damit beschäftige, ob wir wirklich Grund haben, uns vor der rechtspopulistischen Welle zu fürchten. Ich habe es bewusst überschrieben mit dem Satz: Wir sollten unsere Fortschritte nicht unterschätzen.

„Wenn der Blick auf die Erziehungsmuster rund um die Erde eines gezeigt hat, dann das: Wir haben in Deutschland allen Grund, optimistisch zu sein. Den wichtigsten Grund haben wir kennengelernt: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben die Familien in Deutschland viel Rückenwind gehabt. Der damit verbundene fürsorglichere Umgang mit den Kindern macht den Neuen Rechten jetzt tatsächlich zu schaffen. Die AfD schildert ihr Problem selbst: Es fehlt der politische Nachwuchs. Es fehlen aber auch die Frauen. In den meisten Bundesländern stimmten nicht einmal sieben Prozent der Frauen für die AfD – damit wird man keine Gesellschaft umbauen können.

Man könnte es auch so sagen: Ja, wir haben in Deutschland ein Rechtspopulismusproblem – aber wir haben auch einen wunderbaren Schutz. Den effektivsten und einzig nachhaltigen, den es gibt: Kindheitsressourcen. Wir haben in den »guten Jahren« einfach zu viel menschliches Land gewonnen.

Der Großtrend unserer Zeit heißt Liberalismus – nicht Autoritarismus

Die Zahlen unterstreichen das: Zwischen 2002 und 2016 ist der Anteil der Menschen mit einem geschlossenen rechtsextremen Weltbild in Deutschland von 9,8 auf 5,2 Prozent abgefallen (»Mitte«-Studie der Universität Leipzig). In den westlichen Bundesländern fiel die Rate von 11,3 auf 4,8 Prozent, im Osten blieb der Anteil etwa gleich. Und dem Aufstieg der AfD zum Trotz ist in der Gesamtbevölkerung das Vertrauen in Justiz, Parlament und Regierung seit 2015 gewachsen. Selbst die Vermessung der populistischen Haltungen sollte unsere Sorge in Grenzen halten. Ja, der Rechtspopulismus-Sockel ist mit etwas über dreißig Prozent relativ hoch. Wird aber gleichzeitig die Wahlabneigung abgefragt (»welche Partei würden Sie auf keinen Fall wählen?«), so kommt die AfD auf siebzig Prozent – die anderen Parteien liegen stets zwischen zwanzig und dreißig Prozent. Konkret heißt das: Die überwiegende Mehrheit der Deutschen findet die AfD zum Haareraufen.

Wie viel Land beim Thema Integration gewonnen worden ist, zeigt sich sogar dort, wo die meisten Klagen zu hören sind. Natürlich liegt bei dieser Jahrhundertaufgabe viel im Argen. Aber wenn man den heutigen Stand mit dem vor dreißig Jahren vergleicht, sieht man auch die Fortschritte. Früher landeten Migrantenkinder regelmäßig in Sonderschulen, höhere Bildungsabschlüsse waren Raritäten – heute sind die Bildungschancen der Migranten besser, die sprachlichen Fortschritte rascher und die Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt ordentlich. Natürlich gibt es Konflikte, jede Bewegung hin zu einer offeneren, integrativeren Gesellschaft erzeugt nun einmal auch Schaum und Gegenbewegungen. Aber insgesamt schlägt sich der größte Teil der Gesellschaft wacker (das zeigt übrigens auch das Integrationsbarometer des Sachverständigenrats für Integration und Migration, nach dem die Mehrheit der Deutschen im Jahr 2018 davon ausgeht, »dass Flüchtlinge Deutschland kulturell und wirtschaftlich bereichern«).

Von dem Landgewinn profitieren bis heute sogar die Anhänger der AfD beziehungsweise deren Kinder – auch auf der rechten Seite der Gesellschaft geht man heute besser mit Kindern um als vor siebzig Jahren. Der damalige Wandel in der Erziehungspraxis war in Wirklichkeit nämlich ein breites, quer durch die Gesellschaft zu beobachtendes Phänomen. Anders als die rechte Folklore es will, ging die Änderung der Erziehungshaltung damals nämlich keineswegs von »den 68ern« aus. Meine Mutter, inzwischen in ihren 90er Jahren, erinnert sich bis heute daran, wie sie damals die Artikelserie zur »Neuen Erziehung« – so wurde der Trend zu einer liberaleren Erziehung damals genannt – aus den Stuttgarter Nachrichten ausgeschnitten hat. Und nein, das war auch damals kein Revolutionsblatt, und sie selbst war gewiss keine Hippie-Kommunardin.

Also doch kein Grund zur Angst vor dem Rechtspopulismus?

Von wegen. Wir haben allen Grund, Angst vor der rechtspopulistischen Welle zu haben. Auch da hilft uns der Blick auf die Kindheitsmuster.

Angst machen sollten uns besonders die Entwicklungen in Osteuropa. Dort verfestigt sich der Rechtsautoritarismus allein schon durch die Abwanderung der mobilen, eher weltoffenen jungen Menschen – alle zehn Länder in Europa, deren Bevölkerungen am schnellsten schrumpft, liegen in Osteuropa. Nicht ohne Grund ändern sich die Erziehungsmuster dort vergleichsweise langsam. Angst machen sollte uns der nun wieder ins Totalitäre abgleitende russische Rechtspopulismus. Angst haben sollten wir zurecht vor Erdogan und seinen autokratischen Machtfantasien, vor Chinas Staatsautoritarismus oder vor dem hinduistischen Fundamentalismus, auf den ich hier nicht weiter eingehe.

Ganz konkret, aktuell und unmittelbar sollten wir uns aber vor dem US-amerikanischen Autoritarismus fürchten. Er ist – ich habe es aufgezeigt – mit einer breiten, tief greifenden sozialen und emotionalen Verheerung behaftet und wird uns mehr beschäftigen, als viele das bis heute glauben.

Die AfD – Schnee von gestern?

Pessimisten unter meinen Lesern hat vielleicht bei der düsteren Darstellung der Kindheiten in den USA in Kapitel 2 ein ähnlich düsterer Gedanke beschlichen: Was sich da in den USA abspielt, ist im Grunde nichts anderes als das Horrorszenario, das uns bald auch hierzulande blüht.

Ich bleibe dabei, dass die Dinge hierzulande anders gelagert sind. Und das, obwohl die AfD heute als drittstärkste Partei im Deutschen Bundestag sitzt und in allen deutschen Landtagen vertreten ist.

Denn trotz aller Wahlerfolge der Rechten haben die rechtsautoritären Haltungen in der deutschen Gesellschaft insgesamt abgenommen, und zwar deutlich. Während heute in den USA 22 Prozent der erwachsenen Bürger einen politischen Führer bevorzugen würden, der ohne Parlament und ohne die Intervention von Gerichten regieren kann, sind es in Deutschland nur sechs Prozent. Noch im Jahr 1967 gab die Hälfte der Deutschen in einer Repräsentativumfrage an, dass der Nationalsozialismus im Grunde eine gute Idee gewesen sei. In den 1960er Jahren saß die NPD in sieben von zehn Landesparlamenten. Und während das Wirtschaftswunder seine sanften Flügel über die Gesellschaft ausbreitete, waren selbst in der Mitte der Gesellschaft autoritäre und selbst rassistische Haltungen noch immer gang und gäbe – man denke etwa an die damalige Behandlung der »Gastarbeiter« – ein Kapitel der deutschen Geschichte, das noch auf seine gesellschaftliche Aufarbeitung wartet. Die Aufklärungsbroschüre »Wozu brauchen wir Gastarbeiter?« aus dem Jahr 1971 hat folgendermaßen versucht, der typisch deutschen Bevölkerung das Mysterium der Menschen, die »nicht von hier« sind, zu erklären: »Unsere Wohnungen sind selbstverständlich sauber und aufgeräumt; wir legen Wert auf eine gewisse Gemütlichkeit. Dies aber ist den Südländern völlig fremd; warum? Weil eine Wohnung für ihn eine viel geringere Rolle spielt, weil er – das hängt natürlich auch mit dem Klima zusammen – viel lieber draußen ist, vor der Tür.«

Das ist harter Tobak. Fast schon überflüssig zu erwähnen, dass die Autoren solcher Zeilen wenig Sinn für die Tradition des Abendlands hatten: Das Abendland ist in Südeuropa entstanden und hat den Rest Europas zu dem gemacht, was es heute ist. Hier werden ausgerechnet diejenigen als unsauber und unordentlich diffamiert, die die Ordnung, etwa in Form der Mathematik, erfunden haben. Aber mir kommt es auf etwas anderes an: Über solche Aufklärungsbroschüren würden wir heute lachen, und das ist ein gutes Zeichen.

Noch im Jahr 1993 ließ der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl nach den rassistischen Brandanschlägen in Solingen – zwei Frauen und drei Mädchen kamen dabei ums Leben – seinen Pressesprecher mitteilen, er habe »weiß Gott andere wichtige Termine«, man wolle nicht in »Beileidstourismus ausbrechen«. Eine solche Reaktion wäre heute undenkbar. Man könnte es auch so sagen – der Autoritarismus war immer da, er ist nach dem Krieg einfach in die bürgerlich-konservativen Parteien eingesickert. Jetzt wird er – glücklicherweise verdünnt – wieder ausgeschwitzt.

Dasselbe gilt für Österreich – sind da jetzt plötzlich ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung dem Autoritarismus anheimgefallen? Nein, Österreich hatte schon immer ein breites Autoritarismusproblem. Nur lieferte die Welt vor zwanzig Jahren gerade nicht das superheiße Reizthema wie jetzt: die Unterbindung unerwünschten Fremdenverkehrs.

Und genau das ist mein Punkt. Das Problem des Rechtsautoritarismus mag uns jetzt auf einmal ins Auge fallen, neu ist es nicht. Und größer als in anderen europäischen Ländern ist es auch nicht, im Gegenteil. Wir sollten als Gesellschaft deshalb selbstbewusster sein und nicht jede Provokation und jedes Provokatiönchen von Rechts wochenlang diskutieren und zum Kern der politischen Debatte machen. Denn wir nehmen uns sonst selbst in Geiselhaft. War da nicht noch etwas anderes, das wir für unsere Zukunft zu klären hätten? Die soziale Frage vielleicht, die ökologische Frage vielleicht? Wir sollten jedenfalls vor lauter AfD-Meldungen nicht vergessen, die Erde bewohnbar zu halten.

Nein, der einzige Weg, um der AfD das Wasser abzugraben, besteht darin, dass wir das »menschliche Land« verteidigen, das wir gewonnen haben, das ist unsere eigentliche gesellschaftliche Herausforderung. Und dieses Land hilft uns auch bei unseren anderen Aufgaben.

Es kommt nicht allein auf die AfD an

Wo liegt dann der politische Schlüssel für die Zukunft? Er liegt gewiss nicht allein bei der AfD – und das zeigt sich schon daran, wie munter rechtspopulistische Positionen auch von anderen Parteien bedient werden. Wenn dieses Land jetzt nach rechts rückt, sorgt dafür gerade ja doch eher die rechte Mitte des politischen Spektrums. Denn während man über die markigen Worte der AfD doch eher schmunzelt haben die Aussagen der Konservativen auch in der Mitte der Gesellschaft Gewicht. »Die Migration ist die Mutter aller politischen Probleme« – wenn das ein deutscher Innenminister sagt, dann muss man wohl wirklich Angst bekommen vor den Flüchtlingen. Und vor einem Teil der deutschen Bürger vielleicht gleich mit, schließlich haben neunzehn Millionen Menschen in diesem Land einen Migrationshintergrund.

Tatsächlich ist die Antwort auf die AfD bisher ein einziges Dopingprogramm für die Rechtspopulisten. Die Konservativen und die Liberalen malen zwar munter die populistische Bedrohung an die Wand, geben gleichzeitig aber wie an Fäden gezogen die politische Mitte frei. Zuerst können sie sich zu keiner Regierung zusammenraufen. Und als sich dann doch eine Regierung des Volkes erbarmt, lässt sie sich ausgerechnet von ihrem am weitesten rechtsgeneigten Mitglied am Nasenring herumführen.

Und der Blick in die Zukunft? Statt sich sachlich um die anstehenden Probleme zu kümmern – durch eine effektive Wohnungsbaupolitik etwa ließe sich viel Konkretes zum Thema Heimat sagen – lässt man sich dann doch wieder in einen Wettlauf um die Rechtsaußenpositionen zwingen. Den aber kann man gegen die AfD ganz sicher nicht gewinnen. Ihr Zuspruch nährt sich aus der Ablehnung dessen, was eine freie und tolerante Gesellschaft ausmacht. Und das ändert sich nicht dadurch, dass man die Rentner besser absichert. Statt Politik für die überwältigende Mehrheit zu machen und sich der Zukunftsfragen anzunehmen, geht es um die immer gleiche Agenda der AfD: Flüchtlinge, Flüchtlinge und wieder Flüchtlinge. Nein, nicht um deren Integration, sondern um deren Abwehr. Einstweilen türmen sich die Zukunftsaufgaben: die Modernisierung des Bildungswesens, die Europafrage, die Rentenfrage, die wachsende Ungleichheit, bezahlbarer Wohnraum, die Integration der östlichen Bundesländer – nur um ein paar dicke Bretter zu nennen. Ob der soziale Friede in Deutschland langfristig gewahrt werden kann, entscheidet sich an diesen Fragen, mitten in der Gesellschaft. Stattdessen blickt man auf die Grenzen wie das Kaninchen auf die Schlange. Und eine Diskussion um die bessere Integration der Geflüchteten – auch diese für den sozialen Frieden entscheidend – ist schon deshalb kaum möglich, weil es ja um deren Abwehr geht.

Um zu veranschaulichen, wie groß die Verantwortung der Konservativen heute ist, muss ich am Schluss dieses »typisch deutschen« Kapitels nun doch noch in die USA schwenken. Dort werden inzwischen auf Schulhöfen Bemerkungen über andere Kinder gemacht, die vor wenigen Jahren absolutes Tabu gewesen wären – sexistische, frauenfeindliche, antisemitische, behindertenfeindliche Kommentare. Da ist mehr Hass, mehr Gewalt, mehr Unterdrückung anders Denkender, mehr vorsätzliche seelische Verletzung Schwächerer. Und diese Verrohung der Gesellschaft ist nicht nur eine Folge davon, dass ein durchgeknallter Rechtspopulist im Weißen Haus Hass und Unmenschlichkeit verbreitet. Sie ist die Folge davon, dass ihm dort niemand widerspricht. Das Klima der Verrohung hat sich ausgebreitet, weil die anständigen Konservativen ihre Seele verkauft haben. Ich weiß nicht, welchen Gott man anflehen muss, damit die Konservativen hierzulande das verstehen.“

 

[Dies ist ein Abdruck von Kapitel 13 aus meinem neu erschienenen Buch: Erziehung prägt Gesinnung. Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte – und wie wir ihn aufhalten können. Kösel 2019]

 

 

2 Kommentare

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  • Eva Weiland

    Lieber Herbert,
    ein guter Auszug aus Deinem Buch; Du sprichst mir aus der Seele…
    Wir werden unser menschliches Land weiter beschützen, ausbauen und mit unseren Ressourcen und vor allem denen unserer Kinder die anderen Gesellschaftsaufgaben anpacken.
    Eva

  • C Knöfel

    Ich stimme Ihnen weitestgehend zu. Doch warum hat das rechte Spektrum so viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit? Weil es so gewollt ist. Damit kann man schon mal die wichtigen Meldungen und Themen verschweigen bzw vermeiden. Freihandelsabkommen um Öffentlichen TV – Fehlanzeige und doch so weitreichend. Und ja- alle sozialen und ökologischen Fragen werden weiter verschoben. Ich sehe in dem ganzen Strategie u weniger Panikmache. Gruß