Gastbeitrag25. Oktober 2021

Gegen Einsamkeit und Angst hilft kein Nachhilfeunterricht – ein Gastbeitrag von Claus Koch

Ich poste heute diesen Beitrag von Dr. Claus Koch zu den Folgen von "Corona" auf Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, weil mir seine Grundaussage aus dem Herzen spricht: Wir müssen jetzt die Nöte der Kinder sehen und für sie offen werden. Jetzt einfach wieder die alte Schule zum Laufen bringen, wird nicht ausreichen. Beängstigte Kinder lernen nicht, Kinder ohne inneren Halt lernen nicht, Kinder ohne leuchtende Augen lernen nicht. Postpandemische Pädagogik heißt jetzt auch: Wie können wir den Kindern helfen, wieder beherzt zu werden?

Mirko hat Angst, Nils sieht die Welt wie durch eine Scheibe

Mirko hat Angst. Doch was kann man tun, wenn wie bei Mirko die Angst über die Pandemie hinaus bleibt und sich sogar verstärkt hat? Nida, bislang eine eifrige Schülerin, verstummt in der Schule. Eske fühlt sich einsam und verlassen, Ayla hat verlernt, mit anderen Kindern zu spielen. Esther will sterben, weil ihre Schulleistungen, auf die ihre bisher so stolz waren, für ein Einser-Abitur nicht mehr ausreichen. Nils, der gerade sein Studium begonnen hat, sieht die Welt plötzlich wie durch eine Scheibe und bekommt Panikattacken. Und Marie will nicht mehr in den Kindergarten gehen, aus Angst, ein anderes Kind angesteckt zu haben.

Alle diese Kinder und Jugendliche, mit denen wir vor dem Schreiben unseres Buches „Corona in der Seele. Was Kindern und Jugendlichen wirklich hilft“ gesprochen haben, denen wir in Kitas, in Schulen und in therapeutischen Situationen begegnet sind, leiden ganz unterschiedlich unter den Folgen von Corona. Wie unter einem Brennglas hat die Pandemie bei ihnen etwas sichtbar werden lassen, was bei vielen von ihnen in ihrer jeweiligen Vorgeschichte schon angelegt war und jetzt umso deutlicher seinen Ausdruck fand: das Gefühl, einsam, unverstanden und isoliert zu sein, von niemandem mehr beachtet zu werden, was zu Traurigkeit und Rückzug über die durch Corona bereits hervorgerufene Verarmung sozialer Kontakte hinausführte. Etwas, das zu oft massiven Zukunftsängsten führte bishin zu dem Gedanken, nicht mehr leben zu wollen. Die Pandemie hat bei Kindern und Jugendlichen vorhandene Konflikte verschärft und neue kamen hinzu.

Übereinstimmend gehen sämtliche vorliegende Studien aus, dass etwa ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen als Folge der Pandemie solche und ähnliche Auffälligkeiten aufwiesen und immer noch, bei manchen sogar verstärkt, zu beobachten sind. Nicht alle, aber viele Eltern und pädagogische Fachkräfte bemerken, dass sich Kinder und Jugendliche im Verlauf der der Pandemie verändert haben, sich auffällig anders verhielten als vorher. Dass sie sich zurückzogen, sozialen Kontakten aus dem Weg gingen. Dabei übertrugen die Erwachsenen häufig auch ihre eigenen Ängste und Sorgen auf ihre Kinder. Die vorliegenden Studien berichten in besonderem Maße von Angststörungen und Panikattacken, von Zwängen, von der Zunahme depressiver Verhaltensmuster bishin zu Suizidgedanken, von Essstörungen oder vielfältigen psychosomatische Symptomen. Kinderärzte sagen, dass sich psychische Auffälligkeiten in ihrer Praxis verdoppelt haben, Psychotherapeuten und Studierendenberatungsstellen sprechen von langen Warteschlangen.

Generation Corona?

Nicht alle Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene wurden in diesem Maße von Corona „krank“. Viele von ihnen kamen ganz gut durch die Pandemie oder haben sich, nachdem Kitas, Schulen oder Universitäten wieder geöffnet haben, rasch wieder erholt. Es ist deswegen nicht nur fahrlässig, sondern auch falsch, plakativ von „CoronaKids“ oder einer „verlorenen Generation“ zu sprechen. Ganz so, als würde den Kindern und Jugendlichen, die die Pandemie erlebt haben, im Gegensatz zu vorherigen Generationen etwas fehlen. Mit solchen Etikettierungen haftet man ihnen einen Makel an und bezeichnenderweise wird dieser „Mangel“ zumeist in Zusammenhang mit schulischer Leistung genannt, was die Sache nicht besser macht, im Gegenteil: Hauptsache, die Leistung stimmt und erreicht wieder schnell das vorher verlangte Level. Der Druck auf die Kinder und Jugendlichen nimmt auf diese Weise noch einmal zu, besonders auf diejenigen, die mit den Schulschließungen nicht so gut fertig wurden wie andere.

Natürlich haben nahezu alle Kinder und Jugendlichen in irgendeiner Form unter der Pandemie gelitten, sei es aufgrund von Kita- und Schulschließungen, durch den Verlust sozialer Kontakte. Hinzukamen bei vielen häusliche Konflikte, das plötzliche Zusammenleben unter einem Dach wurde für alle Beteiligten stressig, weil es ungewohnt war. Der Distanzunterricht musste mit den Arbeitsanforderungen im Homeoffice austariert werden. Fast Dreiviertel aller Mütter berichten in einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), sich überfordert und nicht gut gefühlt zu haben. Aber diese Situation war nicht für alle gleich. Es gab auch Kinder und Jugendliche, die von einem selbstbestimmten Lernen zu Hause profitiert und die neue Freiheit genossen haben! Kein 45-Minuten-Takt mehr, sich lernend etwas anzueignen, ausreichend Zeit, sich in einen Gegenstand zu vertiefen und ohne pädagogische Intervention ihn selbstständig weiterzudenken. Zeit, um aufs Klo zu gehen, schließlich brauchte man nicht mehr vorher „aufzeigen“. Andere wiederum haben zum ersten Mal ihre Väter und Mütter für längere Zeit bei sich zu Hause erlebt. Wenn also, wie die Studien eben auch zeigen, Zweidrittel ganz gut durch die Pandemie gekommen sind, kann man kaum von einer „verlorenen Generation“ sprechen oder allgemein von „Coronakindern“. Es vereinfacht ein Geschehen, das viel komplexer ist als mit einem Schlagwort benannt zu werden. Weshalb es jetzt auch darum geht, herauszufinden, weshalb und warum Kinder und Jugendliche erwiesenermaßen ganz unterschiedlich auf die Pandemie regiert haben.  Es geht darum, inwieweit die Pandemie die existenziellen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen nach Sicherheit und Geborgenheit, nach Vertrauen, nach sozialer Resonanz und Anerkennung so unterschiedlich betroffen hat.

Beziehungsarmut und die existenziellen Bedürfnisse von Kindern

Jedes Kind kommt als soziales Wesen auf die Welt. Von Beginn seines Lebens am sucht es den Kontakt zu seinen nächsten Angehörigen. Entscheidend dabei sind seine Resonanzerfahrungen, also die Erfahrung, auf seine anfänglichen Blicke, Gesten und später Worte von seiner Umgebung die Antwort eines Gegenübers zu erhalten. Denn nur so kann es überleben. Und diese Suche nach sozialen Kontakten, die alle Kindern auf der Welt gemeinsam teilen, prägt in hohem Maße ihre weitere Entwicklung und hört niemals auf – übrigens bis ins Jugend- und Erwachsenenalter. Diese Suche nach sozialer Resonanz, wie sie auch und besonders im kindlichen Spiel aufscheint, folgt ihren Bedürfnissen nach Sicherheit und Geborgenheit, nach Vertrauen in „den Anderen“, ihrem Bedürfnis, nicht „überhört“ und „übersehen“ zu werden. Wobei in den ersten Lebensjahren die Eltern als wichtigste Bezugspersonen eine bedeutende Rolle spielen, aber auch Erzieherinnen, Lehrerinnen. Aus der Erfahrung heraus, dass sie weitgehend, was nicht heißt, „immer“, beim anderen „ankommen“, dass sie beachtet und wahrgenommen werden, fühlen sich Kinder und Jugendliche sicher, geborgen und vor allem anerkannt: „So, wie ich bin, bin ich gut, darf ich sein“. Fühlen sich respektiert und gewürdigt. Auf diese Weise entwickeln sie ein gutes Gefühl für sich selbst und glauben fest daran, wirksam sein zu können: „Etwas, das ich mir vornehme, lässt sich auch erreichen.“ Es geht also um die feinfühlige Antwort auf derlei grundlegende Bedürfnisse, was nicht damit gleichzusetzen ist, dass jedes kindliche Bedürfnis sofort und umfangreich befriedigt wird.

Es liegt auf der Hand, dass genau diese Bedürfnisse, die alle auf Prozessen sozialen Austauschs beruhen, während der Pandemie besonders tangiert wurden. Es fehlte den Kindern und Jugendlichen, bedingt durch Kita- und Schulschließungen, durch Schließung von Universitäten, bedingt durch die Schließung von Sportvereinen oder von Clubs besonders an sozialer Resonanz! Kontaktarmut, soziale Isolation und tief empfundene Einsamkeit waren häufig die Folgen. Und bei manchen Kindern und Jugendlichen wiederholte sich auf diese Weise ein Geschehen, das sie schon aus ihrer Kindheit kannten. Keine Resonanz bei wichtigen Bezugspersonen zu finden, innerliche Leere, das Gefühl allein auf der Welt zu sein und in Stich gelassen zu werden, wenn ihre Signale, Zuwendung zu erfahren, zu oft übersehen und überhört wurden. Gegenüber Kindern mit einer guten sozialen Bindung zu ihren nächsten Bezugspersonen und ihrer nächsten Umgebung waren diese Kinder eher nicht in der Lage, um mit den Einschränkungen des sozialen Lebens während der Pandemie gut fertig zu werden. Für sie wiederholte sich einfach etwas, das sie schon kannten und es machte sie zusätzlich unglücklich, ängstlich oder sie versuchten der neu entstandenen Leere mit aggressivem Verhalten beizukommen oder als Jugendliche mit einem Mehr an Drogenkonsum oder bloß noch virtuellen Kontakten zur Außenwelt.

Auch junge Erwachsene in einer Lebensphase, in der sie sich langsam von ihren Eltern lösen müssen, stellte die Pandemie auf eine harte Probe. Nicht nur, dass für sie mit Beginn ihrer Ausbildung oder ihres Studiums die Leitplanken von Elternhaus und Schule wegfielen, jetzt mussten sie in ihrer neuen Lebenssituation oft ohne diesen Verlust kompensierende Begegnungen mit Gleichaltrigen fertigwerden. Die Suche nach einer neuen Identität wurde schwieriger, manche von ihnen flüchteten zurück in ihr Kinderzimmer, andere entwickelten Zukunftsängste, fühlten sich alleingelassen und unglücklich und wieder andere sahen in ihrem Leben keinen Sinn mehr. Die Folgen der Pandemie gerade für diese jungen Erwachsenen in ihrer positiven Aufbruchsstimmung, die diesen Lebensabschnitt eigentlich auszeichnet, sind bis heute zu wenig benannt und beachtet worden.

War für alle diese Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen also eine „sichere Bindung“ an ihre Eltern eine Garantie, mit den Folgen von Corona besser umgehen zu können? In dem meisten Fällen dürfte die Antwort Ja lauten, denn sie konnten auf innere Ressourcen zurückgreifen, die ihnen dabei halfen, mit der durch die Pandemie entstandenen Kontaktarmut besser umzugehen. Aber auch und gerade sie, die es gewohnt waren, dass ihre Bedürfnisse nach Resonanz von Kindheit an weitgehend berücksichtigt wurden, mussten lernen, mit einer Situation umzugehen, die in vielen Bereichen Kontakte mit anderen und Freundschaften nicht mehr in dem Maße zuließ, wie sie es gewohnt waren. Auch für sie ergab sich eine oft ungewohnte Leere, mit der nicht alle zurechtkamen und die ihnen Angst machte, weil sie derlei Erfahrungen nicht kannten.

Wie können Eltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen helfen?

Aus allem folgt, wie wir Kindern, Jugendlichen und den jungen Erwachsenen während und auch nach der Pandemie wirksam helfen können: In denen wir uns ihnen und ihren altersgemäßen Wünschen nach Sicherheit und Geborgenheit zuwenden, ihr Leiden und ihre Enttäuschungen verstehen und berücksichtigen, die das einengende Leben während der Pandemie mit sich brachte. Indem wir einfach „da sind“, wenn sie unsere Hilfe und Unterstützung brauchen, ohne ihnen unsere Vorstellung von einem gelingenden Leben aufzudrängen. Ihnen gestatten, sie selbst zu sein – mit ihren Ängsten, ihrer Traurigkeit, ihrer Wut und manchmal Hilflosigkeit. Sodass sie bei uns, egal ob Eltern, pädagogische Fachkräfte oder Therapeuten einen Halt finden, ohne ihnen Vorschriften zu machen. Dass wir in den Schulen nicht die Leistung, sondern das soziale Miteinander in den Vordergrund stellen und wir uns zunächst über die entstandenen Probleme und Nöte während der Pandemie gemeinsam austauschen. Das alles mindert Ängste und stärkt das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen, in eine Welt echten sozialen Austauschs zurückzufinden. Manche Pädagoginnen und Pädagogen sehen darin sogar eine Chance, an den Schulen und an überholten Unterrichtskonzepten Veränderungen in Angriff zu nehmen und sprechen in diesem Zusammenhang von einem „Virus der Erneuerung“.

 

Der Autor:

Dr. Claus Koch ist Diplom-Psychologe und hat zusammen mit Dr. Udo Baer vor sechs Jahren das „Pädagogische Institut Berlin“ (PIB) gegründet. Er ist Autor zahlreicher Bücher zu Problemen und psychischen Belastungen in der Kindheit und Jugend. Vor wenigen Wochen erschien von ihm zusammen mit Udo Baer das Buch „Corona in der Seele. Was Kindern und Jugendlichen wirklich hilft“ im Verlag Klett-Cotta.

 

2 Kommentare

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  • Katharina B.

    Danke für den treffenden Kommentar!
    …bleibt nur zu hoffen, dass die Kinder- und Jugendhilfe entsprechend weiter bzw. zusätzliche Finanzierung bekommt. Im Moment heißt es beim Kontakt zu Behörden noch (in Bezug auf Unterstützung für Kinder von Suchkranken): „Ja, ist bestimmt wichtig, aber wir sind nicht zuständig….haben Dringenderes….haben kein Geld…“. Das ist bitter! Wie sollen die Kinder so eine Verlässlichkeit erleben?