Kommentar13. Juli 2019

Elternschule – Vorsicht Hass

Nach der Ausstrahlung des Fernsehfilms „Elternschule“ sind in der Presse einige interessante Kommentare erschienen. Darunter ein kritischer Blick auf die Rolle der Filmemacher, eine neue Stellungnahme aus medizinethischer Sicht sowie – nun also doch – eine unabhängige Hintergrundrecherche zu den Gelsenkirchener Erfolgsgeschichten durch den medizinischen Recherche-Blog medwatch.

Natürlich waren auch wieder die bereits vom Kinofilm her bekannten Nacherzählungen zu lesen, etwa in der FAZ. Denjenigen, die in dem Film Gewalt gegen Kinder zu sehen glauben, bescheinigt man dort „eine brutalistische Weltsicht“. Evangelisch.de, das Portal der Evangelischen Kirche in Deutschland, fasst zusammen, „nach welchem strategischen Muster Kinder ihre Eltern in den chronischen Stress treiben“ und „wie erschreckend gut kleine Kinder ihre Erzeuger im Griff haben.“ Der Film sei deshalb „gerade für junge oder werdende Eltern empfehlenswert“.  Mehr als du glaubst – vielleicht nicht umsonst das Motto dieser Webseite.

Gnadenloser Journalismus

Ein Kommentar aber sticht heraus. Und zwar der Kommentar eines vom Deutschlandfunk beauftragten Journalisten. Er wütet und tobt – und zwar nicht gegen die Kritiker des Films (das wäre geläufig), sondern gegen die in dem Film zu sehenden Kinder. Die bezeichnet der Autor konsequent als „Heulsusen“.

Mehr noch: als „durchgeknallte Heulsusen“. Ich bin sprachlos, wie sich ein Journalist so entblößenn kann: Kranke Kinder, denen das Leid ins Gesicht geschrieben steht, sind nun „durchgeknallte Heulsusen“. Zarah, das Flüchtlingskind mit dem vorsichtigen Gang – eine „durchgeknallte Heulsuse“? Der endlos traurige Junge mit der Sonde in der Nase – eine „durchgeknallte Heulsuse“? Ein Kind, das eine Herzoperation und Monate auf Intensivstationen hinter sich hat? Wo so viel Negatives über Kinder berichtet wird, kann man sich anscheinend alles leisten.

Wirklich alles, denn die „Heulsusen“ sind erst der Anfang. „Entschuldigung“, fährt der Autor fort, „aber die Nahaufnahmen der wutverzerrten Kindergesichter in Zeitlupe sind Hingucker“. Die Gesichter von kranken Kindern als die besondere Attraktion eines Fernsehfilms?

Und dann kommen die Eltern dran: „Lasche Eltern“, lautet seine Diagnose. „Endlich mal“ zeigt diesen Versagern jemand, wie richtige Erziehung geht.

Durchgeknallte Heulsusen, Eltern, die zu „lasch“ sind um durchzugreifen – was ist da nur los? Das erklärt der Journalist dann selber:  Die „durchgeknallten Heulsusen“, die dort zu sehen sind, „erpressen ihre Eltern mit dicken Kullertränen.“ Die kleinen Kinder sind in Wirklichkeit nämlich ausgefuchste Strategen, die ihre Eltern weich kochen. Der Journalist übernimmt also kritiklos, was die Helden dieses Films über Kinder zu sagen wissen: Kinder, die ihre Eltern mit ihrem Egoismus über den Tisch ziehen. Denen es „scheißegal“ ist, wie es ihren Eltern geht. Ja, die nicht einmal gesund werden wollen, wenn man ihnen Zuwendung gibt – weil sie sonst ihre Macht über die Eltern verlieren.

Wutverzerrte Kindergesichter als Hingucker. Lasche Eltern. Durchgeknallte Heulsusen. Damit ist genau das eingetreten, was diejenigen befürchtet haben, die diesen Film als untauglich für die abendliche Ausstrahlung im Fernsehen erachten: Dass sich die Zuschauer von dem negativen Bild, das dort von Kindern gezeichnet wird, anstecken lassen. Und sich nun auf Kosten der Kinder stärken und mit Autorität versorgen. Mit einer aus einem irritierenden Film geliehenen Pseudo-Autorität.

Ich finde das zum Heulen und kann nur hoffen, dass solche Berichte nicht „Elternschule“ machen.

 

[Anmerkung: meine Kritik an dem Film selber ist diesem Beitrag zu entnehmen]

 

Der Autor: Dr. Herbert Renz-Polster, geb. 1960, beschäftigt sich als Kinderarzt und Wissenschaftler seit langem mit der kindlichen Entwicklung. Forschungstätigkeit im Bereich Kinderheilkunde, Prävention und Gesundheitsförderung zunächst in den USA, dann am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Bekannt durch mehrere Sachbücher, u.a. „Kinder verstehen - born to be wild!" und „Wie Kinder heute wachsen". Er hat 4 Kinder und lebt mit seiner Frau in der Nähe von Ravensburg.

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